Roger Willemsen im Gespräch mit Herbert Grönemeyer.


"Sie ist stolz und mutig auf eine Reise gegangen"

Vor vier Monaten hat er Frau und Bruder verloren. Im STERN spricht der erfolgreichste deutschsprachige Musiker jetzt erstmals über seinen Schmerz. Das Gespräch führte Roger Willemsen
 

Es waren Schicksalsschläge, an denen ein Mensch zerbrechen kann. Vor vier Monaten verlor Herbert Grönemeyer innerhalb weniger Tage zwei geliebte Menschen. Erst starb sein Bruder Wilhelm, 44, an Leukämie. Selbst Herberts Knochenmarkspende konnte ihn nicht mehr retten. Dann erlag seine Frau Anna, 45, dem Brustkrebs. Acht Jahre lang hatte sie gegen die tückische Krankheit gekämpft.

"Dein Verlust sprengt alle Dimensionen, Werte, Phantasien. Der Schmerz ist Wüste voll brutalster Wucht", trauerte Grönemeyer in seiner Todesanzeige um Anna. Danach flüchtete er sich in Schweigen. Jetzt besuchte für den STERNsein Freund Roger Willemsen den 42jährigen Sänger in London. Hier, in der Wahlheimat seiner Frau, versucht Herbert Grönemeyer, seinen Kindern Felix, 11, und Marie, 10, über den Verlust ihrer Mutter hinwegzuhelfen.

WILLEMSEN: In welcher Verfassung bist du?

GRÖNEMEYER: Zwischen überwach und Zusammenbruch. Das wechselt sich ständig ab. Es gibt Momente, wo das Gehirn präzise knattert, wo ich mich auch sehr konzentriere, aber das Potential für solche Phasen ist gering. Die Zusammenbrüche sind massiv.

WILLEMSEN: Was ist das Regelmäßige an deinen Tagen?

GRÖNEMEYER: Aufstehen, morgens um sieben Uhr, um die Kinder für die Schule fertig zu machen. Dann lege ich mich meistens wieder hin, weil ich es nicht ertrage, mich mit dem Vormittag auseinanderzusetzen, weil ich auch keinen habe, mit dem ich reden kann. Meine Aufgabe ist es jetzt, den Alltag für die Kinder so erträglich wie möglich zu gestalten, so daß alles für sie in der Balance bleibt.

WILLEMSEN: Liegt nichts Tröstliches im Normalen?

GRÖNEMEYER: Trotz dieser wenigen Momente, in denen man sich kurz wieder hochziehen kann, liegt ein massives Grau, sehr bleiern, über allem, dazu ist es zu monumental. Es ist wie nach einer großen Explosion, und man liegt da mit einer Aktentasche und guckt zu, wie alles zerstört ist. Ich versuche nach wie vor, das Leben zu erkennen, aber es ist alles auf Null gebracht, wenn nicht auf unter Null. Unsere Eltern wissen ja noch, was Nullpunkt heißt. Wir dagegen haben uns in einer satten, farbenfrohen Zeit entwickelt. Es ist wie ein Krieg, den ich durchmache, und ich muß warten, bis der Punkt kommt, wieder Fuß zu fassen.

WILLEMSEN: Der kommt wahrscheinlich da, wo du ihn nie erwartet hast.

GRÖNEMEYER: Das denke ich auch. Die Farben werden nie wieder so aufgehen, wie sie mal aufgegangen sind. Aber sie werden anders aufgehen.

WILLEMSEN: Wann hast du angefangen, dich mit dem Tod zu beschäftigen?

GRÖNEMEYER: Damit habe ich mich schon in der Pubertät auseinandergesetzt. Die ganzen Sachen von Leonard Cohen konnte ich alle auswendig.

WILLEMSEN: Schwülstig auseinandergesetzt?

GRÖNEMEYER: Nüchtern. Wie mit einem ganz natürlichen Vorgang. Daß es aber Menschen gibt, die sich mit dem Tod ständig auseinandersetzen, war mir neu. Ich dachte immer, daß es Depressionen oder Ereignisse gäbe, die dazu führen. Daß das Teil einer Kultur sein kann, war mir so nie klar.

