Kind der Liebe
"Schwanger?"
Miss Parkers Stimme überschlug sich fast vor Fassungslosigkeit.
"Das ist unmöglich", stellte sie fest.
Ihr Arzt sah sie nachsichtig an.
"Ich kann verstehen, daß Sie überrascht sind, Miss Parker",
erwiderte er freundlich. "Aber die Testergebnisse sind eindeutig. Außerdem
sprechen auch die Symptome dafür, die Sie mir geschildert haben."
Es fiel Miss Parker sehr schwer, nicht die Beherrschung zu verlieren.
"Ich kann nicht schwanger sein", wiederholte sie mit Nachdruck.
"Sie sind es aber, glauben Sie mir."
"Ich kann nicht schwanger sein", erklärte Miss Parker noch einmal,
"weil ich in letzter Zeit keinen Sex hatte. Und wenn sich in der Biologie
nicht einige Dinge grundlegend verändert haben, sollte es unmöglich sein, daß
ich schwanger bin." Ihre Stimme hatte noch einiges an Schärfe gewonnen.
Der Gesichtsausdruck des Arztes veränderte sich auf subtile Weise.
"Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen - sind Sie sich ganz sicher?"
Sie starrte ihn. Diese Frage konnte er doch wohl unmöglich ernst meinen.
"Wenn ich Sex gehabt hätte, würde ich mich bestimmt daran erinnern",
antwortete sie langsam. Nachdem sie einen Augenblick lang darüber nachgedacht
hatte, keimte eine unglaubliche Idee in ihr. War es möglich, daß sie von Tommy
schwanger war? Die Vorstellung erfüllte sie einen kurzen, intensiven Moment
lang mit einer Mischung aus Freude und Angst.
"In der wievielten Woche bin ich?" brachte sie leise hervor. Der
Gedanke an Tommy ließ sie nicht mehr los, aber sie zwang sich dazu, ruhig zu
bleiben. Im Grunde war ihr klar, daß Tommy als Vater nicht in Frage kam. Schließlich
hatten sie alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Andererseits war er der letzte
Mann gewesen, mit dem sie geschlafen hatte.
Der Doktor warf einen Blick auf seine Unterlagen.
"In der sechsten", informierte er sie und sah erwartungsvoll auf.
Tiefes Entsetzen erfüllte Miss Parker. Tommy war seit mehr als zwei Monaten
tot; er konnte unmöglich der Vater ihres Kindes sein. Was zum Teufel war hier
bloß los? Ihre Gedanken rasten, suchten fieberhaft nach einer Lösung.
"Ist es vielleicht denkbar, daß die Testergebnisse vertauscht worden
sind?" erkundigte sie sich schwach. Dr. Meyers schüttelte bedauernd den
Kopf. Er schien ihre Verzweiflung mißzuverstehen. Seine Miene umwölkte sich.
"Miss Parker, ich denke wir sollten vielleicht eine andere Möglichkeit in
Betracht ziehen."
Der düstere Tonfall, in dem er sprach, ließ eine dunkle Ahnung in Miss Parker
entstehen.
"Haben Sie schon einmal von einer Droge namens Rohypnol gehört?"
Sie schloß kurz die Augen, öffnete sie aber gleich wieder.
"Ich bin nicht vergewaltigt worden", sagte sie sehr leise; nur ein
Hauch von Unsicherheit war in ihrer Stimme zu hören.
"Eine der Wirkungen von Rohypnol besteht darin, daß sich das Opfer
hinterher nicht mehr daran erinnern kann, daß..." Er brach ab, als er Miss
Parkers eisigen Blick bemerkte.
"Ich gehöre ganz bestimmt nicht zu den Frauen, die sich auf diese Weise übertölpeln
lassen", stellte sie kühl klar.
"Diese Kerle gehen äußerst geschickt vor", erwiderte der Arzt
heftiger als geplant. Ihre Haltung schien ihn zu ärgern. "Ganz egal wie
intelligent ihr Opfer ist, sie haben in den meisten Fällen keinerlei Probleme,
das zu bekommen, was sie wollen. Es ist keineswegs so, daß die Frauen selbst
daran schuld sind, weil sie sich dumm verhalten."
Miss Parker atmete tief durch. "Das ist mir klar. Worauf ich hinaus wollte,
ist folgendes: Ich kann auf mich selbst aufpassen. Außerdem wüßte ich auch
gar nicht, bei welcher Gelegenheit ich..."
Entsetzt brach sie ab. Gerade war ihr ein unglaublicher, schrecklicher Gedanke
gekommen. Das Centre. Natürlich, wieso hatte sie nicht gleich daran gedacht?
"Nur mal angenommen, ich wäre tatsächlich... vergewaltigt worden - dann hätten
Sie das doch sicher bei Ihrer Untersuchung festgestellt, nicht wahr?"
Ihr Arzt schüttelte den Kopf. "Nein, nicht nach sechs Wochen. Nur bei äußerst
schweren Verletzungen wäre nach einem solch langen Zeitraum noch etwas
festzustellen."
Sie nickte geistesabwesend. Mittlerweile hatte sie eine vage Vorstellung davon,
was passiert sein könnte. Sechs Wochen. Genau zu diesem Zeitpunkt war sie
angeschossen und danach im Centre behandelt worden. Miss Parker schloß die
Augen. Nie im Leben hätte sie zulassen sollen, daß man sie im Centre
behandelte. Wie hatte sie nur so unvorsichtig, so dumm sein können?
"Miss Parker?"
Dr. Meyers sah sie fragend an. Widerwillig öffnete sie die Augen wieder, um ihn
anzusehen. "Ja?"
"Ich kann sehen, wie sehr Sie diese Neuigkeit belastet, aber es gilt jetzt,
einige Entscheidungen zu treffen. Sie wissen sicher, worauf ich hinaus möchte."
