Der Wunderbaum
Soledad Cartwright
Eine Hintergrundgeschichte zu ''Der verzauberte Teich''
Es ranken sich viele Geschichten um den Tausendjährigen Wunderbaum von Heimwiese; und eine davon ist merkwürdi- ger als die andere. Man kann nicht einmal mit Gewißheit sagen, um was für einen Baum es eigentlich handelte: von Eiche über Buche bis Feigenbaum wurde fast jede Art von Gewächs genannt, die in den Sieben Landen heimisch gewesen. Die Wahr- heit ist, daß der Wunderbaum keiner von diesen war und doch von jedem etwas inne hatte.
Die alten Lieder beschreiben ihn mal als einen einzigen Baum, mal als ein undurchschaubares Gewirr alter, verknorrter Baum- stämme, unter deren Rinde, hat man sie beständig genug angestarrt, die verschwommenen Körper längst vergangener Frauen ausgemacht werden konnten. Denn, so heißt es, der Wunderbar sei einmal eine junge Zauberin gewesen.
Diese Geschichte - die älteste, die es über den Wunderbaum überhaupt gibt -, reicht zurück bis zu der Zeit der furchtbaren Drachenkriege. Nie zuvor und nie danach wurden die Sieben Landen von größerem Gefahr bedroht denn zu jener Zeit, als die Großen Drachen beschlossen, sie sich untertan zu machen. Der grausamste Kampf wurde auf der Verdorrten Heide ausgetragen, als Nordwind, der später erster König von Heimwiese geworden, seine tapferen Recken in die Letzte Schlacht gegen die Drachen führte.
In diesem Kampf wurden alle Drachen getötet, dank dem Sternenschwert von Nordwind, dem großen Bogen seines jüngeren Bruders, der Silberpfeil genannt wurde, und der schweren Keule, mot dem ihr vierter Bruder, Schwerer Hammer gekämpt hatte. Alle... bis auf einen.
Spinnenschwinge wurde dieser genannt, ein riesiger, goldgrüner Wurm mit zwei mächtigen Flügeln und einem kurzen Horn inmitten seiner Stirn. Er war der letzte und jüngste seiner Art... und der Grausamste von allen, die je diese unglückliche Welt heimsuchten. Er wurde allein und einzig aus dem Grund ausgebrütet, um die Drachen im Kampf gegen das Menschenge- schlecht anzuführen und letzteres endgültig in die Knechtschaft zu zwingen.
Es ist nämlich so, daß die Art der Drachen mit zu den Ältesten gehört, die einst die Sieben Welten bevölkerten. Sie waren viel älter als das Menschengeschlecht und - genauso wie die anderen Alten Arten, zu denen auch die Feen, die Elfen, die Zwerge und die Eisriesen des Hohen Nordens gehörten - genossen sie eine gewisse Art der Unsterblichkeit. Freilich konnten sie getötet werden, durch Waffen oder durch Gift; für Krankheiten waren sie jedoch nicht anfällig, und sie starben auch nicht auf natürliche Weise; außerdem alterten sie auch sehr langsam und konnten hundete, ja, sogar tausende von Jahren überleben. Dafür vermehrten sie sich aber auch sehr langsam; es dauerte siebenhundert Jahre, um einen Drachen auszubrüten, und die Eier mußten während all dieser Zeit in heißem Schlamm und Morast liegen, ansonsten gingen sie ein.
Bevor das Menschengeschlecht erwachte und sich überall auszubreiten begann, lebten die Großen Drachen in relativem Einklang mit den anderen Arten. Es gab ein Gleichgewicht in den Sieben Landen, die so nie wieder gegeben. In der Zeiten Dämmerung, als die jüngeren Völker noch bewußtlos im dunklen Schoß des feuchten Erdreichs geschlummert, lebten die Feen unter ihren verwunschenen Hügeln, in unterirdischen Hallen voller Träume und Wunder, die Elfen in den luftigen Höhen der BAumkronen, wo sie ihre BEhausungen zwischen die Äste verwoben, die Zwerge in prächtigen Steinhallen unter den Bergen, die Riesen des Nordens in gewaltigen, runden Eishütten im ewigen Schnee und die Drachen in den Wüsten, die neben den weit ausgebreiteten Sümpfen lagen. Keiner übertrat die Grenzen des eigenen Reiches, also lebten sie alle friedlich nebeneinander.
