Rechtliche Hinweise: Die bekannten Charaktere der Fernsehserie 'The Pretender' gehören MTM, NBC und TNT (und leider nicht mir). Die folgende Geschichte dient keinerlei kommerziellen Zwecken, sondern wurde nur zum Vergnügen anderer Fans wie mir geschrieben. Eine Verletzung des Copyrights ist nicht beabsichtigt.

Der Countdown läuft - die Geschichte nähert sich unaufhaltsam ihrem Ende. Noch 2 Teile (exklusive diesem)!

In diesem Teil wird es - ganz ungewohnt, aber zur Abwechslung doch eigentlich ganz nett - mal etwas actionlastiger zugehen. Am Ende wird es zwei Tote zu beklagen geben; ein Mörder wird enthüllt und eine langvermißte Person gefunden. Kurzum: Wenn Ihr beim Lesen auch nur halb soviel Spaß habt wie ich beim Schreiben, dann werdet Ihr Euch prächtig amüsieren. :)

Ich möchte mich natürlich - wie immer - ganz herzlich bei meinen Betafeen bedanken. You rock!
Außerdem danke ich Nic, die nicht nur die Zeitung beigesteuert, sondern auch meine Ideen unterstützt hat. :)

***

And I have the sense to recognize that
I don't know how to let you go
Every moment marked
With apparitions of your soul
I'm ever swiftly moving
Trying to escape this desire
The yearning to be near you
I do what I have to do
The yearning to be near you
I do what I have to do
But I have the sense to recognize
That I don't know how
To let you go


-- Sarah McLachlan, 'Do What You Have To Do'

***


Kostbare Momente 19
Von Miss Bit


Wäre die Welt auf der anderen Seite seines Bürofensters untergegangen, es hätte nicht schlimmer aussehen können als das Unwetter, das sich gerade über Blue Cove austobte. Lyle schaute mißmutig hinaus in die grauen Regenschleier. Er mußte an Brigitte denken, die während eines ganz ähnlichen Sturms ermordet worden war.

Es überraschte ihn selbst ein wenig, daß er sie vermißte. Für gewöhnlich fand er sich schnell damit ab, wenn Personen, aus welchen Gründen auch immer, aus seinem Leben verschwanden - ganz egal, ob sie ihm nun nahegestanden hatten oder nicht. Aber Brigittes Ableben beschäftigte ihn schon seit Tagen. Nicht nur, daß er sich fragte, wer sie ermordet haben und was aus dem Kind geworden sein könnte, er befürchtete auch, daß der Mörder seine eigenen Pläne durchkreuzen würde. Abgesehen davon war Brigitte im Besitz von Informationen gewesen, die ihm durchaus gefährlich werden konnten.

Versunken in seine Gedanken, erhob sich Lyle von seinem Sessel und durchmaß sein Büro mit langen Schritten. Vor der Tür machte er abrupt halt, drehte sich um und marschierte zurück zu seinem Schreibtisch. Fühlten sich so vielleicht Raubtiere, die ohne jede Hoffnung auf Flucht in einem Zoo oder Zirkus vor sich hinvegetierten, nicht einmal wußten, daß ihnen ein freies, ungezähmtes Leben in der Savanne entging? Lyle schnitt eine Grimasse. Wenn ihm schon solche Vergleiche durch den Kopf gingen, dann hatte er wohl den Einfluß unterschätzt, den die Ereignisse der letzten Wochen auf ihn gehabt hatten.

Mit einem leisen Grollen sank Lyle wieder in seinen Ledersessel. Wenigstens war er nicht noch einmal verhaftet worden; die Anklage gegen ihn war im Sande verlaufen, doch das ungute Gefühl, daß ihn jemand durch dieses Spielchen in seine Schranken hatte weisen wollen, blieb. Sein Hauptverdacht richtete sich mittlerweile gegen die japanischen Yakuza, obwohl er sich keiner Tat bewußt war, die die plötzlich wiederaufflammende Aufmerksamkeit seiner ehemaligen Geschäftspartner erklären würde.

Er schüttelte den Kopf und wandte seine Gedanken wieder drängenderen Problemen zu. Sein Vater hatte von ihm verlangt, Brigittes Kind ausfindig zu machen. Lyle hatte durchaus nichts gegen diese Aufgabe einzuwenden, die auf alle Fälle weniger schwierig zu werden versprach als die Jagd nach Jarod. Natürlich war ihm schon kurz durch den Kopf gegangen, daß Jarod vielleicht derjenige war, der das Kind entführt hatte - aber irgendwie wollte das nicht zu dem Bild passen, das Lyle von Jarod hatte. Dazu kam noch, daß der edle Helfer der Unterdrückten zur Zeit mit ganz anderen Dingen beschäftigt zu sein schien. Mehrere Einbrüche in das lokale Netzwerk des Centres ließen darauf schließen, daß Jarod wieder verstärkt nach seiner Familie suchte; ganz besonders nach seiner Mutter und seiner Schwester.

Und dann war da noch seine eigene Schwester, Miss Parker. Lyle runzelte die Stirn, ohne sich dieser Geste bewußt zu sein. Es hatte ihn zutiefst überrascht, daß sie Blue Cove so überstürzt verlassen hatte, und es verwirrte ihn, daß niemand in der Chefetage des Centres dies als Verlust zu betrachten schien. Ganz egal, was er sonst über sie denken mochte, er hielt sie für eine fähige Frau, die es im Machtgefüge des Centres durchaus weit hätte bringen können, wenn sie nur ihre moralischen Bedenken über Bord geworfen hätte. Nun, ihr Versäumnis war mit Sicherheit sein Vorteil. Ihr Verschwinden bedeutete für ihn einen Gegner weniger, den es im Auge zu behalten galt.

Die Fingerspitzen nachdenklich aneinander gepreßt, lehnte Lyle sich in seinem Sessel zurück, die Augen halb geschlossen. Auch wenn sein Vater darauf verzichtete, nach seiner Schwester suchen zu lassen und ihr Fortgehen offenbar als unumstößliche Tatsache akzeptierte, verbesserte sich seine eigene Position dadurch wirklich nur minimal. Was ihm fehlte, war ein wirksames Druckmittel. Es war etwas eingetreten, das er immer zu vermeiden gehofft hatte: Er war zum Spielball der Mächtigen im Centre geworden. Sein Vater hielt ihn mit kryptischen Drohungen eisern unter seiner Kontrolle und verhinderte, daß Lyle die Karriereleiter auch nur einen Millimeter weit erklomm.

Das Geräusch sich rasch nähernder Schritte riß Lyle aus seinen Gedanken. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis das dumpfe Pochen sein Büro erreichte; die Tür flog ohne irgendeine Ankündigung auf und sein Vater betrat wutschnaubend das Zimmer.

Lyle erhob sich halb aus seinem Sessel und öffnete den Mund, um seinen Vater zu fragen, was ihn hierher verschlagen hatte, doch er beschloß zu schweigen, als er den zornigen und aufgebrachten Ausdruck in den kalten Augen des älteren Mannes sah.

Mit drei langen Schritten erreichte Mr. Parker den Schreibtisch seines Sohnes. Es schien, als bedürfe es dieser physischen Barriere, um ihn zu stoppen. Ein lautes Klatschen hallte durch das Büro, als Parker eine dicke Zeitung auf Lyles Schreibtisch warf.

"Sieh dir das an!" wies er seinen Sohn an, sein Tonfall erbost.

Den Blick auf seinen Vater gerichtet, griff Lyle mit seiner gesunden Hand nach der Zeitung und drehte sie so um, daß er das Titelblatt lesen konnte. Zunächst fiel sein Blick auf den Namen der Zeitung. Asahi Shimbun, ein durchaus renommiertes japanisches Tagesblatt. Lyles Herz sank. Bedeutete das etwa, daß ihn die Yakuza in weit schlimmere Schwierigkeiten gebracht hatte, als ihm bisher bewußt geworden war?

"Seite 17", knurrte der alte Parker, und Lyle vermied es geflissentlich, ihm ins Gesicht zu sehen. Während er mit leicht zitternden Fingern die richtige Seite aufschlug, überlegte er, wie er sich am besten aus der Affäre würde ziehen können. Am besten würde er einfach alles leugnen; das hatte auch früher schon funktioniert. Lyle legte sich bereits einige Worte zurecht, als er endlich auf Seite 17 ankam und sofort erkannte, was seinen Vater so in Rage versetzt hatte. Fassungslos starrte er auf das viertelseitige Schwarzweißfoto, das seine Schwester an der Seite des Yakuza-Kronprinzen Tommy Tanaka zeigte. Hastig überflog er die Schlagzeile und die Bildunterschrift.

"Sie will ihn heiraten?" fragte er erstaunt, mehr an sich selbst denn an seinen Vater gerichtet. "Bist du dir auch ganz sicher, daß das keine Ente..."

Ein Blick in Parkers Gesicht ließ ihn verstummen, noch bevor er das Ende seines Satzes erreicht hatte. Oberhalb seiner rechten Schläfe pulsierte eine Ader, verriet Lyle, daß sein alter Herr kurz vor der Explosion stand.

Parker richtete einen zitternden Zeigefinger auf Lyle. Wie hypnotisiert starrte Lyle darauf, bis Parker den Finger auf das Bild niedersausen ließ, wo er wie zufällig direkt auf Tanakas Kopf landete.

"Du wirst nach Japan fliegen", befahl er seinem Sohn, der ob dieser Worte einen eisigen Schock verspürte. Wie konnte sein Vater das von ihm verlangen, nach allem, was er dort durchgemacht hatte? "Du wirst sie zurückholen. Ihre Rückkehr aus diesem lächerlichen Urlaub ist schon längst überfällig. Meine Tochter wird auf keinen Fall einen solchen... einen solchen Verbrecher heiraten!"

Lyle neigte den Kopf leicht zur Seite und sah seinen Vater von unten herauf an. Der alte Mann lebte offenbar doch schon etwas weiter von der Realität entfernt, als er bisher angenommen hatte. Urlaub? Er hielt die so offensichtliche Flucht seiner Tochter aus dem Centre für einen Urlaub? Und was machte Tanaka zu einem schlechteren Menschen als, beispielsweise, Parker selbst?

