Rechtliche Hinweise: Die bekannten Charaktere
der Fernsehserie 'The Pretender' gehören MTM, NBC und TNT (und leider nicht
mir). Die folgende Geschichte dient keinerlei kommerziellen Zwecken, sondern
wurde nur zum Vergnügen anderer Fans wie mir geschrieben. Eine Verletzung des
Copyrights ist nicht beabsichtigt.
Der Countdown läuft - die Geschichte nähert sich unaufhaltsam ihrem Ende. Noch
2 Teile (exklusive diesem)!
In diesem Teil wird es - ganz ungewohnt, aber zur Abwechslung doch eigentlich
ganz nett - mal etwas actionlastiger zugehen. Am Ende wird es zwei Tote zu
beklagen geben; ein Mörder wird enthüllt und eine langvermißte Person
gefunden. Kurzum: Wenn Ihr beim Lesen auch nur halb soviel Spaß habt wie ich
beim Schreiben, dann werdet Ihr Euch prächtig amüsieren. :)
Ich möchte mich natürlich - wie immer - ganz herzlich bei meinen Betafeen
bedanken. You rock!
Außerdem danke ich Nic, die nicht nur die Zeitung beigesteuert, sondern auch
meine Ideen unterstützt hat. :)
***
And I have the sense to recognize that
I don't know how to let you go
Every moment marked
With apparitions of your soul
I'm ever swiftly moving
Trying to escape this desire
The yearning to be near you
I do what I have to do
The yearning to be near you
I do what I have to do
But I have the sense to recognize
That I don't know how
To let you go
-- Sarah McLachlan, 'Do What You Have To Do'
***
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Kostbare Momente 19 |
Wäre die Welt auf der anderen Seite seines Bürofensters untergegangen, es hätte
nicht schlimmer aussehen können als das Unwetter, das sich gerade über Blue
Cove austobte. Lyle schaute mißmutig hinaus in die grauen Regenschleier. Er mußte
an Brigitte denken, die während eines ganz ähnlichen Sturms ermordet worden
war.
Es überraschte ihn selbst ein wenig, daß er sie vermißte. Für gewöhnlich
fand er sich schnell damit ab, wenn Personen, aus welchen Gründen auch immer,
aus seinem Leben verschwanden - ganz egal, ob sie ihm nun nahegestanden hatten
oder nicht. Aber Brigittes Ableben beschäftigte ihn schon seit Tagen. Nicht
nur, daß er sich fragte, wer sie ermordet haben und was aus dem Kind geworden
sein könnte, er befürchtete auch, daß der Mörder seine eigenen Pläne
durchkreuzen würde. Abgesehen davon war Brigitte im Besitz von Informationen
gewesen, die ihm durchaus gefährlich werden konnten.
Versunken in seine Gedanken, erhob sich Lyle von seinem Sessel und durchmaß
sein Büro mit langen Schritten. Vor der Tür machte er abrupt halt, drehte sich
um und marschierte zurück zu seinem Schreibtisch. Fühlten sich so vielleicht
Raubtiere, die ohne jede Hoffnung auf Flucht in einem Zoo oder Zirkus vor sich
hinvegetierten, nicht einmal wußten, daß ihnen ein freies, ungezähmtes Leben
in der Savanne entging? Lyle schnitt eine Grimasse. Wenn ihm schon solche
Vergleiche durch den Kopf gingen, dann hatte er wohl den Einfluß unterschätzt,
den die Ereignisse der letzten Wochen auf ihn gehabt hatten.
Mit einem leisen Grollen sank Lyle wieder in seinen Ledersessel. Wenigstens war
er nicht noch einmal verhaftet worden; die Anklage gegen ihn war im Sande
verlaufen, doch das ungute Gefühl, daß ihn jemand durch dieses Spielchen in
seine Schranken hatte weisen wollen, blieb. Sein Hauptverdacht richtete sich
mittlerweile gegen die japanischen Yakuza, obwohl er sich keiner Tat bewußt
war, die die plötzlich wiederaufflammende Aufmerksamkeit seiner ehemaligen
Geschäftspartner erklären würde.
Er schüttelte den Kopf und wandte seine Gedanken wieder drängenderen Problemen
zu. Sein Vater hatte von ihm verlangt, Brigittes Kind ausfindig zu machen. Lyle
hatte durchaus nichts gegen diese Aufgabe einzuwenden, die auf alle Fälle
weniger schwierig zu werden versprach als die Jagd nach Jarod. Natürlich war
ihm schon kurz durch den Kopf gegangen, daß Jarod vielleicht derjenige war, der
das Kind entführt hatte - aber irgendwie wollte das nicht zu dem Bild passen,
das Lyle von Jarod hatte. Dazu kam noch, daß der edle Helfer der Unterdrückten
zur Zeit mit ganz anderen Dingen beschäftigt zu sein schien. Mehrere Einbrüche
in das lokale Netzwerk des Centres ließen darauf schließen, daß Jarod wieder
verstärkt nach seiner Familie suchte; ganz besonders nach seiner Mutter und
seiner Schwester.
Und dann war da noch seine eigene Schwester, Miss Parker. Lyle runzelte die
Stirn, ohne sich dieser Geste bewußt zu sein. Es hatte ihn zutiefst überrascht,
daß sie Blue Cove so überstürzt verlassen hatte, und es verwirrte ihn, daß
niemand in der Chefetage des Centres dies als Verlust zu betrachten schien. Ganz
egal, was er sonst über sie denken mochte, er hielt sie für eine fähige Frau,
die es im Machtgefüge des Centres durchaus weit hätte bringen können, wenn
sie nur ihre moralischen Bedenken über Bord geworfen hätte. Nun, ihr Versäumnis
war mit Sicherheit sein Vorteil. Ihr Verschwinden bedeutete für ihn einen
Gegner weniger, den es im Auge zu behalten galt.
Die Fingerspitzen nachdenklich aneinander gepreßt, lehnte Lyle sich in seinem
Sessel zurück, die Augen halb geschlossen. Auch wenn sein Vater darauf
verzichtete, nach seiner Schwester suchen zu lassen und ihr Fortgehen offenbar
als unumstößliche Tatsache akzeptierte, verbesserte sich seine eigene Position
dadurch wirklich nur minimal. Was ihm fehlte, war ein wirksames Druckmittel. Es
war etwas eingetreten, das er immer zu vermeiden gehofft hatte: Er war zum
Spielball der Mächtigen im Centre geworden. Sein Vater hielt ihn mit
kryptischen Drohungen eisern unter seiner Kontrolle und verhinderte, daß Lyle
die Karriereleiter auch nur einen Millimeter weit erklomm.
Das Geräusch sich rasch nähernder Schritte riß Lyle aus seinen Gedanken. Es
dauerte nur wenige Sekunden, bis das dumpfe Pochen sein Büro erreichte; die Tür
flog ohne irgendeine Ankündigung auf und sein Vater betrat wutschnaubend das
Zimmer.
Lyle erhob sich halb aus seinem Sessel und öffnete den Mund, um seinen Vater zu
fragen, was ihn hierher verschlagen hatte, doch er beschloß zu schweigen, als
er den zornigen und aufgebrachten Ausdruck in den kalten Augen des älteren
Mannes sah.
Mit drei langen Schritten erreichte Mr. Parker den Schreibtisch seines Sohnes.
Es schien, als bedürfe es dieser physischen Barriere, um ihn zu stoppen. Ein
lautes Klatschen hallte durch das Büro, als Parker eine dicke Zeitung auf Lyles
Schreibtisch warf.
"Sieh dir das an!" wies er seinen Sohn an, sein Tonfall erbost.
Den Blick auf seinen Vater gerichtet, griff Lyle mit seiner gesunden Hand nach
der Zeitung und drehte sie so um, daß er das Titelblatt lesen konnte. Zunächst
fiel sein Blick auf den Namen der Zeitung. Asahi Shimbun, ein durchaus
renommiertes japanisches Tagesblatt. Lyles Herz sank. Bedeutete das etwa, daß
ihn die Yakuza in weit schlimmere Schwierigkeiten gebracht hatte, als ihm bisher
bewußt geworden war?
"Seite 17", knurrte der alte Parker, und Lyle vermied es
geflissentlich, ihm ins Gesicht zu sehen. Während er mit leicht zitternden
Fingern die richtige Seite aufschlug, überlegte er, wie er sich am besten aus
der Affäre würde ziehen können. Am besten würde er einfach alles leugnen;
das hatte auch früher schon funktioniert. Lyle legte sich bereits einige Worte
zurecht, als er endlich auf Seite 17 ankam und sofort erkannte, was seinen Vater
so in Rage versetzt hatte. Fassungslos starrte er auf das viertelseitige
Schwarzweißfoto, das seine Schwester an der Seite des Yakuza-Kronprinzen Tommy
Tanaka zeigte. Hastig überflog er die Schlagzeile und die Bildunterschrift.
"Sie will ihn heiraten?" fragte er erstaunt, mehr an sich selbst denn
an seinen Vater gerichtet. "Bist du dir auch ganz sicher, daß das keine
Ente..."
Ein Blick in Parkers Gesicht ließ ihn verstummen, noch bevor er das Ende seines
Satzes erreicht hatte. Oberhalb seiner rechten Schläfe pulsierte eine Ader,
verriet Lyle, daß sein alter Herr kurz vor der Explosion stand.
Parker richtete einen zitternden Zeigefinger auf Lyle. Wie hypnotisiert starrte
Lyle darauf, bis Parker den Finger auf das Bild niedersausen ließ, wo er wie
zufällig direkt auf Tanakas Kopf landete.
"Du wirst nach Japan fliegen", befahl er seinem Sohn, der ob dieser
Worte einen eisigen Schock verspürte. Wie konnte sein Vater das von ihm
verlangen, nach allem, was er dort durchgemacht hatte? "Du wirst sie zurückholen.
Ihre Rückkehr aus diesem lächerlichen Urlaub ist schon längst überfällig.
Meine Tochter wird auf keinen Fall einen solchen... einen solchen Verbrecher
heiraten!"
Lyle neigte den Kopf leicht zur Seite und sah seinen Vater von unten herauf an.
Der alte Mann lebte offenbar doch schon etwas weiter von der Realität entfernt,
als er bisher angenommen hatte. Urlaub? Er hielt die so offensichtliche Flucht
seiner Tochter aus dem Centre für einen Urlaub? Und was machte Tanaka zu einem
schlechteren Menschen als, beispielsweise, Parker selbst?
