Die Qualitäten eines RuhelosenHerbert Grönemeyer on Tour: Von Schmerz, urplötzlich gewechselten Hotels, Nachtreisen und Stromausfällen.CHRISTIAN UDEDie Bühne scheint für Herbert Grönemeyer momentan der einzige Ort auf dieser Welt zu sein, der dem Leben einen Sinn gibt, der den Schmerz auf einen Seitenschauplatz verdrängen kann. Auch beim fulminanten Konzert Montagabend in der Grazer Eishalle Liebenau kann er diesem Ort nur schwer den Rücken kehren, kommt für vier Zugabe-Blöcke zurück (= ein Dutzend Lieder) und verlängert seinen Feuerzeug-Klassiker "Ich hab' dich lieb" immer wieder um ein paar Takte. "Konzerte sind für mich ein Druckventil", sagt der 43-jährige Künstler. Orkan. Der dreistündige Abend war freilich nichts für Klaustrophobiker. Selten erlebte man in der Eishalle ein so dicht gedrängtes Publikum (rund 5500 Fans), wohl noch nie so einen frenetischen Empfang, so einen orkanartigen Applaus nach jeder Darbietung, so ein Meer an Zuneigung und Herzlichkeit. "Das ist sehr, sehr lieb", bedankt sich Grönemeyer immer wieder. Kaum ein Lied, das er allein singen muss, tausend Stimmen singen mit. Und immer wieder fliegen Blumen und bunte Plüschtiere auf die Bühne. "Bin traurig, aber leide nicht", hat seine Frau Anna oft gesagt, die der Sänger im November des Vorjahres nur wenige Tage nach dem Tod seines Bruders verloren hat. Viele Lieder hat er für Anna geschrieben, den wichtigsten und auch kritischsten Menschen in seinem Leben. So hat "Bleibt alles anders", die Titelnummer seines letzten Albums, für ihn derzeit auch "keine Bedeutung, ich habe sie aus einer anderen Intention geschrieben. Vielleicht bekommt sie ja wieder eine", spielt er auf den Refrain "Es gibt viel zu verlieren, du kannst nur gewinnen . . . der Durchbruch ist nah" an. Phasenweise hatten die beiden immer wieder geglaubt, den Kampf gegen
den Krebs zu gewinnen. Geändert hat er nach den privaten
Schicksalsschlägen nur ein Wort in einem Song: "Schön, dass es dich
gab", singt er in "Halt' mich". Berührungsbad. Mit Laser- und Videoelementen atmosphärisch dicht ist das Bühnenbild, für Liebenauer Verhältnisse sensationell ausgewogen der Sound, den Grönemeyer und seine sechs Musiker in die Halle schicken. Bei keiner anderen Tournee durfte man den Sänger so dynamisch erleben: Er tanzt viel, wirft sich auf den Boden, macht aus Titeln wie "Männer" ein kleines Schauspiel, springt von der Bühne und nimmt ein Berührungsbad in der Menge. Auch stimmlich präsentiert er sich kraftvoller denn je und improvisiert etwa bei "Flugzeuge in meinem Bauch" in Prince-Manier. Im Epilog zum Anti-Rechtsrucksong "Die Härte" spart er Jörg Haider nicht aus. Die Kraft, die Grönemeyer abends im Rampenlicht ausstrahlt, wünscht man
ihm auch morgens. Er weiß, dass "die Farben nie wieder so aufgehen werden,
wie sie mal aufgegangen sind - aber sie werden anders aufgehen". Privater Rückzug. Tagsüber zieht sich der so rastlos Scheinende zurück, verlässt kaum das Hotelzimmer. Außer, um es überraschend zu wechseln, wie in Wien zweifach geschehen (er blieb schließlich im Ana Grand Hotel). Vorbestellte Zusatzbetten auf der Buchungsliste ließen vermuten, dass ihn seine Kinder Marie (11) und Felix (12) begleiten, doch die dürften in London, der derzeitigen Heimat, die Schulbank drücken: Grönemeyer ist alleine in Österreich unterwegs. In Wien kehrte er samt Band immerhin bei "Do&Co" im Haas-Haus ein. Von Graz, wo er sich vor dem Konzert im Grand Hotel Wiesler ausruhte, reiste er gleich weiter nach Innsbruck. Im Gegensatz zu den meisten Pop- und Rockstars eilten Grönemeyer für seine Garderobe keine Extrawünsche voraus. "Das ist jetzt unwichtig für ihn. Er ist auf einem anderen Gefühlstrip", verlautete es aus dem Bereich des Veranstalters. Der musste übrigens bis 20 Uhr um Grönemeyers Auftritt in Graz-Liebenau zittern. Durch einen unglaublichen Stromabfall "waren wir schon knapp vor der Absage". Noch keine Pläne (live oder Studio) gibt es für 2000. |