"Sie wird vielleicht nicht zurückkehren wollen", gab Lyle vorsichtig zu bedenken. Er schürzte nervös die Lippen und wartete ab, ob seine Worte einen erneuten Ausbruch des Mount Parker heraufbeschwören würden. Zu Lyles großer Überraschung schien der alte Mann seine Worte wirklich zu überdenken; ja, er nickte sogar.

"Das ist natürlich alles die Schuld dieses japanischen Halsabschneiders", grollte er, und Lyle sah seine letzte Hoffnung schwinden. "Mein kleiner Engel würde seinem Vater so etwas niemals antun."

"Dad, ich...", begann er, aber Parker winkte bloß ab.

"Pack deine Sachen. Der Jet startet um 21 Uhr, und du wirst drinsitzen."

Während ihm alle Felle davonschwammen, suchte Lyle panisch nach irgend etwas, das ihm diese Reise ersparen würde.

"Was ist mit dem Kind?" stieß er hervor. Die kleine Ader über Parkers Schläfe pulsierte plötzlich schneller. Er glaubte doch nicht etwa, daß seine Schwester schwanger war und deshalb heiratete? Lyle beschloß, sobald wie möglich den Artikel zu lesen, der das Foto umgab. "Du wolltest doch, daß ich nach Brigittes Kind suche."

Verstehen blitzte in Parkers Augen auf. Er nickte kurz, und Lyle begann, wieder neuen Mut zu schöpfen. Zwei Sekunden später erkannte er, daß er sich umsonst Hoffnungen gemacht hatte. Parker nahm die Zeitung wieder an sich und wandte sich zum Gehen.

"Darum werde ich mich kümmern", sagte er im Hinausgehen. "Sieh du nur zu, daß du deine Schwester zurück in den Schoß der Familie bringst."

Damit verließ er das Büro. Das Geräusch seiner sich entfernenden Schritte wurde überdeckt von dem lauten Schlag, mit dem die Tür hinter ihm zufiel. Lyle sprang auf und trat um seinen Schreibtisch herum. Er spielte mit dem Gedanken, seinem Vater nachzugehen, doch er wußte, daß das keinen Sinn haben würde. Wütend trat er gegen den Schreibtisch.

"Verdammt!" fluchte er. "Warum mußte es ausgerechnet Japan sein?!"

Ein weiterer Tritt gegen das schwere Möbelstück half ihm dabei, zumindest einen kleinen Teil seiner Wut abzubauen. Seine Gedanken überschlugen sich, aber eins erkannte er mit unverkennbarer Deutlichkeit: Er würde Hilfe brauchen, wenn er in Zukunft vermeiden wollte, wieder in so eine Situation zu geraten. Sich aus dieser neuen Verpflichtung herauszuwinden, war unmöglich, soviel wußte er. Falls... nein, wenn er das aber hinter sich gebracht hatte, mußte er unbedingt dafür sorgen, daß nicht mehr sein Vater ihn, sondern er seinen Vater in der Hand hatte.

Während er blicklos auf seinen Schreibtisch herunterstarrte, fiel ihm nur eine Person ein, an die er sich wenden konnte: Raines. Der ehrgeizige Wissenschaftler war einer der wenigen im Centre, die sich nicht scheuten, die Klingen mit dem alten Parker zu kreuzen. Außerdem würde Raines zweifelsohne erkennen, daß es ihm einige Vorteile bringen würde, Parker aus dem Weg zu haben.

Die daumenlose, behandschuhte Hand zur Faust geballt, verließ Lyle sein Büro. Mit langen Schritten stürmte er den Korridor entlang, hieb auf den Rufknopf des Fahrstuhls am Ende des Flurs und wartete ungeduldig auf die Ankunft der Kabine. Die Fahrt ins Erdgeschoß schien eine Ewigkeit zu dauern; endlose Minuten, in denen er sich sein Empfangskomitee in Japan vorstellte.

Mit knirschenden Zähnen verließ er den Fahrstuhl, als der endlich zum Halt gekommen war, und ging so schnell weiter, daß er fast schon rannte. Er durchquerte die Eingangshalle, nahm aus dem Augenwinkel war, daß das Unwetter vorüber und der Abend angebrochen war und bog dann in den Korridor ein, der ihn direkt zum neuen Flügel des Centres führen würde.

Er erreichte Raines' neues Labor in Rekordzeit. Schwungvoll stieß er die Tür des Labors auf und sah sich suchend nach Raines um. Der Wissenschaftler stand in einer Ecke des quadratischen Raumes, beugte sich dort über eine Ansammlung von merkwürdig geformten Glasgefäßen. Als er Lyle auf sich zukommen hörte, richtete er sich auf und drehte sich um. Er sah dem jüngeren Mann entgegen, die Stirn unwillig gerunzelt.

"Mr. Lyle, ich habe nur wenig Zeit", sagte er anstelle einer Begrüßung.

"Ist mir durchaus klar", gab Lyle unbeeindruckt zurück. "Wir müssen reden, Raines. Über meinen Vater."

Bei den letzten Worten senkte er die Stimme zu einem Flüstern und sah Raines eindringlich an.

"Ah, er hat Sie gerade gebeten, sich um diese leidige Angelegenheit mit Ihrer Schwester zu kümmern, habe ich recht?" erkundigte sich Raines, ein schadenfrohes Lächeln auf den Lippen.

"Gebeten, ha!" schnaubte Lyle wütend. "In weniger als zwei Stunden startet der Jet nach Japan, und mir bleibt keine andere Wahl, als dem Wunsch" - er spie dieses Wort praktisch aus - "meines Vaters Folge zu leisten. Aber vorher möchte ich noch etwas mit Ihnen besprechen."

In Raines' Augen glomm Interesse auf. Lange maß er Lyle mit einem abwägenden Blick.

"Sie sind es müde geworden, im Schatten Ihres Vaters zu stehen", vermutete der Wissenschaftler mit einem wissenden Lächeln. Es schien ihm sehr zu gefallen, Lyle in dieser Situation zu sehen.

"Wenn Sie es so ausdrücken wollen", erwiderte Lyle mürrisch und biß die Zähne aufeinander. Wann immer möglich, zog er es vor, allein zu arbeiten, doch eine Allianz mit Raines erschien ihm im Moment als einziger Ausweg aus seiner mißlichen Lage. "Mein Vater hat mich in letzter Zeit sehr unter Druck gesetzt. Ich will, daß das ein Ende hat."

"Ein Ende", wiederholte Raines nachdenklich; in seinen Augen lag ein abschätzender Ausdruck. "Reden wir hier über ein vorübergehendes Ende oder...?"

"Über etwas Endgültiges", sagte Lyle mit Nachdruck. Nur mühsam gelang es ihm, ein Schaudern zu unterdrücken, als er daran dachte, wie unangenehm die letzten Wochen für ihn gewesen waren. Ganz abgesehen von seinen Schwierigkeiten mit der lokalen Polizei hatte er außerdem mit dem einen Gefühl zu kämpfen gehabt, daß er am meisten von allen haßte: Angst. Und es war sein Vater gewesen, der diese Furcht in ihm ausgelöst hatte.

"Es gibt da vielleicht einen Weg, wie wir beide bekommen könnten, was wir wollen", keuchte Raines. Seine Aufregung über Lyles Besuch schien ihm das Atmen zu erschweren. Nach ein paar tiefen Zügen Sauerstoff aus seinem Nasenschlauch atmete er jedoch wieder ruhiger. Lyle musterte ihn mit gerunzelter Stirn. Es stimmte; er brauchte Raines' Hilfe, um sein Ziel zu erreichen. Das einzige, was ihn dabei beunruhigte, war, daß er Raines' eigene Ziele nicht kannte. Raines schien seine Gedanken zu erahnen.

"Ich schätze, wir haben hier ein kleines Vertrauensproblem", meinte er leise.

"Nein", widersprach Lyle, "ich... vertraue Ihnen."

"Oh ja, sicher, in gewissen Grenzen", spottete Raines, aber sie beide wußten, daß es dumm von Lyle gewesen wäre, Raines vollends zu vertrauen. Der Wissenschaftler unterzog Lyle erneut einer stummen Musterung, bevor er weitersprach. "Nun, Sie haben mir Ihr Vertrauen bereits bewiesen, indem Sie zu mir gekommen sind. Ich schätze, Ihr Vater wäre nicht sehr begeistert, von Ihrem kleinen Besuch hier zu erfahren."

Lyle spürte, wie er blaß wurde.

"Hören Sie, mein Vater weiß bereits, daß er auch aus den Reihen seiner eigenen Familie mit Verrat rechnen muß", erklärte er sehr viel ruhiger, als er sich fühlte. "Wie sonst hätte er es hier so weit bringen können?"

Raines sah ihn ungeduldig, fast schon zornig an.

"Wenn Sie wieder gehen wollen, dann machen Sie das gleich. Ich sagte Ihnen schon, daß ich wenig Zeit habe."

Damit drehte er sich wieder halb seinem Experiment zu, aber Lyle legte ihm hastig die Hand auf die Schulter.

"Warten Sie, Raines", zischte er. "In dieser Sache bleibt keinem von uns eine Wahl, das wissen Sie ebensogut wie ich. Beweisen Sie, daß ich Ihnen ebenfalls vertrauen kann, und wir kommen ins Geschäft."

Raines starrte auf Lyles Hand, bis dieser den älteren Mann losließ. Die beiden maßen einander mit Blicken voller unterdrücktem Mißtrauen und Wut. Schließlich nickte Raines knapp.

"Folgen Sie mir, Mr. Lyle", sagte er sehr leise. "Ich werde Ihnen den ultimativen Beweis liefern, daß Sie mir vertrauen können. Aber ich warne Sie: Wenn Sie mir in den Rücken fallen, wenn Sie irgend jemandem verraten, was Sie gleich sehen werden, dann werden Sie keine Zeit mehr haben, Ihren Fehler zu bereuen."

"Schluß mit der heißen Luft, Raines", knurrte Mr. Lyle ungehalten. "Zeigen Sie mir, was Sie mir zu zeigen haben, dann sehen wir weiter."