"Sie wird vielleicht nicht zurückkehren wollen", gab Lyle vorsichtig
zu bedenken. Er schürzte nervös die Lippen und wartete ab, ob seine Worte
einen erneuten Ausbruch des Mount Parker heraufbeschwören würden. Zu Lyles großer
Überraschung schien der alte Mann seine Worte wirklich zu überdenken; ja, er
nickte sogar.
"Das ist natürlich alles die Schuld dieses japanischen
Halsabschneiders", grollte er, und Lyle sah seine letzte Hoffnung
schwinden. "Mein kleiner Engel würde seinem Vater so etwas niemals
antun."
"Dad, ich...", begann er, aber Parker winkte bloß ab.
"Pack deine Sachen. Der Jet startet um 21 Uhr, und du wirst
drinsitzen."
Während ihm alle Felle davonschwammen, suchte Lyle panisch nach irgend etwas,
das ihm diese Reise ersparen würde.
"Was ist mit dem Kind?" stieß er hervor. Die kleine Ader über
Parkers Schläfe pulsierte plötzlich schneller. Er glaubte doch nicht etwa, daß
seine Schwester schwanger war und deshalb heiratete? Lyle beschloß, sobald wie
möglich den Artikel zu lesen, der das Foto umgab. "Du wolltest doch, daß
ich nach Brigittes Kind suche."
Verstehen blitzte in Parkers Augen auf. Er nickte kurz, und Lyle begann, wieder
neuen Mut zu schöpfen. Zwei Sekunden später erkannte er, daß er sich umsonst
Hoffnungen gemacht hatte. Parker nahm die Zeitung wieder an sich und wandte sich
zum Gehen.
"Darum werde ich mich kümmern", sagte er im Hinausgehen. "Sieh
du nur zu, daß du deine Schwester zurück in den Schoß der Familie
bringst."
Damit verließ er das Büro. Das Geräusch seiner sich entfernenden Schritte
wurde überdeckt von dem lauten Schlag, mit dem die Tür hinter ihm zufiel. Lyle
sprang auf und trat um seinen Schreibtisch herum. Er spielte mit dem Gedanken,
seinem Vater nachzugehen, doch er wußte, daß das keinen Sinn haben würde. Wütend
trat er gegen den Schreibtisch.
"Verdammt!" fluchte er. "Warum mußte es ausgerechnet Japan
sein?!"
Ein weiterer Tritt gegen das schwere Möbelstück half ihm dabei, zumindest
einen kleinen Teil seiner Wut abzubauen. Seine Gedanken überschlugen sich, aber
eins erkannte er mit unverkennbarer Deutlichkeit: Er würde Hilfe brauchen, wenn
er in Zukunft vermeiden wollte, wieder in so eine Situation zu geraten. Sich aus
dieser neuen Verpflichtung herauszuwinden, war unmöglich, soviel wußte er.
Falls... nein, wenn er das aber hinter sich gebracht hatte, mußte er unbedingt
dafür sorgen, daß nicht mehr sein Vater ihn, sondern er seinen Vater in der
Hand hatte.
Während er blicklos auf seinen Schreibtisch herunterstarrte, fiel ihm nur eine
Person ein, an die er sich wenden konnte: Raines. Der ehrgeizige Wissenschaftler
war einer der wenigen im Centre, die sich nicht scheuten, die Klingen mit dem
alten Parker zu kreuzen. Außerdem würde Raines zweifelsohne erkennen, daß es
ihm einige Vorteile bringen würde, Parker aus dem Weg zu haben.
Die daumenlose, behandschuhte Hand zur Faust geballt, verließ Lyle sein Büro.
Mit langen Schritten stürmte er den Korridor entlang, hieb auf den Rufknopf des
Fahrstuhls am Ende des Flurs und wartete ungeduldig auf die Ankunft der Kabine.
Die Fahrt ins Erdgeschoß schien eine Ewigkeit zu dauern; endlose Minuten, in
denen er sich sein Empfangskomitee in Japan vorstellte.
Mit knirschenden Zähnen verließ er den Fahrstuhl, als der endlich zum Halt
gekommen war, und ging so schnell weiter, daß er fast schon rannte. Er
durchquerte die Eingangshalle, nahm aus dem Augenwinkel war, daß das Unwetter
vorüber und der Abend angebrochen war und bog dann in den Korridor ein, der ihn
direkt zum neuen Flügel des Centres führen würde.
Er erreichte Raines' neues Labor in Rekordzeit. Schwungvoll stieß er die Tür
des Labors auf und sah sich suchend nach Raines um. Der Wissenschaftler stand in
einer Ecke des quadratischen Raumes, beugte sich dort über eine Ansammlung von
merkwürdig geformten Glasgefäßen. Als er Lyle auf sich zukommen hörte,
richtete er sich auf und drehte sich um. Er sah dem jüngeren Mann entgegen, die
Stirn unwillig gerunzelt.
"Mr. Lyle, ich habe nur wenig Zeit", sagte er anstelle einer Begrüßung.
"Ist mir durchaus klar", gab Lyle unbeeindruckt zurück. "Wir müssen
reden, Raines. Über meinen Vater."
Bei den letzten Worten senkte er die Stimme zu einem Flüstern und sah Raines
eindringlich an.
"Ah, er hat Sie gerade gebeten, sich um diese leidige Angelegenheit mit
Ihrer Schwester zu kümmern, habe ich recht?" erkundigte sich Raines, ein
schadenfrohes Lächeln auf den Lippen.
"Gebeten, ha!" schnaubte Lyle wütend. "In weniger als zwei
Stunden startet der Jet nach Japan, und mir bleibt keine andere Wahl, als dem
Wunsch" - er spie dieses Wort praktisch aus - "meines Vaters Folge zu
leisten. Aber vorher möchte ich noch etwas mit Ihnen besprechen."
In Raines' Augen glomm Interesse auf. Lange maß er Lyle mit einem abwägenden
Blick.
"Sie sind es müde geworden, im Schatten Ihres Vaters zu stehen",
vermutete der Wissenschaftler mit einem wissenden Lächeln. Es schien ihm sehr
zu gefallen, Lyle in dieser Situation zu sehen.
"Wenn Sie es so ausdrücken wollen", erwiderte Lyle mürrisch und biß
die Zähne aufeinander. Wann immer möglich, zog er es vor, allein zu arbeiten,
doch eine Allianz mit Raines erschien ihm im Moment als einziger Ausweg aus
seiner mißlichen Lage. "Mein Vater hat mich in letzter Zeit sehr unter
Druck gesetzt. Ich will, daß das ein Ende hat."
"Ein Ende", wiederholte Raines nachdenklich; in seinen Augen lag ein
abschätzender Ausdruck. "Reden wir hier über ein vorübergehendes Ende
oder...?"
"Über etwas Endgültiges", sagte Lyle mit Nachdruck. Nur mühsam
gelang es ihm, ein Schaudern zu unterdrücken, als er daran dachte, wie
unangenehm die letzten Wochen für ihn gewesen waren. Ganz abgesehen von seinen
Schwierigkeiten mit der lokalen Polizei hatte er außerdem mit dem einen Gefühl
zu kämpfen gehabt, daß er am meisten von allen haßte: Angst. Und es war sein
Vater gewesen, der diese Furcht in ihm ausgelöst hatte.
"Es gibt da vielleicht einen Weg, wie wir beide bekommen könnten, was wir
wollen", keuchte Raines. Seine Aufregung über Lyles Besuch schien ihm das
Atmen zu erschweren. Nach ein paar tiefen Zügen Sauerstoff aus seinem
Nasenschlauch atmete er jedoch wieder ruhiger. Lyle musterte ihn mit gerunzelter
Stirn. Es stimmte; er brauchte Raines' Hilfe, um sein Ziel zu erreichen. Das
einzige, was ihn dabei beunruhigte, war, daß er Raines' eigene Ziele nicht
kannte. Raines schien seine Gedanken zu erahnen.
"Ich schätze, wir haben hier ein kleines Vertrauensproblem", meinte
er leise.
"Nein", widersprach Lyle, "ich... vertraue Ihnen."
"Oh ja, sicher, in gewissen Grenzen", spottete Raines, aber sie beide
wußten, daß es dumm von Lyle gewesen wäre, Raines vollends zu vertrauen. Der
Wissenschaftler unterzog Lyle erneut einer stummen Musterung, bevor er
weitersprach. "Nun, Sie haben mir Ihr Vertrauen bereits bewiesen, indem Sie
zu mir gekommen sind. Ich schätze, Ihr Vater wäre nicht sehr begeistert, von
Ihrem kleinen Besuch hier zu erfahren."
Lyle spürte, wie er blaß wurde.
"Hören Sie, mein Vater weiß bereits, daß er auch aus den Reihen seiner
eigenen Familie mit Verrat rechnen muß", erklärte er sehr viel ruhiger,
als er sich fühlte. "Wie sonst hätte er es hier so weit bringen können?"
Raines sah ihn ungeduldig, fast schon zornig an.
"Wenn Sie wieder gehen wollen, dann machen Sie das gleich. Ich sagte Ihnen
schon, daß ich wenig Zeit habe."
Damit drehte er sich wieder halb seinem Experiment zu, aber Lyle legte ihm
hastig die Hand auf die Schulter.
"Warten Sie, Raines", zischte er. "In dieser Sache bleibt keinem
von uns eine Wahl, das wissen Sie ebensogut wie ich. Beweisen Sie, daß ich
Ihnen ebenfalls vertrauen kann, und wir kommen ins Geschäft."
Raines starrte auf Lyles Hand, bis dieser den älteren Mann losließ. Die beiden
maßen einander mit Blicken voller unterdrücktem Mißtrauen und Wut. Schließlich
nickte Raines knapp.
"Folgen Sie mir, Mr. Lyle", sagte er sehr leise. "Ich werde Ihnen
den ultimativen Beweis liefern, daß Sie mir vertrauen können. Aber ich warne
Sie: Wenn Sie mir in den Rücken fallen, wenn Sie irgend jemandem verraten, was
Sie gleich sehen werden, dann werden Sie keine Zeit mehr haben, Ihren Fehler zu
bereuen."
"Schluß mit der heißen Luft, Raines", knurrte Mr. Lyle ungehalten.
"Zeigen Sie mir, was Sie mir zu zeigen haben, dann sehen wir weiter."
