amazon.de RoJaC - Robert's Jazz Corner Looking for jazz books & CDs ?
Amazon.com logo

Noch mehr Rezensionen ...

Die folgenden Rezensionen erschienen in Jazz Live Nr 132/2001.


Bill Dixon, Franz Koglmann, Steve Lacy: "Opium"

betweeen the lines btl 011 / EFA 10181-2

Franz Koglmann (tp, flh), Steve Lacy (ss), Bill Dixon (tp), Josef Traindl (tb); Cesarius Alvim Botelho (b), Aldo Romano (dr), Steve Horenstein (ts), Alan Silva (b); Walter Mali (cymbals); Toni Michlmayr (b), Gerd Geier (elec)
Rec. 26.4.1973, Dec 19.12.1975 und 6.8.1976

Die CD vereint drei frühe Sessions unter der Leitung von Franz Koglmann, die ursprünglich in kleiner Auflage auf zwei LPs in dessen Eigenverlag (Pipe Records) erschienen. Endlich kann man diese Treffen des jungen Wieners mit anerkannten Meistern des improvisierten Jazz nachhören.

In den Aufnahmen mit Steve Lacy (er trägt auch zwei Kompositionen bei) ist ein starkes gegenseitiges Verständnis der Musiker spürbar, sowohl in kompositorischer, als auch in improvisatorisch Hinsicht. Lacy sorgt in seinen Improvisationen wie immer für erstaunlich unkonventionellen Swing, gepaart mit einem gehörigen Maß Freiheit. In dieser Umgebung kann sich auch die typisch zurückhaltenden Art von Koglmann zaghaft entfalten.

Herausragend ist das von Bill Dixon beigesteuerte - und mit über 17 min bei weitem das längste - Stück For Franz. Mit dem Bassisten Alan Silva hatte sich Dixon hier die profunde Ausgestaltung der ihm so wichtigen tiefen Lagen gesichert; das getragene Thema sollte sich in späteren Aufnahmen von Dixon wiederfinden. Koglmann kommt hier über die Rolle des Bewunderers und Vollstreckers der Ideen Dixons allerdings nicht hinaus. Immerhin, es ist Koglmanns Verdienst, die einzige Platten­ver­öffentlichung mit Bill Dixon in den Jahren zwischen 1967 und 1980 erreicht zu haben!

Die Original-Tonbänder der Aufnahmen sind leider verloren gegangen. Die Klangqualität der von offenbar stark geschädigtem Vinyl „gemasterten“ Musik ist streckenweise so schlecht, dass der diesbezügliche Ärger deutlich vom musikalischen Geschehen ablenkt. Dass Teile der ursprünglichen LPs (mit Kompositionen österreichischer Kollegen), deren Liner Notes und Fotos ersatz- und kommentarlos gestrichen wurden, ist ein weiteres außermusikalisches Manko dieser Produktion. Während die klare Linie von BTL bei Neuerscheinungen besticht, wäre eine andere Richtung bei historischen Reissues diskussionswürdig.
(Stubenrauch)


Bidinte: "Iran Di Fanka’s"

Intuition INN 1110-1

Trotz des anhaltenden Weltmusik-Booms ist Guinnea-Bissau wohl eher noch immer eine Unbekannte in der musikalischen Landschaft. Nicht mehr, denn nun gibt es Bibinte! Er singt, spielt Gitarre und jede Menge von Percussion-Instrumenten. Die Musik wirkt recht fröhlich und so wird man auf den Boden der Realität zurück geholt, wenn man im hübschen Booklet die Liedtexte liest (in Englisch, Portugiesisch, und in der Landessprache). Oft geht es darin um Bürgerkrieg und Armut, die auch dieses afrikanische Land plagen. Einmal mehr also der Versuch von Musik als heilender Gegenpol.