Raines sagte nichts mehr, sondern drehte sich wortlos um und schlurfte hinüber zur Tür, die Sauerstoffflasche an seiner Seite. Nicht so ganz überzeugt, daß er wirklich das richtige tat, indem er sich auf ein Bündnis mit Raines einließ, folgte Lyle ihm. Ein dunkler Schemen huschte hinter ihm quer über den Korridor, doch weder Raines noch Lyle bemerkten ihn.

Während des ganzen Wegs schwieg der Wissenschaftler. Lyle ging neben ihm her und wunderte sich ein wenig über das zufriedene Lächeln auf Raines' Lippen. Ein Gefühl sagte ihm, daß Raines noch einen Trumpf im Ärmel hatte, aber es war nicht unbedingt ein ungutes Gefühl. Ein starker Verbündeter war schließlich genau das, was er im Moment brauchte.

Es dauerte fast eine Viertelstunde, bis sie ihr Ziel erreichten. Das lag zum einen daran, daß Raines nur sehr langsam vorankam, zum anderen war es ein langer Weg. Raines machte mehrere Umwege, schien sich ganz sicher sein zu wollen, eventuelle Verfolger abgeschüttelt zu haben. Schließlich standen sie vor einer schweren Eisentür am Ende eines langen Korridors auf Sub-Level 14, tief in den Eingeweiden des Centres. Die Tür war mit einem Zahlenschloß gesichert. Raines stellte sich so davor, daß Lyle nicht sehen konnte, welchen Code er eintippte. Entnervt rollte Lyle mit den Augen. Glaubte Raines wirklich, daß er diesen Code nicht würde herausfinden können, wenn er es wirklich wollte?

Ein lautes Poltern auf der anderen Seite der Tür deutete an, daß schwere Riegel zur Seite gewuchtet wurde. Erstaunt hob Lyle die Brauen.

"Was verstecken Sie hier unten, Raines? Das Bernsteinzimmer vielleicht?" Doch noch während er spottete, ahnte er auf einmal, was er gleich hinter dieser Tür sehen würde.

"Nein, Mr. Lyle", gab Raines ernst zurück. "Nur die Erfüllung Ihrer und meiner Wünsche."

Damit schwang die Tür nach außen auf und gab den Blick frei auf ein hochmodern eingerichtetes Labor. Lyle staunte nicht schlecht, als er erkannte, daß mindestens eine halbe Million Dollar in die Einrichtung dieser unterirdischen Schatzkammer geflossen sein mußte. Aufmerksam sah Lyle sich vom Eingang des großen Raumes her um, ließ seinen Blick über ihm unbekannte, teuer aussehende Geräte und eine Gruppe von vier Leuten schweifen. Im rückwärtigen Bereich des Raumes sah er dann, was er seit der Öffnung der Tür erwartet hatte.

"Raines, Sie Mistkerl!" zischte er, erfüllt von einer Mischung aus Ungläubigkeit und Zorn. "Mein Vater macht mir die Hölle heiß, weil ich das Kind nicht finden kann - und sie verstecken es die ganze Zeit hier unten!"

Mit ein paar langen Schritten erreichte er den Brutkasten, der etwas abgeschieden am anderen Ende des Raumes stand. Fassungslos starrte er hinunter auf das winzige Bündel darin, von dem nur ein blasses Gesichtchen zu erkennen war. Eine blaßrosa Narbe zog sich von der Stirn über die rechte Schläfe bis hinunter zur Wange des Kindes; ein untrüglicher Beweis dafür, daß es sich um Brigittes Kind handeln mußte.

"Es sah lange Zeit nicht sehr gut für sie aus", sagte Raines auf einmal hinter Lyle, und der zuckte vor Schreck leicht zusammen.

"Ein Mädchen?"

"Mr. Lyle, darf ich Ihnen Ihre Schwester vorstellen?" schnaufte Raines spöttisch. "Ihre Geburt verdient zweifelsohne die Beschreibung 'ungewöhnlich'."

"Geburt?" fragte Lyle mit hochgezogenen Brauen. Neben ihm zuckte Raines mit den Schultern.

"Lassen Sie es mich so ausdrücken: Es war kein Kaiserschnitt mehr nötig", sagte Raines. Aus den Augenwinkeln glaubte Lyle zu sehen, daß der ältere Mann bei dieser Aussage grinste, aber er wollte es gar nicht so genau wissen. Ein anderer Gedanke beanspruchte seine volle Aufmerksamkeit.

"Sie waren es, der das Kind aus Brigitte herausgeschnitten hat."

"In der Tat. Ich hatte Glück, ebenso wie dieses Kind. Ich war rechtzeitig dort, um diesem Mädchen das Leben zu retten. Wie gesagt, es sah lange Zeit nicht gut für sie aus, aber mein Ärzteteam" - er nickte herüber zu den drei Männern und der Frau, die in der Mitte des Raumes um einen Tisch herum standen - "konnte ihr Leben retten."

"Sie waren rechtzeitig da", wiederholte Lyle flüsternd, völlig gefangengenommen von dem einen Gedanken, der ihn beschäftigte. Er löste seinen Blick von seiner gerade erst einen Monat alten Schwester und sah Raines mit einem glühenden Ausdruck in den Augen an. "Sie haben alles gesehen. Sie wissen, wer Brigitte ermordet hat!"

"Mein lieber Mr. Lyle", gab Raines mit einem diabolischen Grinsen auf den Lippen zurück, "ich weiß noch viel mehr als das."

"Jetzt rücken Sie schon raus damit, Sie alter Narr", verlangte Lyle und griff nach Raines Schultern; er schüttelte den alten Mann leicht. Raines erwiderte Lyles brennenden Blick voller Gelassenheit. Spott und Herablassung verzerrten seine Lippen zu einem Lächeln.

"Brigittes Mörder ist derselbe Mann, der auch Thomas Gates und Ben Miller auf dem Gewissen hat", verriet er Lyle, dann machte er eine dramatische Pause, die Lyle dazu veranlaßte, ihn erneut zu schütteln. "Ihr Vater."

Lyle konnte nicht glauben, was er da gerade gehört hatte. Fassungslos ließ er Raines los; seine Gedanken wirbelten wild durcheinander. Sicher, er hatte durchaus seine Vermutungen gehabt, aber das übertraf alles bei weitem. Für eine Sekunde schoß es ihm durch den Kopf, daß er wohl derjenige gewesen war, der Bens Ermordung ausgelöst hatte - denn er war es gewesen, der dem alten Parker erzählt hatte, wo seine Tochter ihren Urlaub verbringen wollte. Ein triumphierendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Diese Information, zusammen mit der Entdeckung seiner jüngsten Schwester, offenbarte ihm völlig neue Möglichkeiten. Der Flug nach Japan erschien ihm mit einemmal gar nicht mehr so schlimm. Was war das schon gegen die Veränderungen, die es hier im Centre geben würde, sobald er zurückkehrte?

***

Hoch über Lyle und den anderen kauerte sich eine verstörte Gestalt eng an die beruhigend kühle Wand des Luftschachts, während die Digitalkamera in ihren Händen fast lautlos summte.

***

Den Rücken leicht an die Trennwand aus Papier gelehnt, die Beine unter sich gefaltet, versuchte Miss Parker, sich zu entspannen. Sie saß am Kopfende des Futonbettes im Schlafzimmer des Pavillons, den sie gemeinsam mit Tanaka bewohnte. In ihrem Schoß lag eines der beiden Bilder, die sie mit nach Japan gebracht hatte. Es zeigte sie selbst als junges Mädchen. Neben ihr stand ein etwa gleichaltriger Jarod, und hinter ihnen beiden stand ihre Mutter. Das Bild war während des einzigen gemeinsamen Treffens zwischen Catherine, Jarod und ihr entstanden; Sydney hatte das Foto geschossen.

Sie konnte sich noch an jede Einzelheit dieses Tages erinnern; das sanfte Lächeln ihrer Mutter; den Ausdruck von Sehnsucht und zögerlicher Freude in Jarods Augen; Sydneys gerunzelte Stirn; ihr eigenes Gefühl der Unbeschwertheit. Am Ende des Tages hatte Jarod ihr gestanden, daß er sie um ihre Mutter ein wenig beneidete; daraufhin hatte sie ihm gesagt:

>Sei nicht dumm, Jarod. Du hast doch auch eine Mutter. Jeder hat eine! Außerdem kannst du ein Teil meiner Familie sein.<

Miss Parker runzelte die Stirn, als sie sich an diese Worte erinnerte. Damals hatte sie sie so gemeint, aber galt das heute auch noch?

Sie schloß die Augen und versuchte, an nichts Bestimmtes zu denken. Tanaka war zu einer zweitägigen Geschäftsreise nach Tokio aufgebrochen; seine Schwester und ihre Familie machten einen Ausflug in den Süden von Hokkaido. Dadurch hatte Miss Parker die Gelegenheit, allein und ungestört mit ihren Gedanken zu sein.

Das Bild schien schwer in ihren Händen zu lasten, die entspannt in ihrem Schoß lagen. Viele Erinnerungen hingen daran; gute und schlechte. Anders als in den letzten Wochen zwang sich Miss Parker, nicht länger vor den Erinnerungen zurückzuschrecken. Etwas in ihr drängte sie dazu, sich endlich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Während sie noch überlegte, wie genau sie mit der Bewältigung ihrer Erfahrungen und Erlebnisse beginnen sollte, geschah etwas Unerwartetes.

Miss Parker schnappte überrascht nach Luft, als sie sich auf einmal an einem Ort wiederfand, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Konnte das wirklich möglich sein...?

Vor ihrem inneren Auge erstreckte sich eine bewaldete Landschaft, durchsetzt mit flachen Hügeln und in goldenes Sonnenlicht getaucht. Die Strahlen der Sonne fühlten sich angenehm warm an auf ihrer Haut, und doch waren sie so irreal und substanzlos wie eine Erinnerung.