Raines sagte nichts mehr, sondern drehte sich wortlos um und schlurfte hinüber
zur Tür, die Sauerstoffflasche an seiner Seite. Nicht so ganz überzeugt, daß
er wirklich das richtige tat, indem er sich auf ein Bündnis mit Raines einließ,
folgte Lyle ihm. Ein dunkler Schemen huschte hinter ihm quer über den Korridor,
doch weder Raines noch Lyle bemerkten ihn.
Während des ganzen Wegs schwieg der Wissenschaftler. Lyle ging neben ihm her
und wunderte sich ein wenig über das zufriedene Lächeln auf Raines' Lippen.
Ein Gefühl sagte ihm, daß Raines noch einen Trumpf im Ärmel hatte, aber es
war nicht unbedingt ein ungutes Gefühl. Ein starker Verbündeter war schließlich
genau das, was er im Moment brauchte.
Es dauerte fast eine Viertelstunde, bis sie ihr Ziel erreichten. Das lag zum
einen daran, daß Raines nur sehr langsam vorankam, zum anderen war es ein
langer Weg. Raines machte mehrere Umwege, schien sich ganz sicher sein zu
wollen, eventuelle Verfolger abgeschüttelt zu haben. Schließlich standen sie
vor einer schweren Eisentür am Ende eines langen Korridors auf Sub-Level 14,
tief in den Eingeweiden des Centres. Die Tür war mit einem Zahlenschloß
gesichert. Raines stellte sich so davor, daß Lyle nicht sehen konnte, welchen
Code er eintippte. Entnervt rollte Lyle mit den Augen. Glaubte Raines wirklich,
daß er diesen Code nicht würde herausfinden können, wenn er es wirklich
wollte?
Ein lautes Poltern auf der anderen Seite der Tür deutete an, daß schwere
Riegel zur Seite gewuchtet wurde. Erstaunt hob Lyle die Brauen.
"Was verstecken Sie hier unten, Raines? Das Bernsteinzimmer
vielleicht?" Doch noch während er spottete, ahnte er auf einmal, was er
gleich hinter dieser Tür sehen würde.
"Nein, Mr. Lyle", gab Raines ernst zurück. "Nur die Erfüllung
Ihrer und meiner Wünsche."
Damit schwang die Tür nach außen auf und gab den Blick frei auf ein hochmodern
eingerichtetes Labor. Lyle staunte nicht schlecht, als er erkannte, daß
mindestens eine halbe Million Dollar in die Einrichtung dieser unterirdischen
Schatzkammer geflossen sein mußte. Aufmerksam sah Lyle sich vom Eingang des großen
Raumes her um, ließ seinen Blick über ihm unbekannte, teuer aussehende Geräte
und eine Gruppe von vier Leuten schweifen. Im rückwärtigen Bereich des Raumes
sah er dann, was er seit der Öffnung der Tür erwartet hatte.
"Raines, Sie Mistkerl!" zischte er, erfüllt von einer Mischung aus
Ungläubigkeit und Zorn. "Mein Vater macht mir die Hölle heiß, weil ich
das Kind nicht finden kann - und sie verstecken es die ganze Zeit hier
unten!"
Mit ein paar langen Schritten erreichte er den Brutkasten, der etwas
abgeschieden am anderen Ende des Raumes stand. Fassungslos starrte er hinunter
auf das winzige Bündel darin, von dem nur ein blasses Gesichtchen zu erkennen
war. Eine blaßrosa Narbe zog sich von der Stirn über die rechte Schläfe bis
hinunter zur Wange des Kindes; ein untrüglicher Beweis dafür, daß es sich um
Brigittes Kind handeln mußte.
"Es sah lange Zeit nicht sehr gut für sie aus", sagte Raines auf
einmal hinter Lyle, und der zuckte vor Schreck leicht zusammen.
"Ein Mädchen?"
"Mr. Lyle, darf ich Ihnen Ihre Schwester vorstellen?" schnaufte Raines
spöttisch. "Ihre Geburt verdient zweifelsohne die Beschreibung 'ungewöhnlich'."
"Geburt?" fragte Lyle mit hochgezogenen Brauen. Neben ihm zuckte
Raines mit den Schultern.
"Lassen Sie es mich so ausdrücken: Es war kein Kaiserschnitt mehr nötig",
sagte Raines. Aus den Augenwinkeln glaubte Lyle zu sehen, daß der ältere Mann
bei dieser Aussage grinste, aber er wollte es gar nicht so genau wissen. Ein
anderer Gedanke beanspruchte seine volle Aufmerksamkeit.
"Sie waren es, der das Kind aus Brigitte herausgeschnitten hat."
"In der Tat. Ich hatte Glück, ebenso wie dieses Kind. Ich war rechtzeitig
dort, um diesem Mädchen das Leben zu retten. Wie gesagt, es sah lange Zeit
nicht gut für sie aus, aber mein Ärzteteam" - er nickte herüber zu den
drei Männern und der Frau, die in der Mitte des Raumes um einen Tisch herum
standen - "konnte ihr Leben retten."
"Sie waren rechtzeitig da", wiederholte Lyle flüsternd, völlig
gefangengenommen von dem einen Gedanken, der ihn beschäftigte. Er löste seinen
Blick von seiner gerade erst einen Monat alten Schwester und sah Raines mit
einem glühenden Ausdruck in den Augen an. "Sie haben alles gesehen. Sie
wissen, wer Brigitte ermordet hat!"
"Mein lieber Mr. Lyle", gab Raines mit einem diabolischen Grinsen auf
den Lippen zurück, "ich weiß noch viel mehr als das."
"Jetzt rücken Sie schon raus damit, Sie alter Narr", verlangte Lyle
und griff nach Raines Schultern; er schüttelte den alten Mann leicht. Raines
erwiderte Lyles brennenden Blick voller Gelassenheit. Spott und Herablassung
verzerrten seine Lippen zu einem Lächeln.
"Brigittes Mörder ist derselbe Mann, der auch Thomas Gates und Ben Miller
auf dem Gewissen hat", verriet er Lyle, dann machte er eine dramatische
Pause, die Lyle dazu veranlaßte, ihn erneut zu schütteln. "Ihr
Vater."
Lyle konnte nicht glauben, was er da gerade gehört hatte. Fassungslos ließ er
Raines los; seine Gedanken wirbelten wild durcheinander. Sicher, er hatte
durchaus seine Vermutungen gehabt, aber das übertraf alles bei weitem. Für
eine Sekunde schoß es ihm durch den Kopf, daß er wohl derjenige gewesen war,
der Bens Ermordung ausgelöst hatte - denn er war es gewesen, der dem alten
Parker erzählt hatte, wo seine Tochter ihren Urlaub verbringen wollte. Ein
triumphierendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Diese
Information, zusammen mit der Entdeckung seiner jüngsten Schwester, offenbarte
ihm völlig neue Möglichkeiten. Der Flug nach Japan erschien ihm mit einemmal
gar nicht mehr so schlimm. Was war das schon gegen die Veränderungen, die es
hier im Centre geben würde, sobald er zurückkehrte?
***
Hoch über Lyle und den anderen kauerte sich eine verstörte Gestalt eng an die
beruhigend kühle Wand des Luftschachts, während die Digitalkamera in ihren Händen
fast lautlos summte.
***
Den Rücken leicht an die Trennwand aus Papier gelehnt, die Beine unter sich
gefaltet, versuchte Miss Parker, sich zu entspannen. Sie saß am Kopfende des
Futonbettes im Schlafzimmer des Pavillons, den sie gemeinsam mit Tanaka
bewohnte. In ihrem Schoß lag eines der beiden Bilder, die sie mit nach Japan
gebracht hatte. Es zeigte sie selbst als junges Mädchen. Neben ihr stand ein
etwa gleichaltriger Jarod, und hinter ihnen beiden stand ihre Mutter. Das Bild
war während des einzigen gemeinsamen Treffens zwischen Catherine, Jarod und ihr
entstanden; Sydney hatte das Foto geschossen.
Sie konnte sich noch an jede Einzelheit dieses Tages erinnern; das sanfte Lächeln
ihrer Mutter; den Ausdruck von Sehnsucht und zögerlicher Freude in Jarods
Augen; Sydneys gerunzelte Stirn; ihr eigenes Gefühl der Unbeschwertheit. Am
Ende des Tages hatte Jarod ihr gestanden, daß er sie um ihre Mutter ein wenig
beneidete; daraufhin hatte sie ihm gesagt:
>Sei nicht dumm, Jarod. Du hast doch auch eine Mutter. Jeder hat eine! Außerdem
kannst du ein Teil meiner Familie sein.<
Miss Parker runzelte die Stirn, als sie sich an diese Worte erinnerte. Damals
hatte sie sie so gemeint, aber galt das heute auch noch?
Sie schloß die Augen und versuchte, an nichts Bestimmtes zu denken. Tanaka war
zu einer zweitägigen Geschäftsreise nach Tokio aufgebrochen; seine Schwester
und ihre Familie machten einen Ausflug in den Süden von Hokkaido. Dadurch hatte
Miss Parker die Gelegenheit, allein und ungestört mit ihren Gedanken zu sein.
Das Bild schien schwer in ihren Händen zu lasten, die entspannt in ihrem Schoß
lagen. Viele Erinnerungen hingen daran; gute und schlechte. Anders als in den
letzten Wochen zwang sich Miss Parker, nicht länger vor den Erinnerungen zurückzuschrecken.
Etwas in ihr drängte sie dazu, sich endlich mit der Vergangenheit
auseinanderzusetzen.
Während sie noch überlegte, wie genau sie mit der Bewältigung ihrer
Erfahrungen und Erlebnisse beginnen sollte, geschah etwas Unerwartetes.
Miss Parker schnappte überrascht nach Luft, als sie sich auf einmal an einem
Ort wiederfand, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Konnte das
wirklich möglich sein...?
Vor ihrem inneren Auge erstreckte sich eine bewaldete Landschaft, durchsetzt mit
flachen Hügeln und in goldenes Sonnenlicht getaucht. Die Strahlen der Sonne fühlten
sich angenehm warm an auf ihrer Haut, und doch waren sie so irreal und
substanzlos wie eine Erinnerung.