WILLEMSEN: Hast du geglaubt, daß der Erfolg dich immunisiert?

GRÖNEMEYER: Nein, das sehe ich bäuerlich. Man kommt mit Erfolg nicht an ihm vorbei, er macht mir nur die Zwischenphase von Geburt und Tod lebenswürdiger.

WILLEMSEN: Fliehst du im Augenblick vor der mitfühlenden Anteilnahme Deutschlands?

GRÖNEMEYER: Mein erster Gedanke war, in Berlin bin ich sicherer. Der zweite Gedanke war: "Warum war Anna so gerne in London?" Das will ich erst einmal rausfinden.

WILLEMSEN: Es ist doch merkwürdig, auf den Spuren jemandes zu gehen, der die Stadt noch gar nicht richtig betreten hat.

GRÖNEMEYER: Ein wichtiger Faktor für uns war auch, daß wir sagten: Hier sind wir eine normale Familie. Wir mußten nicht Spießruten laufen. Man will einfach mal so leben wie jeder Nachbar auch. Es kennt einen keiner, die Kinder kennt keiner. Wir lebten einen unbeobachteten Alltag. Es war nicht zuletzt wegen der Krankheit wichtig, mal zu einer Normalität zurückzukehren.

WILLEMSEN: Wollte Anna unsichtbar werden?

GRÖNEMEYER: Sie wollte aus der Beobachtung raus, hat sicher von einer eigenen Welt geträumt. Sie fand den Erfolg, der über mich einbrach, zwar faszinierend, aber es war auch die Sehnsucht da, in einer anderen Welt zu leben. Als Betroffener ist das manchmal schwer auszuhalten.

WILLEMSEN: Hast du je geglaubt, sie wolle nach London, weil sie nicht auf deutschem Boden sterben wollte?

GRÖNEMEYER: Ich glaube, es gibt nicht die Klarheit über die Situation. Man will das ja immer gerne, daß man das also irgendwann spürt, wenn es zu Ende geht. Aber so ist es nicht. Da ist mit dem westlichen rationalen Anspruch nichts zu holen.

WILLEMSEN: Immerhin ist es couragiert, so krank zu sagen: "Jetzt setze ich mich in diesen Moloch London und bin niemand."

GRÖNEMEYER: Sie war couragiert, hat immer den Neuanfang gesucht. Ja, sie war in ihrer Courage beeindruckend. Aber eine Heimat hatte Anna nie. Die Familie war dann schon ihre Heimat. Es war der Versuch, unsere Familie da hinzuverpflanzen, wo es keine Öffentlichkeit gab, ohne Bezugspunkte. Durch diesen Neuanfang wollte sie auch positive Energien sammeln und sagen: Hurra, ich lebe noch. Es war die Hoffnung, die Familie und auch mich ganz für sich zu haben.

WILLEMSEN: Am Tage nach Annas Tod standen fünf Kamerateams vor deinem Haus. Hast du da die Kraft gehabt, dich zu ärgern?

GRÖNEMEYER: Mir ist da ja so ein Lapsus passiert. Ich war zu der Zeit mit Freunden bei uns in Berlin. Da klingelte es an der Tür, und ein Journalist fragt: "Wir haben gehört, Ihre Frau ist gestorben?" Ich war so überrascht, daß ich sagte: "Nein. Die ist kerngesund." Ich war da so wie in Trance, versuchte, nüchtern zu denken, aber jede Emotion ist tiefgefroren. Ich wunderte mich plötzlich über die Kälte, die ich entwickelt habe.

WILLEMSEN: Weil einen sonst nichts berührt?

GRÖNEMEYER: Es geht nur darum, alles zusammenzuraffen, was noch im Gehirn ist, um das durchzustehen. Das Gehirn arbeitet weiter, aber der Rest ist völlig gelähmt und starr.

WILLEMSEN: Was mochte Anna an London?

GRÖNEMEYER: Die Freunde, dann war es die wilde Vegetation, die schönen Gärten und die Parks. Wenn man das alles liebt und braucht, ist man in England immer richtig. Die haben dort keine Flurbereinigung, legen keine Straße durch den Baum, sondern an dem Baum vorbei. Die englische Landschaft ist unberührt gelassen worden, und die Seele hat nicht gern Quadrate.