Sie stand auf einer kleinen Anhöhe, die mit hohem Gras bewachsen war. Nur ein einzelner Baum stand hier; eine Weide, deren Äste bis auf den Boden herunterhingen. Wann immer sie von dem leichten Wind gestreift wurde, der in kaum spürbaren Böen über den Hügel strich, regnete ein hauchdünner Schleier aus goldenem Blütenstaub auf die Erde herab. Zu ihrer Rechten, am Fuße der Anhöhe, lag ein Teich, der die Form eines Ahornblattes hatte. Sein tiefblaues Wasser glitzerte einladend.

Wie viele Jahre war es jetzt her, seit sie zum letzten Mal hiergewesen war? Es mußten über zwanzig sein; wahrscheinlich aber sogar noch mehr.

...Zuflucht...

Dieser Ort, dieser eine Platz auf der Welt, der ihr ganz allein gehörte, war ihre innere Zuflucht, ihr Hafen. Er war ein Geschenk ihrer Mutter an sie. Ihre Mutter hatte diese innere Welt für sie erschaffen, hatte ihr durch Geschichten und Erzählungen geholfen, sie immer weiter auszuschmücken und am Ende so plastisch und real werden zu lassen, daß Miss Parker sich tatsächlich dorthin hatte zurückziehen können, wenn sie die Augen geschlossen hatte. Ihre Zuflucht - so hatte ihre Mutter diesen Ort genannt. Und oft war es eine Zuflucht für sie gewesen. Besonders in den letzten Jahren vor dem Tod ihrer Mutter hatte Miss Parker lange Stunden damit verbracht, durch ihre innere Welt zu streifen und so der wirklichen Welt zu entfliehen.

Ein paar Wochen nach dem Tod ihrer Mutter war sie dann zum letzten Mal in diese Welt eingetaucht, die damals nichts anderes als die Traumwelt eines jungen, verängstigten Mädchens gewesen war. Dann hatte sie den Fehler gemacht und ihrem Vater davon erzählt. Er war sehr wütend geworden und hatte ihr eine lange Predigt gehalten, die ihr doch nur das eine hatte vermitteln sollen: eine Parker versteckte sich nicht vor der Realität. Sie lernte, sie zu akzeptieren oder sie zu ändern, wenn sie ihr nicht paßte, aber niemals, niemals ergriff sie die Flucht vor ihr.

Natürlich hatte sie versucht, ihre innere Zuflucht auch danach wieder zu erreichen, aber es war ihr nie wieder gelungen. Über die Jahre hatte sie dann das Geschenk ihrer Mutter als Traum abgetan, hatte vergessen, daß sie sich an einen Ort zurückziehen konnte, der ihr innere Ruhe und Frieden schenkte.

Erstaunt, aber glücklich sah Miss Parker sich jetzt um in ihrer Zuflucht, fühlte sich ein bißchen wie der erwachsene Peter Pan, der nach Nimmerland zurückkehrte. Lächelnd schüttelte sie den Kopf. Das hier war ganz anders.

Langsam schlenderte sie herüber zu der Weide, deren Äste kaum merklich im Wind schaukelten. Stimmen wehten zu ihr herüber, und durch den Vorhang aus goldgelben Blättern sah sie zwei Gestalten, die nebeneinander auf dem Boden saßen, offenbar in ein Gespräch vertieft. Miss Parker strich ein paar der Äste zur Seite und ließ sich neben den beiden Menschen nieder, die nichts weiter waren als ein Teil ihrer Erinnerungen.

>Was ist das hier für ein Ort, Mama?< fragte die junge Miss Parker. >Träume ich?<

>Nein, du träumst nicht. Du bist wach, auch wenn deine Augen vielleicht geschlossen sind<, antwortete Catherine Parker und strich ihrer Tochter eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

>Aber nichts hier ist wirklich, oder?<

>Wie wirklich ist eine Erinnerung?< fragte Catherine zurück, einen wissenden Ausdruck in den Augen. >Für dich ist diese Welt real, denn du bist es, die sie jedesmal wieder aufs neue erschafft.<

Die junge Miss Parker runzelte die Stirn.

>Aber was ist diese Welt denn nun, Mama?< wollte sie wissen. Catherine lachte leise über die Hartnäckigkeit ihrer kleinen Tochter.

>Manche würden ihn vielleicht deine Seele nennen; andere dein Herz. Einige würden sagen, daß es dein Unterbewußtsein ist; wieder andere hielten es vielleicht für dein Gedächtnis. Später wirst du vielleicht einen eigenen Namen dafür finden, aber bis dahin kann es deine Zuflucht sein.<

...Zuflucht...

Die erwachsene Miss Parker erhob sich, und die Gestalten aus ihrer Erinnerung verblaßten langsam, bis sie völlig verschwunden waren. Sie wußte jetzt, warum sie hier war. Wie sie den Zugang zu ihrer Zuflucht wiedergefunden hatte, würde sie erst noch herausfinden müssen, aber im Moment spielte das keine Rolle. Wichtig war nur, daß sie hier war. Sie und ihre Erinnerungen.

Nachdenklich schlenderte sie von der Weide fort und hinunter ans Ufer des Teiches. In einiger Entfernung erkannte sie einen dunklen Schemen, der gemächlich auf den sanften Wellen schaukelte. Miss Parker schirmte ihre Augen gegen die Sonne ab. Es war eine kleine Segeljolle, die dort tief im Wasser lag. Zwei Männer, deren Gesichter sie nicht erkennen konnte, saßen darin und angelten. Wer sie wohl waren?

>Du weißt es doch<, sagte eine vertraute Stimme neben ihr. Als Miss Parker den Kopf wandte, sah sie direkt in das lächelnde Gesicht ihres jüngeren Ichs.

>Ben und Tommy<, murmelte die erwachsene Miss Parker, und das Wissen erfüllte sie mit Erleichterung. Es gab soviel, was sie den beiden noch sagen wollte, und jetzt wußte sie, daß sie das jederzeit würde tun können, auf eine persönlichere Weise, als mit einem kalten Grabstein zu sprechen.

>Du kannst mich nicht fangen!<

Eine weitere Gestalt huschte an ihr vorbei. Es war Jarod, in etwa so alt wie ihr jüngeres Ich. Er lachte und sah sich im Laufen kurz um.

>Und ob ich das kann!< rief ihm die junge Miss Parker nach und sprintete hinter ihm her. Miss Parker lächelte und sah den beiden nach, beschloß dann, ihnen zu folgen. Die beiden Kinder rannten über einen bemoosten Weg, der direkt auf den Waldrand zuführte. Mächtige Eichen und Buchen streckten ihre Wipfel hoch in den Himmel, warfen lange Schatten auf das Gras vor ihnen.

>Es ist schön, daß du dich endlich entschlossen hast, diesen Weg zu gehen<, sagte Catherine, die plötzlich neben ihr ging. Miss Parker griff nach der Hand ihrer Mutter und drückte sie, dann drehte sie den Kopf und sah ihr tief in die Augen.

>Ich habe Angst<, gestand sie. Catherine nickte.

>Das weiß ich, mein Herz. Aber es ist Zeit für dich, dich der Realität zu stellen.<

Miss Parker lachte leise auf.

>Ausgerechnet hier?<

>Hier beginnt es<, erwiderte Catherine und sah ihre Tochter ernst an. Sie blieb stehen und ließ Miss Parkers Hand los.

>Kommst du nicht mit?< wollte Miss Parker wissen und blieb ebenfalls stehen.

>Du brauchst meine Hilfe nicht, mein Liebes. Folge deinem Herzen, und du wirst deinen Weg erkennen.<

Catherine lächelte ihrer Tochter aufmunternd zu, dann drehte sie sich um und ging den Weg zurück, den sie gekommen war.

... Du mußt sie loslassen...

Die Worte, die ihre Mutter in ihrem Traum an sie gerichtet hatte, fielen ihr wieder ein, als Miss Parker dabei zusah, wie Catherines Gestalt vor ihren Augen verblaßte. Gehörte ihre Mutter auch zu den Dingen, die sie loslassen sollte? Sie hoffte es nicht.

Miss Parker ging weiter, folgte dem Weg, der direkt in den Wald hineinführte. Als sie den Wald erreichte, erwartete sie eine Überraschung. Irgendwie hatte sie erwartet, daß es im Inneren des Waldes dunkel, vielleicht auch bedrohlich sein würde, doch das traf nicht zu. Ganz im Gegenteil; der Weg verbreiterte sich sogar noch und führte schnurgerade in den Wald hinein. Hoch über dem Weg bildeten die Wipfel der Bäume ein grünes Dach, so daß Miss Parker das Gefühl hatte, durch einen Säulengang zu wandern. Licht filterte durch die Baumkronen, zauberte immer neue Muster auf den Weg und erfüllte sie mit einem Gefühl der Geborgenheit.

>Du gehörst zu mir. Das weißt du doch, nicht wahr, mein Engel?< erklang die Stimme ihres Vaters neben ihr. >Wir sind eine Familie.<

>Familie<, wiederholte Miss Parker und seufzte. Die Schritte ihres Vaters neben ihr wirkten so schwer im Vergleich zu ihren eigenen. Sie mußte sich zwingen, ihn anzusehen.

>Das Centre ist deine Familie<, sagte sie zu ihm, erfüllt von einer Entschlossenheit, die fast schon schmerzhaft war. >Ich wollte nie im Centre leben. Ich wollte nie für das Centre leben. Doch ich habe für dich gelebt, für deine Anerkennung, deine Liebe.<

Ihr Vater ging etwas schneller und griff nach ihrem Arm, um sie mit sich zu ziehen. Wütend schüttelte Miss Parker seine Hand ab und blieb stehen.

>Bist du hier, um mir zuzuhören?< fragte sie ihn. Er blieb stehen, drehte sich aber nicht zu ihr um.

>Natürlich, mein Engel.<

>Gut<, murmelte Miss Parker und spürte, wie ihre Entschlossenheit drohte, sich in Entmutigung zu verwandeln. Ihre Mutter hatte recht. Hier begann es. Wenn sie dieses Gespräch später auch mit ihrem Vater führen wollte, wenn sie sich ihm im Centre stellen wollte, dann mußte sie sich zuerst von der übermächtigen Erinnerung an ihn lösen.

