Mutterherz

Miss Parker ging etwas langsamer als gewöhnlich durch die langen Korridore des Centres. Die Schußwunde an der Schulter behinderte sie noch immer etwas, aber wenigstens hatten die Schmerzen nachgelassen. Ihr Arzt hatte ihr noch mindestens drei weitere Tage Bettruhe verordnet, doch schon gestern hatte sie es zu Hause nicht mehr ausgehalten. Nicht nach dem, was sie Sydney am Telefon mühevoll aus der Nase gezogen hatte.

Er hatte es ihr nicht sagen wollen, aber sie hatte nicht lockergelassen, bis er schließlich nachgegeben hatte. Was er ihr erzählt hatte, war ziemlich unglaublich gewesen, und deshalb wollte sie sich jetzt persönlich davon überzeugen, daß es stimmte. Angeblich war Jarod mit Hilfe seines Vaters erneut die Flucht aus dem Centre gelungen, aber dafür hatte Raines es geschafft, den Klon wieder in seine Gewalt zu bringen.

Miss Parker wunderte sich sehr darüber, daß Jarods Vater den Jungen nicht besser bewacht hatte. Andererseits war es dem Major sicher wichtiger gewesen, seinen Sohn zu befreien. Soweit sie das wußte, hätte er in der Arktis nicht gezögert, den Jungen zurückzulassen.

Sie bog um eine letzte Ecke. Dahinter endete der Flur in einer Sackgasse. Nur auf der rechten Seite war eine Tür in der Wand zu sehen. Während sie darauf zu ging, warf sie einen Blick auf den Zettel in ihrer Hand, verglich die Zahlen darauf mit denen, die auf einem kleinen Schild neben der Tür standen. Zufrieden stellte sie fest, daß sie übereinstimmten.

Vorsichtig sah sie sich um, bevor sie die Tür öffnete. Eigentlich hatte sie gar keinen Grund, wachsam zu sein. Ihr Vater hatte ihr die Erlaubnis gegeben, den Jungen zu sehen und mit ihm zu sprechen. Er schien noch immer ein schlechtes Gewissen zu haben. Miss Parker war sich nicht ganz sicher, ob das nur darauf zurückging, daß sie von der Kugel getroffen worden war, die für ihn bestimmt gewesen war. Wenn sie genauer darüber nachdachte, fand sie, daß er sich auch vorher schon so benommen hatte, als wollte er sich für irgend etwas bei ihr entschuldigen. Nun, wenigstens zwang er sie nicht, sich näher mit Brigitte zu befassen.

Es war nicht ganz leicht gewesen, ihren Vater davon zu überzeugen, daß sich jemand um den Jungen kümmern mußte. Erst nach einer hitzigen Diskussion hatte er sich einverstanden erklärt. Außerdem hatte er einige Zugeständnisse in puncto Sicherheitsvorschriften gemacht. So standen zum Beispiel keine bewaffneten Sweeper vor der Tür, und es war noch kein neuer 'Projektleiter' ernannt worden.

"Hallo?" fragte Miss Parker leise, als sie den Raum betrat. Sie verzog das Gesicht. Zum einen, weil es ihr nicht gefiel, daß niemand dem Jungen einen Namen gegeben hatte, zum anderen, weil sie jetzt zum ersten Mal einen Blick in das Zimmer werfen konnte. Es war noch karger eingerichtet als Jarods es gewesen war.

"Was soll ich für Sie tun?"

Miss Parker zuckte leicht zusammen. Der Junge stand ganz plötzlich vor ihr, richtete einen fragenden Blick auf sie. Sie zwang sich zu einem Lächeln, obwohl ihr nicht danach zumute war.

"Hi", sagte sie. Leichtes Unbehagen erfüllte sie. "Hör mal, ich wüßte gerne, wie ich dich nennen soll. Ich meine, wie hat dich dein Projektleiter genannt? Er kann doch nicht immer 'hey, du' zu dir gesagt haben."