"Das ist mir klar." Sie erwiderte seinen Blick mit einer Ruhe, die sie
gar nicht empfand. "Aber ich möchte über alles nachdenken, bevor ich
irgendwelche Entscheidungen treffen kann. Sie verstehen das sicher."
Mit einer eiligen Bewegung erhob sie sich. Sie wollte jetzt bloß noch nach draußen,
bevor sie die Kontrolle verlor. Nur der Himmel mochte wissen, was dann geschah.
"Sicher, Miss Parker. Wieso lassen Sie sich nicht für die nächste Woche
einen weiteren Termin geben?"
"Ich werde sehen, ob ich Zeit dafür finde", erwiderte sie kühl und
bemerkte nur am Rande, wie sie in ihre gewohnte Rolle zurückfiel.
Dr. Meyers öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen, überlegte es sich aber
anders, als er ihren abweisenden Gesichtsausdruck bemerkte. Er begnügte sich
mit einem Nicken. Miss Parker verließ sein Büro, machte sich auf den Weg nach
Hause.
***
Es war schon lange dunkel, aber das war ihr egal. Sie saß im dunklen
Wohnzimmer, starrte aus dem Fenster, wo sich ihr seit vielen Stunden derselbe
Anblick bot. Allerdings sah sie nicht wirklich, was draußen vor sich ging. Dafür
war der Aufruhr in ihrem Inneren viel zu stark.
In Gedanken war sie bereits Dutzende von Möglichkeiten durchgegangen, aber
keine davon hatte sich bis jetzt zu einer Gewißheit verdichtet. Noch einmal
ging sie die Fakten durch. Sie war in der sechsten Woche schwanger; dadurch war
ausgeschlossen, daß Tommy der Vater war. Exakt zum Zeitpunkt der... Zeugung
hatte sie sich im Centre befunden, und das für mehrere Tage. Es war also
beinahe sicher, daß das Centre in die Angelegenheit verwickelt war. Trotzdem
waren noch viele Fragen offen, und so sehr ihr das auch mißfiel, Miss Parker mußte
sich der Tatsache stellen, daß sie ohne Hilfe nicht an die benötigten
Informationen kommen konnte.
Hilfe. Das bedeutete, daß sie Broots und Sydney einweihen mußte. Sie seufzte
schwer. Bisher hatte sie sich noch nicht einmal mit den wichtigsten Fragen beschäftigt.
Sollte sie das Kind bekommen? Wollte sie das überhaupt? Verärgert kniff sie
die Augen zu, als sie spürte, wie Tränen in ihr aufstiegen. Alles wäre viel
einfacher, wenn Tommy noch da wäre. Wenn sie glauben könnte, daß es sein Kind
wäre...
Beinahe automatisch unterdrückte sie die aufkeimende Verzweiflung. In all den
Jahren war ihr das praktisch zur zweiten Natur geworden; oft genug hatte sie
sich gewünscht, das wäre anders, aber im Moment war sie froh darüber. Auf
diese Weise konnte sie den Schmerz wenigstens noch für eine Weile von sich
fernhalten.
Sie zog ihre Knie eng an ihren Körper, schlang ihre Arme um sich selbst. Jetzt
galt es nur noch, eine Entscheidung zu treffen. Wollte sie die Wahrheit
herausfinden, oder konnte sie damit leben, sich selbst und alle anderen zu belügen?
***
"Sie wollen, daß ich *was* tue? Es ist fünf Uhr morgens, Miss
Parker", brachte Sydney schläfrig hervor.
"Ich weiß, wie spät es ist, Sydney", antwortete sie leise. Sie war
erstaunt, daß ihre Stimme sehr viel müder klang, als sie sich fühlte.
"Aber es ist ein Notfall. Ich wäre wirklich... froh, wenn Sie herkommen könnten."
"Na schön", gab er nach, und sie konnte deutlich die Überraschung in
seiner Stimme hören. Bisher war es noch nicht oft vorgekommen, daß sie ihn um
Hilfe gebeten hatte, und noch seltener gab sie freiwillig über ihre Gefühle
Auskunft.
"Dann bis gleich", sagte sie, teils erleichtert, teils besorgt. Es
bereitete ihr Unbehagen über das nachzudenken, was sie vorhatte. Sie legte auf,
gab ihm keine Gelegenheit, noch etwas zu sagen. Für einen Augenblick zuckte es
in ihren Mundwinkeln. Wie sie Syd kannte, würde er noch vor Broots hier
eintreffen, obwohl sie den Techniker eine Viertelstunde früher angerufen und er
einen kürzeren Weg zurückzulegen hatte.
Miss Parkers Vermutung bestätigte sich etwa zehn Minuten später, als zuerst
Sydney eintraf, und kurz darauf Broots verschlafen vor ihrer Haustür stand.
"Dann sind wir ja vollzählig", bemerkte sie, als sie die beiden in
ihr Wohnzimmer führte.
"Was ist denn nun so wichtig, daß wir unbedingt um diese Zeit zu Ihnen
kommen sollten?" erkundigte sich Sydney, während er sie besorgt musterte.
"Gestern habe ich etwas erfahren, von dem ich möchte, daß Sie es wissen.
Ich habe die ganze Nacht überlegt, und heute morgen habe ich dann eine
Entscheidung gefällt. Jetzt brauche ich Ihre Hilfe", begann Miss Parker
und verzog leicht das Gesicht, als sie sich vorzustellen versuchte, wie die
beiden Männer auf die Neuigkeiten reagieren mochten. Sie beschloß, die Sache
so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.
"Ich bin schwanger", erklärte sie ohne weitere Verzögerungen. Broots
Kinnlade sackte nach unten, während Sydney sich aus dem Sessel erhob, in dem er
vor wenigen Sekunden Platz genommen hatte. Er öffnete den Mund, aber Miss
Parker gab ihm keine Chance, etwas zu sagen. Mit einer Bewegung ihrer rechten
Hand erstickte sie jeden Kommentar im Keim.