Sie überbrückte die wenigen Meter, die sie von ihrem Vater trennten, trat um ihn herum und stellte sich vor ihn. Der Wald um sie herum veränderte sich, doch sie nahm es zuerst nicht wahr. Es wurde dunkler; der Weg, auf dem sie bis eben noch gestanden hatten, verschwand und verwandelte sich in eine mit trockenen Zweigen und toten Blättern bedeckte Lichtung. Miss Parker hatte nur Augen für ihren Vater.

>Du hast das Centre zu meinem Zuhause gemacht, obwohl ich es nicht wollte; du hast gewußt, was das für mich bedeuten würde<, begann sie, den Blick auf die merkwürdig leer wirkenden Augen ihres Vaters gerichtet. >Ich verlor meine Mutter, als ich noch ein Kind war. Was ich damals brauchte, waren deine Liebe und deine Aufmerksamkeit. Was ich bekam, war der Aufenthalt in einem Internat und der noch stärkere Wunsch nach deiner Aufmerksamkeit, deiner Anerkennung.<

Traurig über sich selbst, schüttelte sie den Kopf. Natürlich hatte sie immer gewußt, daß sie hauptsächlich von ihrem Wunsch nach Anerkennung - nach der Liebe ihres Vaters - angetrieben worden war. Sie hatte vieles im Centre hingenommen, hatte Entschuldigungen für Dinge gesucht, die vielleicht nicht zu entschuldigen waren. In ihrem Streben, ihrem Vater zu gefallen, hatte sie sich in den Dienst des Centres gestellt, hatte ein Leben im goldenen Käfig gewählt. Das Gold war längst abgeblättert von den Gittern, die sie gefangen hielten, und trotzdem arbeitete sie noch immer für ihren Vater und das Centre.

Es war leicht gewesen, nach außen hin so zu wirken, als mache es ihr nichts aus, die Ziele des Centres zu verfolgen, als wären die Ansichten ihres Vaters ihre eigenen. Eine Zeitlang war es sogar leicht gewesen, sich das selbst einzureden. Dann waren Sydney und Jarod wieder in ihr Leben getreten, und die ersten leisen Zweifel hatten begonnen, sie zu plagen. Ihr erstes Treffen mit Ben und Jarods unermüdliche Versuche, sie an ihre Vergangenheit zu erinnern, hatten die Zweifel verstärkt. Und dann hatte sie Tommy getroffen. Plötzlich hatte es zum ersten Mal seit vielen Jahren so ausgesehen, als könne es für sie ein Leben ohne das Centre geben. Sie hatte begriffen, daß es für sie möglich war, sich von ihrem Vater zu lösen und ihre Angst zu überwinden. Diese Angst war tief in ihr verwurzelt; Angst vor Verlust; Angst vor der Welt außerhalb des Centres; Angst vor der Person, die sie ohne das Centre werden würde.

Mit Tommy war ihre Hoffnung gestorben, das Centre jemals verlassen zu können. Allein fühlte sie sich dazu einfach nicht in der Lage. Es stimmte, sie hatte nicht mehr viel zu verlieren, aber an dem Wenigen, das ihr noch geblieben war, hielt sie mit aller Kraft fest.

>Du weißt, daß ich immer für dich da bin<, wisperte Jarods dunkle Stimme in ihr Ohr, als sich seine starken Arme von hinten um ihre Taille wanden. Miss Parker lehnte sich an ihn, den Blick noch immer unverwandt auf ihren Vater gerichtet, in Gedanken bei ihren Erkenntnissen über das Centre und sich selbst.

>Ja<, murmelte sie und schloß die Augen. Für den Moment war ihr der eisig starrende Blick ihres Vaters unerträglich geworden. Er erinnerte sie daran, wie oft sie ihrem Vater nachgegeben und ihre eigenen Wünsche hinten an gestellt hatte.

>Ich habe dich gar nicht für ihn gejagt, habe ich recht?< fragte sie nach einer Weile und öffnete die Augen wieder. Ihr Vater war verschwunden; statt dessen fiel ihr Blick auf Jarod und sich selbst als Kinder. Die Arme des erwachsenen Jarod hielten sie noch immer in einer lockeren Umarmung, gaben ihr die Kraft, sich ihren Überlegungen zu stellen. Sie spürte, wie Jarod hinter ihr den Kopf schüttelte; sein Atem strich sanft und warm über ihren Nacken.

>Ich bin nicht derjenige, der dir diese Antwort geben kann<, wisperte er in ihr Ohr. Er zog sie enger an sich und hauchte ihr einen Kuß auf die Wange.

>Die Antwort...< Miss Parker starrte auf ihr jüngeres Selbst, das einem überraschten Jarod gerade seinen ersten Kuß gab. Ein Zittern lief über die Lichtung, als hätte irgend etwas Miss Parkers innere Welt erschüttert. Die Kinder vor ihren Augen alterten, wurden zu Teenagern, die sich gegenseitig durch die Gänge und Korridore des Centres jagten. Miss Parker erschauderte; Jarods Umarmung wurde merklich fester.

>Es ist wie...<, begann sie.

>Ein Vorbote, nicht wahr?< beendete Jarod den Satz für sie. Er seufzte. >Jäger. Gejagte. Immer auf der Suche. Wonach?<

Entschlossen schüttelte Miss Parker den Kopf.

>Keine Fragen<, verlangte sie, ihr Tonfall herausfordernd.

>Diese Einstellung hat dich dort hingebracht, wo du jetzt bist<, flüsterte Jarod, diesmal in ihr anderes Ohr, seine Stimme so dunkel, daß sie Miss Parker an entferntes Donnergrollen erinnerte. Jarod ließ seine Arme sinken und entließ Miss Parker aus seiner Umarmung.

>Verlust<, sagte er.

Aus den Teenagern in der Mitte der Lichtung wurden Erwachsene. Miss Parker beobachtete sie, durchlebte noch einmal einige Szenen aus ihrer Vergangenheit.

... Jarods Hand streicht zärtlich über ihre Stirn, an ihrer Schläfe entlang zu ihrer Wange...

... das Donnern der Explosion hallt in ihren Ohren, als sie sicher in Jarods Armen liegt...

... das Wissen um seine Liebe zu ihr, das sie wärmt, als er neben ihr auf der Veranda steht...

... das Glühen ihrer Haut, wo seine zärtlichen Hände sie berührt haben...

... die Sehnsucht in seinen Augen, als er seine Familie vermißt...

... die Berührung seiner Lippen auf ihren, sein Atem vermischt mit ihrem, sein Körper eng gegen den ihren gepreßt...

>Wohin führt das alles?< fragte Miss Parker die Welt im allgemeinen und niemanden im besonderen. Sie drehte sich um, wandte den Blick ab von ihren Erinnerungen. Jarod stand nicht mehr hinter ihr; er war fort.

>Das werde ich dir zeigen<, beantwortete ihr Vater ihre Frage. Miss Parker wirbelte herum und sah, wie ihr Vater aus den Schatten zwischen den Bäumen am Rand der Lichtung hervortrat. Mit ein paar langen Schritten war er bei den nun substanzlos erscheinenden Personen, die sie selbst und Jarod repräsentierten. Wie Geister schwebten sie, nun halb durchsichtig, über dem Waldboden, sahen einander in die Augen. Dann verblaßte ihr geisterhaftes Ich, und Jarod blieb allein zurück. Eine unnatürliche Stille legte sich über die Lichtung, schien stundenlang anzuhalten, bevor sie von einem schnell lauter werdenden Pfeifen durchschnitten wurde.

Reglos sah Miss Parker mit an, wie Jarod von einer Kugel mitten in die Brust getroffen wurde und leblos zu Boden sackte. Blut sickerte aus der kaum münzgroßen Eintrittswunde, rann über Jarods T-Shirt und wurde dann vom Waldboden aufgesogen. In Miss Parker breitete sich ein Taubheitsgefühl aus, das von einer gedanklichen Klarheit begleitet wurde, die sie überraschte. Wo blieb der Schmerz? Die Trauer über Jarods Verlust?

>Das ist es, nicht wahr?< fragte sie, erstaunt über die Distanz, mit der sie die Dinge jetzt betrachtete. Sie wandte sich direkt an ihren Vater, dessen Gesicht aschfahl war. >Hier führt alles hin. Ich verlasse das Centre und verliere alles.<

>Auf der Suche. Wonach?<

Jarod - ein beruhigend gesund aussehender Jarod - trat neben ihren Vater, musterte sie erwartungsvoll aus dunklen Augen.

>Nach Sicherheit<, antwortete Miss Parker, ohne zu zögern. >Geborgenheit. Menschlicher Wärme. Einer Zukunft. Garantien.<

Der Körper des erschossenen Jarod verschwand; zurück blieben nur ihr Vater und der starke, zuversichtliche Jarod, der sie eben noch in seinen Armen gehalten hatte. Miss Parker lächelte, und dabei ruhte ihr Blick allein auf Jarod.

>Ganz schön dumm von mir<, meinte sie mit einem Schmunzeln. >Seit wann bekommt man Garantien für die Zukunft?<

>Keine Garantien<, sagte Jarod in der Mitte der Lichtung und verschwand. >Nur Vertrauen.<

Nun stand er direkt vor ihr; Mr. Parker war nicht länger zu sehen. Miss Parker sah in Jarods Augen. In den dunklen Tiefen erkannte sie die Ernsthaftigkeit von Jarods Gefühlen, aber sie suchte nicht länger nach einer festgeschriebenen Zukunft darin.

Wind frischte auf, trieb die vertrockneten Blätter über den Waldboden und schien Miss Parker etwas zuzuflüstern.

...loslassen...

Sie wußte, daß sie gerade erst den ersten Schritt gemacht hatte, aber es fühlte sich gut an. Sie fühlte sich gut. Die Unentschlossenheit, die Lethargie der letzten Wochen und Monate begann, von ihr abzufallen, wurde vertrieben von neuer Energie und dem Wunsch, ihre Zukunft endlich selbst zu formen; auch gegen Widerstände - mochte es nun das Centre oder ihr Vater sein.

Geisterhafte Gestalten zogen an Miss Parker vorbei; sie nahm sie nur aus dem Augenwinkel wahr. Sydney, das Gesicht in sorgenvolle Falten gelegt. Broots, nervös wie eh und je. Tanaka, mit einem wissenden Lächeln auf dem Gesicht. Brigitte, ihre Haut wächsern und blaß.