Damals waren die Drachen noch kaum mehr als gewaltige, geflügelte Schlangen - Raubtiere, deren bösartiger Verstand noch nicht erweckt wurde. Freilich waren sie bereits imstande, Feuer zu speien, denn der Einsame Berg, in dessen dunklem Schoß ihre Art geformt worden war, hatte zu jener Zeit noch selbst recht häufig Rauch und Feuer gespuckt, und die tiefen Höhlen, wo die ersten Drachen zu Anbeginn der Zeiten geschlüpft, waren von langsam dahingefließenden Adern geschmolze- nen Gesteins durchzogen.
Nach unsagbar langen Zeit kühlte sich das Innere des Feuerberges ab, und die Drachen waren gezwungen, nach einer neuen Brutstätte Ausschau zu halten. So stießen sie auf die warmen Sümpfen unweit des Berges, und gleichzeitig fingen sie an, sich aus der Jagd auf die riesigen Echsen und Schlangen zu ernähren, die diese endlosen Sümpfe bevölkerten.
Als aber zu beginn der Gemessenen Zeit das Menschengeschlecht aus dem feuchten Erdreich geboren, geriet dieses uralte Gleichgewicht ins Wanken. Nicht sogleich, freilich, denn die ersten Menschen erblickten das Licht der Welt im Fernen Süden, wo wenig später die sagenumwobene Stadt der Weisen und Magier entstand, die Sonnenende genannt wurde. Aber die Menschen unterschieden sich grondlegend von den Alten Arten.
Zum einen war ihre Zeit unter der Sonne begrenzt. Sie wuchsen auf und alterten schenll, jedenfalls im Vergleich zu den älteren Völkern, und sie starben auf natürliche Weise nach höchstens zweihundert Jahren, falls sie nicht früher durch Waffen oder Krankheiten getötet worden sind. Denn zum Anderen warn sie für Krankheiten und Giftstoffe sehr wohl anfällig, und im Gegensatz zu den alten Arten schien ihr Leben kurz und zerbrechlich zu sein.
Dies mochte auch der Grund dafür sein, daß sie sich sehr schnell vermehrten und sich in Windeseile in all den Sieben Landen ausbreiteten. Bereits im ersten Zeitalterverließen sie die riesigen Urwälder des Fernen Südens, drangen in die südlichen Steppen vor, wanderten nach Westen und auch ostwärts und ließen sich überall nieder, um immer wieder neue Wellen von Auswanderern aud den Weg zu setzen.
Gegen Ende des ersten Zeitalters haben sie auch das Mittelland erreicht, das ihnen besonders gut gefiel, denn das Klima war dort mild, die Wälder und die Wiesen grün, und es gab viele geeignete Pläthze um Häuser zu bauen. Außerdem brauchten sie sich nicht groß um den Ackerbau zu kümmern, denn - dank der Segenskraft des Unterirdischen Flusses, der dieses Land durchtränkte - brachten die Felder wie von sich selbst allerlei Früchte hervor und hatten zwei reiche Ernten im Jahr. Kein Wunder also, daß die Menschen hier seßhaft wurden. Sie nannten das Land Heimwiese, ließen sich nieder und hatten fest vor, für immer hierzubleiben.
Das hat den Drachen freilich überhaupt nicht gefallen, denn sie fühlten sich durch die schnelle Ausbreitung dieser neuen Art mehr als bedrängt, da aber ihr Verstand noch sehr langsam an bösartiger Klugheit gewann, taten sie zuerst nichts. Erst als die Menschen angefangen haben, die Sümpfe trockenzulegen und ihre Herden auf der üppigen Heide vor dem Einsamen BErge zu weiden, schlugen die Lindwürmer zu, brannten die Häuser nieder und fraßen die Herden und ihre Hirten auf.