Einen Moment lang sah er sie verständnislos an, dann zuckte er mit den Schultern.

"Meine Bezeichnung lautet G-II-12/34", antwortete er.

Für einen Moment war Miss Parker völlig sprachlos.

"Das kann doch wohl nicht wahr sein!" brachte sie ungläubig hervor, nachdem sie sich wieder gesammelt hatte. "Willst du damit sagen, daß dich alle damit angesprochen haben?"

Der Junge nickte ernst und schien ihr Entsetzen überhaupt nicht zu verstehen.

"Manchmal haben mich die Instruktoren auch nur G-II genannt."

"Ich verstehe. Damit ist jetzt Schluß. Da wir deinen richtigen Namen nicht kennen", sagte sie mit einem leisen Seufzen, "schlage ich vor, daß du dir selber einen aussuchst."

"Einen Namen?" erkundigte er sich mit großen Augen. "Ich... ich kenne keine."

Miss Parker schloß kurz die Augen. Natürlich nicht. Woher auch.

"Okay, paß auf. Ich werde dich... Julian nennen, bis du einen Namen findest, der dir besser gefällt, ja?"

"Gut."

Sein schnelles Einverständnis machte sie mißtrauisch.

"Das war kein Befehl oder etwas in der Art. Nur ein Vorschlag."

Als sie seinen hilflosen Blick erwiderte, wurde ihr klar, daß sie im Moment ohnehin keine andere Wahl hatten. Jarod mochte Probleme mit den Feinheiten des menschlichen Verhaltens haben, aber diesem Jungen - Julian, fürs erste - fehlten sogar die elementaren Grundlagen.

"Was soll ich für Sie tun?" fragte Julian nun schon zum zweiten Mal.

"Nichts", antwortete Miss Parker schlicht, obwohl sie wußte, wie fremd ihm dieses Konzept war. Laut seiner Erfahrung wollte jeder, der zu ihm kam, daß er irgend ein Problem löste. Alles andere verwirrte ihn schlicht und einfach. Auch jetzt zeigte sich wieder Unverständnis in seiner Miene.

"In den nächsten Wochen wirst du überhaupt keine Simulationen machen", erklärte Miss Parker in einem festen Tonfall. "Im Moment gibt es andere Dinge, die Vorrang haben."

In Julians Blick zeigte sich eine Mischung aus Erwartung und Unsicherheit. Miss Parker unterdrückte ein weiteres Seufzen. Die Begegnungen mit diesem Kind entnervten sie. Das lag nicht etwa an dem Jungen. Vielmehr regte sie sich darüber auf, was das Centre aus ihm gemacht hatte, was ihm alles vorenthalten worden war, welche Lügen man ihm erzählt hatte. Julian war noch viel schlimmer dran als Jarod, aber er war auch noch viel jünger. Vielleicht war es möglich, die Fehler des Centres wiedergutzumachen.

"Komm jetzt", forderte sie ihn auf und streckte die Hand aus. Zögernd ergriff er sie.

"Wo gehen wir hin?" wollte er wissen. Miss Parker lächelte, froh, daß er Neugier zeigte.

"In dein neues Zimmer", antwortete sie sanft. "Ein Junge in deinem Alter braucht eine freundlichere Umgebung."

Auch darum hatte sie kämpfen müssen. Nur widerstrebend hatte ihr Vater einem Transfer in einen weniger gesicherten Bereich zugestimmt. Er konnte keinen Sinn in dieser Maßnahme erkennen. Nur zu gerne hätte sie ihm klargemacht, daß Lyle zum großen Teil durch fehlende Zuwendung zu dem geworden war, was er heute war. Aber sie hatte schon bald feststellen müssen, daß ihr Vater überhaupt nicht der Meinung war, daß bei der Erziehung ihres Bruders etwas schiefgegangen war.

