Verwundet
Jarod grinste. Das war leicht gewesen. Offenbar ließ Miss Parker in ihrer
Wachsamkeit nach.
Im Haus war es dunkel, aber angesichts der Uhrzeit war das auch nicht
verwunderlich. Vermutlich schlief sie bereits. Leise schlich Jarod durchs Haus,
bis er das Schlafzimmer erreichte. Vor der angelehnten Tür blieb er stehen.
Wenn sein Herz weiterhin so laut schlug, hatte es keinen Sinn, sich leise zu
bewegen. Nach einer Weile drückte er leicht gegen die Tür, die lautlos
aufschwang.
Jarods Blick fiel auf ein unberührtes Bett. Er runzelte die Stirn. Miss Parker
mußte zu Hause sein, denn er hatte das Haus beobachtet, seit sie am frühen
Abend nach Hause gekommen war. Sie mußte noch hier sein. Jarod überlegte kurz.
Eigentlich war er davon ausgegangen, daß sie während seines Besuchs schlafen würde.
Allerdings hatte der Gedanke an eine Unterhaltung auch einen gewissen Reiz.
Es dauerte nicht lange, bis er sie fand. Sie lag auf der Couch im Wohnzimmer.
Ein schmaler Lichtstreifen viel aus dem Bad ins Zimmer. Miss Parker trug einen
Pyjama, und um ihren Kopf war ein Handtuch gewickelt. Sie schlief, aber Jarod
hatte den Eindruck, daß irgend etwas nicht stimmte. Für einen Moment vermutete
er eine Falle, verwarf den Gedanken aber wieder. Parker hatte unmöglich wissen
können, daß er heute hierher kommen wollte.
Neugierig ging er auf die Couch zu, und sah er, was los war. Schnell legte er
die letzten paar Schritte zurück und hockte sich neben das Sofa. Vorsichtig berührte
er ihre Stirn. Ihre Haut fühlte sich heiß an. Viel zu heiß. Besorgt sah Jarod
sie an.
Es fiel ihm nicht schwer, sich zusammenzureimen, was passiert war. Parker hatte
ein Bad genommen, sich angezogen und ihre nassen Haare in ein Handtuch
gewickelt. Zu dem Zeitpunkt mußte sie sich schon schwach gefühlt haben. Sie
hatte es noch bis zum Sofa geschafft, bevor ihre Erschöpfung Überhand genommen
hatte.
Plötzlich fühlte Jarod sich schuldig. Bei seiner letzten Flucht vor ihr hatte
er dafür gesorgt, daß sie ein unfreiwilliges Bad nahm. Und jetzt war sie
krank. Sein medizinisches Wissen sagte ihm, daß es ihr gar nicht gut ging.
"Miss Parker?" flüsterte er sanft. Sie reagierte nicht. Jarod beschloß,
sie zuerst ins Bett zu bringen, bevor er sie genauer untersuchte. Er hob sie
vorsichtig hoch, erstaunt, wie leicht sie war, und brachte sie in ihr
Schlafzimmer. Als er sie auf das Bett legte, zuckte sie zusammen und stöhnte
leise.
"Was ist los?" fragte er leise, obwohl er wußte, daß sie nicht
antworten würde. Sie rollte sich zusammen, und das Handtuch löste sich von
ihrem Kopf. Jarod deckte sie zu und ging ins Badezimmer, um sich einen Überblick
über die Hausapotheke zu verschaffen. Danach ging er in die Küche und holte
etwas Saft.
Als er ins Schlafzimmer zurückkehrte, bewegte sich Miss Parker unruhig im
Schlaf. Jarod griff nach ihrem Handgelenk, um den Puls zu fühlen. Dabei
rutschte der Ärmel ihres Schlafanzugs nach oben, und Jarod konnte sehen, was
ihr Schmerzen bereitete. Ungläubig starrte er auf den Bluterguß, während sich
ohnmächtige Wut in ihm aus breitete, doch seine Sorge behielt die Überhand.
