Rock and RollIn seinem neuen Roman schildert Salman Rushdie das bewegte Leben zweier Rockstars. Herbert Grönemeyer ist ein Rockstar. Wie findet er den Roman? Ein Gespräch über Auftritte, Abgründe und die Liebe Von Rainer Schmidt und Christof Siemes
Der Boden unter ihren Füßen heißt Salman Rushdies neuer Roman. Darin erzählt der indische Fotograf Rai die Lebens- und Liebesgeschichte des kongenialen Rockmusikerpaars Vina Apsara und Ormus Cama. Kindheit und Jugend der beiden sind von Familientragödien überschattet, Massenmord, Brandstiftung, Pleite - keine Katastrophe bleibt ihnen erspart. Als Ormus nach einem Autounfall im Koma liegt, holt Vina ihn ins Leben zurück - Rushdies Roman über die Macht der Musik und der Liebe ist eine moderne, verdrehte Variante des Mythos von Orpheus und Eurydike. Nach der Rettung des Musikers durch seine Geliebte treten sie mit ihrer Band VTO den Siegeszug durch die westliche Musikwelt an. Auf dem Höhepunkt ihres Ruhms stirbt Vina - bei einem Erdbeben wird sie vom Boden unter ihren Füßen buchstäblich verschluckt. Ormus, von einem Leben auf stets schwankendem Grund und exzessivem Drogengenuß zerrüttet, wird wenig später wie einst John Lennon vor seinem New Yorker Haus erschossen. Einzig der Erzähler rettet sich in eine gesicherte Existenz als Familienvater. ZEITmagazin: Salman Rushdie, Ihr neues Buch ist eine Hommage an die Rockmusik und deren Stars. Sind Sie neidisch auf Rockstars, die Millionen Menschen mit einem Dreieinhalbminutensong glücklich machen, während Sie dafür 740 Seiten brauchen? Salman Rushdie: Ja, natürlich! Und auch auf das Geld, das sie verdienen! Herbert Grönemeyer: Und bestimmt auch auf unser Publikum. Wenn Sie ein Buch schreiben, wird niemand wild herumspringen. Aber wir Musiker singen etwas auf der Bühne, und die Leute nehmen es in einer Sekunde auf. Rushdie: Es ist herrlich, bei einem Konzert nur dabeizusein. Und eigentlich wollen alle, die da unten stehen, Rockstars werden. Wer das bestreitet, lügt. ZM: Welche Bedeutung hat Rockmusik für Sie? Rushdie: Sie ist die Musik meines Lebens, viel mehr als Klassik. Ich bin ihr Zeitgenosse. Als ich zum ersten Mal Rock Around The Clock hörte, The Drifters, den frühen Elvis, war ich acht, neun Jahre alt. Und diese Musik war auch ganz jung. Wir haben uns zusammen weiterentwickelt. Vom frühen Rock 'n' Roll zur Musik der Sechziger, den Beatles. Gerade, als ich nach England kam, fing mit ihnen eine Revolution an, danach kam der große Einfluß des Vietnamkriegs. Grönemeyer: Das gefällt mir an Ihrem Buch, die Bewunderung der Rockmusik. In Deutschland macht das kein Schriftsteller, kein Journalist, niemand. In England ist Rockmusik ein Stück Kultur. In Deutschland nicht. Das ist der Unterschied. Rushdie: Warum soll Rockmusik weniger wertvoll sein als etwas anderes, das man genießt? Diese Musik ist wichtig. Natürlich ist auch viel Mist dabei, aber das trifft auch auf viele Bücher zu. Es gibt einige englische Romane über Rock 'n' Roll, die sind alle fürchterlich. Deshalb hatte ich auch Angst, über dieses Thema zu schreiben. Ich habe die ganze Zeit befürchtet, daß die jungen Leute sagen: "Halt die Klappe, Opa!" Grönemeyer: Und was sagt Ihr Sohn? Rushdie: Er hat es noch nicht gelesen! ZM: Herr Grönemeyer, Sie sind der Experte. Hätte er besser die Klappe gehalten? Grönemeyer: Als ich das Buch las, dachte ich zuallererst: Ich möchte prüfen, was dieser Kerl über Musik weiß. Ich finde, Mr. Rushdie, Sie