Wie auch immer, sie war nicht bereit zuzulassen, daß man mit Julian dasselbe machte. Langsam gelang es ihr immer besser, die Motivation ihrer Mutter nachzuvollziehen. Beim Gedanken an ihre Mutter lächelte Miss Parker, und das Lächeln vertiefte sich noch, als sie beobachtete, wie Julian auf seine neue Unterbringung reagierte.

***

In den nächsten zwei Wochen verbrachte Miss Parker soviel Zeit wie möglich bei Julian, um ihm näher zu kommen und um ihm die Gelegenheit zu geben, sie besser kennenzulernen. Zunächst machte ihre Beziehung nur kleine Fortschritte, aber schon bald entwickelte er Vertrauen zu ihr und zeigte endlich auch mal kindliches Verhalten.

Auch Sydney leistete dem Jungen öfter Gesellschaft. Miss Parker hatte den Eindruck, daß ihn seine Begegnungen mit Julian depremierten, und es fiel ihr nicht schwer, den Grund dafür zu erraten. Jarods alter Mentor fühlte sich viel zu sehr an seinen früheren Schützling erinnert, kämpfte noch immer mit den alten Schuldgefühlen.

Es war schon recht spät am Abend, als Miss Parker sich dazu entschloß, noch einmal nach Julian zu sehen. Seit zwei oder drei Tagen wirkte er irgendwie unruhig auf sie. Zunächst hatte sie befürchtet, daß Raines der Grund dafür war, aber Broots hatte ihre Sorgen diesbezüglich zerstreut. Der Techniker überwachte den Jungen und hatte die Anweisung, sie sofort zu verständigen, wenn irgend etwas Außergewöhnliches vor sich ging.

Nach einem leisen Klopfen betrat Miss Parker den großen Raum auf der zweiten unterirdischen Ebene des Centres. Dieses Zimmer war weitaus gemütlicher als Julians bisherige Unterkünfte, und es war offensichtlich, daß er sich hier wohl fühlte.

"Miss Parker?"

Seine Stimme erklang aus der Dunkelheit.

"Ja, ich bin's", erwiderte sie leicht überrascht. Eigentlich sollte er schon längst schlafen.

"Warten Sie, ich mache das Licht an", sagte er. Sie fand, daß er erleichtert klang. Als er das kleine Licht am Kopfende seines Bettes angemacht hatte, war ihr auch klar, warum. Er war blaß, und ein leichter Schweißfilm lag auf seiner Stirn. Miss Parker hatte selbst genug Alpträume durchgemacht, um die Anzeichen zu erkennen. Innerlich ärgerte sie sich darüber, daß sie nicht schon früher darauf gekommen war. Im Centre bekam jeder früher oder später Alpträume. Nun, alle bis auf Raines wahrscheinlich.

"Kannst du nicht schlafen?" fragte sie sanft. Julian schüttelte den Kopf. Sie ging zu ihm, setzte sich auf die Kante seines Bettes. Dann streckte sie die Hand nach ihm aus und strich ein paar feuchte Haarsträhnen aus seiner Stirn. "Hm, ich weiß, wie das ist. Leg dich wieder hin", forderte sie ihn sanft auf.

Er ließ sich wieder zurücksinken. Während sie ihn zudeckte, sah sie, wie er mehrfach blinzelte. O ja, sie wußte genau, wie es war. Obwohl er müde war, wollte er auf keinen Fall einschlafen, weil dann die Alpträume zurückkommen würden.

"Als ich noch sehr klein war, hatte ich hin und wieder schlechte Träume", erzählte sie in einem beruhigenden Tonfall. "Ich hatte große Angst, und manchmal habe ich sogar geweint. Auf keinen Fall wollte ich dann wieder einschlafen. Aber meine Mutter hat es immer geschafft, mir meine Angst zu nehmen. Wenn sie bei mir war, wußte ich immer, daß mir nichts passieren kann." Sie strich ihm sanft durchs Haar. "Du bist hier sicher. Ich lasse nicht zu, daß dir irgend etwas geschieht."