"Sie sind nicht die einzigen, die das überrascht. Mir ist es gestern nicht
anders ergangen. Ich habe allen Grund anzunehmen, daß das Centre etwas mit
meinem Zustand zu tun hat." Ein Teil ihres Ärgers schwang in ihrer Stimme
mit.
"Wollen...", Sydney räusperte sich und begann noch einmal,
"Wollen Sie damit sagen, daß Sie nicht wissen, wer der Vater ist?"
Sie schnaubte. "Ich will damit sagen, daß ich nicht einmal weiß, wann
oder wie, geschweige denn mit wem dieses Kind gezeugt worden ist."
Broots starrte sie noch immer mit offenem Mund an, unfähig, seine Gedanken in
Worte zu fassen. Aber das war auch gar nicht nötig. Miss Parker konnte an
seinem Gesichtsausdruck ablesen, was ihm gerade durch den Kopf ging.
"Machen Sie den Mund wieder zu, Broots", wies sie ihn in einem
halbherzigen Versuch an, Zuflucht in ihrem üblichen Verhalten ihm gegenüber zu
finden.
"Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht ganz folgen, Miss Parker", sagte
Sydney langsam, offenbar bemüht um einen ruhigen Tonfall. Sie sah ihn an, gab
ihm durch ihren Blick zu verstehen, daß sie selbst auch nicht viel mehr wußte
als er. Plötzlich war sie froh, daß er hier war, daß sie in seinem Blick
Verständnis und die stumme Zusage erkannte, sie bei allen ihren Entscheidungen
zu unterstützen. Sie ließ langsam ihren Atem entweichen.
"Ich weiß nicht, was geschehen ist oder warum, aber mit Ihrer Hilfe möchte
ich es herausfinden."
Sydney sah sie lange an, bevor er nickte. "Werden Sie dieses Kind
bekommen?" erkundigte er sich sanft.
"Ich bin noch nicht ganz sicher, aber... ich denke schon", antwortete
sie nach einer kleinen Ewigkeit. Es fiel ihr nicht leicht, ihre Zweifel in Worte
zu fassen, aber sie beschloß, unter vier Augen mit Sydney zu reden, bevor sie
eine endgültige Entscheidung traf.
"Was haben Sie jetzt vor?"
Es war Broots, der ihr diese Frage stellte. Erstaunt über seinen ungewohnten
Tonfall, sah sie ihn an. Auch er schien entschlossen zu sein, sie zu unterstützen,
und für einen Moment sah sie ihn nur ungläubig an. Es war ein merkwürdiges
Gefühl, ausgerechnet dort Freunde zu finden, wo sie allenfalls Kollegen
erwartet hatte.
"Herausfinden, was passiert ist", erwiderte sie entschlossen. Sie ging
zur Couch und ließ sich auf der Lehne nieder. "Bisher vermute ich, daß es
in etwas so abgelaufen sein könnte: Nachdem ich angeschossen wurde, hat irgend
jemand im Centre die gute Gelegenheit genutzt, um mit mir...
herumzuexperimentieren." Miss Parker konnte nicht verhindern, daß sich ein
wütender Unterton in ihre Stimme schlich, doch für den Augenblick spielte das
nur eine untergeordnete Rolle. "Vermutlich handelt es sich um eine künstliche
Befruchtung. Ich möchte vor allem zwei Dinge herausfinden: wer der Vater meines
Kindes ist, und ob mein Vater etwas davon wußte."
Broots Augen weiteten sich überrascht, aber er überließ es Sydney, Einwände
zu formulieren. Der ältere Mann schüttelte den Kopf.
"Ich kann nicht glauben, daß..."
"Glauben Sie, was Sie wollen, Syd. Hier geht es einzig und allein um
Fakten. Ich habe mich viel zu lange damit aufgehalten, unbedingt an einige Dinge
glauben zu wollen. Jetzt ist es Zeit, die Wahrheit zu sehen."
Noch einmal maß Sydney sie mit einem langen Blick, und wie schon zuvor hatte
Miss Parker das Gefühl, einer Prüfung unterzogen zu werden.
"Ich werde Ihnen in jeder Weise helfen, die mir möglich ist",
versprach er dann, und nach einem Seitenblick auf Broots nickte der Techniker
ernsthaft.
"Dann möchte ich, daß Sie sich um die Identität des Vaters kümmern,
Sydney. Sie können DNA-Proben von mir und dem Kind bekommen. Was den Vater
angeht... Ich kann nur vermuten, daß Raines eine Art Samenbank von allen
Pretendern angelegt hat, um genug genetisches Material zu haben. Da bin ich ihm
natürlich gerade recht gekommen. Ihm stand kein weiblicher Pretender zur Verfügung,
und da ich das Gen besitze..." Eine Mischung aus Ekel, Abscheu und Haß ließ
ihre Stimme vibrieren. Ein Blick in die schockierten Mienen ihrer beiden Gäste
verriet ihr, daß sie ganz ähnlich empfanden.
"Mein Gott, Miss Parker", hauchte Broots entsetzt.
"Noch bin ich nicht sicher, ob meine Vermutungen zutreffend sind, aber
wenn, dann hat diese wandelnde Leiche die längste Zeit dieselbe Luft wie ich
geatmet." Miss Parker holte tief Luft, um sich wieder zu beruhigen.
Seltsam, als sie in der Nacht darüber nachgedacht hatte, hatte sie sich nicht
so sehr darüber aufgeregt. Es war, als wäre es dadurch, daß sie es
ausgesprochen hatte, erst wirklich geworden.
"Damit komme ich zu Ihrer Aufgabe, Broots. Versuchen Sie herauszufinden, ob
mein Vater davon gewußt hat, ob das Ganze mit seiner Zustimmung geschehen ist.
Finden Sie Beweise, ganz gleich, was sie aussagen. Wenn er mir derart in den Rücken
gefallen ist, will ich es wissen. Und wenn das Gegenteil der Fall sein sollte -
schön und gut."