treffen den Kern der Rockmusik, indem Sie nicht über das Geschäft reden, sondern über die Liebe schreiben, das Pure, das, was eben das Leben bedeutet. Genau das versuchen wir auch mit unserer Musik. Ich möchte ein kraftvolles, ultimatives Liebeslied schreiben. Da treffen wir uns. ZM: Können Sie eigentlich singen, Mr. Rushdie? Rushdie: Nein, nicht einen Ton, schrecklich. Auf der Zooropa-Tour von U2 war ich eingeladen, im Wembley-Stadion kurz auf die Bühne zu kommen. Als es soweit war, sagte mein kleiner Sohn: "Papa, nur eins, bitte sing nicht! Wenn du singst, muß ich mich umbringen." Grönemeyer: Also sind Sie eher ein Rapper als ein Sänger. Als Rapper muß man nicht singen können. Das ist das Gute daran, sozusagen die soziale Seite dieser Musik. Rushdie: Ich kann mir ja auch ein paar Dreadlocks wachsen lassen. ZM: Im Buch haben sich die Musiker zunächst mit Haut und Haaren ihrem korrupten Manager verschrieben. Ist das realistisch? Grönemeyer: Sehr! Ich kenne die Verträge von einigen sehr bekannten Rockbands in England, und wenn man die liest - das ist Sklaverei. Man glaubt es kaum. Rushdie: Ich hab' das Manuskript einigen Musikerfreunden wie Lou Reed oder Bono von U2 gegeben, damit sie mir sagen, ob das alles Quatsch ist. Aber bei keinem ging die Warnlampe an. ZM: Die beiden Stars in Ihrem Buch, Vina und Ormus, machen mit ihrer Band VTO Weltkarriere. Welchen Sound hatten Sie im Kopf, als Sie über die Musik der Band schrieben? Rushdie: Zunächst mal: Ich kann überhaupt keine Musik hören, während ich schreibe. Ich denke recht musikalisch über Sprache. Also kann ich nicht gleichzeitig die Musik von anderen hören, während ich meinen eigenen Lärm mache. Ich mußte die Liedtexte im Buch so schreiben, wie ich normalerweise keine Texte schreibe: eingeschränkt durch den Rhythmus und das Versmaß. Als mein Freund Bono zu einem der Texte eine Melodie schrieb, hatte ich keine Ahnung, wie sie sein würde. Aber als ich sie hörte, schien sie genau zu passen. Weil das Gefühl der Texte in der Musik vorhanden war. ZM: Wie ist das bei Ihnen, Herr Grönemeyer? Ist zuerst der Text da oder die Musik? Grönemeyer: Ich schreibe die Musik zuerst. Und ich brauche eigentlich keine Texte. Wenn Sie meine Probeaufnahmen hören: Da singe ich zur Musik immer Nonsenstexte. Das ist schon wunderschön. Die Musik gibt eine Atmosphäre vor, die durch schlechte Texte zerstört werden kann. Ich habe schon gute Lieder zerstört, indem ich schwächere Texte eingesetzt habe. Wenn die Leute sagen, "Ihre Texte sind toll", antworte ich: Aber meine Musik ist mindestens genausogut. In Deutschland muß in der ersten Zeile immer alles drin sein, um zu beweisen, daß die Lyrik seriös ist. Das ist falsch. Ich betrachte mich als Komponisten mit dementsprechenden Texten als Sahnehaube. Rushdie: Ich glaube auch, daß die Texte sekundär sind. Es gibt natürlich Lyriker wie Bob Dylan oder Paul Simon, aber als einmal behauptet wurde, sie seien große Dichter, und die Texte ohne Musik veröffentlicht wurden, fand ich, daß diese alleine nicht stehen können. Sie brauchen die Melodie und den Gesang von Dylan. ZM: Gibt es ein reales Vorbild für Ormus Cama, Ihren indischstämmigen Gitarristen, Komponisten und Rocksuperstar? Rushdie: Der einzige Präzedenzfall für meine Idee ist Freddy Mercury. Und der tat, als wäre er kein Inder. Er leugnete seine ethnische Herkunft für den größten Teil seines Lebens. Erst kurz bevor er starb, kam alles über seinen Parsi-Hintergrund