Julian nickte, wirkte um einiges entspannter.

"Ich habe keine Mutter", sagte er sehr leise. Miss Parker schluckte.

"Ist schon gut", wisperte sie. "Dafür hast du Freunde, die sich um dich kümmern und sich um dich sorgen. Sydney ist immer für dich da, und ich natürlich auch."

Als er an ihr vorbei zur Decke sah, folgte sie seinem Blick. Eine kleine Kamera hing dort. Ihr Vater hatte darauf bestanden, und im Grunde war Miss Parker ganz froh darüber. Dadurch hatte Broots die Gelegenheit, immer ein Auge auf Julian zu haben.

"Ich bin nie allein", stellte Julian fest. Miss Parker war sich nicht ganz sicher, ob ihn dieses Wissen erleichterte oder bedrückte. Bei Jarod hatte diese Frage nie existiert. Er hätte alles gegeben, um nicht ständig beobachtet zu werden. Sie schüttelte ganz leicht den Kopf, um diese Gedanken zu verdrängen. Julian erinnerte sie sehr an Jarod, an den Jungen, den sie geliebt hatte. Aber auch an den erwachsenen Jarod, dem sie ein Gefühl entgegenbrachte, das sie nicht einordnen wollte. Für den Moment mußte es genügen, daß dieses Gefühl da war - irgendwann einmal konnte sie es vielleicht analysieren, doch jetzt noch nicht.

"Seit dem Tod meiner Mutter hatte ich immer das Gefühl, daß sie bei mir ist. Ich weiß nicht mehr viel von ihr, aber ich erinnere mich, daß sie mir etwas vorgesungen hat, wenn ich nach einem Alptraum nicht mehr einschlafen konnte. Wenn sie für mich gesungen hat, habe ich immer gut geschlafen."

Julian sah sie an. Er mußte gar nichts sagen - sie wußte auch so, was er gerade dachte.

"Mach die Augen zu", wies sie ihn mit weicher Stimme an. "Mal sehen, ob ich das so gut kann wie sie."

Merkwürdig, dachte sie. Ich könnte mir nicht vorstellen, daß für irgend jemanden sonst zu machen. Hoffentlich hilft es ihm.

Sie betrachtete den Jungen und versuchte, sich an die Worte des Liedes zu erinnern, das ihre Mutter ihr immer vorgesungen hatte. Nach ein paar Sekunden begann sie zu singen, fühlte, wie auch von ihr die Anspannung dieses Tages abfiel.

***

Zwei Stockwerke oberhalb beugte sich Mr. Lyle interessiert vor, um das Bild auf dem Monitor näher zu betrachten. Er schaltete den Ton ein, hörte eine Weile einfach nur zu. Heftige Eifersucht durchfuhr ihn, aber er war sich nicht ganz sicher, warum. Vielleicht, weil seine Mutter das nie für ihn getan hatte, weil seine Schwester ihre ganze Liebe bekommen hatte. Vielleicht, weil seine Schwester für diesen fremden Jungen soviel mehr Gefühl aufbrachte als für ihren eigenen Bruder, weil sie sogar für ihn sang. Lyle verlor sich im sanften Klang ihrer weichen, dunklen Stimme, schloß die Augen und gab sich ganz den Bildern hin, die ihm seine Phantasie zeigte.

***

Siebenhundert Meilen entfernt hatte Miss Parker noch einen weiteren Zuschauer. Jarod war unfähig, seinen Blick auch nur für einen Sekundenbruchteil vom Bildschirm seines Laptops loszureißen. Angelo hatte für ihn die Kamera im Zimmer des Jungen angezapft und ermöglichte es ihm, über eine gesicherte Leitung ständig ein Bild zu empfangen.

Noch nie zuvor hatte er sie singen gehört. Er hätte es nie für möglich gehalten, daß er das je würde.

...

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