Ihr fiel auf, daß Broots nicht wie sonst gegen seinen Auftrag protestierte. Natürlich
war ihm klar, wieviel ihr die ganze Sache bedeutete.
"Ich habe noch eine Bitte an Sie, Sydney", fuhr Miss Parker fort,
bestrebt, das Treffen so bald wie möglich zu beenden. Sie empfand es gleichermaßen
als befreiend und belastend, so offen zu den beiden Männern zu sein, mit denen
sie nun schon so lange zusammenarbeitete. "Beaufsichtigen Sie die Tests.
Stellen Sie sicher, daß keine Manipulation möglich ist. Am besten wenden Sie
sich an ein Labor Ihres Vertrauens, das nicht vom Centre kontrolliert wird.
Sofern es so etwas gibt."
Sie lächelte schwach über ihre letzte Bemerkung, obwohl ihr nicht danach
zumute war. Miss Parker hatte Angst, eine unbestimmte Angst davor, was ihre
Nachforschungen ans Licht bringen würden.
***
Vier Tage später fand sie eine Nachricht von Sydney auf ihrem Schreibtisch. Sie
las den Zettel, zündete ihn dann an und sah dabei zu, wie er in ihrem
Papierkorb langsam zu Asche verbrannte. Kurz darauf verließ sie ihr Büro,
machte sich auf den Weg zu ihrem Wagen.
Tief in Gedanken versunken fuhr sie zu Sydneys Wohnung. Er hatte bereits
herausgefunden, wer der Vater ihres Kindes war, und sie war sich nicht im
mindesten sicher, ob sie es überhaupt wissen wollte. Im Endeffekt spielte es
kaum eine Rolle. Wichtig war nur, daß sie die Mutter dieses Kindes war.
Trotzdem gelang es ihr nicht, das ungute Gefühl zu verscheuchen, das sie erfaßt
hatte, als sie Syds Nachricht gelesen hatte.
Sie erreichte seine Wohnung schneller als erwartet und seufzte leise. Das war
es, was sie gewollt hatte - die Wahrheit. Und die würde sie jetzt zu hören
bekommen, ob es ihr gefiel oder nicht.
Ungeduldig wartete sie vor der Tür, nachdem sie ausgestiegen war und geklingelt
hatte. Es dauerte fast eine Minute, bis Sydney endlich öffnete. Miss Parker sah
ihn überrascht an.
"Gott, Sydney, Sie sehen furchtbar aus", sagte sie anstelle einer Begrüßung.
Sie musterte ihn etwas näher. "Haben Sie getrunken?"
"Nur einen Whiskey", erwiderte er und bedeutete ihr mit einer Geste,
hereinzukommen. Sie ging an ihm vorbei und blieb erst im Wohnzimmer stehen. Auf
dem Tisch stand eine Flasche, die noch fast voll war. Also hatte er vermutlich
die Wahrheit gesagt - es sein denn, daß das nicht seine erste Flasche war. Miss
Parker kniff die Augen zusammen. Das gefiel ihr ganz und gar nicht. Soweit sie
sich erinnern konnte, hatte Sydney nie Trost im Alkohol gesucht.
"Ich würde Ihnen ja auch einen anbieten, aber in Ihrem Zustand erübrigt
sich das ja", stellte er trocken fest. Ihr mißfiel der dunkle Schatten,
den sie in seinen Augen sah. "Aber vielleicht sollten Sie sich
hinsetzen", fuhr er fort und deutete auf einen Sessel. Sie ließ sich
hineinsinken.
"So schlimm?" fragte sie nur halb im Scherz.
Schlimmer, teilte ihr ein Blick in sein Gesicht mit. Er setzte sich ihr gegenüber
und sah sie lange Zeit nur an, ohne etwas zu sagen.
"Ich habe lange überlegt, ob ich Sie anlügen soll", begann er schließlich.
"Aber das wäre wohl sinnlos. Früher oder später würden Sie es ja doch
herausfinden."
"Verdammt noch mal, Syd, sagen Sie mir endlich, was los ist!" fuhr sie
auf, gereizt durch die Ungewißheit und die merkwürdige Stimmung, in der er
sich befand.
Sydney hob den Kopf. Sein Blick bohrte sich in ihren, und er lächelte humorlos.
"Wissen Sie, Sie hatten recht, Miss Parker. Raines hat tatsächlich
genetisches Material gesammelt. Er wollte - will - einen noch besseren Pretender
züchten. Dazu hat er sich die beiden Menschen ausgesucht, in denen das Gen
besonders stark ausgeprägt ist."
Miss Parker sog entsetzt die plötzlich viel zu stickige Luft ein. Ihr war schon
klar, was Sydney als nächstes sagen würde, wen er als Vater ihres Kindes
nennen würde.
"Jarod", flüsterte sie, und es klang beinahe panisch. Es war nicht
so, daß sie es nicht geahnt hätte, aber bisher hatte sie diesen Gedanken
rigoros aus ihrem Bewußtsein verdrängt. "Mein Gott..."
Sydney beugte sich näher zu ihr.
"Sie wollen dieses Kind doch noch immer bekommen, oder?" Sein Tonfall
klang drängend, und sie fragte sich unwillkürlich, ob um Jarods oder ihres
Kindes willen.
Die Panik, die sie empfand, verstärkte sich mit jedem weiteren Atemzug, mit
jeder weiteren Sekunde, in der sie darüber nachdachte. Wie konnte sie dieses
Kind zur Welt bringen, wenn das Centre alles tun würde, um es ihr wegzunehmen?
Und Jarod - er würde niemals zulassen, daß sie sein Kind aufzog. Wie konnte
sie ein Kind zur Welt bringen, wenn die Alternative entweder darin bestand, daß
es sein Leben lang vom Centre ausgenutzt wurde oder aber immer auf der Flucht
sein würde? Wie sie auch entschied - sie verlor dadurch ihr Kind.
