Tschechien
Kunsttourismus und Heimattourismus

Der tschechische Tourismus, auch im sozialistischen System schon bemerkens wert, hat relativ und anscheinend auch schon absolut einen Zahlenumfang an genommen, der zumindest die üblicher weise soziographisch zusammengefaßte westliche Welt insgesamt in den Schatten stellt. Die Besucherzahlen von Prag namentlich liegen weit über London, Paris, München oder Venedig.

Auch wenn die Tourismusgruppen gerade dort im Stadt bild längst einander und vornehmlich den Einheimischen lästig geworden sind, so sind sie doch für die Hauptstadt zumindest die Haupteinahmequelle. Sie sind das mit allen Begleiterscheinungen: Tourismus ist in unserer Welt die erste, wichtigste, nicht nur einträglichste, sondern auch einflußreichste Begegnung zwischen den Menschen.

Der tschechische Millionen Tourismus hat in Tschechien deutlich gemacht, daß der zahlende Besucher keine nennenswerten Ressentiments im Lande auslöst, vor allem keine, die man national identifizieren könnte. Die Prager verständigen sich mit Franzosen, Italienern und Amerikanern geradeso wie mit den Deutschen, obwohl die gesellschaftliche Grunderziehung in wechselndem ideologischen Gewand gerade zwischen Tschechen und Deutschen über Generationen hin Mauern errichtete.

Man kann sagen, daß auch diese vielen kleinen Mauern mit der großen Mauer von 1989 gefallen sind. Die Probe aufs Exempel bildet in diesem Fall nicht der Kunsttourismus in die Hauptstadt, sondern der Heimattourismus in die Kleinstädte und Dörfer, in die mehr als dreieinhalbtausend Gemeinden, wo einstmals die Mehrheit der Bevölkerung deutsch war.

Nur ein paar Spuren gibt es da heute noch von der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung vor 1945, aber die Deutschen aus Deutsch land, die einstmals hier wohnten, besuchen ihr Elternhaus, ihren Schulweg, ihre Friedhöfe und ihre Kirchen, und nicht sel ten führen diese Besuche zu Wiederbegegnungen mit den tschechischen Nach barn von ehedem, auch mit den tschechisehen Hausbesitzern seit 1945 oder mit ihren Nachkommen. Die Politik des klei nen Mannes funktioniert dabei. Er muß keine Deklarationen abgeben, er lädt zum Kaffee ein.

Das Phänomen ist oftmals beschrieben worden, zumindest in Deutschland, aber weit weniger untersucht, obwohl es auf dieser wie auf jener Seite zu deutlichen emotionalen internationalen Bewegungen führt. Oder soll man besser sagen: zwischennationalen? Nur ist es meist kein Massenereignis, sondern es findet in der Wohnstube statt.

Ganz abgesehen von den gemeinsamen Wallfahrten deutscher und tschechischer Katholiken, Kirchenneubauten, Gebetsverbrüderungen, welche die deutsche Ackermann-Gemeinde, von den deutschen Medien für gewöhnlich ignoriert, an den alten Kult stätten, Kirchen, auf den alten Wall fahrtswegen initiiert hat, oft mit mehr tausendköpfiger Beteiligung von beiden Seiten.