Der Wettbewerb
Miss Parkers Büro
Das Centre
Blue Cove, Delaware
01/09/1999, 16:30
"Ich werde nicht mitkommen", erklärte Miss Parker. Stille trat ein,
und Lyle wandte sich ihr zu, die Brauen fragend hochgezogen.
"Ach, und wieso nicht? Hast du vor, Urlaub zu machen?"
Sie ignorierte seine letzte Frage.
"Weil es absolut sinnlos ist. Selbst dir müßte das mittlerweile
aufgefallen sein. Solange Jarod die Kontrolle hat, werden wir ihn nie fangen.
Wir kommen ihm immer nur so nahe, wie er es zuläßt. Selbst wenn er einen
Fehler macht, gelingt es ihm trotzdem noch, uns zu entkommen."
Sydney sah sie verwundert an, während Lyle ganz offensichtlich mit Ärger
reagierte.
"Was willst du also tun? Hier rumsitzen und warten, daß er irgendwann von
allein zurückkommt?"
Miss Parker schüttelte den Kopf.
"Natürlich nicht. Vielleicht sollten wir aber darüber nachdenken, unsere
Strategie zu ändern."
Lyles Augen verengten sich.
"Ich bin durchaus der Meinung, daß wir ihn auf die herkömmliche Art
fangen können. Letztes Mal hatten wir ihn fast..."
"Fast. Genau darauf läuft es doch hinaus. Du glaubst, daß ich unrecht
habe, also werde ich dir demonstrieren, was ich meine. Wenn du danach immer noch
auf deiner Meinung bestehst..."
Sie zuckte mit den Schultern, aber in ihren Augen blitzte es herausfordernd. Das
Interesse ihres Bruders war geweckt.
"Wie willst du das anstellen?"
"Ich schlage dir Folgendes vor. Diesmal gehen wir getrennt vor, um zu
sehen, wem von uns es gelingt, näher an Jarod heranzukommen. Daß ihn niemand
von uns fangen wird, steht dabei natürlich außer Frage."
"Klingt nach einem interessanten Spiel."
"Nein. Kein Spiel. Eine Demonstration, mehr nicht. Ich spiele keine
Spiele", stellte sie energisch fest.
"Schon gut", erwiderte Lyle und hob abwehrend die Hände. "An was
für einen Zeitrahmen hast du gedacht?"
"Eine Woche dürfte genügen."
"Gut. Du möchtest bestimmt, daß Sydney und Broots..."
"Nein. Ich arbeite allein. Es ist ganz egal, wie viele Leute ich zu meiner
Unterstützung mitnehme, am Ende werde ich ihm ohnehin nicht näher kommen als
er es gestattet."
Lyle hob verblüfft die Brauen, doch dann zuckte er mit den Schultern.
"Na gut, wie du meinst. Kommen Sie, Syd, wir brechen sofort auf, bevor die
Spur zu kalt geworden ist. Was hast du jetzt vor, Parker?"
"Ich werde nach Hause fahren."
Diese Antwort entlockte Lyle ein amüsiertes Lachen.
"Du scheinst dir deiner Sache ja sehr sicher zu sein. Ich wünsche dir
trotzdem viel Glück. Wir sehen uns in spätestens einer Woche."
Mit diesen Worten verließ er Miss Parkers Büro. Sydney blieb in der Tür
stehen und maß Miss Parker mit einem nachdenklichen Blick.
"Ich dachte, sie spielen keine Spiele", meinte er langsam.
Sie erwiderte seinen Blick, den Hauch eines Lächelns in den Augen.
"Tue ich auch nicht. Jedenfalls nicht mit Lyle."
"Was haben Sie vor, Miss Parker?"
"Ich prüfe meine Möglichkeiten. Ihnen ist sicher aufgefallen, daß Jarod
in letzter Zeit dazu neigt, Fehler zu machen. Wenn er nicht sehr aufpaßt,
verliert er die Kontrolle und ist schneller wieder hier, als er es sich
vorstellen kann. Es wäre nur fair, ihn zu warnen."