WILLEMSEN: Was war das Glück in der letzten Zeit?

GRÖNEMEYER: Das Verhältnis wurde intensiver, genauer, klarer. Wir haben geredet. Immer. Wir haben auch viel gelacht. Wir wollten diese Krankheit mundtod machen, wollten die fünfte Person am Tisch wissen lassen: "Du hast hier gar nichts zu sagen." Wenn man die Texte meiner letzten Platte hört, erschreckt man sich angesichts all der Vorahnungen. Die letzte Version von "Paradies" ist eben, "küß mich und laß mich allein". Das Lied kann ich nicht hören.

WILLEMSEN: Kannst du dir vorstellen, den Titel öffentlich zu singen?

GRÖNEMEYER: Das weiß ich, wenn ich auf der Bühne stehe.

WILLEMSEN: Auf der Platte ist Liebe fast immer mit Verlust verbunden.

GRÖNEMEYER: Ja, das ist ja die Gratwanderung generell. Man lebt ja speziell in so einer engen Beziehung ständig im Versuch, immer näher aneinander heranzukommen, wobei man Gefahr läuft, zu weit in die Welt des anderen vorzudringen.

WILLEMSEN: Die Lieder sind alle an Anna?

GRÖNEMEYER: Ja, fast alle. Sie hatte mal gesagt, sie habe nie gewußt, daß ich sie so liebe, das heißt, obwohl ich mir die Seele wund schrieb, habe ich sie dennoch nie erreicht. Mit der Platte hat sie dann gemerkt, daß die Lieder doch für sie waren.

WILLEMSEN: Das macht es jetzt fast noch schmerzlicher.

GRÖNEMEYER: Ja. Aber vielleicht gibt es Momente im Leben, wo man erkennt: Man kann nicht dichter aneinander heran. Das macht die Platte aber eben so traurig, weil es letztlich so sinnlos war. Sie war immer mein Universum. Und das ist zerplatzt.

WILLEMSEN: Hier steht die Zeile: "Denk auf deiner Zeitreise mal an mich."

GRÖNEMEYER: Ja. Ein Jahr später erzählen mir meine eigenen Lieder mehr als in der Zeit, wo ich sie geschrieben habe.

WILLEMSEN: Siehst du Anna jetzt auf einer Zeitreise?

GRÖNEMEYER: Ja. Sie ist stolz und mutig auf eine Reise gegangen, die mir noch bevorsteht. Das macht mir etwas angst, denn so mutig, wie sie die Reise angetreten ist, macht es einen selber klein. Ich begreife sie als jemand, der nur woanders lebt.

WILLEMSEN: Hast du diese spirituelle Dimension vorher schon in deinem Leben gehabt?

GRÖNEMEYER: Ich bin eigentlich ein Realist vom Kopf her. Ich habe vielleicht einen ganz guten Instinkt, aber grundsätzlich bin ich Pragmatiker. Es fällt mir sehr schwer, mich auf diese Zeitreise zu begeben. Da habe ich gar keinen Ansatz. Anna war ganz anders. Es war eine ganz starke Sehnsucht von ihr, daß ich im Alltag mit ihr mehr davon hätte.

WILLEMSEN: "...trag noch einmal den Heiligenschein, küß mich und laß mich allein".

GRÖNEMEYER: Ja. So bleibt sie auch für mich. Sie hinterläßt etwas sehr Großartiges, was einerseits sehr weh tut, andererseits hat es in guten Zeiten etwas sehr Stärkendes. Aber diesen Heiligenschein wird sie immer behalten. Sie war eben ein wunderbares Menschenkind, und in diesem spirituellen Bereich war sie grandios. Ich kenne keinen Menschen, der das verkörperte, was ich an ihr so aufregend fand, weil es mir auch so fremd war. Ich habe 20 Jahre mit ihr zusammengelebt, aber diese Dynamik, die sie hatte, wird für den Rest meines Lebens bleiben.

WILLEMSEN: Was in deinen Texten noch auffällt, ist ihre inständige Tonlage.

