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Tschechien Was ist eigentlich neu am neuen Staat? |
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Tschechien ist ein neuer Staat. Aber ein neuer Staat mit alten Grenzen und alten Lasten. Am besten stellt man zuerst die Frage: Was ist eigentlich neu an diesem Staatswesen, das seit dem ersten Januar 1993 besteht und doch die Würde einer tausendjährigen Geschichte in sich trägt, aber auch Anteil hat an dem gemeinsa men europäischen Elend des blutigen 20. Jahrhunderts?
Das etwa 78 000 qkm umfassende Staats gebiet besteht aus drei sogenannten "historischen Ländern", die seit tausend, bzw. seit siebenhundert Jahren zu einem gemeinsamen politischen Schicksal zu sammenfanden.
Es wird heute bewohnt von rund 10 Mio. Tschechen und mehr als einer Viertelmillion Slowaken, von einer nicht genau definablen Viertelmillion von Roma und Sintis, von mindestens 80000 Deutschen, die ihre Nationalität aber nicht immer zu sagen wagen, und von einer wohl noch kleineren Anzahl von Polen. Tschechien läßt sich also, allein nach diesen Zahlenverhältnissen, mit gutem Gewissen als Nationalstaat be zeichnen; als Staat der Tschechen. Tschechen gibt es sonst, von einer zahlenstar ken Emigration in Wien, in den USA und schließlich in Deutschland abgesehen, nirgendwo als eine noch intakte ethnische Minderheit in Europa.
So sind, nach innen wie nach außen gewendet, die Tschechen heute in ihrem Land aus den drei histori schen Kompartimenten Böhmen, Mähren und Schlesien unter sich. Das ist neu. Bis zum Jahr 1945 war nahezu ein Drittel der Einwohner in diesen drei historischen Ländern deutsch, und bis zum Jahr 1992 war wiederum annähernd ein Drittel der seit 1945 im Staat verbliebenen Bevölkerung slowakisch und ungarisch.
Neu ist auch die Staatskonstruktion: Denn von 1918 bis 1992 bildeten jene drei "historischen Länder" mit der Slowakei einen gemeinsamen Staat, mit Unterbrechung der Kriegsjahre. Dieser Staat hieß Tschechoslowakei. Neu ist heute also auch der Staatsname: Es gab im Mittelalter ein selbständiges "Königreich Böhmen", das diese drei historischen Länder und auch noch größere Teile von Schlesien umfaßte. Es gab in den neuzeitlichen Jahrhunder ten bis 1918 Böhmen, Mähren und Schlesien als Verwaltungseinheit der sogenann ten Donau-Monarchie, es gab während des Krieges von 1939 bis 1945 das soge nannte "Protektorat Böhmen und Mäh ren" ohne die deutschbesiedelten Rand gebiete - aber eine tschechische Republik oder ein "Tschechien" gab es noch nicht.
Neu ist schließlich und endlich auch die Zugehörigkeit dieses 10 Mio. Einwohner Staates zur freien Welt mit allen ihren Schwierigkeiten und Belastungen - neu einfach deshalb, weil diese freie Weltgemeinschaft, die sich selbst in den Jahren seit dem letzten großen Krieg in Europa etablierte, seit 1989 über den "Eisernen Vorhang" hinausgriff und das östliche Mitteleuropa wieder zur "westlichen" Ge meinschaft zählt.
Das erinnert ein wenig an die sogenannte Zwischenkriegszeit, an die Zeit nach 1918, die man manchmal auch mit dem Frie densschluß von Versailles bezeichnet, das "Versailler System", die Neuordnung Eu ropas nach dem ersten großen Weltkrieg, der die kaiserliche und königliche Staa tenwelt aus den Angeln hob. Damals beendete man in klassischer Form einen großen Krieg, den hinterher so benannten Ersten Weltkrieg. Nach 1945 ist kein Frieden geschlossen worden zwischen den Kriegführenden im formalen Sinn, bis heute nicht.
Stattdessen löste den "heißen Krieg" mit rund 50 Mio. Toten an den Fronten und in Straf- und Vernich tungslagern, im Bombenkrieg und in Vertreibungen vor und nach dem Ende der Kampfhandlungen, bald ein jahrzehnte langer "kalter Krieg" ab. Das ist wohl bekannt.
Aber meist wird dabei nicht über legt, daß in dieser Frontstellung des "kalten Krieges" die damalige Tschechoslo wakei auf die östliche, die dem Westen feindliche Seite geriet. Letzten Endes ist also auch die Rückkehr von Böhmen, Mähren und Schlesien vom Osten nach dem Westen ein neuer Akt, nämlich eine ideologische Umkehr umfassenden ge sellschaftlichen Ausmaßes, die eigentlich alle Erwachsenen in diesem Lande betraf, denn alle Einwohner von Böhmen, Mähren und Schlesien waren zuvor jahr zehntelang Objekte eines auf ideologischer Diktatur und auf staatlichen Zwangsmaßnahmen aufgebauten totalitären Staates.