In dieser Sekunde wurde ihr klar, daß sie es nicht hergeben wollte. Eine
Abtreibung kam ohnehin nicht in Frage; das war nie der Fall gewesen. Aber war
sie stark genug, ihr Kind zu beschützen, es bei sich zu behalten?
"Es ist mein Kind", flüsterte sie, eine Hand schützend über ihren
Bauch gelegt. "Ich lasse nicht zu, daß es mir jemand wegnimmt."
"Sie müssen es Jarod sagen", drängte Sydney.
"Nein!"
Miss Parker stand mit einer heftigen Bewegung auf. "Niemals."
"Aber er ist der Vater!"
"Er weiß es doch nicht einmal", fuhr Miss Parker auf. "Dieses
Kind ist nicht durch Liebe gezeugt worden. Verdammt noch mal, es ist nicht
einmal durch Sex gezeugt worden. Was glauben Sie, was Jarod tut, wenn er davon
erfährt? Er würde mir das Kind doch niemals lassen."
"Aber Sie müssen es ihm sagen", insistierte Sydney. "Es ist auch
sein Kind."
Sie schüttelte den Kopf.
"Ich würde Ihnen vielleicht zustimmen, wenn ich mit Jarod geschlafen hätte.
Aber so... Er weiß ja nicht einmal, daß die Möglichkeit besteht, daß ich von
ihm schwanger bin. Nein, Sydney, er wird nichts davon erfahren. Das ist allein
meine Entscheidung, und Sie müssen das respektieren."
Sydney sah sie gequält an.
"Es ist meine Entscheidung", wiederholte sie. "Was Jarod angeht,
ist das hier Tommys Kind. Und das gilt auch für den Rest der Welt. Tommy starb
zwei Wochen vor der Zeugung meines Kindes. Wenn es nicht allzu spät geboren
wird, sollte das eine glaubhafte Lüge sein. Lassen Sie nicht dieses Kind für
etwas leiden, worauf weder es noch ich einen Einfluß hatten."
Er sah sie lange an, und in seinem Gesicht rangen Mitgefühl und Zweifel um die
Vorherrschaft. Schließlich nickte er, zögernd, beinahe widerwillig.
"Schwören Sie es beim Leben Ihres Sohnes. Jarod wird von Ihnen nie
erfahren, daß er der Vater meines Kindes ist."
Wieder zögerte Sydney.
"Ich schwöre es", sagte er endlich, sehr leise, aber sie wußte, daß
sie seinem Wort trauen konnte. Erleichtert ließ sie ihren Atem entweichen.
"Ich werde dieses Kind beschützen", erklärte Miss Parker fest.
"Ich mag keine perfekte Mutter sein, aber ich werde ihm die beste Mutter
sein, die ich sein kann. Das Centre wird mein Kind nur über meine Leiche
bekommen."
Jarods Mentor sah sie entsetzt an.
"Sagen Sie das nicht, Miss Parker. An einem Ort wie dem Centre werden
solche Aussagen sehr ernst genommen."
"Dessen bin ich mir bewußt", antwortete sie düster.
"Todernst."
***
Zwei weitere Tage später starrte sie auf die Akte, die die Ergebnisse von
Broots' Nachforschungen enthielt. Innerlich kochte sie vor Wut, während sie überlegte,
was sie als nächstes tun sollte.
Sie hatte Broots ebenfalls eingeweiht und ihn beim Leben seiner Tochter schwören
lassen, das Geheimnis zu bewahren. Miss Parker stand langsam auf. Nur am Rande
nahm sie wahr, daß sie kaum Enttäuschung verspürte. Aber das lag
wahrscheinlich daran, daß sie bereits daran gewöhnt war. Außerdem hatte sie
schon halb damit gerechnet, daß ihr Vater über alles Bescheid gewußt hatte.
Es war Zeit, einige Dinge zu klären. Auf halbem Wege zur Tür hörte sie ein
Klopfen, und dann kam auch schon Sydney in ihr Büro.
"Miss Parker?"
Sie neigte den Kopf leicht in seine Richtung.
"Was?" fragte sie, bemüht, ihren Zorn zu zügeln.
"Können wir reden?"
"Nicht jetzt", erwiderte sie knapp.
Sydney schwieg kurz. "Broots hat mir gesagt, daß er hier war. Was hat er
herausgefunden?"
Miss Parker seufzte. "Ich bin auf dem Weg zu meinem Vater. Von mir aus
kommen Sie mit. Es gibt nichts, was ich ihm zu sagen habe, daß Sie nicht auch hören
könnten."
Ohne seine Antwort abzuwarten, verließ sie ihr Büro. Nur einen Herzschlag später
hörte sie, wie er ihr folgte, aber ihre Gedanken galten bereits dem
bevorstehenden Treffen mit ihrem Vater.
Drei Minuten später öffnete sie schwungvoll die Tür zu seinem Büro.
Inzwischen hatte sich ihr Zorn noch weiter verstärkt, brannte heißer als
jemals zuvor in ihr.
Ihr Blick richtete sich sofort auf ihren Vater. Nur aus den Augenwinkeln nahm
sie wahr, daß außer ihm noch Brigitte, Lyle und einer von Raines' Sweepern
anwesend waren.
"Raus!" zischte sie, während sie kurz den Kopf in die Richtung der
anderen Anwesenden drehte.
"Wir befinden uns mitten in einem wichtigen Treffen", erklärte ihr
Vater mißbilligend und warf ihr einen strengen Blick zu. "Vielleicht
kannst du später..."
Sie ignorierte ihn zunächst, wandte sich stattdessen an Lyle.
"Raus hier, und zwar sofort", wiederholte sie, leiser und schärfer.
"Ich werde mich nicht wiederholen. Das ist eure letzte Chance, zu
verschwinden, so lange ihr noch könnt."