Sydney sah sie verblüfft an.
"Warum machen Sie das?"
"Diese Frage werde ich Ihnen in einer Woche beantworten, Sydney. Das heißt,
wenn Sie es bis dahin noch nicht selbst herausgefunden haben. Sie sollten jetzt
lieber gehen. Lyle gehört zur ungeduldigen Sorte. Und sicher wollen Sie keine
Zeit verlieren. Viel Glück."
***
Parker Haus
Blue Cove, Delaware
01/09/1999, 22:47
Miss Parker ließ mit einem leisen Lächeln das Buch sinken, als sie das
Klingeln ihres Telefons hörte. Gespannt griff sie nach ihrem Handy.
"Du bist früh dran", sagte sie in neutralem Ton.
"Und du hast deinen Instinkt trainiert. Wieso früh?" wollte Jarod
wissen.
"Normalerweise rufst du erst an, wenn ich schon schlafe. Also muß es
wichtig sein", schloß sie.
"Wichtig? Nein, nicht wirklich. Sydney hat mich angerufen", erklärte
er.
Sie lächelte. Damit hatte sie gerechnet, ebenso wie mit Jarods Neugier.
"Und er hat dir von meinem Vorschlag erzählt?"
"Ja." Jarod zögerte kurz, bevor er fortfuhr. "Ich sehe, was du
vorhast, aber ich frage mich, warum."
"Vielleicht möchte ich Lyle einfach nur einen kleinen Dämpfer
verpassen."
"Unwahrscheinlich. Ich glaube eher, daß etwas anderes
dahintersteckt."
"Wie du meinst. Weswegen hast du angerufen?"
Er lachte leise.
"Ich dachte, du möchtest mich vielleicht fragen, wo ich bin."
Miss Parker hob überrascht die Brauen. Sie hatte vorgehabt, Jarod zu einer
Zusammenarbeit zu bewegen, und jetzt bot er ihr ganz von selbst seine Hilfe an.
Was steckte dahinter?
"Das würdest du mir doch ohnehin nicht verraten."
"Wieso probierst du es nicht aus?"
"Na schön", meinte sie mit einem Seufzen. "Wo bist du?"
"Nicht so schnell, Parker. Welche Garantie habe ich, daß du hier nicht mit
einem Sweeperteam auftauchst?"
"Ach, komm schon, Jarod. Du weißt genau, daß ich nicht allein sein werde.
Aber der Vorteil ist auf deiner Seite. Du kennst den Ort und kannst genügend
Fluchtmöglichkeiten vorbereiten."
"Und was habe ich davon, mit dir zusammenzuarbeiten?"
"Wie bitte? Seit wann verlangst du eine Gegenleistung? Du kannst Lyle eins
auswischen, das muß genügen."
"Mhm, fast, aber nicht ganz. Ich werde mir noch etwas ausdenken. Ich schätze,
wir sind im Geschäft."
Jarod klang ziemlich selbstzufrieden, und für einen Moment machte sich Miss
Parker sorgen. Doch dann lächelte sie. Das würde bestimmt eine interessante
Woche werden.
"Gut. Also, wo bist du?" fragte sie noch einmal - wider besseren
Wissens.
"Ich werde dir ein paar Hinweise geben, schließlich möchte ich nicht, daß
du zu früh hier ankommst. Außerdem hast du ja eine ganze Woche Zeit, mich zu
finden."
"Auf die Weise dürfte Lyle dich früher finden", erklärte Miss
Parker trocken.
"Um Lyle mußt du dir keine Sorgen machen. Die Spur, die er verfolgt,
bringt ihn so weit von mir weg wie nur möglich."
"Schön zu hören. Wie lautet der erste Hinweis?"
"Du solltest wirklich nicht so ungeduldig sein", neckte Jarod, der die
Situation offenbar sehr genoß. "Der erste Hinweis lautet: Ich bin nicht in
Delaware. Gute Nacht, Miss Parker."