heraus. Daß sein richtiger Name Farouk Bansara war und er in Bombay zur Schule ging - ungefähr eine Meile von mir entfernt. ZM: Hatten Sie beim Lesen Queen im Ohr, Herr Grönemeyer? Oder etwas anderes? Grönemeyer: Na ja, etwas sehr Wildes und Opulentes, richtig Großartiges. Aber da gibt es Vina, die Sängerin. Ihre Stärke ist es, die Musik auf dem Boden zu halten. Sie ist die Frontfrau und reitet die Pferde. ZM: Hat also die beste Musik keinen Erfolg ohne den Selbstdarsteller, der sie präsentiert? Grönemeyer: Ja, deshalb hassen meist alle Bandmitglieder den Sänger einer Rockband. Weil er immer im Vordergrund steht und die besten Mädchen abbekommt. Das heißt aber auch, daß sich alle hinter ihm verstecken können. Gut fand ich, wie Sie das Verhältnis zwischen dem Gitarristen Ormus und der Sängerin Vina beschrieben haben: Er ist der Rock, sie ist der Roll. Rushdie: Da dachte ich an Keith Richards und Mick Jagger. Keith ist der Rock. Grönemeyer: Und er ist eifersüchtig, daß jemand anders "rollen" kann, der Frontmann, also Mick Jagger. Der ist heute mindestens 50, aber ... Rushdie: ... schießt immer noch wie eine Rakete durch die Gegend. Und Keith steht da, angewurzelt wie ein Baum. ZM: Im Buch hat die Sängerin eine große Macht. Sie ist eine Art Heilige, die den Menschen die Absolution erteilt und mit ihrem Gesang eine krisengeschüttelte Welt heilt. Ist das nicht sehr naiv? Rushdie: Das funktioniert ja nur, solange die Musik läuft. Es ist vorbei, wenn Sie den Plattenspieler ausschalten. Wie beim Fußball. Gestern war ich im Wembley-Stadion, um das Pokalendspiel zu sehen. Mein Team Tottenham Hotspurs hat gewonnen, ich hatte einen sehr schönen Nachmittag. Da ist dieser Moment, der nur in einem riesigen Stadion mit 80 000 Fans entstehen kann. Da kommt eine phantastische, gemeinsame Erfüllung von Lust zum Ausdruck, weil alle Menschen gleichzeitig ihre Hoffnungen in diese elf Leute auf dem Feld setzen. Für einen Moment fühlen alle Leute dasselbe zur selben Zeit. Das ist extrem selten. Grönemeyer: Das ist der ultimative Vergleich. Es war schon immer mein Traum, Fußballspieler zu werden. Niemals Rockstar. Aber deshalb bewundern alle Rockmusiker, weil wir diesen Moment der ultimativen Erfüllung kreieren können, der Erfüllung von Lust für eine Millisekunde. ZM: Haben Sie Angst vor diesem Moment? Grönemeyer: Er ist auf jeden Fall erschreckend. Nur, in Deutschland haben viele Angst vor Musik und Massen, weil sie in der Vergangenheit oft mißbraucht worden sind, von Hitler etwa. Aber wenn Sie die Konzertbesucher als intelligente Individuen und nicht als Idioten betrachten oder für dumm verkaufen, brauchen Sie solche Momente nicht zu fürchten. Das gleiche gilt für Fußballer. Zwischen ihnen und dem Publikum gibt es einen großen Austausch von Emotionen. ZM: Das Glück dieser Menschen hängt von Ihnen ab. Ist das nicht eine große Verantwortung? Grönemeyer: Das ganze Konzert ist ein sexueller Moment. Sie sehen die Gesichter, Sie fühlen die Atmosphäre des Stadions oder des Saals. Sie können genau checken, was passiert. Es ist wie bei einem Rendezvous mit einer Frau. Wenn Sie mit ihr flirten, werden Sie vielleicht einen wunderschönen Abend verbringen. Wenn Sie den Big Boss raushängen lassen, haben beide nichts davon. Rushdie: Und die Magie funktioniert ja auch nicht immer, weil die Zuschauer nicht passiv sind. Manchmal verbringt man bei einem Rockkonzert einen schrecklichen Abend. Grönemeyer: Das