30. August 1999

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"Da haben wir was hingekriegt"

Herbert Grönemeyer über seine erste Ukulele, den "Popocatepetl-Twist" und die CD-Box "Pop 2000"

INTERVIEW: LOTHAR GORRIS

kulturSPIEGEL: Herr Grönemeyer, hätten Sie sich vor zehn Jahren vor einer Deutschland-Fahne fotografieren lassen?

Grönemeyer: Sicherlich nicht. Das hätte kaum in die Zeit gepasst.

kulturSPIEGEL: Weil es Ihrem Image als politisch-korrektem Deutsch-Rocker nicht entsprochen hätte?

Grönemeyer: Das war ich nie, und trotzdem hätte ich das nicht gemacht. Damals hatten wir noch ein ganz verkrampftes Verhältnis zur deutschen Sprache, zu unserer Vergangenheit und Gegenwart und auch zu uns selbst. Heute ist deutsche Popmusik eine Selbstverständlichkeit ­ schauen Sie sich die Charts an.

kulturSPIEGEL: Unter dem Titel "Pop 2000" haben Sie nun eine Box mit 8 CDs herausgebracht, die Songs aus 5 Jahrzehnten Musikgeschichte vereint. War das Ihre Idee?

Grönemeyer: Meine Idee war es, zur Fernsehreihe "Pop 2000" ganz subjektiv das halbe Jahrhundert deutscher Popmusik zu bilanzieren ­ und außerdem noch eine CD einzuspielen, auf der Musiker und Bands wie Peter Maffay und Nina Hagen, Absolute Beginner und Herbert Grönemeyer deutsche Popsongs covern.

kulturSPIEGEL: Warum erzählt ausgerechnet Herbert Grönemeyer die Geschichte des deutschen Pop?

Grönemeyer: Weil wahrscheinlich viel zu viele schon an der Frage gescheitert wären: Darf man das überhaupt? Das ist wieder so etwas Typisches: diese merkwürdige Kasteiung, dieses Geduckte und Gebückte. Dabei muss man sich der Popmusik in Deutschland nicht schämen. Da haben wir was hingekriegt.

kulturSPIEGEL: Sind Sie stolz, ein deutscher Musiker zu sein?

Grönemeyer: In diese Falle locken Sie mich nicht. Stolz und deutsch zusammen in einem Satz ­ das klingt unangenehm. Aber es beschäftigt mich schon seit ein paar Jahren, wie die hiesige Musikszene selbstbewusster werden kann. Ich habe schon 1985 in Bochum ein Festival veranstaltet, wo Musiker wie Nina Hagen und Marius Müller-Westernhagen auftraten. Da haben alle gedacht: Der Grönemeyer hat sie doch nicht alle.

kulturSPIEGEL: Was war die größte Überraschung bei der Arbeit an der CD-Box?

Grönemeyer: Dass es eigentlich schon mehrere Generationen deutscher Popmusik gibt: Die elektronische Musik der siebziger Jahre von Bands wie Kraftwerk, Neu oder La Düsseldorf war sehr deutsch und sehr wegweisend. Die Neue Deutsche Welle Anfang der Achtziger war auch sehr deutsch. Die Techno-Musik ist sehr deutsch, und auch der deutsche HipHop hat sich längst von den amerikanischen Vorbildern emanzipiert. Da ist nichts langweilig oder nur skurril. "Pop 2000" soll in die Zukunft weisen: Alles wunderbar ­ und nun macht mal schön weiter so.

kulturSPIEGEL: Was sind Ihre ersten Erinnerungen an deutschen Pop?

Grönemeyer: "Ein Schiff wird kommen" von Lale Andersen ­ daran erinnere ich mich. Oder an den "Popocatepetl-Twist" von Caterina Valente. Lieder wie "Babysitter-Boogie", "Da sprach der alte Häuptling" oder "Bohnen in den Ohr'n" ­ das sind die Schlager meiner Kindheit. Irgendwann habe ich lieber selbst Musik gemacht. Mit sechs habe ich auf der Ukulele gelernt, mit acht Gitarre, mit neun Klavier. Dylan-Songs habe ich nachgespielt, das ganze Folkzeug, die "Mundorgel" rauf und runter.

kulturSPIEGEL: Und Ihre erste richtige Band?