Sie stand auf einer kleinen Anhöhe, die mit hohem Gras bewachsen war. Nur ein
einzelner Baum stand hier; eine Weide, deren Äste bis auf den Boden
herunterhingen. Wann immer sie von dem leichten Wind gestreift wurde, der in
kaum spürbaren Böen über den Hügel strich, regnete ein hauchdünner Schleier
aus goldenem Blütenstaub auf die Erde herab. Zu ihrer Rechten, am Fuße der Anhöhe,
lag ein Teich, der die Form eines Ahornblattes hatte. Sein tiefblaues Wasser
glitzerte einladend.
Wie viele Jahre war es jetzt her, seit sie zum letzten Mal hiergewesen war? Es
mußten über zwanzig sein; wahrscheinlich aber sogar noch mehr.
...Zuflucht...
Dieser Ort, dieser eine Platz auf der Welt, der ihr ganz allein gehörte, war
ihre innere Zuflucht, ihr Hafen. Er war ein Geschenk ihrer Mutter an sie. Ihre
Mutter hatte diese innere Welt für sie erschaffen, hatte ihr durch Geschichten
und Erzählungen geholfen, sie immer weiter auszuschmücken und am Ende so
plastisch und real werden zu lassen, daß Miss Parker sich tatsächlich dorthin
hatte zurückziehen können, wenn sie die Augen geschlossen hatte. Ihre Zuflucht
- so hatte ihre Mutter diesen Ort genannt. Und oft war es eine Zuflucht für sie
gewesen. Besonders in den letzten Jahren vor dem Tod ihrer Mutter hatte Miss
Parker lange Stunden damit verbracht, durch ihre innere Welt zu streifen und so
der wirklichen Welt zu entfliehen.
Ein paar Wochen nach dem Tod ihrer Mutter war sie dann zum letzten Mal in diese
Welt eingetaucht, die damals nichts anderes als die Traumwelt eines jungen, verängstigten
Mädchens gewesen war. Dann hatte sie den Fehler gemacht und ihrem Vater davon
erzählt. Er war sehr wütend geworden und hatte ihr eine lange Predigt
gehalten, die ihr doch nur das eine hatte vermitteln sollen: eine Parker
versteckte sich nicht vor der Realität. Sie lernte, sie zu akzeptieren oder sie
zu ändern, wenn sie ihr nicht paßte, aber niemals, niemals ergriff sie die
Flucht vor ihr.
Natürlich hatte sie versucht, ihre innere Zuflucht auch danach wieder zu
erreichen, aber es war ihr nie wieder gelungen. Über die Jahre hatte sie dann
das Geschenk ihrer Mutter als Traum abgetan, hatte vergessen, daß sie sich an
einen Ort zurückziehen konnte, der ihr innere Ruhe und Frieden schenkte.
Erstaunt, aber glücklich sah Miss Parker sich jetzt um in ihrer Zuflucht, fühlte
sich ein bißchen wie der erwachsene Peter Pan, der nach Nimmerland zurückkehrte.
Lächelnd schüttelte sie den Kopf. Das hier war ganz anders.
Langsam schlenderte sie herüber zu der Weide, deren Äste kaum merklich im Wind
schaukelten. Stimmen wehten zu ihr herüber, und durch den Vorhang aus
goldgelben Blättern sah sie zwei Gestalten, die nebeneinander auf dem Boden saßen,
offenbar in ein Gespräch vertieft. Miss Parker strich ein paar der Äste zur
Seite und ließ sich neben den beiden Menschen nieder, die nichts weiter waren
als ein Teil ihrer Erinnerungen.
>Was ist das hier für ein Ort, Mama?< fragte die junge Miss Parker.
>Träume ich?<
>Nein, du träumst nicht. Du bist wach, auch wenn deine Augen vielleicht
geschlossen sind<, antwortete Catherine Parker und strich ihrer Tochter eine
Haarsträhne aus dem Gesicht.
>Aber nichts hier ist wirklich, oder?<
>Wie wirklich ist eine Erinnerung?< fragte Catherine zurück, einen
wissenden Ausdruck in den Augen. >Für dich ist diese Welt real, denn du bist
es, die sie jedesmal wieder aufs neue erschafft.<
Die junge Miss Parker runzelte die Stirn.
>Aber was ist diese Welt denn nun, Mama?< wollte sie wissen. Catherine
lachte leise über die Hartnäckigkeit ihrer kleinen Tochter.
>Manche würden ihn vielleicht deine Seele nennen; andere dein Herz. Einige würden
sagen, daß es dein Unterbewußtsein ist; wieder andere hielten es vielleicht für
dein Gedächtnis. Später wirst du vielleicht einen eigenen Namen dafür finden,
aber bis dahin kann es deine Zuflucht sein.<
...Zuflucht...
Die erwachsene Miss Parker erhob sich, und die Gestalten aus ihrer Erinnerung
verblaßten langsam, bis sie völlig verschwunden waren. Sie wußte jetzt, warum
sie hier war. Wie sie den Zugang zu ihrer Zuflucht wiedergefunden hatte, würde
sie erst noch herausfinden müssen, aber im Moment spielte das keine Rolle.
Wichtig war nur, daß sie hier war. Sie und ihre Erinnerungen.
Nachdenklich schlenderte sie von der Weide fort und hinunter ans Ufer des
Teiches. In einiger Entfernung erkannte sie einen dunklen Schemen, der gemächlich
auf den sanften Wellen schaukelte. Miss Parker schirmte ihre Augen gegen die
Sonne ab. Es war eine kleine Segeljolle, die dort tief im Wasser lag. Zwei Männer,
deren Gesichter sie nicht erkennen konnte, saßen darin und angelten. Wer sie
wohl waren?
>Du weißt es doch<, sagte eine vertraute Stimme neben ihr. Als Miss
Parker den Kopf wandte, sah sie direkt in das lächelnde Gesicht ihres jüngeren
Ichs.
>Ben und Tommy<, murmelte die erwachsene Miss Parker, und das Wissen erfüllte
sie mit Erleichterung. Es gab soviel, was sie den beiden noch sagen wollte, und
jetzt wußte sie, daß sie das jederzeit würde tun können, auf eine persönlichere
Weise, als mit einem kalten Grabstein zu sprechen.
>Du kannst mich nicht fangen!<
Eine weitere Gestalt huschte an ihr vorbei. Es war Jarod, in etwa so alt wie ihr
jüngeres Ich. Er lachte und sah sich im Laufen kurz um.
>Und ob ich das kann!< rief ihm die junge Miss Parker nach und sprintete
hinter ihm her. Miss Parker lächelte und sah den beiden nach, beschloß dann,
ihnen zu folgen. Die beiden Kinder rannten über einen bemoosten Weg, der direkt
auf den Waldrand zuführte. Mächtige Eichen und Buchen streckten ihre Wipfel
hoch in den Himmel, warfen lange Schatten auf das Gras vor ihnen.
>Es ist schön, daß du dich endlich entschlossen hast, diesen Weg zu
gehen<, sagte Catherine, die plötzlich neben ihr ging. Miss Parker griff
nach der Hand ihrer Mutter und drückte sie, dann drehte sie den Kopf und sah
ihr tief in die Augen.
>Ich habe Angst<, gestand sie. Catherine nickte.
>Das weiß ich, mein Herz. Aber es ist Zeit für dich, dich der Realität zu
stellen.<
Miss Parker lachte leise auf.
>Ausgerechnet hier?<
>Hier beginnt es<, erwiderte Catherine und sah ihre Tochter ernst an. Sie
blieb stehen und ließ Miss Parkers Hand los.
>Kommst du nicht mit?< wollte Miss Parker wissen und blieb ebenfalls
stehen.
>Du brauchst meine Hilfe nicht, mein Liebes. Folge deinem Herzen, und du
wirst deinen Weg erkennen.<
Catherine lächelte ihrer Tochter aufmunternd zu, dann drehte sie sich um und
ging den Weg zurück, den sie gekommen war.
... Du mußt sie loslassen...
Die Worte, die ihre Mutter in ihrem Traum an sie gerichtet hatte, fielen ihr
wieder ein, als Miss Parker dabei zusah, wie Catherines Gestalt vor ihren Augen
verblaßte. Gehörte ihre Mutter auch zu den Dingen, die sie loslassen sollte?
Sie hoffte es nicht.
Miss Parker ging weiter, folgte dem Weg, der direkt in den Wald hineinführte.
Als sie den Wald erreichte, erwartete sie eine Überraschung. Irgendwie hatte
sie erwartet, daß es im Inneren des Waldes dunkel, vielleicht auch bedrohlich
sein würde, doch das traf nicht zu. Ganz im Gegenteil; der Weg verbreiterte
sich sogar noch und führte schnurgerade in den Wald hinein. Hoch über dem Weg
bildeten die Wipfel der Bäume ein grünes Dach, so daß Miss Parker das Gefühl
hatte, durch einen Säulengang zu wandern. Licht filterte durch die Baumkronen,
zauberte immer neue Muster auf den Weg und erfüllte sie mit einem Gefühl der
Geborgenheit.
>Du gehörst zu mir. Das weißt du doch, nicht wahr, mein Engel?< erklang
die Stimme ihres Vaters neben ihr. >Wir sind eine Familie.<
>Familie<, wiederholte Miss Parker und seufzte. Die Schritte ihres Vaters
neben ihr wirkten so schwer im Vergleich zu ihren eigenen. Sie mußte sich
zwingen, ihn anzusehen.
>Das Centre ist deine Familie<, sagte sie zu ihm, erfüllt von einer
Entschlossenheit, die fast schon schmerzhaft war. >Ich wollte nie im Centre
leben. Ich wollte nie für das Centre leben. Doch ich habe für dich gelebt, für
deine Anerkennung, deine Liebe.<
Ihr Vater ging etwas schneller und griff nach ihrem Arm, um sie mit sich zu
ziehen. Wütend schüttelte Miss Parker seine Hand ab und blieb stehen.
>Bist du hier, um mir zuzuhören?< fragte sie ihn. Er blieb stehen, drehte
sich aber nicht zu ihr um.
>Natürlich, mein Engel.<
>Gut<, murmelte Miss Parker und spürte, wie ihre Entschlossenheit drohte,
sich in Entmutigung zu verwandeln. Ihre Mutter hatte recht. Hier begann es. Wenn
sie dieses Gespräch später auch mit ihrem Vater führen wollte, wenn sie sich
ihm im Centre stellen wollte, dann mußte sie sich zuerst von der übermächtigen
Erinnerung an ihn lösen.