Ihr Bruder warf ihr einen merkwürdigen Blick zu, machte aber keine Anstalten,
das Büro seines Vaters zu verlassen. Raines' Sweeper war schon halb zur Tür
hinaus, und auch Brigitte hatte sich offenbar von ihrem Tonfall beeindrucken
lassen. Um so besser.
"Was soll das? Wieso führst du dich so auf, als ob..."
Mr. Parker hatte sich erhoben, starrte seine Tochter kühl an. Sie erwiderte
seinen Blick unbeeindruckt.
"Setz dich wieder hin und halt den Mund", wies sie ihn an. Er sah sie
fassungslos an, ließ sich aber zurück in seinen Sessel sinken.
"Ich habe dir ein paar Dinge zu sagen, und du wirst sie dir anhören."
Miss Parker straffte die Schultern und blieb dicht vor seinem Schreibtisch
stehen. Sie spürte, wie sich all die Emotionen, die sie jahrelang unterdrückt
hatte, einen Weg nach draußen bahnten. Nach all der Zeit fand sie endlich den
Mut, ihrem Vater offen zu sagen, was sie empfand.
"Ich bin schwanger", begann sie, "aber das dürfte dich ja kaum
überraschen."
"Schwanger?" wiederholte ihr Vater, gab sich verwundert, ließ ihren
Zorn noch weiter anwachsen.
"Hör auf!" schrie sie ihn an. "Ich habe deine Lügen so satt! Du
hast es gewußt, du hast alles gewußt, und ich wäre nicht im mindesten
verwundert zu erfahren, daß es deine Idee war. O ja, ein Sohn ist natürlich
eine tolle Sache, aber ein Enkel, der seinen Vater als Pretender sogar noch übertrifft,
wäre für das Centre eine unschätzbare Einnahmequelle. Ging es nur um Geld,
oder steckt vielleicht auch wissenschaftliche Neugier dahinter? Bin ich für
dich nur ein weiteres Experiment?"
Das Gesicht ihres Vaters hatte sich gequält verzogen.
"Bitte, mein Engel, hör mir doch zu. Du verstehst nicht..."
"Da hast du ganz recht. Ich verstehe das tatsächlich nicht. Und ich will
es auch gar nicht."
"Ich hatte keine andere Wahl", warf ihr Vater hastig ein, als sie
schwieg, um Luft zu holen.
"Keine andere Wahl? Keine andere Wahl als deine Tochter zu benutzen? Keine
andere Wahl als mir auch noch den letzten Rest an Würde zu nehmen?"
Miss Parker steigerte sich immer weiter in ihre Wut hinein, und je mehr ihr
Vater sagte, desto schlimmer machte er es. Jetzt warf er Sydney einen beinahe
hilfesuchend wirkenden Blick zu, bevor er seine Tochter wieder ansah.
"Raines hat mir die Entscheidung überlassen", erklärte er tonlos.
"Ich habe dir auf diese Weise das Leben gerettet! Er sagte, wenn du ein
Kind hättest, das dem Centre den Schaden ersetzt, der durch Jarods Flucht
entstanden ist, dann..."
Seine Worte durchdrangen den Nebel aus Wut, der sich um ihren Verstand gelegt
hatte, lösten aber nur noch mehr Zorn in ihr aus.
"Hörst du dir eigentlich selbst zu?" fragte sie ihren Vater
fassungslos. "Raines wollte mich doch bloß benutzen. Verdammt, ich brauche
dich nicht, um mich vor Raines zu schützen. Ist dir je der Gedanke gekommen, daß
es besser für mich gewesen wäre zu sterben, als auf so eine Weise benutzt zu
werden?"
Hinter sich hörte sie, wie Sydney entsetzt nach Luft schnappte, und auch ihr
Vater verzog erschrocken das Gesicht. Nur Lyles Miene blieb unbewegt, brachte
auch weiterhin nur vages Interesse zum Ausdruck.
"Wie kannst du so etwas sagen? Ich würde nie zulassen, daß du dein Leben
einfach wegwirfst."
"Und was glaubst du, wird mit mir geschehen, wenn dieses Kind auf der Welt
ist? Dann hat Raines keine Verwendung mehr für mich, und mein Leben ist nur um
neun Monate verlängert worden."
Erstaunt registrierte Miss Parker, daß ihre Stimme viel ruhiger klang, als sie
beabsichtigt hatte. Ihr Vater erwiderte ihren Blick beinahe gelassen, strahlte
nun fast wieder die gewohnte Mischung aus Arroganz und Selbstzufriedenheit aus.
"Raines hat mir sein Wort gegeben. Dein Leben gegen das des Kindes. Sobald
sich das Kind in der Obhut des Centres befindet, bist du sicher."
Für ein paar Augenblicke fehlten Miss Parker die Worte, dann faßte sie sich
genug, um wenigstens einem Teil ihres Zorns Ausdruck zu verleihen.
"Du hast also einen Vertrag über mich abgeschlossen. Aber so läuft es ja
schließlich im Centre, nicht wahr? War es so auch mit Mom? Was für einen Deal
hast du mit Raines über sie abgeschlossen? Mußte sie ihren Sohn dem Centre überlassen,
damit sie mich, die unnütze Tochter, behalten durfte?" Die letzten Worte
schrie sie beinahe. Mr. Parker fuhr auf und mit ein paar erstaunlich schnellen
Schritten war er bei ihr, baute sich direkt vor ihr auf. Sein Gesicht war weiß,
die Augen zusammengekniffen. Er hob eine Hand, die vor mühsam kontrolliertem
Zorn zitterte.
"Sprich nicht so über deine Mutter!" wisperte er in einem drohenden
Tonfall. "Ich habe sie geliebt."
Miss Parker starrte auf die zum Schlag erhobene Hand ihres Vaters.
"Na los, tu es", zischte sie. "Gib mir einen Grund. Ich werde
beenden, was du begonnen hast."