stimmt. Und wenn es funktioniert, ist es wie eine Droge, weil Sie jeden Abend mit ganz vielen Leuten flirten können, das gibt es im normalen Leben nie. Wenn Sie nach einer Tournee nach Hause kommen, stehen sie morgens auf und denken: Irgend etwas stimmt hier nicht - keiner applaudiert. ZM: Mr. Rushdie, von solchen Reaktionen können Sie ja nur träumen während des Schreibens?! Rushdie: Das ist wahrscheinlich das Schwierigste, daß man nicht sehen kann, was die Leser machen. Man darf nicht mal drüber nachdenken. Denn wenn Sie versuchen, zu erraten, wie die denken könnten, funktioniert nichts mehr. ZM: Ihr Buch ist auch ein ganz persönliches Statement. Es beginnt mit dem Tod der Sängerin am 14. Februar 1989, der Tag, an dem die Fatwa gegen Sie verhängt wurde. Ihre Erzählung beginnt in dem Moment, in dem man Ihnen den Mund verbieten wollte Rushdie: Das Datum ist mein kleines Spiel. Ich dachte, wenn ich es so im Buch verwende, wird es für mich eine andere Bedeutung bekommen, vielleicht eine kreative. Aus dem politischen Ereignis wird ein literarisches. ZM: Am Anfang des Buches hat die Sängerin einen Alptraum: Bei einem Auftritt wird sie geopfert, man schneidet ihr die Kehle durch. Kennen Sie dieses Gefühl, Herr Grönemeyer? Grönemeyer: Natürlich. Und deswegen kommen die Fans auch. Sie wollen zusehen, wie ich mich aufopfere, weil sie selbst nicht auf der Bühne stehen können. Das ist mein Job. Und deshalb mögen sie mich und die Tatsache, daß ich da oben stehe und wie ein Tanzbär herumtanze. Rushdie: Ich kenne Musiker, die sich nach langen Tourneen mehrere Wochen zurückziehen, bevor sie wieder mit der Außenwelt Kontakt aufnehmen können. Grönemeyer: Weil sie auf Tournee in einem irrealen Kosmos leben. Das beschreibt das Buch sehr schön: Das Hotel scheint immer dasselbe zu sein, nur die Welt draußen bewegt sich. Manche nehmen sogar ihre Möbel mit von Hotel zu Hotel, die Rolling Stones etwa. Total psychotisch Rushdie: Die Musiker versuchen, die Illusion von Stabilität in der instabilsten Umgebung der Welt zu erzeugen. ZM: Rockmusik kreiert eine eigene Welt, sie verändert das Leben der Künstler und ihrer Fans. Aber hat sie auch politische Macht? Rushdie: Nur ein einziges Mal war das so, während des Vietnamkriegs. Da drückte sie plötzlich aus, was die Leute zu der Zeit fühlten. Seitdem hat es ein solches Phänomen nicht wieder gegeben, weil es nie wieder einen Krieg gab, wo junge Amerikaner oder andere Westler in so großer Zahl sterben mußten. Niemand hat zum Beispiel viel Rock 'n' Roll über Ruanda geschrieben. Grönemeyer: Rock 'n' Roll als solcher existiert ja auch gar nicht mehr. Der endete in den Achtzigern. Was die Stones heute spielen, ist Oper, aber kein Rock. Ein Witz. Die sind wie Pavarotti. Das ist Las Vegas. Heute sind für mich Drum 'n' Bass, HipHop, Rap und Techno der Rock 'n' Roll. ZM: Hat diese Musik politischen Einfluß? Grönemeyer: Die Öffnung des Ostens zum Westen hatte auch mit Rock zu tun. Man konnte den Jugendlichen die Rockmusik nicht auf Dauer vorenthalten. Ein Musiker aus Ostdeutschland erzählte mir kürzlich, wir wurden damals dazu gezwungen, sozialistische Rockmusik zu spielen. Rushdie: Traktor-Rock. Grönemeyer: Genau. Und er sagte, wir konnten es nicht. Das Verlangen der Jugendlichen nach dieser anderen Droge war zu stark, egal, was man ihnen als Ersatz anbot. Rushdie: Stimmt. Neulich las ich, daß junge Leute den zwanzigsten Jahrestag der iranischen Revolution mit einem