Kumpel kämpft sich frei

Herbert Grönemeyer kehrte ein Jahr nach familiären Schicksalsschlägen auf die Bühne zurück. Am Sonntag wurde er in der Welser Boschhalle gefeiert.

Kumpel Herbert ist wieder da. Nach zwei Todesfällen im vergangenen Jahr - Bruder und Frau verstarben innerhalb weniger Wochen an Krebs - wurde die "Bleibt alles anders"-Tournee zweimal verschoben. Jetzt kämpft er sich wieder heran und gegen die private Vergangenheit. Rackern. Schuften. Er müht sich fast drei Stunden lang. Elf (!) Zugaben. Presst Wut, Trauer und Ohnmacht heraus. Hier will einer zeigen, was nach fast zwei Jahrzehnten im Geschäft in ihm steckt. Immer noch. Oder: Jetzt erst recht. Zwischen diesen Polen hält er Ausschau nach einem neuen Standort. Er zieht - deutsche Tugend! - ordentlich Bilanz. Unterm Strich bleibt mehr Gutes. "Es ist besser, viel besser, als man glaubt", wie es in der Localhero-Hymne Bochum heißt.

Der 43-Jährige war nie ein filigraner Songwriter, kein Strahlemann. Er kommt aus dem Ruhrpott. Er macht Musik so, wie die Kumpels aus der Heimat nach Kohle graben: Es ist schwere Arbeit. Und er sagt dabei, was er denkt. Alles gerade heraus aus der gepeinigten, verkrampften Seele. Das macht ihn zu einem von uns. Kein Genie. Keiner, dem alles locker von der Hand geht, sondern einer, dem die Anstrengung anzusehen ist. Da geht am Ende der Zeilen oft der Atem aus. Halbsätze bleiben unausgesprochen im Hals stecken. Egal. Jene 5000, die die Halle bis auf den letzten Platz füllen, brauchen live nicht alles zu verstehen. Sie haben schon mittels CD verstanden.

Neue Songs gibt es nicht. Grönemeyer blickt zurück, versucht, nach der Abwesenheit seinen Platz auszuloten. "Langsam kommt man sich näher", sagt er. Das ist aber nicht leicht. Totale Einigkeit zwischen dem Kämpfer auf der Bühne und der Masse herrscht in Wels nur bei den alten Hits. Männer, Alkohol, Was soll das? lassen die Stimmung überkochen. Neuere Songs werden hingenommen. Es kommt ohnehin bald wieder etwas zum auswendig Mitsingen. Warten wir, während er arbeitet. In diesen Kampfsongs - textlich wie musikalisch - werkt er gegen brachial einfältige Sounds der Band. Überquert die Bühne im Laufschritt. Rennt politisch immer korrekt - "Da versuchen wieder Idioten, mit rechten Parolen zu punkten" - gegen alles Böse dieser Welt an. Das ist unbequem, anstrengend, aber wichtig. Wer sonst außer ihm sagt eindringlicher, wie schwer es ist, aufrecht zu bleiben, wenn man sich Rückgrat und Herz nicht brechen lassen will?

Wenn dann aber Feuerzeuge und Sternspritzer angehen, ist melodieloser Zorn verflogen. Es wird weich, intensiv. Halt mich. Schmetterlinge im Eis. Flugzeuge im Bauch. Ich hab Dich lieb. Immer im richtigen Moment, wenn relativ neues Material die Kluft zwischen Hörerwunsch und Angebot fast unüberbrückbar machte, setzt er sich an die Tasten. Allein. Wenig Licht. Verse werden gelassen bis zum Zeilenende artikuliert. Der Kopf macht endlich Pause. Aus der Stille entsteht Kraft, die bei den Kampfsongs auf der Strecke bleibt. Im Kerzenlicht legen auch Schwerarbeiter den Hammer aus der Hand.