Er legte auf, und sie starrte ungläubig auf das Telefon in ihrer Hand. Dann
verzogen sich ihre Lippen zu einem Lächeln, und sie beschloß, ins Bett zu
gehen. Die Woche war noch lang.
***
Motel
Montana
01/10/1999, 07:21
"Guten Morgen, Sydney."
"Guten Morgen, Broots. Haben Sie gut geschlafen?"
"Äh, nein, eigentlich nicht. Mr. Lyle hat darauf bestanden, die halbe
Nacht lang das Internet zu durchsuchen. Ich bin hundemüde, und Mr. Lyle ist
nicht gerade gut gelaunt."
"Das ist er selten. Sie können nachher im Auto schlafen. Ich nehme an, daß
wir eine ganze Weile unterwegs sein werden. Jarod ist offensichtlich nicht
hier."
"Tja, das werden wir wohl auch nicht mehr lange sein. Gott, ich wünschte,
die Woche wäre schon vorüber."
"Nur Mut. Wie schlimm kann es schon werden?"
***
01/13/1999
"Verdammt noch mal! Er hat uns schon wieder in die Irre geführt. Langsam
habe ich genug. Broots, setzen Sie sich mit dem Centre in Verbindung und finden
Sie endlich eine heiße Spur!"
Lyle verließ den Raum. Broots eilte an seinen Computer, und Sydney sah ihm
kopfschüttelnd nach. Sein Handy klingelte leise.
"Ja?"
"Hi, Syd. Wie geht's Ihnen?"
"Miss Parker! Wie schön, von Ihnen zu hören. Wo sind Sie?"
Er hörte, wie sie leise lachte.
"Brauchen Sie etwa Hilfe, Sydney?"
"Wollen Sie damit sagen, daß Sie Jarod schon gefunden haben?"
"Nein, aber ich bin dicht dran. Am Ende der Woche sollte es soweit sein.
Ich werde es Sie rechtzeitig wissen lassen, damit Sie dabei sein können. Wie
geht's Lyle denn so?"
"Nun, in letzter Zeit ist er recht... launisch. Sind Sie sicher, daß Sie
das fortsetzen wollen?"
"Tut mir leid, daß Sie soviel Ärger haben, aber jetzt gibt es kein Zurück
mehr. Außerdem ist die Zeit schon halb um. Halten Sie durch. Am Ende könnte es
sich lohnen. Bis bald, Sydney."
***
01/16/1999
Miss Parker rückte ihre Sonnenbrille zurecht und sah sich auf dem Platz um.
Schließlich entdeckte sie den Ort, den Jarod ihr beschrieben hatte. Langsam
schlenderte sie dorthin und lächelte leicht. Ihr Sweeperteam, das sie unglücklicherweise
am Flughafen von Phoenix verloren hatte, würde erst in ein paar Stunden hier
eintreffen. Und ihre Waffe... nun, es war natürlich nachlässig von ihr
gewesen, sie in der Eile im Hotel zu vergessen...
"Hallo, Parker."
Sie drehte sich um und nahm ihre Sonnenbrille ab, bevor sie Jarod musterte. Er
sah wirklich gut aus.
"Hi, Jarod. Ich schätze, damit ist unsere Zusammenarbeit beendet."
"Oh, noch nicht ganz. Ich habe..."
"Jarod!"
Lyles Schrei hallte über den Platz.
"Gut, er ist pünktlich. Es sieht so aus, als hättest du gewonnen,
Parker."
"Ja."
Mit einem Lächeln sah sie rüber zu Lyle und Sydney, die schnell näherkamen.
"Dann ist es Zeit, meinen Preis einzufordern."
Bevor Miss Parker reagieren konnte, hatte Jarod schon einen Arm um ihre Taille
geschlungen und sie an sich gezogen. Dann küßte er sie, direkt vor den Augen
seiner Verfolger.
...
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