>Später<, versprach Miss Parker, und die Gestalten verblaßten. Jetzt gab es nur noch Jarod und sie selbst. Er beugte sich zu ihr vor, sah ihr prüfend in die Augen. Sie lächelte, nahm sein Gesicht in ihre Hände und zog ihn zu sich heran. Kurz bevor sich ihre Lippen berührten, hielten sie beide inne.

>Freunde<, wisperte Jarod gegen ihre Lippen, doch sie kam nicht mehr dazu, ihm zu antworten.

Ein lautes Pochen ließ Miss Parker aus ihren Erinnerungen aufschrecken; sie riß die Augen auf und sah sich, für den Moment orientierungslos, im Zimmer um. Im ersten Augenblick schien alles ruhig zu sein, dann hörte sie Schritte. Jemand kam den Kiesweg herauf, der zum Pavillon führte. War Tanaka schon wieder zurück? Wollte er sie vielleicht überraschen?

Mit einiger Mühe gelang es ihr, die intensive Erfahrung, die sie gerade gemacht hatte, zurückzudrängen und sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

Das Knirschen des Kieses unter den Schritten ihres Besuchers verstummte. Ein paar endlose Sekunden verstrichen ereignislos, dann sah sie den Schatten eines Mannes, der sich deutlich gegen die helle Papierschiebetür abhob. Er zögerte, dann schob er die Tür beiseite, und Miss Parker war in der Tat überrascht. Wie erstarrt saß sie auf dem Bett, die Hände fest um das Bild in ihrem Schoß geschlossen.

"Was zum Teufel willst du hier?" fragte sie ihren Zwillingsbruder, als sie ihre Stimme wiedergefunden hatte.

***

"Ich glaub's nicht. Ich kann's einfach nicht glauben. Das kann nicht wahr sein", wimmerte Broots vor sich hin, als er neben Sydney einen der längsten Korridore im ganzen Centre entlang schritt. Seit er vor ein paar Stunden den Film gesehen hatte, den ein extrem beunruhigt und verstört wirkender Angelo ihnen überlassen hatte, waren ihm nur wenige andere Worte über die Lippen gekommen. Ein Blick in Sydneys blasses Gesicht neben ihm machte ihm deutlich, daß auch Sydney fassungslos über die jüngsten Entwicklungen war.

"Es ist aber wahr", sagte Sydney tonlos. "So wahr wie das Centre eine morallose Mördergrube ist."

"A...aber... ich meine... ist Mr. Parker verrückt?" wisperte Broots und sah sich voller Besorgnis um. Er sah, wie Sydney leicht den Kopf schüttelte und dann mit den Schultern zuckte.

"Verrückt? Vielleicht. Emotional gestört? Ganz sicher."

Broots spürte, daß es etwas gab, das seinen Freund und Kollegen belastete, mehr noch als das Wissen, daß Mr. Parker offenbar ein gefährlicher Massenmörder war.

"Wieso habe ich alle Zeichen übersehen?" platzte es auf einmal aus Sydney heraus, und der Psychiater blieb stehen.

"Miss Parker", antwortete Broots sofort und blieb ebenfalls stehen, warf aber einen schnellen Blick auf seine Uhr. Trotz - oder vielleicht gerade wegen - der schockierenden Neuigkeiten war er fest entschlossen, die Mission, auf der Sydney und er sich befanden, erfolgreich zu Ende zu führen. "Sie waren zu sehr damit beschäftigt, Miss Parker zu helfen und sich um sie Sorgen zu machen."

Er berührte Sydney am Arm und ließ seinen Freund durch einen sanften Druck seiner Hand wissen, daß er ihn verstand. Sydney wandte den Kopf und sah ihn an; sein Blick war so voller Emotionen, daß Broots ihn besorgt ansah, doch dann nickte Sydney kaum merklich.

"Ja", meinte er, "vielleicht ist es so gewesen. Doch trotzdem..."

So sehr Broots sich auch wünschte, Sydney zu helfen, er wußte, daß sie keine Zeit verschwenden durften. Dieses Gespräch würden sie später führen müssen.

"Wir müssen weiter", drängte er leise und erneut sah er sich beinahe verstohlen um. Der Korridor war zwar leer, aber hier im Centre stand man praktisch ständig unter Beobachtung. Deswegen mußten sie sich ja auch beeilen.

Sydney schloß kurz die Augen und schien sich einen inneren Ruck zu geben.

"Sie haben recht." Auch er warf einen Blick auf seine Uhr. "Charles und der Junge können jeden Augenblick hier eintreffen."

Gemeinsam eilten sie bis ans Ende des Korridors. Dort stellten sie sich unter ein Abdeckungsgitter des Lüftungsschachts und warteten. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis das Licht kurz flackerte und ihnen damit anzeigte, daß in dieser Sektion der Hauptstrom ausgefallen und das Notstromaggregat angesprungen waren. Die Sicherheitskameras waren nun offline, so wie Broots es vorher programmiert hatte; der Notstrom wurde nicht in das Kamerasystem dieses Sektors geleitet, statt dessen lief auf den Überwachungsmonitoren in der Sicherheitszentrale ein altes Band in einer Endlosschleife.

Ein Rumpeln im Lüftungsschacht kündigte ihren Besuch an; kurz darauf wurde das Gitter zur Seite gehoben, und Angelo sprang mit seinem Gefolge zu Boden. Die Begrüßung fiel nur sehr kurz aus; alle waren angespannt und wollten diese Aktion so schnell und reibungslos wie nur irgend möglich beenden.

"Wissen alle Bescheid?" erkundigte sich Major Charles und sah der Reihe nach alle Anwesenden an. Ebenso wie alle anderen nickte Broots; zu mehr war er dank seiner Nervosität auch nicht fähig.

"Dann los."

Der Major und Sydney trennten sich vom Rest der Gruppe und liefen in die Richtung, aus der Sydney und Broots vor wenigen Minuten gekommen waren, während Broots, Angelo und Jay sich auf den Weg in Angelos Reich machten.

Sie mußten aus Sicherheitsgründen den Weg durch das Belüftungssystem nehmen. Weder Angelo noch Jay schien das etwas auszumachen, aber Broots fühlte deutliche Beklemmungen angesichts der staubigen Enge. Ihre Reise durch eine der Hauptadern des Centres schien endlos zu dauern, doch als Broots nach ihrer Ankunft in Angelos Zimmer erneut auf die Uhr sah, stellte er fest, daß sie sogar noch unter der vorher von ihm berechneten Zeit geblieben waren.

Alles war genau getimt worden; jeder Schritt und jede Aktion war von ihnen allen gemeinsam in den letzten Stunden aufs genauste ausgeklügelt worden.

Ebenso wie Angelo und Jay setzte sich Broots vor einen der PCs in Angelos kleinem, chaotisch wirkenden Reich. Jeder von ihnen widmete sich ganz seiner Aufgabe. Jay sorgte mit kleinen Fehlfunktionen an den richtigen Stellen dafür, daß die Sweeper auf Charles' und Sydneys Weg abgelenkt waren. Angelo kümmerte sich um die Türcodes und die verschiedenen Sicherheitsberechtigungen, die erforderlich waren, um Raines' 'Schatzkammer' zu erreichen, und Broots war dafür zuständig, sich um die Kameras zu kümmern und den Fortschritt von Jarods Vätern genau zu verfolgen.

Er konzentrierte sich auf die Bilder der Überwachungskameras. Anders als seine Kollegen im Technikraum sah er aktuelle Bilder und verfolgte gespannt den Weg der beiden winzig wirkenden Figuren, die, genau dem Zeitplan folgend, von einem Bereich in den nächsten eilten. An diesen beiden Männern hing ihre ganze Hoffnung.

"Jetzt, Jay", wisperte Broots, als er sah, wie der Major und Sydney sich dem Aufzug näherten, der sie auf Sub-Level 14 bringen würde. Jay grinste ihn an und nickte. Seine Finger huschten über die Tasten. Er ließ eine Audiodatei ablaufen, die er auf dem Weg zum Centre aus Material erstellt hatte, das er von Angelo per Internet bekommen hatte.

In Raines Schatzkammer ertönte nun eine Durchsage, die von Mr. Parker zu stammen schien und die dort anwesenden Ärzte - die Angelo für sie identifiziert hatte - in den Tower zitierte. Das war Jarods Idee gewesen.

Broots schauderte kurz, als er daran dachte, daß der Pretender als einziger von ihnen ganz allein auf sich gestellt war. Jetzt, in diesem Moment, mußte er schon auf unsichtbaren Wegen im Centre unterwegs und auf der Suche nach den Akten sein, die Mr. Parkers Schuld zweifelsfrei beweisen würden. Es war Angelo gewesen, der die Existenz dieser Akten entdeckt und herausgefunden hatte, wo Raines sie zur späteren Verwendung versteckte. Jarod hatte sich sofort bereit erklärt, diesen Teil ihres 'Einbruchs' zu übernehmen; es hatte ihm nichts ausgemacht, ohne Hilfe im Centre unterwegs zu sein.

Broots hatte ihn nicht gesehen, sondern nur am Telefon mit ihm gesprochen, aber er hatte den Eindruck gehabt, daß Jarod die Gelegenheit, allein in den Tiefen des Centres zu stöbern, sehr begrüßt hatte.

Eine Bewegung auf seinem Bildschirm brachte ihn wieder ins Hier und Jetzt zurück. Die Ärzte verließen zögerlich den Raum - alle bis auf einen: Raines.

"Verdammt!" fluchte Broots und griff nach dem Headset, das griffbereit neben seiner Tastatur lag. "Sydney, Raines ist noch drin!"

Es dauerte quälend lange, bis er eine Antwort erhielt. Angelo und Jay sahen ihn gespannt von beiden Seiten an. Endlich hörte Broots dann Sydneys leise Stimme.

"Wir machen weiter, Broots", flüsterte er. "Der Major sagt, daß er mit Raines jederzeit fertigwerden kann."