Insgesamt eine sehr reizvolle und natürlich wirkende Mischung von afrikanischer und flamenco-beeinflusster spanischer Musik (mit viel akustischer Gitarre!), aber auch mit Funk und Pop-Anklängen.
(Stubenrauch)


Rabih Abou-Khalil" "The Cactus of Knowledge"

Enja ENJ-9401 2
Rec. Juli 2000

Der Baum der Erkenntnis hat Stacheln, seine Früchte hingegen scheinen Erdbeeren zu sein. Das aufwendig gestaltete Package ist vielseitig, vielsprachig, vielfärbig, die abgedruckte Erzählung vielschichtig. Die Band hingegen ist vielköpfig und enthält einen Sound Engineer. Sie spielt Musik mit vielen Noten (bewiesen im Booklet!) und viel Rhythmus (natürlich orientalischem). Manchmal kling es ein bisschen wie eine New Orleans Brass Band zum Marschieren oder wahrscheinlich eher zum Tanzen.

Wie ist das Verhältnis von Erdbeeren zu Stacheln? Doch wohl günstiger als Eins zu vielen Hundert! Viel-leicht muss man diese Musik vielmals hören, um das Verhältnis noch zu verbessern.
(Stubenrauch)


James Emery: "Luminous Cycles"

Between the lines btl / EFA 10185-2
Rec. Oktober 2000

James Emery: ac-g; Marty Ehrlich, Chris Speed: sax, cl; Drew Gress: b; Gerry Hemingway: dr, glockenspiel; Kevin Norton: marimba, vib, tympani, bowed tam-tam

Diese Musik überzeugt in mehrfacher Hinsicht: da ist der wunderbare kammermusikalische Ensembleklang dieser rein akustischen Besetzung (allein der Reiz der Kombination von akustischer Gitarre, Vibraphon und Klarinette!). Dann ist da die starke, sich ständig verschiebende rhythmische Grundierung von Hemingway, verstärkt durch Norton. Und nicht zu vergessen die Reibung des Zusammenklanges der zwei Holzbläser! Alle Kompositionen stammen vom Leader und ergeben zusammen ein äußerst homogenes, dennoch sehr vielschichtiges Ganzes. Da ist die Spannung zwischen den thematisch gebundenen Phasen (verwurzelt in der Tradition des einleitenden Themas) und den oft parallelen Improvisationen, die jedoch immer recht kontrolliert erscheinen. Jede Sekunde kann eine Überraschung bringen; diese Musik ist unglaublich abwechslungsreich und lebendig. Obwohl ein klares Konzept dahinter steht, ist eine große Freiheit spürbar. Postmoderner Jazz, der uneingeschränkt Spaß macht und doch den Intellekt anspricht.
(Stubenrauch)


Franz Koglmann: "Venus in Transit"

Between the lines btl / EFA 10185-2
Rec. Februar 2001

Franz Koglmann: tp; Chris Speed: ts, cl; Michael Rabinowitz: bassoon; Mat Maneri: viola; David Fiuczynski: g; Peter Herbert: b; John Mettam: cocktail dr, perc; Wolfram Igor Derntl: voc

In der für Koglmann typisch vielschichtigen Art ist Venus in Transit gleichzeitig die Musik für ein Theaterstück und eine Widmung an Marilyn Monroe. So erklärt sich die unterhaltsame Grundtendenz der Musik und die Interpretationen von I Wanna Be Loved By You und Some Like It Hot, die sich unter die Kompositionen Koglmanns mischen. Die kurzen Stücke von Venus leben vom abwechslungsreichen Ensembleklang und - auf die Gefahr hin, ein Klischee heraufzubeschwören – vom augenzwinkernden, trägen Wiener Schmäh, der immer wieder aufblitzt.

Die andere Hälfte der CD nennt sich Wahlverwandtschaften und bezieht sich auf Goethes Feststellung einer Analogie zwischen Musik und Architektur. Dieser Idee folgend werden drei bekannte Gebäude musikalisch vorgestellt. Es sind komplexe, suitenartige Stücke kammermusikalischer Grundstimmung. Die Wiener Urania wird durch ein Duo Cello/Fagott-Duo dargestellt, die Maison à Bordeaux und das Case Study House von Los Angeles entwickeln in voller Besetzung durchaus auch jazzmäßig metrische Elemente. Die Musik ist stark durchkomponiert und –arrangiert; auch in den atonal-freien Passagen ist sie immer kontrolliert, sodass das Ausmaß von Improvisation schwer abschätzbar bleibt. Eine CD für aufmerksame Hörer!
(Stubenrauch)