Mit größter Vorsicht untersuchte er sie, um innere Verletzungen auszuschließen.
Bei jedem weiteren blauen Fleck, jeder Prellung, die er fand, zuckte er
zusammen. Das war eindeutig die Arbeit von Profis. Die Verletzungen waren auf
den ersten Blick nicht sichtbar, beschränkten sich auf normalerweise bedeckte
Bereiche. Mit Sicherheit waren sie äußerst schmerzhaft.
"Wer hat dir das angetan?" flüsterte er entsetzt und wünschte sich
verzweifelt eine Antwort. Jarod hielt seine Wut mühsam unter Kontrolle,
konzentrierte sich darauf, ihr zu helfen.
Schließlich war er fertig und setzte sich in einen Sessel, um ihren Schlaf zu
überwachen. Als er sich zurückzog, wurde sie wieder unruhig und murmelte
etwas. Er ging zu ihr, beugte sich dicht über sie, bis er sie verstand. Überrascht
stellte er fest, daß es sein Name war, den sie leise flüsterte. Ein warmes Gefühl
durchflutete ihn.
Sanft strich er eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht.
"Ich bin hier. Ich bleibe bei dir."
Seine Nähe schien sie zu beruhigen, also beschloß er, bei ihr zu bleiben.
Behutsam legte er sich neben sie und schloß sie sanft in seine Arme, wobei er
darauf achtete, ihr durch seine Berührung nicht weh zu tun.
Jarod wußte, daß er wach bleiben mußte. Andernfalls bestand die Gefahr, daß
er sie durch seine Alpträume aufweckte.
***
Es wurde bereits hell draußen, als Jarod aufwachte. Er blinzelte verwirrt, doch
einen Augenblick später fiel ihm ein, wo er war. Miss Parker lag noch immer in
seinen Armen und schlief tief und fest.
Jarod lächelte. Es gefiel ihm, auf diese Weise aufzuwachen. Außerdem hatte er
keine Alpträume gehabt, das erste Mal, seit er ins Centre gekommen war.
"Wenn ich das geahnt hätte...", wisperte er.
Miss Parker bewegte sich im Schlaf. Sie lag mit dem Rücken zu ihm. Ihr Nacken
war nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt. Er atmete ihren
herrlichen Duft ein. Sicher würde sie bald aufwachen, und da er keine Ahnung
hatte, wie sie auf seine Anwesenheit reagieren würde, beschloß er aufzustehen.
Zuerst ging er ins Badezimmer, dann in die Küche, wo er den Inhalt des
Kühlschranks inspizierte. Zufrieden begann er damit, Frühstück zu machen. Zurück
im Schlafzimmer stellte er fest, daß Miss Parker inzwischen tatsächlich
aufgewacht war. Sie wirkte nicht sehr überrascht, ihn zu sehen.
"Guten Morgen! Wie wär's mit Frühstück?"
Sie verzog das Gesicht.
"Ich habe keinen Hunger."
"Falsch. Du hast vielleicht keinen Appetit, aber mit Sicherheit
Hunger."
"Habe ich eine Wahl?"
"Nein. Es wird dir bestimmt schmecken."
Parker setzte sich langsam auf. Jarod stellte ihr Frühstück auf den Tisch und
ging zu ihr. Er legte ihr eine Hand auf die Stirn.
"Du hast immer noch Fieber", meinte er besorgt. "Wie fühlst du
dich?"
"Hauptsächlich müde."
"Hast du Schmerzen?"
"Nein."
Sie sah ihn nicht an, und ihr Gesicht nahm den verschlossenen Ausdruck an, den
er nur zu gut kannte. Er war ziemlich sicher, daß sie ihn in diesem Punkt
belog, aber jetzt war nicht der Zeitpunkt, Antworten von ihr zu fordern. Wortlos
reichte er ihr das Tablett und beobachtete sie, während er selbst frühstückte.