Rockkonzert feiern wollten. Was für eine Vorstellung: ein Rockkonzert, um Khomeini zu feiern! Aber der Druck war so groß, daß die Mullahs zustimmen mußten. Grönemeyer: Man kann das natürlich auch als den Imperialismus der westlichen Rockmusik beschreiben. Das ist die Kehrseite. Sie symbolisierte auch die westliche Entwicklung, Megalomanie, den Reichtum, das Geld. Dennoch ist Rock 'n' Roll die klassische Musik des 20. Jahrhunderts. Und jetzt wird daraus Drum 'n' Bass, eine Musik, die man nur hören kann, wenn man lockerer wird. Sie sagt uns: Wenn es eine Zukunft der Kultur geben soll, müssen wir lernen, abzukühlen und anderen zuzuhören. Drum 'n' Bass ist cool, aber nicht bequem. Rushdie: Was mein Sohn heute hört, mag ich aber nicht mehr. Grönemeyer: Gut so! Weil Sie die Musik nicht mögen, ist sie eigentlich genau wie Rock 'n' Roll damals. Das ist das Schöne an HipHop und Drum 'n' Bass: Sie trennen wieder die Generationen, wie Rock 'n' Roll das in den Sechzigern gemacht hat. Diese Generation hat ihre eigene Musik. ZM: Musik für eine neue Epoche, die Sie, Mr. Rushdie, in Ihrem Buch als ein Zeitalter der Kollisionen, der Erdbeben, einer heraufziehenden Unterwelt beschreiben. Rushdie: Im Buch wird das auf eine surrealistische Art präsentiert, beinahe als Science-fiction. Aber wenn man sich heute umschaut, sieht man es jeden Tag. Ob im Kosovo, Bosnien, Kaschmir oder wo auch immer. Die eigentlich Kluft liegt aber noch unter der Ebene der Politik. Es gibt verschiedene Definitionen von Wirklichkeit, die miteinander kollidieren. Der islamische Fundamentalismus ist ein gutes Beispiel dafür. Wir können uns nicht einigen, wie die Dinge sein sollten, und einige sind deswegen sogar bereit, zu den Waffen zu greifen. Überall in der Welt führen widersprüchliche Wirklichkeiten gegeneinander Krieg. ZM: Im Buch überwinden die Musiker die Gegensätze der Kulturen und Nationen, sie sind Weltstars. Machen die Menschen Musik, um wenigstens dabei Harmonie zu erleben? Rushdie: An einer Stelle im Buch fragt der Erzähler: Warum kümmern wir uns eigentlich um die Musik? Was ist daran so wichtig für uns? Diese Merkwürdigkeit, daß überhaupt so etwas wie Musik in der Welt existiert ... Wir haben nur ein paar Noten, und damit ist jedes Musikstück geschrieben worden, das es je gegeben hat. Ich glaube, die Musik ist ein Bedürfnis für sich. Weil wir uns im Lied ausdrücken können, müssen wir es auch tun. Und wenn wir es selbst nicht können, haben wir andere, die es für uns tun. Deshalb gibt es Sänger, weil die meisten Leute nicht singen können. ZM: Der Boden unter ihren Füßen ist aber nicht nur ein Buch über Rock 'n' Roll, sondern auch und vor allem eine Liebesgeschichte. Rushdie: Es ist sehr schwierig, heute eine Liebesgeschichte zu schreiben. Wir haben gar keine Sprache mehr, in der man über die Liebe reden könnte. Es gibt soviel politisierte Sexualität. Das war mein größtes Problem: Wie schreibe ich eine moderne Liebesgeschichte, die nicht sentimental ist, aber auch nicht zynisch? Grönemeyer: Die Liebesgeschichte macht die Wucht des Buches aus. Man kann ihr nicht entkommen, sie schmerzt. Diese Geschichte dringt vor zum existentiellen Grund des Lebens. Und sie ist so stark, eben weil sie schmerzt. Aber es gibt eine Stelle, da fragt der Held Ormus die Sängerin Vina, ob sie ihn heiraten will. Sie antwortet: Ja, aber erst in zehn Jahren. Da erklärt Ormus, daß er sie so lange nicht mehr berühren will. Da habe ich mich