Sie überbrückte die wenigen Meter, die sie von ihrem Vater trennten, trat um
ihn herum und stellte sich vor ihn. Der Wald um sie herum veränderte sich, doch
sie nahm es zuerst nicht wahr. Es wurde dunkler; der Weg, auf dem sie bis eben
noch gestanden hatten, verschwand und verwandelte sich in eine mit trockenen
Zweigen und toten Blättern bedeckte Lichtung. Miss Parker hatte nur Augen für
ihren Vater.
>Du hast das Centre zu meinem Zuhause gemacht, obwohl ich es nicht wollte; du
hast gewußt, was das für mich bedeuten würde<, begann sie, den Blick auf
die merkwürdig leer wirkenden Augen ihres Vaters gerichtet. >Ich verlor
meine Mutter, als ich noch ein Kind war. Was ich damals brauchte, waren deine
Liebe und deine Aufmerksamkeit. Was ich bekam, war der Aufenthalt in einem
Internat und der noch stärkere Wunsch nach deiner Aufmerksamkeit, deiner
Anerkennung.<
Traurig über sich selbst, schüttelte sie den Kopf. Natürlich hatte sie immer
gewußt, daß sie hauptsächlich von ihrem Wunsch nach Anerkennung - nach der
Liebe ihres Vaters - angetrieben worden war. Sie hatte vieles im Centre
hingenommen, hatte Entschuldigungen für Dinge gesucht, die vielleicht nicht zu
entschuldigen waren. In ihrem Streben, ihrem Vater zu gefallen, hatte sie sich
in den Dienst des Centres gestellt, hatte ein Leben im goldenen Käfig gewählt.
Das Gold war längst abgeblättert von den Gittern, die sie gefangen hielten,
und trotzdem arbeitete sie noch immer für ihren Vater und das Centre.
Es war leicht gewesen, nach außen hin so zu wirken, als mache es ihr nichts
aus, die Ziele des Centres zu verfolgen, als wären die Ansichten ihres Vaters
ihre eigenen. Eine Zeitlang war es sogar leicht gewesen, sich das selbst
einzureden. Dann waren Sydney und Jarod wieder in ihr Leben getreten, und die
ersten leisen Zweifel hatten begonnen, sie zu plagen. Ihr erstes Treffen mit Ben
und Jarods unermüdliche Versuche, sie an ihre Vergangenheit zu erinnern, hatten
die Zweifel verstärkt. Und dann hatte sie Tommy getroffen. Plötzlich hatte es
zum ersten Mal seit vielen Jahren so ausgesehen, als könne es für sie ein
Leben ohne das Centre geben. Sie hatte begriffen, daß es für sie möglich war,
sich von ihrem Vater zu lösen und ihre Angst zu überwinden. Diese Angst war
tief in ihr verwurzelt; Angst vor Verlust; Angst vor der Welt außerhalb des
Centres; Angst vor der Person, die sie ohne das Centre werden würde.
Mit Tommy war ihre Hoffnung gestorben, das Centre jemals verlassen zu können.
Allein fühlte sie sich dazu einfach nicht in der Lage. Es stimmte, sie hatte
nicht mehr viel zu verlieren, aber an dem Wenigen, das ihr noch geblieben war,
hielt sie mit aller Kraft fest.
>Du weißt, daß ich immer für dich da bin<, wisperte Jarods dunkle
Stimme in ihr Ohr, als sich seine starken Arme von hinten um ihre Taille wanden.
Miss Parker lehnte sich an ihn, den Blick noch immer unverwandt auf ihren Vater
gerichtet, in Gedanken bei ihren Erkenntnissen über das Centre und sich selbst.
>Ja<, murmelte sie und schloß die Augen. Für den Moment war ihr der
eisig starrende Blick ihres Vaters unerträglich geworden. Er erinnerte sie
daran, wie oft sie ihrem Vater nachgegeben und ihre eigenen Wünsche hinten an
gestellt hatte.
>Ich habe dich gar nicht für ihn gejagt, habe ich recht?< fragte sie nach
einer Weile und öffnete die Augen wieder. Ihr Vater war verschwunden; statt
dessen fiel ihr Blick auf Jarod und sich selbst als Kinder. Die Arme des
erwachsenen Jarod hielten sie noch immer in einer lockeren Umarmung, gaben ihr
die Kraft, sich ihren Überlegungen zu stellen. Sie spürte, wie Jarod hinter
ihr den Kopf schüttelte; sein Atem strich sanft und warm über ihren Nacken.
>Ich bin nicht derjenige, der dir diese Antwort geben kann<, wisperte er
in ihr Ohr. Er zog sie enger an sich und hauchte ihr einen Kuß auf die Wange.
>Die Antwort...< Miss Parker starrte auf ihr jüngeres Selbst, das einem
überraschten Jarod gerade seinen ersten Kuß gab. Ein Zittern lief über die
Lichtung, als hätte irgend etwas Miss Parkers innere Welt erschüttert. Die
Kinder vor ihren Augen alterten, wurden zu Teenagern, die sich gegenseitig durch
die Gänge und Korridore des Centres jagten. Miss Parker erschauderte; Jarods
Umarmung wurde merklich fester.
>Es ist wie...<, begann sie.
>Ein Vorbote, nicht wahr?< beendete Jarod den Satz für sie. Er seufzte.
>Jäger. Gejagte. Immer auf der Suche. Wonach?<
Entschlossen schüttelte Miss Parker den Kopf.
>Keine Fragen<, verlangte sie, ihr Tonfall herausfordernd.
>Diese Einstellung hat dich dort hingebracht, wo du jetzt bist<, flüsterte
Jarod, diesmal in ihr anderes Ohr, seine Stimme so dunkel, daß sie Miss Parker
an entferntes Donnergrollen erinnerte. Jarod ließ seine Arme sinken und entließ
Miss Parker aus seiner Umarmung.
>Verlust<, sagte er.
Aus den Teenagern in der Mitte der Lichtung wurden Erwachsene. Miss Parker
beobachtete sie, durchlebte noch einmal einige Szenen aus ihrer Vergangenheit.
... Jarods Hand streicht zärtlich über ihre Stirn, an ihrer Schläfe entlang
zu ihrer Wange...
... das Donnern der Explosion hallt in ihren Ohren, als sie sicher in Jarods
Armen liegt...
... das Wissen um seine Liebe zu ihr, das sie wärmt, als er neben ihr auf der
Veranda steht...
... das Glühen ihrer Haut, wo seine zärtlichen Hände sie berührt haben...
... die Sehnsucht in seinen Augen, als er seine Familie vermißt...
... die Berührung seiner Lippen auf ihren, sein Atem vermischt mit ihrem, sein
Körper eng gegen den ihren gepreßt...
>Wohin führt das alles?< fragte Miss Parker die Welt im allgemeinen und
niemanden im besonderen. Sie drehte sich um, wandte den Blick ab von ihren
Erinnerungen. Jarod stand nicht mehr hinter ihr; er war fort.
>Das werde ich dir zeigen<, beantwortete ihr Vater ihre Frage. Miss Parker
wirbelte herum und sah, wie ihr Vater aus den Schatten zwischen den Bäumen am
Rand der Lichtung hervortrat. Mit ein paar langen Schritten war er bei den nun
substanzlos erscheinenden Personen, die sie selbst und Jarod repräsentierten.
Wie Geister schwebten sie, nun halb durchsichtig, über dem Waldboden, sahen
einander in die Augen. Dann verblaßte ihr geisterhaftes Ich, und Jarod blieb
allein zurück. Eine unnatürliche Stille legte sich über die Lichtung, schien
stundenlang anzuhalten, bevor sie von einem schnell lauter werdenden Pfeifen
durchschnitten wurde.
Reglos sah Miss Parker mit an, wie Jarod von einer Kugel mitten in die Brust
getroffen wurde und leblos zu Boden sackte. Blut sickerte aus der kaum münzgroßen
Eintrittswunde, rann über Jarods T-Shirt und wurde dann vom Waldboden
aufgesogen. In Miss Parker breitete sich ein Taubheitsgefühl aus, das von einer
gedanklichen Klarheit begleitet wurde, die sie überraschte. Wo blieb der
Schmerz? Die Trauer über Jarods Verlust?
>Das ist es, nicht wahr?< fragte sie, erstaunt über die Distanz, mit der
sie die Dinge jetzt betrachtete. Sie wandte sich direkt an ihren Vater, dessen
Gesicht aschfahl war. >Hier führt alles hin. Ich verlasse das Centre und
verliere alles.<
>Auf der Suche. Wonach?<
Jarod - ein beruhigend gesund aussehender Jarod - trat neben ihren Vater,
musterte sie erwartungsvoll aus dunklen Augen.
>Nach Sicherheit<, antwortete Miss Parker, ohne zu zögern.
>Geborgenheit. Menschlicher Wärme. Einer Zukunft. Garantien.<
Der Körper des erschossenen Jarod verschwand; zurück blieben nur ihr Vater und
der starke, zuversichtliche Jarod, der sie eben noch in seinen Armen gehalten
hatte. Miss Parker lächelte, und dabei ruhte ihr Blick allein auf Jarod.
>Ganz schön dumm von mir<, meinte sie mit einem Schmunzeln. >Seit wann
bekommt man Garantien für die Zukunft?<
>Keine Garantien<, sagte Jarod in der Mitte der Lichtung und verschwand.
>Nur Vertrauen.<
Nun stand er direkt vor ihr; Mr. Parker war nicht länger zu sehen. Miss Parker
sah in Jarods Augen. In den dunklen Tiefen erkannte sie die Ernsthaftigkeit von
Jarods Gefühlen, aber sie suchte nicht länger nach einer festgeschriebenen
Zukunft darin.
Wind frischte auf, trieb die vertrockneten Blätter über den Waldboden und
schien Miss Parker etwas zuzuflüstern.
...loslassen...
Sie wußte, daß sie gerade erst den ersten Schritt gemacht hatte, aber es fühlte
sich gut an. Sie fühlte sich gut. Die Unentschlossenheit, die Lethargie der
letzten Wochen und Monate begann, von ihr abzufallen, wurde vertrieben von neuer
Energie und dem Wunsch, ihre Zukunft endlich selbst zu formen; auch gegen
Widerstände - mochte es nun das Centre oder ihr Vater sein.