Lustlos aß sie eine Scheibe Toast und trank etwas Saft, dann starrte sie ihn
trotzig an. Er lächelte.
"Schon fertig?"
"Ja."
"Na schön. Irgendwelche Wünsche fürs Abendessen?"
"Das ist dein Ernst, oder?"
Jarod nickte.
"Natürlich."
Sie sah ihn an und lächelte leicht.
"Na gut. Ich glaube, etwas frisches Obst und Yoghurt würden mir
gefallen."
Er grinste.
"Es geht doch."
***
Den größten Teil des Tages verschlief Miss Parker. Jarod verließ kurz das
Haus, um einzukaufen, dann nutzte er die gute Gelegenheit, um sich ein wenig im
Haus umzusehen. Im Wohnzimmer stieß er auf etwas, das sein Interesse weckte.
Auf dem Tisch lag eine Diskette. Eine DSR-Diskette. Die Nummer darauf kam Jarod
nicht bekannt vor.
Bis zum Abend konnte er sich nicht dazu durchringen, sich den Inhalt anzusehen.
Es war durchaus möglich, daß die Aufzeichnung Parkers Vergangenheit betraf und
ihn somit nichts anging. Aber vielleicht enthielt die Diskette auch
Informationen über seine Vergangenheit. Schließlich beschloß er, Parker
danach zu fragen.
Als er das Schlafzimmer betrat, schlief Parker noch immer. Jarod ging zu ihr, fühlte
ihren Puls und runzelte die Stirn. Es ging ihr schlechter. Ihre Haut fühlte
sich heißer an als sie es gestern getan hatte. Das Thermometer bestätigte
seine Vermutung. Ihr Fieber war gestiegen.
Mit einiger Mühe flößte Jarod ihr ihre Medikamente ein, dann machte er das
Licht aus und deckte sie sorgfältig zu. Vielleicht sollte er sie doch in ein
Krankenhaus bringen. Andererseits konnten die Ärzte dort auch nicht mehr für
sie tun.
Jarod legte sich ins Bett und zog sie sanft an sich. Sie schmiegte sich an ihn,
und für eine Zeitlang schlief sie ruhiger. Dann spürte Jarod, wie sie anfing
zu zittern. Schüttelfrost. Er mußte ihr Fieber senken. Ein altes Hausmittel
fiel ihm ein, von dem er gelesen hatte.
"Ich bin gleich wieder da", versprach er leise.
Bevor er das Zimmer verließ, drehte er die Heizung weiter auf. Danach ging er
ins Bad und holte vier kleine Handtücher, die er mit in die Küche nahm. Nach
ein paar Minuten hatte er zwei Wadenwickel, die er ins Schlafzimmer brachte.
"Das wird jetzt ziemlich kalt sein", erklärte er in beruhigendem
Tonfall, als er die beiden nassen Handtücher um ihre Unterschenkel wickelte.
Sie zuckte zusammen, wehrte sich aber nicht. Schließlich wickelte er noch die
beiden trockenen Tücher um die Wickel, damit das Bettlaken nicht naß wurde.
Aus dem
Schrank holte er noch eine zweite Decke, in die er Parker einpackte, dann legte
er sich wieder zu ihr.
Erleichtert stellte er fest, daß sie nicht mehr zitterte. Er betrachtete ihr
Gesicht, prägte es sich in allen Einzelheiten ein. Vermutlich würde er nie
mehr die Gelegenheit haben, ihr so nahe zu sein. Dieser Gedanke erfüllte ihn
mit tiefem Bedauern, aber auch mit der Entschlossenheit, die Zeit zu nutzen, die
er hatte. Zärtlich berührte er ihr Gesicht. Wieso mußten die Dinge so
kompliziert sein? Er seufzte leise und schloß sie wieder in seine Arme.
...
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