Grönemeyer: Da war ich 13. In Wattenscheid gab es eine Band um den Gitarristen Johannes Vogt, der war viel älter als ich und galt schon damals als einer der besten Flamenco-Gitarristen Deutschlands, und die suchten einen Sänger. Ich war mit meiner Schülerband eine lokale Größe, und wir räumten in den Jugendzentren ab. Ganz im Gegensatz zu heute, wo alle sagen: Der Grönemeyer kann nicht singen, galt ich als guter Sänger.

kulturSPIEGEL: Vielleicht liegt es am Stimmbruch?

Grönemeyer: Auf den warte ich noch heute.

kulturSPIEGEL: Was für Musik haben Sie gespielt? Krautrock? Deutsch-Rock?

Grönemeyer: Das war uncool. Wir haben Songs von Taste, John McLaughlin und den Doors gespielt. Ich sprach kaum Englisch und lernte die Texte von den Platten runter.

kulturSPIEGEL: Waren Ihnen denn als Teenager die politischen Implikationen der Rockmusik bewusst?

Grönemeyer: Ich war eine Art Jung-Hippie und schwebte in anderen Sphären. Außerdem wurde das mit der Politik in Deutschland allzu wörtlich genommen. Franz Josef Degenhardt und Hannes Wader waren DKP, und wofür Süverkrup stand, habe ich längst wieder vergessen. Das hatte nichts mit Pop zu tun. Stattdessen war Jim Morrison mein Vorbild: Ich habe mir ein Poster ins Zimmer gehängt und wollte auch so aussehen wie er. Das ist mir allerdings bis heute nicht gelungen.

kulturSPIEGEL: Wann haben Sie deutschen Pop entdeckt?

Grönemeyer: Als in den siebziger Jahren Udo Lindenberg und Nina Hagen ihre ersten Erfolge feierten und versuchten, Pop-Stars zu sein. In meinen Augen sind sie das auch, obwohl ihnen dieser Status niemals erlaubt und gegönnt wurde.

kulturSPIEGEL: Warum haben Sie angefangen, auf Deutsch zu singen?

Grönemeyer: Weil ich dachte: Das muss doch irgendwann mal möglich sein ­ vielleicht unter anderem mir.

kulturSPIEGEL: Sie sind zwar sehr populär, aber waren nie ein richtiger Pop-Star. Warum nicht?

Grönemeyer: Wer sagt das? Es gab eine Zeit Ende der Achtziger, mein Album "Ö" hatte sich mehr als zwei Millionen Mal verkauft, da fühlte ich mich plötzlich wie der Allergrößte: Ich wurde hofiert und ging richtig fliegen. Sogar in Kanada bekam ich bei Konzerten Standing Ovations. Ich stand auf der Bühne und dachte: Jetzt bist du da, wo du hingehörst.

kulturSPIEGEL: Was hat Sie wieder runtergeholt?

Grönemeyer: Es fing an, dass Leute plötzlich zu mir kamen und sagten: Herbert, du wirst schnöselig. Außerdem bin ich ein Protestant, der sich ganz gern mit seinem schlechten Gewissen plagt. Und auch wenn es sich wie ein Klischee anhört: Ich komme aus dem Ruhrgebiet. Da ist es nicht wichtig, was man für einen Anzug trägt, sondern was für ein Herz darunter schlägt. Ich habe mich nie für ein Leben im Landschloss interessiert. Als dann auch noch Anna krank wurde, war mir klar: Es gibt wichtigere Dinge im Leben ­ ich konzentriere mich auf meine Familie und meine Musik.

kulturSPIEGEL: Und warum gibt es auch bis heute in Deutschland keine Pop-Ikone, die strahlt?