Sydneys grimmiger Tonfall verhieß nichts Gutes, aber es gab nicht viel, was Broots tun konnte. Er war nicht derjenige, der sich in die Höhle des Löwen begeben würde; das war ganz allein die Entscheidung der beiden Männer, deren Fahrstuhl soeben Sub-Level 10 passiert hatte.

"Okay", hauchte Broots ins Mikrofon, dann noch einmal lauter: "Okay, Sydney."

Er legte das Headset wieder beiseite.

"Es geht weiter", informierte er Angelo und Jay, die ihren angehaltenen Atem entweichen ließen. Broots Blick huschte zurück auf den Monitor, der ihm die Bilder von vier verschiedenen Kameras zeigte. Auf einem der Bilder sah er voller Erleichterung, wie die Ärzte aus Raines' Labor sich vor einem der beiden Fahrstühle versammelten. Sofort schickte er die leere Kabine, die er auf Sub-Level 13 in Wartestellung gehalten hatte, zu ihnen herunter.

"Geht rein, na los, beeilt euch", murmelte er leise. Die Tür schloß sich hinter dem letzten der Ärzte, und die Kabine setzte sich in Bewegung. Keine 10 Sekunden später erreichten Charles und Sydney Sub-Level 14. Broots atmete hörbar aus; das war zum Glück die am knappsten berechnete Stelle in ihrem Zeitplan gewesen.

"Hey, machen Sie sich keine Sorgen", meinte auf einmal Jay neben ihm, "Wir kriegen das schon hin!"

Broots konnte gar nicht anders; er mußte Jays ansteckendes Grinsen einfach erwidern.

"Ja", sagte er. "Ja, wir kriegen das hin."

'Und wenn nicht', fügte er in Gedanken hinzu, 'dann ist das auch egal, denn dann sind wir ohnehin tot.'

Er schüttelte diesen negativen Gedanken sofort ab und konzentrierte sich statt dessen wieder voll auf seinen Monitor. Zu seiner Linken begann Angelo damit, den Code der schweren Eisentür, die allein noch den Weg zum Ziel ihrer Mission versperrte, zu überbrücken. Es dauerte nicht lange, bis die Tür schließlich langsam aufschwang.

Broots war jetzt nicht mehr der einzige, der vor Spannung wie gelähmt an seinem Monitor klebte; Angelo und Jay schauten ihm über die Schulter.

"Sie sind drin", flüsterte Broots ungläubig.

"Yeeeehaaaah", juchzte Jay neben ihm. "Das war wirklich cool! Genau der richtige Stoff für Mission Impossible III."

"Es ist noch lange nicht vorbei", hörte Broots sich sagen, während er noch darüber nachdachte, wie in aller Welt Jay so schnell nachgeholt hatte, was er während seiner Zeit im Centre verpaßt hatte. "Sie müssen noch an Raines vorbei - der seinen 'Schatz' mit Sicherheit nicht einfach so rausrücken wird - und dann müssen wir sie noch aus dem Centre raus bekommen."

Neben ihm nickte Angelo kummervoll, doch Jay schien sich in seinem Optimismus durch Broots' Worte kaum beeinflussen zu lassen.

"Raines böse", murmelte Angelo, während sie alle wie gebannt auf den Bildschirm starrten, um die Ereignisse in Raines neuestem Labor zu verfolgen. Broots bedauerte, daß es keinen Ton gab, aber das Mikrofon der von Angelo im Luftschacht plazierten Kamera besaß nur eine begrenzte Reichweite. Nur sehr laute oder nahe Geräusche wurden an Broots' PC übertragen. Ansonsten gab es keine Kameras in dem geheimen Labor, dafür hatte Raines gesorgt.

Sie beobachteten, wie Sydney und Charles den Raum betraten. Der ungünstige Kamerawinkel verhinderte, daß sie die Gesichter der Anwesenden erkennen konnten, aber es war offensichtlich, daß eine Art Diskussion stattfand. Dann passierte, was Broots schon befürchtet hatte: Der Major zog eine Waffe und bedrohte Raines damit. Sydney wandte sich kurz an Charles, dann löste er sich aus der kleinen Gruppe und ging hinüber zu dem Brutkasten, in dem Brigittes Kind lag. Er nahm das Mädchen heraus, wickelte es in eine zusätzliche Decke, die er von einem nahen Tisch nahm, und kehrte mit dem Kind in seinen Armen zum Major und Raines zurück.

Broots hielt die Luft an. Sollte es wirklich so einfach sein? Sollte ihr Plan wirklich reibungslos funktionieren? Er wagte es nicht zu hoffen.

"Klasse", freute sich Jay neben ihm. Broots kam gar nicht dazu, etwas zu erwidern, denn in den nächsten Sekunden überschlugen sich die Ereignisse. Sydney und Charles wandten sich zum Gehen; Charles senkte die Waffe und wollte sie wieder einstecken; Raines setzte sich hinter ihnen in Bewegung; er zog ebenfalls eine Waffe; wie durch ein Wunder oder vielleicht auch durch irgendein Geräusch fuhr Charles herum; ein Schuß löste sich aus einer der Waffen - alle hielten den Atem an; Raines sank wie in Zeitlupe leblos zu Boden; ein Alarm schrillte plötzlich durch Angelos Zimmer.

"Oh mein Gott", hauchte Jay neben Broots und löste ihn damit aus seiner Starre. Panik brodelte in ihm hoch, aber er unterdrückte sie, konzentrierte sich mit aller Macht auf die vor ihm liegende Aufgabe.

'Vielleicht ist er gar nicht tot', dachte er, während er gleichzeitig damit beschäftigt war, die Quelle des Alarms ausfindig zu machen.

"Unrecht tot", sagte Angelo plötzlich mit einer Befriedigung in der Stimme, die alle Zweifel an Raines' Tod in Broots auslöschte. Mit aller Gewalt verdrängte er den Gedanken, daß er gerade einen Menschen - 'Raines war ein Monster, Raines war ein Monster!' - hatte sterben sehen, aus seinem Bewußtsein.

"Wir müssen sie da rausholen", sagte er mit einer erstaunlich festen Stimme, ignorierte sowohl Angelos Hand auf seinem Arm, als auch Jays blasses Gesicht neben sich. Alles, was jetzt noch zählte, war der Erfolg der Mission.

***

"Hey, ist das etwa eine Art, seinen Zwillingsbruder zu begrüßen?!" fragte Lyle mit einem süffisanten Lächeln. Miss Parker sah ihm entgegen; Wut regte sich in ihr. Sie wollte, daß er ging. Er gehörte nicht hierher, und vor allem gehörte er nicht in ihr Leben.

"Du hast hier nichts zu suchen, Lyle", sagte sie mit einer neugewonnen Schärfe in der Stimme. "Verschwinde!"

Lyle schnalzte ungeduldig mit der Zunge, machte aber keine Anstalten, wieder zu gehen. Statt dessen trat er in das karg möblierte Zimmer und schob die Tür hinter sich zu. Interessiert sah er sich um.

"Hier lebst du also mit deinem Verlobten, ja? Wie... romantisch."

Miss Parker entspannte ihre Hände und legte das Bild beiseite, dann stand sie vom Bett auf. Es fiel ihr erstaunlich leicht, sich den äußeren Anschein von Kälte und gelassener Ruhe zu geben, während es in ihrem Inneren brodelte. Sie fühlte sich, als hätte eine heilende Wandlung in ihr stattgefunden.

"Auch wenn ich's sicher bereuen werde...", murmelte sie, bevor sie lauter weitersprach. "Was willst du hier?"

"Es war gar nicht so leicht, bis hierher zu kommen", sagte Lyle, als hätte er ihre Frage nicht gehört. "Wirklich erstaunlich, wie hartnäckig diese Yakuza sein können. Auf dem Weg vom Flughafen hierher hätten sie mich fast erwischt. Dagegen war es geradezu lächerlich einfach, das Anwesen hier zu durchqueren. Tanaka ist es wohl herzlich egal, ob du hier in Sicherheit bist, was?"

"Was willst du hier, Lyle?" wiederholte Miss Parker entnervt, lauter als zuvor.

"Schön, daß du fragst, Schwesterchen", grinste Lyle und in seinen Augen funkelte es. "Du wirst dir vielleicht vorstellen können, daß ich nicht hier bin, um dir zur Verlobung zu gratulieren. Nein, unser Vater schickt mich."

Miss Parker verspürte einen Stich, als sie an ihren Vater dachte, doch das war alles; es gab keine Angst, keinen Gedanken an ein Ausweichen mehr.

"Ach, sollst du mir vielleicht seine Glückwünsche überbringen?" erkundigte sie sich sarkastisch. Lyles Brauen wanderten in die Höhe; ein solches Verhalten schien er von ihr nicht erwartet zu haben. Gut. Sie liebte es, ihre Mitmenschen zu überraschen.

"Er will, daß du nach Hause kommst", kam Lyle plötzlich ohne weitere Umschweife zur Sache. Sein Lächeln verschwand, und in seinen Augen glomm Entschlossenheit auf.

"Nach Hause", wiederholte Miss Parker nachdenklich. "Und wo denkt er, daß mein Zuhause ist?"

Lyle schnaubte voller Ungeduld.

"Laß doch die Spielchen, Schwesterherz."

Sie schüttelte lächelnd den Kopf.

"Keine Chance, Lyle. Das habe ich schon viel zu lange getan", antwortete sie mit einer inneren Ruhe, die sie selbst nie für möglich gehalten hätte. Ihr Bruder fuhr sich mit seiner gesunden Hand durchs Haar; er wirkte plötzlich wie ein Mann, der sehr viel zu verlieren hatte und sich dieser Tatsache auch bewußt war. Er machte einen Schritt auf sie zu und starrte sie mit einem Ausdruck in den Augen an, der etwas von verzweifeltem Haß hatte.

"Dad will, daß du nach Hause kommst. Nach Blue Cove", versuchte er, ihr zu verdeutlichen. "Deswegen bin ich hier. Ich soll dich zurückbegleiten."

"Begleiten? Schöner Euphemismus. Ein Vorschlag zur Güte, Lyle: Ein paar offene Worte von dir, und wir können über den Rückflug reden."