Zu jener Zeit geschah es aber auch, daß der damalige Anführer der Drachen (die damals noch keine Namen trugen, da sie immer noch keine vernunftbegabte Geschöpfe gewesen) einen Zauberer tötete und verschlang, der gerade die Sümpfe durchforschte, um sich mit den dort hausenden Sumpfdämonen zu beraten. Er selber war auch zur Hälfte Dämon, denn die damaligen Zauberer von Heimwiese - abgesehen von den Weisen von Sonnenende - waren alle entweder Gaukler oder Schwarzkünstler; letztere waren natürlich die schlimmsten, denn sie paarten sich mit Dämonen und zeugten Nachwuchs mit ihnen.
Als also der Drache den Schwarzmagier auffraß, nistete sich dessen bösartiger Geist in seinem Herzen ein; sein grausamer Verstand wurde vollständig erweckt, und er machte sich daran, andere Zauberer und böse Hexen aufzutreiben, damit seine ganze Brut in den Genuß dieses fragwürdigen Geschenkes komme.
So verging der erste Zeitalter der Menschen, und als das zweite Zeitalter dämmerte, war das neue Geschlecht der Großen Drachen geschlüpft, und die waren bereits alle vernunftbegabt und von bösem Geiste beseelt, obwohl des Sprechens nicht mächtig, jedenfalls nicht so daß sie sich mit anderen Wesen außer ihrer eigenen Art hätten verständigen können, und das sollte während der ganzen Zeit ide ihre Brut unter der Sonne weilte so bleiben.
Nun trugen sie auch Namen, wie alle anderen Wesen der Alten Welt, obwohl diese nur Zauberern, Magiern und Dämonen bekannt waren; letztere brachten es sogar fertig, eine gewisse VErständigung mit den Drachen zu erreichen, denn schließlich sind sie ja artverwandt gewesen, auch wenn diese Verständigung nur ungenau und nicht sehr zuverlässig gewesen.
Trotzdem hat das lose Bündnis zwischen Drachen und Dämonen das Gleichgewicht der Kräfte wiederum empfindlich gestört, diesmal zum Nachteil der Menschen, und als Schwarzer Sturm, der Erstgeborene der neuen Brut voll ausgewachsen und zum Anführer aller Drachen geworden war, begann der lange und immer grausamer werdende Kampf zwischen den Drachen und ihren VErbündeten einerseits und aller anderen Arten andererseits, um die Vorherrschaft über die Sieben Landen.
Die Zwergen waren die ersten, die dem Eroberungszug der Lindwürmer zum Opfer fielen, denn zu jener Zeit lebten sie noch nicht in den Westlichen Landen, sondern an der Südgrenze von Heimwiese; und sie waren mit den Menschen befreundet. Also beschlossen die Drachen, sich zuerst dieser starken Verbündeten des Feindes zu entledigen; und sie verwüsteten die Hallen der Zwerge unter den Bergen, raubten ihre Schätze, fraßen die Kinder und die Frauen; die Handwerker aber verschleppten sie, damit diese ihnen unter dem Einsamen Berge große, prächtige Hallen und Schatzkammern anlegten.
Nur einige Sippen waren imstande, der furchtbaren Zerstörung zu entkommen; diese scharten andere, bislang vereinzelt lebende Zwergenfamilien um sich und gründeten in sicherer (oder so glaubten sie jedenfalls) Entfernung das Westliche Zwergenreich, wo auch jener letzte Rest der Elfen eine Zuflucht fand, die nicht auf die Verwunschenen Inseln im Westlichen Meere geflüchtet hatten, um den Menschen aus dem Wege zu gehen.
Die Weisen von Sonnenende betrachteten indes besorgt die wachsende Kraft der Drachen. Ihre Besorgnis galt nicht dem Volke von Heimwiese allein, sondern auch und in besonderem Maße dem Unterirdischen Fluß selbst, denn hätten die Drachen und ihre Dämonen-Verbündeten Zugang zu den verzauberten Wassern gefunden und sie vergiften können, hätten sich die Sieben Landen entweder zu leblosen Wüsten oder zu giftigen Sumpfgebieten verwandelt.
