Meer der Stille
"Sydney, wo ist Miss Parker?"
"Ich habe keine Ahnung, Mr. Lyle. Es ist eine Weile her, seit ich sie das
letzte Mal gesehen habe. Was ist denn mit Ihrem Arm passiert?"
Neugierig musterte Sydney Lyles rechten Arm, der in einem Gipsverband steckte.
Lyle zuckte mit den Schultern.
"Eine kleine Auseinandersetzung, weiter nichts. Wenn Sie meine Schwester
sehen, sagen Sie ihr, daß ich sie sehen will."
"Das werde ich."
Sydney hatte den unbestimmten Eindruck, daß unter Lyles beherrschter Oberfläche
eine gefährliche Mischung aus Zorn und Wut brodelte. Vielleicht sollte er Miss
Parker lieber warnen.
***
Jarod stutzte, als er in der gewaltigen Menschenmenge plötzlich ein bekanntes
Gesicht sah. Unwillkürlich spannte er sich an und suchte nach einem Fluchtweg.
Keine zweihundert Meter von ihm entfernt bahnte sich Miss Parker einen Weg durch
die Menge. Es dauerte einen Augenblick, bis ihm klar wurde, daß sie ihn noch
nicht gesehen hatte. Dann überlegte er, daß sie wahrscheinlich gar nicht wegen
ihm hier war. Für diesen Gedanken sprachen ihr überaus elegantes Aussehen und
die Tatsache, daß sie allein zu sein schien.
Jarod wartete, bis sich der Tumult in der Hotelhalle etwas gelegt hatte, dann
folgte er Parker zur Rezeption.
"Hallo, Miss Parker. Wie schön, Sie hier zu treffen."
Parker wirbelte herum. Ihre Augen weiteten sich überrascht, als sie Jarod sah,
und aus einem Reflex heraus griff sie nach ihrer Waffe. Offensichtlich hatte sie
sie nicht dabei. Sie schloß die Augen und seufzte.
"Was ist los? Reden Sie nicht mehr mit mir?"
Jarod beobachtete fasziniert, wie sie die Augen wieder öffnete, während
verschiedene Emotionen über ihr Gesicht spielten. Schließlich neigte sie ihren
Kopf leicht zur Seite und lächelte geheimnisvoll. Dann schien sie hinter ihm
jemanden zu sehen, den sie kannte. Sie legte eine Hand auf seine Schulter und
schob ihn zur Seite.
"Miss Parker?"
Verwirrt sah er hinter ihr her. Auf halbem Weg zum Ausgang entdeckte er Ben
Miller, der sich offenbar sehr freute, Parker wiederzusehen. Jarod näherte sich
den beiden weit genug, um ihr Gespräch verfolgen zu können.
"Hallo, Miss Parker. Sie sehen einfach hinreißend aus. Ihrer Mutter hätte
dieses Kleid sehr gefallen."
Miss Parker erwiderte Bens Lächeln mit einer Wärme, die heftige Eifersucht in
Jarod auslöste. Er bemühte sich, dieses Gefühl zu verdrängen. Auch auf Bens
Worte antwortete sie nicht. Statt dessen griff sie in ihre Handtasche und zog
einen Zettel hervor, den sie Ben gab. Ben begann zu lesen, dann sah er auf,
gleichermaßen überrascht und besorgt.
***
"Ist alles in Ordnung mit Ihnen?"
Sie nickte, und ihr Lächeln vertiefte sich. Miller las weiter und grinste dann.
"Oh, ich werde Ihre Gesellschaft natürlich trotzdem genießen. Aber wenn
ich zuviel rede, lassen Sie es mich wissen."
Er zwinkerte, und sie berührte ihn leicht am Arm. Ben griff nach ihrer Hand.
"Wollen wir gehen?"
Sie nickte, und die beiden gingen in Richtung Restaurant. Jarod schwankte
zwischen seiner Neugier und dem Respekt vor ihrer Privatsphäre. Wie schon häufiger
zuvor, entschied er sich, seiner Neugier zu folgen.
Das Restaurant war gut besucht, so daß es Jarod leicht fiel, sich unbemerkt in
der Nähe von Ben und Miss Parker aufzuhalten. Er fragte sich, warum Miss Parker
nicht sprach und beschloß, es herauszufinden.
Wie Jarod es erwartet hatte, übernahm Ben die Bestellung. Kurz danach verließ
Miss Parker den Tisch, und Jarod nutzte die Gelegenheit, die sich ihm dadurch
bot. Langsam ging er zu Bens Tisch.
"Hallo, Ben."
"Jarod! Was machen Sie denn hier?"
"Oh, ich bin nur zufällig in der Gegend."
Ben lachte leise. "Sie kommen ganz schön herum, was?"
...
Main
© 2001 Miss Bit