Dieser Text ist eine kurze Zusammenfassung der UNO-Konferenz Habitat II in Istanbul 1996.
Die Verstädterung ist laut dem Generalsekretär von Habitat II, Wally N'Dow, eine der grössten Herausforderungen im 21. Jahrhundert und hat eine der bedeutendsten Veränderungen in der Geschichte der Menschheit mit sich gebracht.
Die Gaststadt Istanbul legte ein sonderbares Verhalten an den Tag. Im Vorfeld der UN-Veranstaltung wurde das Stadtzentrum einer umfangreichen Renovation unterzogen. Bürgersteige wurden neu angelegt und Grünanlagen eingerichtet. Normale Istanbuler Bürger hatten während der Dauer der Konferenz keinen Zutritt zum abgeriegelten Areal. Türkische Nichtregierungsorganisationen wurden kurzerhand von den öffentlichen Debatten ausgeschlossen. 35 unabhängige Organisationen, darunter auch die wichtigsten Menschenrechtsorganisationen der Türkei, hatten eine "Alternative Habitat" angesagt, um über die Massenvertreibung der Kurden in der Türkei zu sprechen. Doch die Polizei stürmte den Konferenzsaal und löste die Veranstaltung gewaltsam auf.
Habitat II von 3. bis 15. Juni 1996 in Istanbul unterscheidet sich von den anderen UN-Weltkonferenzen vor allem dadurch, dass erstmals die aktive Beteiligung von lokalen Verwaltungen und regierungsunabhängigen Organisationen (sogenannte NGO) angestrebt wurde. Nicht nur 4000 Staatsvertreter der 183 UNO-Mitgliedstaaten, sondern ebensoviele Mitglieder von NGO's nahmen daran teil. Diese Gruppierungen gestalteten die Vereinbarungen als Experten und Gesprächspartner aktiv mit.
In Istanbul wurde nicht nur über Wohnungen und Siedlungen im Allgemeinen diskutiert, sondern über die damit verbundenen grossen Probleme wie die zunehmende Verstädterung, Armut, Umwelt, Mobilität, Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie Demokratisierung. Der Gipfel war diesmal viel mehr auf Praxisnähe als auf die Politik ausgelegt als die Habitat 1976 in Vancouver.
An Ende der Konferenz wurde die "Deklaration von Istanbul" verabschiedet. Die unterzeichneten Regierungen anerkennen darin ihre Pflicht, für angemessene Unterkünfte für alle zu sorgen. Die USA fürchtete, dass Obdachlose ihr Recht auf eine Wohnung einklagen könnten. Trotzdem akzeptierte die USA eine leicht verwässerte Klausel, die beinhaltet, das Recht auf menschenwürdige Behausung "nach Kräften zu unterstützen". Laut Experten zeugt dieser Kompromiss von einer neuen Flexibilität der USA, die bisher realistische Kompromisse mit harten Gegenvorschlägen zu torpedieren versuchte.
Was jedoch das verankerte Recht nun für die Notleidenden bedeutet, herrscht Uneinigkeit. Wie so oft fehlt für die konkrete Verbesserung der Situation das Geld. Dass aber auch mit verhältnismässig wenig Aufwand gute Resultate erzielt werden können, zeigen die sogenannten "Best Practises", eine Sammlung von 600 Einzelprojekten auf der ganzen Welt, die zum Ziel haben, die Lebensqualität in Städten zu steigern. Auch die Schweiz konnte Resultate im Bereich Umwelt vorweisen.
Im sogenannten "Globalen Aktionsplan für lebenswerte Städte" wird jeder Frau das Recht eingeräumt, Boden zu besitzen, Häuser zu erwerben und Kredite aufzunehmen. Gegen die Verankerung dieser Grundrechte leisteten vor allem arabische Nationen Widerstand. Auch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, namentlich auf Verhütungsmittel und Familienplanung konnte nur gegen starken Widerstand von einigen katholischen und islamischen Staaten in den Aktionsplan aufgenommen werden.
Die Konferenz in Istanbul hat gezeigt, dass Städte nicht nur Orte der Gewalt und des Schreckens sind, sondern auch der Demokratie, der Erneuerung, und der Innovation. Nach dem positiven Verlauf in Istanbul steht die Frage im Raum, ob nicht schon bald wieder eine Konferenz organisiert werden soll. Im Jahr 2001 wird eine Konferenz von UNO-Mitgliedern und Beobachtern abklären, was Habitat II in den einzelnen Ländern ausgelöst hat.
Quellen: UNO-Handbuch, NZZ (div. Nummern), Der Bund (div. Ausgaben).
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