GRÖNEMEYER: Daß ich sie so erreichen wollte, hatte auch mit ihrer Sprödigkeit zu tun. Ich wollte eben alle Kräfte mobilisieren und ihr helfen. Ich kann nur über das singen, was ich denke und fühle, und das so radikal machen, daß es andere betrifft. So bin ich auch im Leben. Ich bin kein Umschweifer.

WILLEMSEN: Wie habt ihr euch kennengelernt?

GRÖNEMEYER: Wir haben in diesem Film gespielt, der hieß "Uns reicht das nicht". Ich war für Hamburger Augen so ein richtiger Ruhrgebietler, den man schlecht ertragen kann, war so als heitere Natur unterwegs und ging ihr wohl furchtbar auf die Nerven. Es war sicher keine Liebe auf den ersten Blick, aber eine monumentale auf den zweiten Blick. Wir paßten von der Biographie nicht zusammen, von der Mentalität, den äußeren Komponenten nicht, musikalisch paßten wir nicht. Sie kam aus einer Hamburger Hippie-Untergrund-Szene. Ich kam mehr aus der sportlichen Ecke. Sportlich war für sie ein Reizwort.

WILLEMSEN: Habt ihr Utopien gehabt?

GRÖNEMEYER: Anna hatte die Vision: Es darf nie langweilig werden. Ich hatte die Vision: Lebe die Sekunde. Ich war nie ehrgeizig, weil ich dachte: Die Natur wächst auch langsam. Es hat dann bei uns schon richtig geknallt. Wir paßten wie die Faust aufs Auge, aber es gibt schließlich nicht die eine Wahrheit, sondern im Zusammenspiel von mehreren Wahrheiten gibt es Explosionen. So war es mit uns. Wir haben uns extrem aneinander gerieben. Aber das Ziel war, authentisch zu bleiben, radikal, sich nicht selbst verratend. Das war eher die Vision.

WILLEMSEN: Du übersetzt es dann aber mehr ins Gedankliche.

GRÖNEMEYER: Ich bin mehr der Schwafler. Ich rede da gerne darüber. Ich versuche es dann auch verbal umzusetzen. Für Anna war es einfach klar. Ich bin auch kitschverliebt.

WILLEMSEN: Glaubst du, man ist glücklicher, wenn man echt ist?

GRÖNEMEYER: Ich glaube, daß der Mensch durch seine Schwäche besticht. Da wird er einzigartig, nicht im Erfolg. Was wir als Menschlichkeit beschreiben, ist im Grunde die Öffnung der Schwächen. Wenn man also versucht, sich über die Schwäche aneinander anzunähern, dann entsteht wirklich Nähe.

WILLEMSEN: Wie ersetzt du dir jetzt die Reibung, wenn das Verhältnis so aus Reibung bestanden hat?

GRÖNEMEYER: Die Reibung ist weg, der Schutz ist weg. Der Spiegel ist weg. Deshalb ist meine Trauer auch nackte Angst. Trauer löst ja ein ähnliches Gefühl wie Angst aus.

WILLEMSEN: Ist dir denn eine neue Stärke zugewachsen?

GRÖNEMEYER: Das weiß ich nicht. Ich glaube, daß ich einen Teil meiner Verbindlichkeit abgelegt habe, also den Teil, der auch überflüssig war.

WILLEMSEN: Nimmst du jetzt mehr weibliche Psychologie an?

GRÖNEMEYER: Ich will ja kein Mappa werden. Ich muß jetzt einfach alles etwas nüchterner sehen, gerade was Alltagssituationen betrifft. Das hat ja Anna ganz stark gemacht. Die Kinder haben sie bis zuletzt nie schwach gesehen. Die haben auch das Ende nicht mitbekommen. Ein unwürdiges Siechtum wollte sie allen ersparen. Wenn ich dann auf der anderen Seite meinen Bruder sehe, der hat das auf seine Art genauso gemacht. Wo sie den hingebeamt haben! Dreimal bestrahlt mit Tschernobyl, dann noch einmal mit Chemotherapie. Dann haben sie ihm meine Stammzellen gegeben. Vielleicht konnte er nicht mehr, das war übermenschlich.

WILLEMSEN: Wie lange wußtest du von Annas Krankheit?

GRÖNEMEYER: Acht Jahre.