Geisterhafte Gestalten zogen an Miss Parker vorbei; sie nahm sie nur aus dem
Augenwinkel wahr. Sydney, das Gesicht in sorgenvolle Falten gelegt. Broots, nervös
wie eh und je. Tanaka, mit einem wissenden Lächeln auf dem Gesicht. Brigitte,
ihre Haut wächsern und blaß.
>Später<, versprach Miss Parker, und die Gestalten verblaßten. Jetzt gab
es nur noch Jarod und sie selbst. Er beugte sich zu ihr vor, sah ihr prüfend in
die Augen. Sie lächelte, nahm sein Gesicht in ihre Hände und zog ihn zu sich
heran. Kurz bevor sich ihre Lippen berührten, hielten sie beide inne.
>Freunde<, wisperte Jarod gegen ihre Lippen, doch sie kam nicht mehr dazu,
ihm zu antworten.
Ein lautes Pochen ließ Miss Parker aus ihren Erinnerungen aufschrecken; sie riß
die Augen auf und sah sich, für den Moment orientierungslos, im Zimmer um. Im
ersten Augenblick schien alles ruhig zu sein, dann hörte sie Schritte. Jemand
kam den Kiesweg herauf, der zum Pavillon führte. War Tanaka schon wieder zurück?
Wollte er sie vielleicht überraschen?
Mit einiger Mühe gelang es ihr, die intensive Erfahrung, die sie gerade gemacht
hatte, zurückzudrängen und sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.
Das Knirschen des Kieses unter den Schritten ihres Besuchers verstummte. Ein
paar endlose Sekunden verstrichen ereignislos, dann sah sie den Schatten eines
Mannes, der sich deutlich gegen die helle Papierschiebetür abhob. Er zögerte,
dann schob er die Tür beiseite, und Miss Parker war in der Tat überrascht. Wie
erstarrt saß sie auf dem Bett, die Hände fest um das Bild in ihrem Schoß
geschlossen.
"Was zum Teufel willst du hier?" fragte sie ihren Zwillingsbruder, als
sie ihre Stimme wiedergefunden hatte.
***
"Ich glaub's nicht. Ich kann's einfach nicht glauben. Das kann nicht wahr
sein", wimmerte Broots vor sich hin, als er neben Sydney einen der längsten
Korridore im ganzen Centre entlang schritt. Seit er vor ein paar Stunden den
Film gesehen hatte, den ein extrem beunruhigt und verstört wirkender Angelo
ihnen überlassen hatte, waren ihm nur wenige andere Worte über die Lippen
gekommen. Ein Blick in Sydneys blasses Gesicht neben ihm machte ihm deutlich, daß
auch Sydney fassungslos über die jüngsten Entwicklungen war.
"Es ist aber wahr", sagte Sydney tonlos. "So wahr wie das Centre
eine morallose Mördergrube ist."
"A...aber... ich meine... ist Mr. Parker verrückt?" wisperte Broots
und sah sich voller Besorgnis um. Er sah, wie Sydney leicht den Kopf schüttelte
und dann mit den Schultern zuckte.
"Verrückt? Vielleicht. Emotional gestört? Ganz sicher."
Broots spürte, daß es etwas gab, das seinen Freund und Kollegen belastete,
mehr noch als das Wissen, daß Mr. Parker offenbar ein gefährlicher Massenmörder
war.
"Wieso habe ich alle Zeichen übersehen?" platzte es auf einmal aus
Sydney heraus, und der Psychiater blieb stehen.
"Miss Parker", antwortete Broots sofort und blieb ebenfalls stehen,
warf aber einen schnellen Blick auf seine Uhr. Trotz - oder vielleicht gerade
wegen - der schockierenden Neuigkeiten war er fest entschlossen, die Mission,
auf der Sydney und er sich befanden, erfolgreich zu Ende zu führen. "Sie
waren zu sehr damit beschäftigt, Miss Parker zu helfen und sich um sie Sorgen
zu machen."
Er berührte Sydney am Arm und ließ seinen Freund durch einen sanften Druck
seiner Hand wissen, daß er ihn verstand. Sydney wandte den Kopf und sah ihn an;
sein Blick war so voller Emotionen, daß Broots ihn besorgt ansah, doch dann
nickte Sydney kaum merklich.
"Ja", meinte er, "vielleicht ist es so gewesen. Doch
trotzdem..."
So sehr Broots sich auch wünschte, Sydney zu helfen, er wußte, daß sie keine
Zeit verschwenden durften. Dieses Gespräch würden sie später führen müssen.
"Wir müssen weiter", drängte er leise und erneut sah er sich beinahe
verstohlen um. Der Korridor war zwar leer, aber hier im Centre stand man
praktisch ständig unter Beobachtung. Deswegen mußten sie sich ja auch beeilen.
Sydney schloß kurz die Augen und schien sich einen inneren Ruck zu geben.
"Sie haben recht." Auch er warf einen Blick auf seine Uhr.
"Charles und der Junge können jeden Augenblick hier eintreffen."
Gemeinsam eilten sie bis ans Ende des Korridors. Dort stellten sie sich unter
ein Abdeckungsgitter des Lüftungsschachts und warteten. Es dauerte nur wenige
Sekunden, bis das Licht kurz flackerte und ihnen damit anzeigte, daß in dieser
Sektion der Hauptstrom ausgefallen und das Notstromaggregat angesprungen waren.
Die Sicherheitskameras waren nun offline, so wie Broots es vorher programmiert
hatte; der Notstrom wurde nicht in das Kamerasystem dieses Sektors geleitet,
statt dessen lief auf den Überwachungsmonitoren in der Sicherheitszentrale ein
altes Band in einer Endlosschleife.
Ein Rumpeln im Lüftungsschacht kündigte ihren Besuch an; kurz darauf wurde das
Gitter zur Seite gehoben, und Angelo sprang mit seinem Gefolge zu Boden. Die
Begrüßung fiel nur sehr kurz aus; alle waren angespannt und wollten diese
Aktion so schnell und reibungslos wie nur irgend möglich beenden.
"Wissen alle Bescheid?" erkundigte sich Major Charles und sah der
Reihe nach alle Anwesenden an. Ebenso wie alle anderen nickte Broots; zu mehr
war er dank seiner Nervosität auch nicht fähig.
"Dann los."
Der Major und Sydney trennten sich vom Rest der Gruppe und liefen in die
Richtung, aus der Sydney und Broots vor wenigen Minuten gekommen waren, während
Broots, Angelo und Jay sich auf den Weg in Angelos Reich machten.
Sie mußten aus Sicherheitsgründen den Weg durch das Belüftungssystem nehmen.
Weder Angelo noch Jay schien das etwas auszumachen, aber Broots fühlte
deutliche Beklemmungen angesichts der staubigen Enge. Ihre Reise durch eine der
Hauptadern des Centres schien endlos zu dauern, doch als Broots nach ihrer
Ankunft in Angelos Zimmer erneut auf die Uhr sah, stellte er fest, daß sie
sogar noch unter der vorher von ihm berechneten Zeit geblieben waren.
Alles war genau getimt worden; jeder Schritt und jede Aktion war von ihnen allen
gemeinsam in den letzten Stunden aufs genauste ausgeklügelt worden.
Ebenso wie Angelo und Jay setzte sich Broots vor einen der PCs in Angelos
kleinem, chaotisch wirkenden Reich. Jeder von ihnen widmete sich ganz seiner
Aufgabe. Jay sorgte mit kleinen Fehlfunktionen an den richtigen Stellen dafür,
daß die Sweeper auf Charles' und Sydneys Weg abgelenkt waren. Angelo kümmerte
sich um die Türcodes und die verschiedenen Sicherheitsberechtigungen, die
erforderlich waren, um Raines' 'Schatzkammer' zu erreichen, und Broots war dafür
zuständig, sich um die Kameras zu kümmern und den Fortschritt von Jarods Vätern
genau zu verfolgen.
Er konzentrierte sich auf die Bilder der Überwachungskameras. Anders als seine
Kollegen im Technikraum sah er aktuelle Bilder und verfolgte gespannt den Weg
der beiden winzig wirkenden Figuren, die, genau dem Zeitplan folgend, von einem
Bereich in den nächsten eilten. An diesen beiden Männern hing ihre ganze
Hoffnung.
"Jetzt, Jay", wisperte Broots, als er sah, wie der Major und Sydney
sich dem Aufzug näherten, der sie auf Sub-Level 14 bringen würde. Jay grinste
ihn an und nickte. Seine Finger huschten über die Tasten. Er ließ eine
Audiodatei ablaufen, die er auf dem Weg zum Centre aus Material erstellt hatte,
das er von Angelo per Internet bekommen hatte.
In Raines Schatzkammer ertönte nun eine Durchsage, die von Mr. Parker zu
stammen schien und die dort anwesenden Ärzte - die Angelo für sie
identifiziert hatte - in den Tower zitierte. Das war Jarods Idee gewesen.
Broots schauderte kurz, als er daran dachte, daß der Pretender als einziger von
ihnen ganz allein auf sich gestellt war. Jetzt, in diesem Moment, mußte er
schon auf unsichtbaren Wegen im Centre unterwegs und auf der Suche nach den
Akten sein, die Mr. Parkers Schuld zweifelsfrei beweisen würden. Es war Angelo
gewesen, der die Existenz dieser Akten entdeckt und herausgefunden hatte, wo
Raines sie zur späteren Verwendung versteckte. Jarod hatte sich sofort bereit
erklärt, diesen Teil ihres 'Einbruchs' zu übernehmen; es hatte ihm nichts
ausgemacht, ohne Hilfe im Centre unterwegs zu sein.
Broots hatte ihn nicht gesehen, sondern nur am Telefon mit ihm gesprochen, aber
er hatte den Eindruck gehabt, daß Jarod die Gelegenheit, allein in den Tiefen
des Centres zu stöbern, sehr begrüßt hatte.
Eine Bewegung auf seinem Bildschirm brachte ihn wieder ins Hier und Jetzt zurück.
Die Ärzte verließen zögerlich den Raum - alle bis auf einen: Raines.
"Verdammt!" fluchte Broots und griff nach dem Headset, das griffbereit
neben seiner Tastatur lag. "Sydney, Raines ist noch drin!"
Es dauerte quälend lange, bis er eine Antwort erhielt. Angelo und Jay sahen ihn
gespannt von beiden Seiten an. Endlich hörte Broots dann Sydneys leise Stimme.
"Wir machen weiter, Broots", flüsterte er. "Der Major sagt, daß
er mit Raines jederzeit fertigwerden kann."