Herbert Grönemeyer: Weil wir längst nicht so weit sind wie die Engländer. Die stellen sich auf die Bühne, können mal gerade die Gitarre halten und brüllen: Wir sind die Größten! Und alle glauben es ­ das Publikum und sogar die Musiker selbst. Dass Popmusiker in Deutschland reich sind, laut und sexy ­ das geht nicht. Das hat wohl auch mit unserer Vergangenheit zu tun: Waren nicht die Nazis auch irgendwie PopStars? --- S.13 Sehr männlich und erotisch, sehr laut und durchstilisiert. Die Nazis haben sozusagen eine vorweggenommene Form des High-End-Marketing praktiziert. Das war Popkultur in einer traumatischen und fürchterlichen Variante.

kulturSPIEGEL: Ist Rammstein auf Ihrer CD-Box?

Grönemeyer: Selbstverständlich. Die Band macht Kunst, stilisiert das dumpfe Germanische zur Pop-Art, und das ist erst mal nicht rechtsradikal. Allerdings bewegen sie sich auf einem sehr schmalen Grat.

kulturSPIEGEL: Ist Rammstein also Ausdruck einer neuen popkulturellen Identität?

Grönemeyer: Rammstein ist zumindest ein Beispiel dafür, dass wir kulturell erst am Nullpunkt sind. Ich glaube, dass es bis heute keine kontinuierliche demokratische Tradition in Deutschland gibt und keine deutsche Kultur ­ dieses Land hat noch nie über einen längeren Zeitraum existiert: vielleicht ein paar Jahrzehnte lang vor dem Ersten Weltkrieg. Danach kam die Weimarer Republik, dann die Nazis und schließlich die Teilung. Deutschland gibt es gerade zehn Jahre.

kulturSPIEGEL: Und die alte BRD?

Grönemeyer: Das war nur eine Phase. Die ist aus und vorbei. Jetzt fängt alles neu an, und interessanterweise sind gerade Bands aus dem Osten wie Das Auge Gottes, To Rococo Rot oder Rammstein weiter, weil sie frischer, aufgeregter und neugieriger sind. Die schöne alte Gemütlichkeit ist vorbei. Das wird der Popmusik noch viel Material bescheren.

kulturSPIEGEL: In der Deutschtümelei liegt die Zukunft des Pop?

Grönemeyer: Ich finde nicht, dass so unterschiedliche Bands wie Guano Apes, die Fantastischen Vier oder Absolute Beginner deutschtümeln. Die stellen sich auf die Bühne, egal, wo, egal, ob man ihre Texte versteht ­ und dennoch kommt da Energie rüber. Inzwischen gibt es wie im Film oder in der Malerei und Literatur auch in der Musik eine spezifische deutsche Qualität. Eine meiner englischsprachigen Platten ist mal in der "New York Times" rezensiert worden: "Best lyrics of the year", stand da, "but maybe too complicated for the american public." Ich bekam trotzdem fünf Sterne.

kulturSPIEGEL: Kann Pop ohne Stars funktionieren?

Grönemeyer: Es geht auch ohne eine deutsche Madonna. Andererseits muss man sich heute nicht mehr dafür rechtfertigen, dass man Pop-Star werden will. Moses P. und Xavier Naidoo haben das nie gemacht. Und Dieter Bohlen sowieso nicht.

kulturSPIEGEL: Sie sind jetzt 43 Jahre alt. Wie lange wollen Sie noch die Begriffe Pop und Jugendkultur im Mund führen?

Grönemeyer: Darüber denke ich nicht nach. Ich will irgendwann mal als Künstler gelten, der für sein Land steht und der dafür respektiert wird, was er singt und sagt. So wie es heute Bruce Springsteen in den USA ist oder Charles Aznavour in Frankreich oder Jacques Brel in Belgien. Die haben sich alle immer weiterentwickelt. Wenn ich merke, dass sich bei mir nichts mehr tut, dann finde ich mich selbst langweilig. Dann mag ich mich nicht mehr ­ und dann fühle ich mich auch nicht mehr sexy.

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