WILLEMSEN: Hast du je daran gedacht, dich auf die jetzige Situation vorzubereiten?

GRÖNEMEYER: Da war nichts vorzubereiten. Ich dachte die ganze Zeit, daß es zu packen sein müßte.

WILLEMSEN: Hätte sie einen Abschied zugelassen?

GRÖNEMEYER: Nein. Das war nicht ihr Stil. Ihre Einstellung war: Man zeigt keine Schwäche. Das Leben ist hart genug, dem setzt man was dagegen. Man hatte dem eine Haltung gegenüberzustellen, nur dann war man es wert, an ihrer Seite zu sein.

WILLEMSEN: Sie hat dich also auch nicht vorbereitet?

GRÖNEMEYER: Nein. Wir haben darüber nicht gesprochen. Wir wußten, worum es geht. Wir haben aber auch gesagt: Wir nehmen das so an. Sie war, was ihre Haltung und ihre Würde anging, mir noch ein deutliches Stück voraus.

WILLEMSEN: Findest du diese Haltung in deinen Kindern?

GRÖNEMEYER: Ja, stärker als bei mir. Die haben das viel präziser. Die Kinder suchen viel mehr das Echte. Die Kinder haben auch ein vitales Bild von ihr. Sie haben sie nie leidend erlebt. Sie kennen ihre Mutter lustig und albern. Sie hatte in der Situation mehr Abstand zu sich selbst, ja, mehr Leichtigkeit als ich. Wenn sie lachte, sprengte das alles. Es war wie unter einem Sauerstoffzelt.

WILLEMSEN: Du äußerst auffallend viel Selbstkritik.

GRÖNEMEYER: Ich habe mich nie für den Größten gehalten. Als wir uns kennenlernten, war ich 21. Ich war also zu dem Zeitpunkt, wo ich anfing, bewußt über mich nachzudenken, mit jemandem zusammen, der das noch verstärkt hat. Da gab es kein Entkommen. Da konnte man nicht lügen oder taktieren. Sobald ich taktierte, bekam ich von ihr was auf die Mütze. Ich hatte nie den Ehrgeiz, mit 14 eine Persönlichkeit zu sein. Lieber entwickelte ich mich mit meinem Tempo. Durch Anna war die Lupe aber so präzise, daß die Reflexion dadurch verstärkt wurde, und angesichts ihrer Krankheit frage ich mich schon: Wo liegt dein Anteil daran? Was hast du durch deine Dynamik und Dominanz ausgelöst?

WILLEMSEN: Du siehst dich als Teil der Krankheit?

GRÖNEMEYER: Natürlich empfinde ich Schuld. Wenn ich nach 40 Jahren Bilanz ziehe, wenn ich meinen Erfolg sehe.

WILLEMSEN: Hat er Anna angst gemacht?

GRÖNEMEYER: Ich denke, Anna fand ihn bedrohlich und faszinierend, ja.

WILLEMSEN: Er hätte sie auch ins Leben reißen können.

GRÖNEMEYER: Stimmt. Es hat auch diese Ambivalenz, und trotzdem sehe ich ihre Krankheit und sage: Warum habe ich das nicht verhindert? Wir beide dachten auch, wir könnten es. Wenn man sich liebt und in so einer Situation ist...

WILLEMSEN: Umgekehrt hast du sie ja vielleicht auch am Leben gehalten. Es hat doch nichts mit Schuld zu tun, es ist moralisch indifferent.

GRÖNEMEYER: Ja, das ist präziser. Es war eben von Anfang an so. Es gibt niemanden, der mich in seiner ganzen Klugheit und Weisheit und Haltung je mehr interessiert hat. Nicht nur weil ich in sie verliebt war. Sie war von ihrem Wesen so, daß sie mich forderte und reizte. Man wollte da ran. Ich weiß noch, als ich ihr die erste Platte vorgespielt habe. Sie bekam die goldene Zitrone für das schlimmste Cover. Da war ich vorne drauf, sah aus wie der Sohn vom Fischer, der Shanties singt. Als sie das gesehen hat, hat sie sicher gedacht: "Was habe ich mir da für einen eingefangen." Ich habe immer gesagt: "Immer mit der Ruhe, ich komme schon." Sie hat mich fasziniert.