Sydneys grimmiger Tonfall verhieß nichts Gutes, aber es gab nicht viel, was
Broots tun konnte. Er war nicht derjenige, der sich in die Höhle des Löwen
begeben würde; das war ganz allein die Entscheidung der beiden Männer, deren
Fahrstuhl soeben Sub-Level 10 passiert hatte.
"Okay", hauchte Broots ins Mikrofon, dann noch einmal lauter:
"Okay, Sydney."
Er legte das Headset wieder beiseite.
"Es geht weiter", informierte er Angelo und Jay, die ihren
angehaltenen Atem entweichen ließen. Broots Blick huschte zurück auf den
Monitor, der ihm die Bilder von vier verschiedenen Kameras zeigte. Auf einem der
Bilder sah er voller Erleichterung, wie die Ärzte aus Raines' Labor sich vor
einem der beiden Fahrstühle versammelten. Sofort schickte er die leere Kabine,
die er auf Sub-Level 13 in Wartestellung gehalten hatte, zu ihnen herunter.
"Geht rein, na los, beeilt euch", murmelte er leise. Die Tür schloß
sich hinter dem letzten der Ärzte, und die Kabine setzte sich in Bewegung.
Keine 10 Sekunden später erreichten Charles und Sydney Sub-Level 14. Broots
atmete hörbar aus; das war zum Glück die am knappsten berechnete Stelle in
ihrem Zeitplan gewesen.
"Hey, machen Sie sich keine Sorgen", meinte auf einmal Jay neben ihm,
"Wir kriegen das schon hin!"
Broots konnte gar nicht anders; er mußte Jays ansteckendes Grinsen einfach
erwidern.
"Ja", sagte er. "Ja, wir kriegen das hin."
'Und wenn nicht', fügte er in Gedanken hinzu, 'dann ist das auch egal, denn
dann sind wir ohnehin tot.'
Er schüttelte diesen negativen Gedanken sofort ab und konzentrierte sich statt
dessen wieder voll auf seinen Monitor. Zu seiner Linken begann Angelo damit, den
Code der schweren Eisentür, die allein noch den Weg zum Ziel ihrer Mission
versperrte, zu überbrücken. Es dauerte nicht lange, bis die Tür schließlich
langsam aufschwang.
Broots war jetzt nicht mehr der einzige, der vor Spannung wie gelähmt an seinem
Monitor klebte; Angelo und Jay schauten ihm über die Schulter.
"Sie sind drin", flüsterte Broots ungläubig.
"Yeeeehaaaah", juchzte Jay neben ihm. "Das war wirklich cool!
Genau der richtige Stoff für Mission Impossible III."
"Es ist noch lange nicht vorbei", hörte Broots sich sagen, während
er noch darüber nachdachte, wie in aller Welt Jay so schnell nachgeholt hatte,
was er während seiner Zeit im Centre verpaßt hatte. "Sie müssen noch an
Raines vorbei - der seinen 'Schatz' mit Sicherheit nicht einfach so rausrücken
wird - und dann müssen wir sie noch aus dem Centre raus bekommen."
Neben ihm nickte Angelo kummervoll, doch Jay schien sich in seinem Optimismus
durch Broots' Worte kaum beeinflussen zu lassen.
"Raines böse", murmelte Angelo, während sie alle wie gebannt auf den
Bildschirm starrten, um die Ereignisse in Raines neuestem Labor zu verfolgen.
Broots bedauerte, daß es keinen Ton gab, aber das Mikrofon der von Angelo im
Luftschacht plazierten Kamera besaß nur eine begrenzte Reichweite. Nur sehr
laute oder nahe Geräusche wurden an Broots' PC übertragen. Ansonsten gab es
keine Kameras in dem geheimen Labor, dafür hatte Raines gesorgt.
Sie beobachteten, wie Sydney und Charles den Raum betraten. Der ungünstige
Kamerawinkel verhinderte, daß sie die Gesichter der Anwesenden erkennen
konnten, aber es war offensichtlich, daß eine Art Diskussion stattfand. Dann
passierte, was Broots schon befürchtet hatte: Der Major zog eine Waffe und
bedrohte Raines damit. Sydney wandte sich kurz an Charles, dann löste er sich
aus der kleinen Gruppe und ging hinüber zu dem Brutkasten, in dem Brigittes
Kind lag. Er nahm das Mädchen heraus, wickelte es in eine zusätzliche Decke,
die er von einem nahen Tisch nahm, und kehrte mit dem Kind in seinen Armen zum
Major und Raines zurück.
Broots hielt die Luft an. Sollte es wirklich so einfach sein? Sollte ihr Plan
wirklich reibungslos funktionieren? Er wagte es nicht zu hoffen.
"Klasse", freute sich Jay neben ihm. Broots kam gar nicht dazu, etwas
zu erwidern, denn in den nächsten Sekunden überschlugen sich die Ereignisse.
Sydney und Charles wandten sich zum Gehen; Charles senkte die Waffe und wollte
sie wieder einstecken; Raines setzte sich hinter ihnen in Bewegung; er zog
ebenfalls eine Waffe; wie durch ein Wunder oder vielleicht auch durch irgendein
Geräusch fuhr Charles herum; ein Schuß löste sich aus einer der Waffen - alle
hielten den Atem an; Raines sank wie in Zeitlupe leblos zu Boden; ein Alarm
schrillte plötzlich durch Angelos Zimmer.
"Oh mein Gott", hauchte Jay neben Broots und löste ihn damit aus
seiner Starre. Panik brodelte in ihm hoch, aber er unterdrückte sie,
konzentrierte sich mit aller Macht auf die vor ihm liegende Aufgabe.
'Vielleicht ist er gar nicht tot', dachte er, während er gleichzeitig damit
beschäftigt war, die Quelle des Alarms ausfindig zu machen.
"Unrecht tot", sagte Angelo plötzlich mit einer Befriedigung in der
Stimme, die alle Zweifel an Raines' Tod in Broots auslöschte. Mit aller Gewalt
verdrängte er den Gedanken, daß er gerade einen Menschen - 'Raines war ein
Monster, Raines war ein Monster!' - hatte sterben sehen, aus seinem Bewußtsein.
"Wir müssen sie da rausholen", sagte er mit einer erstaunlich festen
Stimme, ignorierte sowohl Angelos Hand auf seinem Arm, als auch Jays blasses
Gesicht neben sich. Alles, was jetzt noch zählte, war der Erfolg der Mission.
***
"Hey, ist das etwa eine Art, seinen Zwillingsbruder zu begrüßen?!"
fragte Lyle mit einem süffisanten Lächeln. Miss Parker sah ihm entgegen; Wut
regte sich in ihr. Sie wollte, daß er ging. Er gehörte nicht hierher, und vor
allem gehörte er nicht in ihr Leben.
"Du hast hier nichts zu suchen, Lyle", sagte sie mit einer neugewonnen
Schärfe in der Stimme. "Verschwinde!"
Lyle schnalzte ungeduldig mit der Zunge, machte aber keine Anstalten, wieder zu
gehen. Statt dessen trat er in das karg möblierte Zimmer und schob die Tür
hinter sich zu. Interessiert sah er sich um.
"Hier lebst du also mit deinem Verlobten, ja? Wie... romantisch."
Miss Parker entspannte ihre Hände und legte das Bild beiseite, dann stand sie
vom Bett auf. Es fiel ihr erstaunlich leicht, sich den äußeren Anschein von Kälte
und gelassener Ruhe zu geben, während es in ihrem Inneren brodelte. Sie fühlte
sich, als hätte eine heilende Wandlung in ihr stattgefunden.
"Auch wenn ich's sicher bereuen werde...", murmelte sie, bevor sie
lauter weitersprach. "Was willst du hier?"
"Es war gar nicht so leicht, bis hierher zu kommen", sagte Lyle, als hätte
er ihre Frage nicht gehört. "Wirklich erstaunlich, wie hartnäckig diese
Yakuza sein können. Auf dem Weg vom Flughafen hierher hätten sie mich fast
erwischt. Dagegen war es geradezu lächerlich einfach, das Anwesen hier zu
durchqueren. Tanaka ist es wohl herzlich egal, ob du hier in Sicherheit bist,
was?"
"Was willst du hier, Lyle?" wiederholte Miss Parker entnervt, lauter
als zuvor.
"Schön, daß du fragst, Schwesterchen", grinste Lyle und in seinen
Augen funkelte es. "Du wirst dir vielleicht vorstellen können, daß ich
nicht hier bin, um dir zur Verlobung zu gratulieren. Nein, unser Vater schickt
mich."
Miss Parker verspürte einen Stich, als sie an ihren Vater dachte, doch das war
alles; es gab keine Angst, keinen Gedanken an ein Ausweichen mehr.
"Ach, sollst du mir vielleicht seine Glückwünsche überbringen?"
erkundigte sie sich sarkastisch. Lyles Brauen wanderten in die Höhe; ein
solches Verhalten schien er von ihr nicht erwartet zu haben. Gut. Sie liebte es,
ihre Mitmenschen zu überraschen.
"Er will, daß du nach Hause kommst", kam Lyle plötzlich ohne weitere
Umschweife zur Sache. Sein Lächeln verschwand, und in seinen Augen glomm
Entschlossenheit auf.
"Nach Hause", wiederholte Miss Parker nachdenklich. "Und wo denkt
er, daß mein Zuhause ist?"
Lyle schnaubte voller Ungeduld.
"Laß doch die Spielchen, Schwesterherz."
Sie schüttelte lächelnd den Kopf.
"Keine Chance, Lyle. Das habe ich schon viel zu lange getan",
antwortete sie mit einer inneren Ruhe, die sie selbst nie für möglich gehalten
hätte. Ihr Bruder fuhr sich mit seiner gesunden Hand durchs Haar; er wirkte plötzlich
wie ein Mann, der sehr viel zu verlieren hatte und sich dieser Tatsache auch
bewußt war. Er machte einen Schritt auf sie zu und starrte sie mit einem
Ausdruck in den Augen an, der etwas von verzweifeltem Haß hatte.
"Dad will, daß du nach Hause kommst. Nach Blue Cove", versuchte er,
ihr zu verdeutlichen. "Deswegen bin ich hier. Ich soll dich zurückbegleiten."
"Begleiten? Schöner Euphemismus. Ein Vorschlag zur Güte, Lyle: Ein paar
offene Worte von dir, und wir können über den Rückflug reden."