Ihr Blick bohrte sich in seinen, eisig, stählern. Genau das, was er immer von
ihr gewollt hatte. Jetzt benahm sie sich wie seine Tochter. Der Gedanke machte
sie noch wütender, aber es war eine andere Art von Wut als bisher. Nicht mehr
heiß und alles verzehrend, sondern kühl, berechnend, stärkend.
Langsam senkte er die Hand wieder. "Ich habe deine Mutter geliebt",
wiederholte er. Dann überraschte er sie mit seiner nächsten Aussage.
"Aber du hast recht; es gab tatsächlich einen Handel mit Raines. Sobald er
erfahren hat, daß sie Zwillinge erwartete, verlangte er beide Kinder für das
Centre. Ich habe abgelehnt, weil ich wußte, wie schlimm das für deine Mutter
gewesen wäre. Schließlich hat Raines zugestimmt, ihr eines der Kinder zu
lassen - und er hat mir die Entscheidung überlassen."
Er kehrte hinter seinen Schreibtisch zurück, setzte sich wieder hin. Plötzlich
wirkte er müde und erschöpft, sah auf einmal um Jahre älter aus. Miss Parker
fragte sich, ob sie ihm Glauben schenken durfte. Bisher hatte er ihr noch nie
die Wahrheit über die Vergangenheit gesagt. Aber ein Gefühl sagte ihr, daß er
sie in diesem Punkt nicht belog.
Sie lehnte sich gegen den Schreibtisch, legte ihre Hände auf die Tischplatte.
"Wie überaus tragisch. Du hast deinen einzigen Sohn geopfert, um deine
Tochter aufwachsen zu sehen. Halt - nein, das stimmt gar nicht. Du könntest
nicht weniger über mein Leben wissen, wenn ich diejenige gewesen wäre, die
Raines bekommen hätte", zischte sie sarkastisch. "Aber das spielt
jetzt ohnehin keine Rolle mehr. Wir werden jetzt über mein Kind sprechen. Und
damit du mich richtig verstehst: ich formuliere keineswegs eine Bitte oder einen
Vorschlag. Das Centre wird dieses Kind nicht bekommen."
"Sprichst du etwa über eine Abtreibung?" Der bestürzte Tonfall ihres
Vaters widerte sie an. Er war doch höchstens um den Profit besorgt, der dem
Centre durch diese Maßnahme entgehen würde.
"Nein", antwortete sie nach einer Pause. "Das habe ich nicht
gemeint. Ich werde dieses Kind zur Welt bringen, und dann wird es bei mir
bleiben. Nie im Leben werde ich zulassen, daß das Centre mir mein eigenes Kind
wegnimmt. Ich bin seine Mutter, und deshalb wird es bei mir aufwachsen."
"Sei doch vernünftig. Es ist Jarods Kind, und damit höchstwahrscheinlich
ein Pretender. Das Kind braucht die spezielle Förderung, die es nur im Centre
erhalten kann. Du..."
Miss Parkers Fäuste donnerten mit einem lauten Krachen auf den Schreibtisch.
"Ich werde es nur noch einmal sagen, also solltest du mir besser zuhören.
Niemand außer mir wird mein Kind großziehen. Es ist mir verdammt egal ob es
ein Genie oder völlig schwachsinnig ist." Sie schüttelte den Kopf.
"Du kannst Raines ausrichten, daß sein kleiner Plan ein Fehlschlag ist.
Ich kann ohnehin nicht verstehen, wie ihr euch das gedacht habt. Dachtet ihr,
ich bemerke nicht, daß ich schwanger bin? Oder daß ich euch das Kind einfach
so überlasse, wenn ich herausfinde, daß Jarod der Vater ist? Wie auch immer -
ich werde dieses Kind beschützen. Vor Raines, vor dem Centre und auch vor
dir."
"Bitte, Liebes, nimm Vernunft an! Ich gebe dir mein Wort..."
"Ich will dein Wort nicht! Es ist nichts wert. Wie oft hast du es schon
gebrochen? Darauf falle ich nicht mehr rein." Sie stieß sich von seinem
Schreibtisch ab. Plötzlich fühlte sie sich nur noch müde. "Mehr habe ich
nicht zu sagen. Nur noch eines: ich werde weiter für das Centre arbeiten, denn
auf diese Weise kann ich sicher sein, daß meinem Kind nichts geschieht. Wenn
Raines irgendwelche Einwände hat, stehe ich ihm gerne zur Verfügung."
Miss Parker drehte sich abrupt um, und ohne eine Reaktion ihres Vaters
abzuwarten, verließ sie sein Büro. Draußen ging sie mit schnellen Schritten
weiter, und erst vor dem Lift blieb sie stehen, atmete tief durch.
"Sie werden dieses Kind also bekommen", stellte kurz darauf Sydney
hinter ihr fest. Sie drehte sich nicht zu ihm um, sondern nickte nur. "Ich
habe mich schon gefragt, wann Sie Ihrem Vater endlich die Stirn bieten."
Ihre Lippen verzogen sich kurz zu einem Lächeln. "Vielleicht habe ich nur
einen guten Grund gebraucht. Einen, der mir nicht von Jarod geliefert
wurde." Das Lächeln erstarb, und sie schloß kurz die Augen. "Tja,
ich schätze auch dieser Grund stammt von ihm - auch wenn er es nicht weiß."
***
Drei Wochen später ließ sich Miss Parker auf ihr Sofa fallen. Sie wünschte
sich einen schönen, kühlen Drink. In einer sanften Bewegung strich sie über
ihren Bauch, der noch immer flach war. Schon bald würde ihre Schwangerschaft
auch nach außen sichtbar sein.
Mit einem Seufzen stand sie wieder auf und ging in die Küche, um sich einen
Saft aus dem Kühlschrank zu holen. Saft! Noch vor ein paar Wochen hätte sie über
diese Vorstellung gelacht, aber wegen ihres Kindes ging sie kein Risiko ein.