WILLEMSEN: Warst du immer unempfindlich gegenüber Glamour? Glamourös war Anna ja nicht.

GRÖNEMEYER: Ich bin da unempfindlich, und glamourös bin ich ja auch selbst nicht. Ich bin Westfale, die haben angeblich noch nie ein Gedicht geschrieben, leben aber so lange, daß sie sich schon selbst umbringen müssen. Ich bin relativ uneitel, halte mich aber für extrem gutaussehend.

WILLEMSEN: Kannst du gerade schreiben?

GRÖNEMEYER: Nein. Der Kopf steht unter einem Schock Adrenalin, mit hohem Wachsamkeitspegel. Aber innerlich ist nichts vorhanden. Die einzigen Zeilen, die mir eingefallen sind, sind die für die Todesanzeige. Es rotiert im Kopf nur so, weil man eben Kinder hat, und man versucht, sich zusammenzunehmen. Sobald man das nicht macht, kollabiert alles. Es ist wie ein Kartenhaus, das man mühselig aufbaut. Sobald die Tür aufgeht, ist das weg.

WILLEMSEN: Bist du gut im Stabilbleiben?

GRÖNEMEYER: Ich hab' vor lauter preußischer Erziehung Angst, zu gut sein zu wollen. Anna hatte dieses norddeutsche Naturell. Wenn alle schon über Bord springen, sagte sie lieber: "Ich warte noch etwas." Diese Würde, die Konzentration auf das Wesentliche.

WILLEMSEN: War deine Rolle in der Öffentlichkeit eigentlich immer geprägt von diesem privaten Geheimnis? Du giltst ja nicht gerade als lässig oder geschmeidig.

GRÖNEMEYER: In der Situation hat man keinen Platz für Äußerlichkeiten. Man versucht, für diese Strecke alle Kräfte zu mobilisieren. Das hat mein Image sicher mitgeprägt. Es hat mir aber sicher auch geholfen, weil es mir Klarheit und Reife gegeben hat. Ich war nie oberflächlich. Früher hatte ich eine Heiterkeit und Leichtigkeit, die mit Ernsthaftigkeit gepaart war. Das geht einem in so einer Phase ab. Man hat die Krankheit, Familie, man steht auf der Bühne. Wenn man das alles bündeln will, kann man sich keine Tricks leisten.

WILLEMSEN: Du mußt doch manchmal auf der Bühne gestanden haben und gedacht haben: "Wenn ihr wüßtet."

GRÖNEMEYER: Das wußten ja auch die engsten Freunde nicht. Es wußte ja keiner, nicht einmal meine Band. Und es ging ja nicht nur um meine Welt. Es sind ja noch zwei Menschen da.

WILLEMSEN: Bist du in der Zeit spiritueller geworden?

GRÖNEMEYER: Ja. Ich weiß aber nicht genau, was das heißt.

WILLEMSEN: Du entdeckst plötzlich, daß es sich lohnen kann, mit Pfarrern zu reden.

GRÖNEMEYER: Der war beeindruckend. Daß die Verschiedenheit der Menschen sich darin zeigt, wie jemand sein Leben in Beziehung zum Tod sieht, war mir nie so klar.

WILLEMSEN: Kannst du dir eine Platte jenseits von "Bleibt alles anders" vorstellen?

GRÖNEMEYER: Nein. Ich muß jetzt - was wir vorher zu zweit gehabt haben - versuchen, in einer Person zu bündeln. Was daraus für eine Kultur entsteht, weiß ich noch gar nicht.

WILLEMSEN: Du weißt nicht mal, ob Musik die richtige Artikulation ist?

GRÖNEMEYER: Ohne Musik wäre ich sicher unerträglich. Aber da bin ich zur Zeit gelähmt.

WILLEMSEN: Bist du einsam in London?

GRÖNEMEYER: In so einer Situation ist man überall einsam, weil plötzlich alles zusammenbricht. Alle Antennen nach außen sind gekappt. Man versucht, sie krampfhaft am Leben zu halten, versucht, Menschen zu treffen, es endet aber immer im Nichts. Man kapselt sich ab. Da ist London ganz hilfreich. Wir sind ja hierher gegangen, um es gemeinsam zu sehen. Jetzt bin ich alleine hier. In Deutschland würde ich sicher mehr jammern. Aber wie lange ich es hier aushalte, wird sich zeigen

WILLEMSEN: Merkst du jetzt, daß du ein anderer bist, als du wußtest?

