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Tschechien Ein demokratisch verfaßter westlicher Industriestaat |
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Sie geriet in den Strudel dieser Auseinandersetzung auf einem langen und scheinbar widersprüchlichen Weg, sozusagen in historischer Dialektik. Es war zunächst ein mal das Auseinanderbrechen des demo kratischen, liberalen, aber im Rahmen einer wirklichkeitsfremden nationalstaatlichen Selbstdefinition mit einer unzulänglichen Minderheitenpolitik und mit greifbaren inneren Unzulänglichkeiten belasteten Staates.
Die Wirklichkeit der Tschechoslowakei von 1918 bis 1938 war bekanntermaßen einem demokratischen Erscheinungsbild zuzuordnen. Die Tschechoslowakei war also westlich, namentlich in jenen drei historischen Ländern, die heute die tschechische Republik bilden. Sie war ein Industriestaat, sie hatte eine hochmotivierte, fachlich wie politisch im westeuropäischen Sinn gebildete Bevölkerung, sie hütete europäische Kultur und ihre künstlerische Hinterlassenschaft, sie verteidigte die Werte der europäischen Demokratie, und das keineswegs nur in ihrem tschechischen Bevölkerungsanteil, sondern in allen ihren nationalen Kompo nenten, namentlich auch im deutschen Siedlungsgebiet mit einem Bevölkerungs drittel innerhalb jener vielberufenen historischen Länder.
Aber sie kam aus dem politischen Gleichgewicht, als die deut sehe Bevölkerung zunehmend im Lauf der 30er Jahre dem Sog der nationalsozialistisehen Neuordnung im benachbarten Deutschland erlag und als sie nach dem "Anschluß" der österreichischen Republik an das deutsche Reich im März 1938 auch ihrerseits um die Loyalität ihrer dreieinhalb Millionen deutschen Einwohner fürchten mußte.
Die tschechoslowakische Republik verlor bei diesem Spiel. Es bildete ein langes Kapitel zu erklären, was dabei Schuld der offiziellen tschechoslowakischen Politik gewesen ist und wieviel andererseits auf das Konto jenes deutsche Bevölkerungsdrittels ging, die sog. Sudetendeutschen, die damit ihren Staat, ihr seit Jahrhunderten angestammtes Heimatland und auch ihren seit Generationen langen Weg zur Demokratie verrieten, weil und soweit sie sich in Hitlers Arme warfen. Das geschah im September 1938 mit der überwältigenden sudeten deutschen Zustimmung zu dem von den vier europäischen Großmächten über den Kopf der tschechoslowakischen Regierung hinweg geschlossenen Münchner Abkom men.
"München" bedeutet auch heute noch eine Belastung der historischen Erinnerun gen im Geschichtsbild der Tschechen gegenüber dem westlichen Europa. Jenes Abkommen wurde vom benachbarten und damals zutiefst feindseligen national sozialistischen Deutschland mit den Regierungen Italiens, Englands und Frankreichs geschlossen. Es bedeutete zumindest für die beiden westeuropäischen Staaten einen Rücktritt von Verpflichtungen, Freundschaften und Bindungen, mit denen eben diese beiden Staaten zwanzig Jahre zuvor die Entstehung der Tschecho Slowakei begleitet hatten.
Aber nachdem sich England und Frankreich noch während des letzten Krieges von jenem Abkommen losgesagt und während der letzten Jahre auch in Prag noch einmal entschuldigt hatten, im völkerrechtlich unerheblichen, aber für die öffentlichkeit weithin sichtbaren Zusammenhang von Staatsbesuchen, wiegt die Last der Erinnerung an den Rücktritt Englands und Frankreichs von ihrer 1919 bekräftigten Teilnahme an der Gründung der tschechoslowakisehen Republik heute nur noch gering. Übrig blieb in der üblichen politischen Erblast das Verhältnis zu Deutschland.