Gott sei Dank hatte sie schon vor längerer Zeit mit dem Rauchen aufgehört.
Als sie mit der Saftflasche und einem Glas in den Händen zurück ins Wohnzimmer
ging, hörte sie das Klingeln ihres Handys. Sie beschloß, es zu ignorieren und
ging weiter auf ihre Terrasse, um noch eine Weile draußen zu sitzen. Der
Anrufer erwies sich als äußerst hartnäckig, ließ das Telefon immer weiter
klingeln.
"Ach, verdammt", murmelte Miss Parker, stellte die Flasche und das
Glas ab und holte ihr Handy aus dem Wohnzimmer. Erst als sie es sich auf einem
der Stühle bequem gemacht hatte, ging sie ran.
"Was ist?"
"Guten Abend, Miss Parker", erwiderte eine dunkle Stimme am anderen
Ende der Leitung. Jarod.
"Was willst du?"
Sie hatte nicht die geringste Lust, sich mit Jarod zu unterhalten. Ganz
besonders nicht, seit sie wußte, wer der Vater ihres Kindes war.
"Ist eine Weile her, seit wir miteinander gesprochen haben",
antwortete er ausweichend. Miss Parker kniff die Augen zusammen.
"Ja. Rufst du nur an, um mir das zu sagen?"
"Ist es nicht ein bißchen früh für Schwangerschaftslaunen?"
Oh Gott, wie sie es haßte, daß er über jedes Detail ihres Lebens Bescheid wußte.
Nun, fast jedes.
"Ich dachte, ich übe schon mal ein bißchen. Abgesehen davon, geht dich
das nichts an, Wunderkind. Wenn du mir nichts Interessanteres zu sagen hast, ist
dieses Gespräch jetzt vorbei."
"Ts, ts, Miss Parker. Sind wir etwa auf unsere alten Tage unvorsichtig
geworden?"
Sie sog überrascht die Luft ein. Verletzende Bemerkungen fielen eigentlich in
ihren Zuständigkeitsbereich.
"Tut mir leid", hörte sie nur Momente später seine Entschuldigung.
"In einem Punkt hast du recht, Jarod", gestand sie ruhig. "Dieses
Kind war nicht geplant. Aber auf diese Weise bleibt mir wenigstens etwas von
Tommy."
Gespannt wartete sie auf seine Reaktion. Hoffentlich glaubte er ihre Lüge.
"Ich verstehe", sagte er sehr sanft. Einen Herzschlag lang glaubte
sie, einen merkwürdigen Unterton zu hören, aber das lag vermutlich nur an
ihrer eigenen Anspannung. "Was hat dein Vater dazu gesagt? Oder weiß er es
noch nicht?"
"Auch das geht dich nichts an."
Miss Parker spürte, wie ihr das Gespräch langsam entglitt. Wenn das so
weiterging, erzählte sie ihm am Ende noch die Wahrheit...
"Ich bin müde", fuhr sie kurzangebunden fort. "Wieso nervst du
nicht jemand anderen?"
Sie unterbrach die Verbindung und hoffte inständig, daß er die Sache damit auf
sich beruhen lassen würde. Wenigstens für heute; wenigstens so lange, bis sie
sich eine Strategie gegen ihn zurechtgelegt hatte.
***
Drei Jahre später (ca.)
"Mommy?"
"Was ist denn los, mein Schatz?"
Miss Parker sah lächelnd von ihrer Arbeit auf. Ihr Sohn stand in der Tür und
rieb sich verschlafen die Augen. Sein Anblick erfüllte sie wie immer mit tiefer
Wärme.
"Ich kann nicht mehr schlafen", erklärte er mit einem halben Lächeln
und kam zu ihr. Sie schloß ihn in ihre Arme, drückte ihn kurz an sich, dann
fuhr sie ihm liebevoll durchs Haar.
"Ist schon gut. Hast du gut geschlafen?"
"Mhm", machte er und kuschelte sich an sie, bemüht, ein Gähnen zu
unterdrücken. Miss Parker betrachtete ihn amüsiert. Es war unglaublich, wie
sehr er jetzt schon seinem Vater ähnelte. Besonders die dunklen Augen
erinnerten sie an Jarod. Mit einem Anflug von Besorgnis dachte sie an die
Zukunft. In ein paar Jahren würde selbst Jarod die Ähnlichkeit bemerken.
"Was machst du, Mommy?" erkundigte sich Jeremy neugierig.
"Ich muß noch ein bißchen arbeiten, Jem", antwortete sie sanft.
"Aber weißt du was? Mir reicht's für heute. Laß uns irgendwas
unternehmen, ja?"
"Hurra!" rief ihr Sohn begeistert.
"Na, dann komm. Wir ziehen dir was anderes an, und dann geht's los."
Sie nahm ihn an die Hand, um mit ihm in sein Zimmer zu gehen. Ihr kleiner Sohn
bedeutete ihr alles. Erst seit seiner Geburt verstand sie, wie sehr ihre Mutter
sie geliebt hatte.
Jeremy gluckste vergnügt vor sich hin. Er war ein unglaublich cleverer Bursche.
Fast schon zu clever für ihren Geschmack. Bisher hatte sie ihn vor dem Centre
beschützen können, aber wenn Raines auch nur ahnte, wieviel Potential in ihm
steckte, konnte sich das schnell ändern.
Miss Parker hatte ihren Sohn vom Centre ferngehalten. Sie hatte ihn noch nicht
einmal mit dorthin genommen, und außerdem hatte sie verhindert, daß ihr Vater
den Kleinen zu Gesicht bekam. Was Jeremy anging, war Sydney eine Art Großvater
für ihn.
Jeremy. Eigentlich hatte sie ihn Tommy nennen wollen, aber das wäre wohl zu
offensichtlich gewesen.
...
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