"Offene Worte willst du? Kannst du haben", meinte Lyle. Die Erleichterung war ihm deutlich anzumerken. "Dad ist gegen diese Hochzeit. Er ist so sehr dagegen, daß er mich bedroht hat, nur damit ich herkomme und dich zurückbringe. Na, offen genug? Ich hab aber noch was für dich: Ich will auch, daß du zurückkommst. Es gibt da nämlich etwas, bei dem ich deine Hilfe gebrauchen könnte."

Er machte noch einen Schritt auf sie zu. Miss Parker fühlte sich versucht, vor ihm zurückzuweichen, weil sie seine Nähe unerträglich fand, entschied sich aber dagegen.

"Siehst du, es geht doch. Warum nicht gleich so?" sagte sie täuschend sanft. Dann fuhr sie schneidend fort: "Jetzt zum Thema Rückflug. Wenn du dich beeilst, erwischst du bestimmt noch den nächsten Flug zurück in die USA - bevor die Yakuza dich erwischen."

Lyle sah aus, als würde er am liebsten irgend etwas zertrümmern, aber aus irgend einem Grund nahm er sich zusammen.

"Sehr witzig", zischte er und machte erneut einen Schritt auf sie zu. "Die Situation ist allerdings alles andere als lustig für dich. Wirst du mir jetzt endlich zuhören?"

Miss Parker hatte nichts dergleichen vor. Ihre Geduld mit Lyle war erschöpft. Sie beschloß, nach einem der Bodyguards zu rufen, die das Tanaka Anwesen rund um die Uhr bewachten. Lyle hatte seine Chance gehabt, unerkannt wieder zu verschwinden.

"Ich habe bereits genug gehört", sagte sie in ihrem gleichgültigsten Tonfall und trat an Lyle vorbei, um zur Tür zu gehen. Sie hatte noch nicht einmal die Hälfte des kurzen Weges zurückgelegt, als ein metallisches Klicken hinter ihr sie dazu veranlaßte, wie angewurzelt stehenzubleiben. Wie in Zeitlupe drehte sie sich um. Tatsächlich, sie hatte richtig gehört - er bedrohte sie mit einer Waffe. Wo er sie herhatte, wollte sie gar nicht wissen. Ihr genügte es zu sehen, daß er die Mündung auf sie gerichtet hielt.

"Das ist nicht dein Ernst", meinte sie mit einem Kopfschütteln. Lyle zuckte leicht mit den Schultern. Er griff in seine Jackentasche, holte einen Schalldämpfer heraus und drehte ihn in aller Ruhe auf die Waffe. "Du wirst mich nicht erschießen."

"Natürlich nicht!" Lyle gab sich entrüstet. "Ich werde dich einfach nur anschießen. Dad wird das verstehen. Ja, das wird er sogar mit Sicherheit."

Der eigenartige Ausdruck in Lyles Augen jagte Miss Parker einen Schauder über den Rücken. Er schien noch etwas sagen zu wollen, entschied dann aber doch, erst ihre Antwort abzuwarten.

"Sag, was du zu sagen hast, Lyle", gab Miss Parker angesichts seines Arguments nach. "Bringen wir's schnell hinter uns."

"Endlich wirst du vernünftig", lobte Lyle, und das süffisante Lächeln kehrte auf sein Gesicht zurück. "Also, wo fange ich am besten an? Vielleicht mit Brigittes vorzeitigem Ableben?"

"Darüber weiß ich schon Bescheid", unterbrach Miss Parker ihn ungeduldig. Brigittes Tod tat ihr leid, aber sie wollte ihn trotzdem nicht mit Lyle diskutieren. Lyle sah sie erstaunt an.

"Ach, wirklich? Nun, um so besser. Dann gleich zum Wesentlichen. Ihr Kind lebt. Raines hat es. Und, was noch besser ist, er hat mir eine Zusammenarbeit angeboten. Gemeinsam können wir..."

'Raines hat es.' Nach diesen Worten schien Lyles Stimme sie nicht mehr zu erreichen; Miss Parker fühlte sich, als hätte sie gerade den Boden unter den Füßen verloren. Nicht schon wieder ein unschuldiges Kind, daß in Raines' Händen gelandet war! Unbändiger Zorn erfüllte sie.

"Hey, hörst du mir überhaupt zu?" durchbrach Lyle ihre Überlegungen. Er wedelte kurz mit der Waffe, um ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken. Sie starrte ihn an.

"Eine Zusammenarbeit mit Raines? Um was genau zu erreichen?" fragte sie, ihre Stimme nur mühsam beherrscht. Lyle rollte mit den Augen.

"Das sagte ich doch gerade: Es ist höchste Zeit für unseren alten Herrn, sich in Pension zu begeben. Seine Zeit im Centre ist vorbei; er sollte das Feld jetzt seinen Kindern überlassen. Klar, bei seinem kleinen Dachschaden werden sich die Altersheime nicht gerade um ihn reißen, aber Geld regiert die Welt, nicht wahr?"

Miss Parker schloß einen Herzschlag lang die Augen. Sie hatte ganz deutlich das Gefühl, daß ihr eine wichtige Information fehlte, um die Situation richtig zu verstehen.

'Raines hat es.'

Ihr Herz schlug schneller, als ihr diese Worte erneut durch den Kopf gingen. Sie mußte handeln, jetzt gleich. Sie brauchte mehr Informationen. Eine andere von Lyles Aussagen erregte ihre Aufmerksamkeit.

"Kleiner Dachschaden?" erkundigte sie sich mit zusammengekniffenen Augen. "Was in aller Welt meinst du damit?"

Lyles Grinsen verbreiterte sich zusehends.

"Oh, ich werde dir doch nicht diese hübsche Überraschung verderben", antwortete er. "Nur soviel: Das hängt alles mit unserem kleinen Plan zusammen."

Vielleicht war es die Tatsache, daß er 'unser Plan' gesagt hatte, vielleicht aber auch nur ein Anflug von Trotz, aber Miss Parker wußte auf einmal, daß sie auf keinen Fall mit Lyle an ihrer Seite, als seine Geisel, nach Blue Cove zurückkehren würde. Sie runzelte die Stirn. Die wenigen Worte, die Lyle über ihren Vater verloren hatte, erfüllten sie mit tiefer Besorgnis. Was ging im Centre schon wieder vor sich?

'Ich muß zurückkehren', überlegte sie. 'Aber bin ich schon bereit?' Sie entschied, daß sie es nicht war. Es war gerade erst einige Minuten her, daß sie die Kraft gefunden hatte, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und ehrliche Antworten auf offene Fragen zu finden. Wie sollte sie sich auf ihre Rückkehr vorbereiten, wenn sie sich die ganze Zeit über in Lyles Gewalt befand? Nein, sie mußte zu ihren eigenen Konditionen zurückkehren, damit ihr Vater begriff, daß sie sich nicht länger von ihm herumkommandieren lassen würde. Aber was sollte sie mit Lyle machen? Wie konnte sie verhindern, daß er die Kontrolle über sie übernahm?

"Ich schätze, den Rest kann ich dir später im Flugzeug erzählen", fuhr Lyle fort und löste damit eine instinktive Reaktion in Miss Parker aus. Sie durfte auf keinen Fall zulassen, daß er ihre Unabhängigkeit in Frage stellte.

Bevor Lyle auch nur erahnen konnte, was sie vorhatte, schnellte Miss Parker bereits auf ihn zu. Mit einer Hand griff sie nach der Waffe, die andere ballte sie zur Faust und rammte sie in seinen Magen; ihr Knie traf ihn währenddessen an seiner empfindlichsten Stelle. Überrascht und schmerzerfüllt ließ Lyle die Luft aus seinen Lungen entweichen, aber seine Hand umschloß noch immer die Waffe. Sie rangen darum, wie zwei Geschwister, die sich um ein besonders schönes Spielzeug streiten. Keiner von ihnen sagte etwas; jeder war darauf konzentriert, den anderen zum Loslassen zu bewegen. Schließlich versuchte Lyle, seine Schwester mit einem seiner Beine von den Füßen zu hebeln. Als Resultat davon verloren sie beide das Gleichgewicht.

Miss Parker zog mit der Kraft der Verzweiflung an der Waffe. Lyle war ein starker Gegner, und er kämpfte immer mit allen Tricks. Wenn sie eine Chance gegen ihn haben wollte, mußte sie schnell sein. Noch im Fallen umgriff sie mit ihrer zweiten Hand Lyles Handgelenk, um ihn so zu zwingen, seinen Griff um die Waffe zu lösen. Auch er nahm seine zweite Hand zur Hilfe in diesem chaotischen Gerangel. Die Sekunden begannen, sich auszudehnen. Die Welt beschränkte sich auf die Waffe in ihren Händen und das Wissen, daß diese Waffe die Kontrolle über diese Situation bedeutete.

Wie in Zeitlupe fielen die Geschwister auf das niedrige Bett; vier Hände zogen und zerrten an der Waffe, lösten durch blindes Tasten und Greifen das Unvermeidliche aus.

Das Geräusch, mit dem sich der Schuß löste, war lächerlich leise. Miss Parker sah entgeistert nach unten, um herauszufinden, in welche Richtung die Waffe zeigte. Ihr Bruder folgte ihrem Blick, einen zutiefst erstaunten Ausdruck auf dem Gesicht.

Parker wußte nicht, ob sie getroffen war, denn sie fühlte nichts außer dem warmen Blut, das zwischen ihren Fingern hervorquoll.


Ende Teil 19

Fortsetzung folgt...


Mit Teil 20 wird es voraussichtlich wieder etwas länger dauern; das liegt aber vor allem daran, daß der nächste Teil voraussichtlich noch länger als dieser hier werden wird...

Zum Thema Feedback hätte ich im Moment einiges zu sagen (unter anderem, daß ich kurz davor stand, das Mittel der Erpressung zu wählen :( ), aber das werde ich auf später verschieben, da ich glaube, daß ich erst einmal ein bißchen Abstand dazu brauche. Über Eure Meinungen, Fragen, Kommentare und Anregungen freue ich mich natürlich trotzdem, wenn Ihr sie hier hinterlaßt: missbit@web.de

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