GRÖNEMEYER: Das macht mir auch Bedenken. Ich weiß nicht, wo es hingehen soll. Oft denke ich: Irgendwann muß man doch mal wieder Boden unter die Füße bekommen? Bekomme ich aber nicht. Es ist der freie Fall.

WILLEMSEN: Du redest von Anna noch oft im Präsens.

GRÖNEMEYER: Das wird sich auch nie ändern. Es ist die Frage, wie lange man so einen freien Fall zulassen kann.

WILLEMSEN: Du klingst, als müßtest du doch eines Tages heim nach Berlin.

GRÖNEMEYER: Ich mag Berlin sehr gern. Es ist die einzige Stadt, wo der Papst ausgepfiffen wurde. Da konnte er noch so oft Tegel küssen. Es war die Stadt mit den wenigsten Nazi-Wählern. Und es war immer ein Auffangbecken für Menschen, die sich verfolgt fühlten. Die Stadt hat eine undeutsche Leichtigkeit, und letztlich zählt nur, was für ein Herz in deiner Hose schlägt. Das Getue mit der Berliner Republik finde ich allerdings zum Würgen.

WILLEMSEN: Und London?

GRÖNEMEYER: London ist auf Kreide gebaut. Es ist schwer für mich, dort Wurzeln zu schlagen.

WILLEMSEN: Hat die Zukunft zwischen dir und Anna dieselbe Rolle gespielt wie Gegenwart und Vergangenheit?

GRÖNEMEYER: Wir waren nicht sehr zukunftsorientiert. Wir waren sehr im Hier und Jetzt verankert. Wir haben 20 Jahre lang versucht, uns kennenzulernen.

WILLEMSEN: Hast du sie zuletzt gekannt?

GRÖNEMEYER: Man muß begreifen, daß man in seinen Möglichkeiten so begrenzt ist, daß man den anderen nur zur Hälfte kennenlernt und sich damit zufriedengeben muß. So haben wir uns schon ganz gut kennengelernt.

WILLEMSEN: Hast du es je als persönliches Scheitern betrachtet, daß du wenig Einfluß auf das politische Bewußtsein in Deutschland besitzt?

GRÖNEMEYER: Nein. Ich glaube, daß ich nach wie vor unberechenbar bin. Die Leute, die mir schreiben, sind vielleicht nicht die bestimmende Kaste, dennoch sind sie ja nicht alle nach Holland ausgewandert. Mehr kann ich auch nicht erreichen, als eine gewisse Gruppe von Menschen zu motivieren, nicht nachzulassen. Ich will ja nicht mit meinen Liedern Bundeskanzler werden. Resigniert bin ich nicht.

WILLEMSEN: Damit riskierst du auch, daß Leute sagen: "Mit der Musik bin ich einverstanden, mit der politischen Farbe nicht."

GRÖNEMEYER: Na und?

WILLEMSEN: Viele machen sich klein und höflich, um den Erfolg zu haben, der keinem weh tut.

GRÖNEMEYER: Ich bin ein eigenständiger Künstler, so stelle ich mich zur Debatte. Wir einigen uns ja überall auf den Mainstream zur Zeit. Da kann man nur probieren dagegenzuhalten, und sei es noch so hemdsärmelig.

WILLEMSEN: Siehst du Deutschland als Kulturnation?

GRÖNEMEYER: Wir reden von Deutschland ja immer als satte und effiziente Nation. Das gibt es für mich gar nicht. Unsere Demokratie ist nicht mal errungen oder erstritten. Wir legen unsere Latte immer auf zwei Meter 30 und wissen noch gar nicht, wie man sich die Schuhe schnürt.

WILLEMSEN: Heute bist du ein moderner Klassiker. Was wirst du in 20 Jahren sein?

GRÖNEMEYER: Hoffentlich nicht niedergeschlagener als heute.

Stern - 18.03.1999


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