Daher beschlossen sie also, Beschützer für den Fluß und für das Land auszusenden - und sie schickten das uralte Geschlecht der Zauberinnen, die auch Mondfrauen genannt wurden, denn diese hatten zum Unteriridischen Fluß schon immer eine ganz besondere Beziehung gepflegt; außerdem schickten sie einen Zauberer, den Größten den es unter ihnen zu jener Zeit gab, damit dieser die Südgrenze von Heimwiese bewacht.
Das Geschlecht der Mondfrauen, so hieß es jedenfalls, war so alt wie die Welt selbst - das war natürlich Unsinn, aber sie gehörten zur ältesten Sippe der Menschen, und sie lebten schon immer am Wasser des Unteriridischen Flusses und kamen nur selten ans Tageslicht. So ließen sie sich also in flinken Booten auf dem Rücken des Flusses aufwärts treiben, bis sie die große unterirdische Halle erreichten, in der einst die Feenkönige gehaust. Diese, auch die Halle der Erinnerung genanntbefand sich unter dem Vogelfelsen und lag seit langer, langer Zeit leer und verlassen. Die Lieder aber, die einst darin gesungen worden, nisteten noch immer unter den hohen wölbungen, und auch die Zauberei und die Träume der Feen schwebten über das golden schimmernde Wasser des Flusses. Und die Zauberinnen, von Geburt an mit dem feuchten Erdreich und den Urwassern verwachsen, waren imstande, die Lieder zu hören und die Träume zu deuten.
Der Zauberer aber, den der Rat von Sonnenende zur Bewachung der Südgrenze ausgesandt, wählte einen alten, steinernen Wachturm der Zwerge zu seinem Wohnsitz, der wie durch ein Wudner die Zerstörung der Drachen überstanden hatte. Er baute einen magischen Steinring um den Turm, der zufälligerweise auf verzaubertem Boden stand (wenn man in solchen Fällen überhaupt von Zufall reden kann), bezog ihn und nannte ihn die Letzte Warte. Fortan lebte er dort allein und versuchte, die magischen Eigenschaften des Landes zu erkunden. Denn die Zwerge, ohne es gewußt zu haben, bauten den Wachturm über einem Orakelbrunnen; das Wasser lag zwar tief unter der ERde begraben, wenn aber jemand den Boden lange genug mit Zaubrkraft bearbeitete - wozu allerdings nur die Weisen von Sonnenende in der Lage waren - zeigte dieser rätselhafte, verworrene Linien im Staub, in denen das Schicksal der Sieben Landen verwoben war.
Dies verlieh ihm großes Wissen und große Macht, was er auf seinem einsamen, gefährlichen Wachposten auch nötig hatte. Eines Tages gelang es ihm sogar, die verzauberte Tür des obersten, geheimen Kammer des Wachturmes zu öffnen (denn Zwerge bedienten sich ebenfalls der Zauberei, die jedoch völlig verschieden von der bei den Benschen üblicher Art gewesen), und dort fand er, in einen silbernen Halter eingefaßt, einen faustgroßen, wudnerbar glitzernden Kristall. Dies war der große Arkenstein, das kostbarste Gut des ganzen Zwergenvolkes: ein Edelstein allergrößten Zauberkraft, der alle Wunden und Gebrechen heilen konnte, sofern ein Zauberer imstande war, die in him schlummernde Kräfte zu Wecken.
Der Magier aus Sonnenende (der laut Überlieferung den etwas seltsamen Namen Mondkalb getragen) vebrachte sieben Jahre damit, sowohl die Schicksalslinien im Staub als auch die Kräfte des Arkenstein zu erforschen, und so ist er zum Meister sowohl der Zukunfstdeutung als aucgh der Heilund durch die Kräfte des Steins geworden.
Fortsetzung folgt