gefragt: Was soll das jetzt? Rushdie: Das ist in der Tat ein großer Schock. Die Leser werden sagen: O nein, tut das nicht! Hört auf! Aber diese Liebe findet immer wieder selbst Gründe, nicht erfüllt zu werden. Das macht ihre besondere Stärke aus. Ich wollte einfach die Macht einer Sache demonstrieren, indem ich zeige, wie es ist, wenn sie nicht da ist. Als Vina stirbt, erkennt man ihre Größe an der Größe des Loches, das sie hinterläßt. Grönemeyer: Sie hinterläßt ein so großes Loch, weil sie einfach ein menschliches Leben lebte. Rushdie: Normalerweise gehören Liebe und Treue unbedingt zusammen. Aber kann man auch das eine ohne das andere haben? Das wollte ich wissen. Und was heißt es, wenn man jemanden liebt, ihm aber nicht vertraut und nicht treu ist? Normalerweise denken wir, Liebe ist etwas, was die Menschen immer glücklich macht. Aber das stimmt nicht. Man kann sich nie sicher sein. Denn in Wahrheit ist die Liebe immer viel wilder. Und darüber wollte ich schreiben. Grönemeyer: Liebe kann man nicht kontrollieren, sie ist dafür viel zu stark. Immer, wenn man etwas zu kontrollieren versucht, schaltet man seinen Verstand ein. Aber die Liebe ist zu rein, um gezügelt zu werden. Da ist sie genau wie Rockmusik. Man kann sie nicht erklären, weil sie so wild und so pur ist. Genauso ist es, wenn jemand stirbt. Man kann davor weglaufen, weil man sich schuldig fühlt. Man versucht, zu erklären, was man falsch gemacht hat, was richtig war, aber nur, weil man nicht in den Schmerz einsteigen will. Er ist so pur, dieser Schmerz, diese Trauer. Auch Freude kann man letztlich nicht beschreiben. Rushdie braucht 750 Seiten, um sie zu beschreiben. Das ist zwar nett, aber ganz gelingt es ihm trotzdem nicht. Und da kommt die Rockmusik. Man trifft einen Moment während des Konzertes, die genaue Sekunde, in der alles klar ist. Hinterher kann man nicht beschreiben, wie es war. Aber es gab eben diese Sekunde. Man kann nicht sagen, daß es am Lied lag. Nein, es war dieser ultimative Moment im Leben, und es gibt keinen Weg, es zu beschreiben. Man kann eine Million Bücher schreiben, und es bleibt ein Geheimnis. Es ist dasselbe mit Trauer und Tod. Sie sind zu groß, sie übersteigen unser Ausdrucksvermögen. ZM: Kann der Gesang, kann Musik den Tod überwinden? lautet eine der zentralen Fragen des Buches. Es variiert den alten Mythos von Or- pheus, der seine Geliebte Eurydike mit der Macht seines Gesanges aus der Unterwelt befreien will. Rushdie: Den späteren, stärkeren Teil, der das Leben von Orpheus nach dem Tode von Eurydike beschreibt, kennt fast keiner. Orpheus lehnt alle anderen Frauen ab und weigert sich, Dionysos, dem Gott der Freude, zu opfern. Deshalb setzt der Gott rasende Weiber auf ihn an, die ihn zerstören sollen. Sie kommen mit Speeren und Pfeilen, und was macht er? Er singt. Die Kraft seines Liedes ist so stark, daß die Pfeile zu Boden fallen. Da fangen sie an zu schreien, so laut, daß das Geschrei sein Lied übertönt. Erst dann können sie ihn töten. Sie schneiden ihm den Kopf ab, werfen ihn in den Fluß - und der Kopf singt weiter. Den Sänger kann man töten, aber nicht den Gesang. Grönemeyer: Meine Tochter sagte, als ihre Mutter gestorben war: "Du hörst nicht auf zu singen! Du darfst nie aufhören." Das werde ich nie vergessen. Salman Rushdie: "Der Boden unter ihren Füßen". Kindler Verlag, München, 49,90 DM. Herbert Grönemeyers aktuelles Album: "Bleibt alles anders"/Grönland
/DIE ZEIT 1999 Nr. 16 |