"Offene Worte willst du? Kannst du haben", meinte Lyle. Die
Erleichterung war ihm deutlich anzumerken. "Dad ist gegen diese Hochzeit.
Er ist so sehr dagegen, daß er mich bedroht hat, nur damit ich herkomme und
dich zurückbringe. Na, offen genug? Ich hab aber noch was für dich: Ich will
auch, daß du zurückkommst. Es gibt da nämlich etwas, bei dem ich deine Hilfe
gebrauchen könnte."
Er machte noch einen Schritt auf sie zu. Miss Parker fühlte sich versucht, vor
ihm zurückzuweichen, weil sie seine Nähe unerträglich fand, entschied sich
aber dagegen.
"Siehst du, es geht doch. Warum nicht gleich so?" sagte sie täuschend
sanft. Dann fuhr sie schneidend fort: "Jetzt zum Thema Rückflug. Wenn du
dich beeilst, erwischst du bestimmt noch den nächsten Flug zurück in die USA -
bevor die Yakuza dich erwischen."
Lyle sah aus, als würde er am liebsten irgend etwas zertrümmern, aber aus
irgend einem Grund nahm er sich zusammen.
"Sehr witzig", zischte er und machte erneut einen Schritt auf sie zu.
"Die Situation ist allerdings alles andere als lustig für dich. Wirst du
mir jetzt endlich zuhören?"
Miss Parker hatte nichts dergleichen vor. Ihre Geduld mit Lyle war erschöpft.
Sie beschloß, nach einem der Bodyguards zu rufen, die das Tanaka Anwesen rund
um die Uhr bewachten. Lyle hatte seine Chance gehabt, unerkannt wieder zu
verschwinden.
"Ich habe bereits genug gehört", sagte sie in ihrem gleichgültigsten
Tonfall und trat an Lyle vorbei, um zur Tür zu gehen. Sie hatte noch nicht
einmal die Hälfte des kurzen Weges zurückgelegt, als ein metallisches Klicken
hinter ihr sie dazu veranlaßte, wie angewurzelt stehenzubleiben. Wie in
Zeitlupe drehte sie sich um. Tatsächlich, sie hatte richtig gehört - er
bedrohte sie mit einer Waffe. Wo er sie herhatte, wollte sie gar nicht wissen.
Ihr genügte es zu sehen, daß er die Mündung auf sie gerichtet hielt.
"Das ist nicht dein Ernst", meinte sie mit einem Kopfschütteln. Lyle
zuckte leicht mit den Schultern. Er griff in seine Jackentasche, holte einen
Schalldämpfer heraus und drehte ihn in aller Ruhe auf die Waffe. "Du wirst
mich nicht erschießen."
"Natürlich nicht!" Lyle gab sich entrüstet. "Ich werde dich
einfach nur anschießen. Dad wird das verstehen. Ja, das wird er sogar mit
Sicherheit."
Der eigenartige Ausdruck in Lyles Augen jagte Miss Parker einen Schauder über
den Rücken. Er schien noch etwas sagen zu wollen, entschied dann aber doch,
erst ihre Antwort abzuwarten.
"Sag, was du zu sagen hast, Lyle", gab Miss Parker angesichts seines
Arguments nach. "Bringen wir's schnell hinter uns."
"Endlich wirst du vernünftig", lobte Lyle, und das süffisante Lächeln
kehrte auf sein Gesicht zurück. "Also, wo fange ich am besten an?
Vielleicht mit Brigittes vorzeitigem Ableben?"
"Darüber weiß ich schon Bescheid", unterbrach Miss Parker ihn
ungeduldig. Brigittes Tod tat ihr leid, aber sie wollte ihn trotzdem nicht mit
Lyle diskutieren. Lyle sah sie erstaunt an.
"Ach, wirklich? Nun, um so besser. Dann gleich zum Wesentlichen. Ihr Kind
lebt. Raines hat es. Und, was noch besser ist, er hat mir eine Zusammenarbeit
angeboten. Gemeinsam können wir..."
'Raines hat es.' Nach diesen Worten schien Lyles Stimme sie nicht mehr zu
erreichen; Miss Parker fühlte sich, als hätte sie gerade den Boden unter den Füßen
verloren. Nicht schon wieder ein unschuldiges Kind, daß in Raines' Händen
gelandet war! Unbändiger Zorn erfüllte sie.
"Hey, hörst du mir überhaupt zu?" durchbrach Lyle ihre Überlegungen.
Er wedelte kurz mit der Waffe, um ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken.
Sie starrte ihn an.
"Eine Zusammenarbeit mit Raines? Um was genau zu erreichen?" fragte
sie, ihre Stimme nur mühsam beherrscht. Lyle rollte mit den Augen.
"Das sagte ich doch gerade: Es ist höchste Zeit für unseren alten Herrn,
sich in Pension zu begeben. Seine Zeit im Centre ist vorbei; er sollte das Feld
jetzt seinen Kindern überlassen. Klar, bei seinem kleinen Dachschaden werden
sich die Altersheime nicht gerade um ihn reißen, aber Geld regiert die Welt,
nicht wahr?"
Miss Parker schloß einen Herzschlag lang die Augen. Sie hatte ganz deutlich das
Gefühl, daß ihr eine wichtige Information fehlte, um die Situation richtig zu
verstehen.
'Raines hat es.'
Ihr Herz schlug schneller, als ihr diese Worte erneut durch den Kopf gingen. Sie
mußte handeln, jetzt gleich. Sie brauchte mehr Informationen. Eine andere von
Lyles Aussagen erregte ihre Aufmerksamkeit.
"Kleiner Dachschaden?" erkundigte sie sich mit zusammengekniffenen
Augen. "Was in aller Welt meinst du damit?"
Lyles Grinsen verbreiterte sich zusehends.
"Oh, ich werde dir doch nicht diese hübsche Überraschung verderben",
antwortete er. "Nur soviel: Das hängt alles mit unserem kleinen Plan
zusammen."
Vielleicht war es die Tatsache, daß er 'unser Plan' gesagt hatte, vielleicht
aber auch nur ein Anflug von Trotz, aber Miss Parker wußte auf einmal, daß sie
auf keinen Fall mit Lyle an ihrer Seite, als seine Geisel, nach Blue Cove zurückkehren
würde. Sie runzelte die Stirn. Die wenigen Worte, die Lyle über ihren Vater
verloren hatte, erfüllten sie mit tiefer Besorgnis. Was ging im Centre schon
wieder vor sich?
'Ich muß zurückkehren', überlegte sie. 'Aber bin ich schon bereit?' Sie
entschied, daß sie es nicht war. Es war gerade erst einige Minuten her, daß
sie die Kraft gefunden hatte, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und ehrliche
Antworten auf offene Fragen zu finden. Wie sollte sie sich auf ihre Rückkehr
vorbereiten, wenn sie sich die ganze Zeit über in Lyles Gewalt befand? Nein,
sie mußte zu ihren eigenen Konditionen zurückkehren, damit ihr Vater begriff,
daß sie sich nicht länger von ihm herumkommandieren lassen würde. Aber was
sollte sie mit Lyle machen? Wie konnte sie verhindern, daß er die Kontrolle über
sie übernahm?
"Ich schätze, den Rest kann ich dir später im Flugzeug erzählen",
fuhr Lyle fort und löste damit eine instinktive Reaktion in Miss Parker aus.
Sie durfte auf keinen Fall zulassen, daß er ihre Unabhängigkeit in Frage
stellte.
Bevor Lyle auch nur erahnen konnte, was sie vorhatte, schnellte Miss Parker
bereits auf ihn zu. Mit einer Hand griff sie nach der Waffe, die andere ballte
sie zur Faust und rammte sie in seinen Magen; ihr Knie traf ihn währenddessen
an seiner empfindlichsten Stelle. Überrascht und schmerzerfüllt ließ Lyle die
Luft aus seinen Lungen entweichen, aber seine Hand umschloß noch immer die
Waffe. Sie rangen darum, wie zwei Geschwister, die sich um ein besonders schönes
Spielzeug streiten. Keiner von ihnen sagte etwas; jeder war darauf konzentriert,
den anderen zum Loslassen zu bewegen. Schließlich versuchte Lyle, seine
Schwester mit einem seiner Beine von den Füßen zu hebeln. Als Resultat davon
verloren sie beide das Gleichgewicht.
Miss Parker zog mit der Kraft der Verzweiflung an der Waffe. Lyle war ein
starker Gegner, und er kämpfte immer mit allen Tricks. Wenn sie eine Chance
gegen ihn haben wollte, mußte sie schnell sein. Noch im Fallen umgriff sie mit
ihrer zweiten Hand Lyles Handgelenk, um ihn so zu zwingen, seinen Griff um die
Waffe zu lösen. Auch er nahm seine zweite Hand zur Hilfe in diesem chaotischen
Gerangel. Die Sekunden begannen, sich auszudehnen. Die Welt beschränkte sich
auf die Waffe in ihren Händen und das Wissen, daß diese Waffe die Kontrolle über
diese Situation bedeutete.
Wie in Zeitlupe fielen die Geschwister auf das niedrige Bett; vier Hände zogen
und zerrten an der Waffe, lösten durch blindes Tasten und Greifen das
Unvermeidliche aus.
Das Geräusch, mit dem sich der Schuß löste, war lächerlich leise. Miss
Parker sah entgeistert nach unten, um herauszufinden, in welche Richtung die
Waffe zeigte. Ihr Bruder folgte ihrem Blick, einen zutiefst erstaunten Ausdruck
auf dem Gesicht.
Parker wußte nicht, ob sie getroffen war, denn sie fühlte nichts außer dem
warmen Blut, das zwischen ihren Fingern hervorquoll.
Ende Teil 19
Fortsetzung folgt...
Mit Teil 20 wird es voraussichtlich wieder etwas länger dauern; das liegt aber
vor allem daran, daß der nächste Teil voraussichtlich noch länger als dieser
hier werden wird...
Zum Thema Feedback hätte ich im Moment einiges zu sagen (unter anderem, daß
ich kurz davor stand, das Mittel der Erpressung zu wählen :( ), aber das werde
ich auf später verschieben, da ich glaube, daß ich erst einmal ein bißchen
Abstand dazu brauche. Über Eure Meinungen, Fragen, Kommentare und Anregungen
freue ich mich natürlich trotzdem, wenn Ihr sie hier hinterlaßt: missbit@web.de
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