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Tschechien Die deutsch-tschechischen Beziehungen |
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Damit sind wir beim wunden Punkt der deutsch-tschechischen Beziehungen und bei seiner eigenartigen Gestalt: Von 80 Mio. Deutschen, die mit den 10 Mio. Tschechen buchstäblich auf jeder Seite ihre längste Grenze gemeinsam haben, sind an solchen Wiederbegegnungen heute nur mehr ein paar Hunderttausend interessiert.
3 Mio. Deutsche, mehr oder weniger, sind vor gut fünfzig Jahren, also vor fast zwei Generationen, vertrieben worden aus diesem Land, und ihre Eingliederung in Deutschland ist im Sog des deutschen Wirt schaftswunders nach der gemeinsamen deutschen Niederlage in der Bundesrepublik ebenso rasch vollzogen worden wie im östlichen Viertel unter dem Druck durch das SED-Regime. Hier wie dort stiegen bald Sudetendeutsche zu bemerkenswerten Positionen auf, freilich in unterschiedlicher Funktion.
Es gab sudetendeutsche SED-Generale im Osten und sudetendeutsche Generalbevollmächtigte im Westen. Es gab und gibt dabei eine gemeinsame Erinnerung unter jenen nicht genau in ihren familiären Verästelungen erfaßbaren 5% in der Bevölkerung der heutigen Bundesrepublik Deutschland, die in irgendeiner Weise "böhmische Wurzeln" haben. Unter diesen 5% spielt der Heimattourismus sehr wohl eine Rolle. Er verläuft, hier wie dort, kaum mit Zwischenfällen. Zu solchen Begegnungen pflegen Staatsverträge und Deklarationen nicht sehr viel beizutragen. Unerheblich sind sie freilich nicht.
Die Bundesrepublik Deutschland und die damals noch tschechoslowakische föderative Republik schlossen 1992 einen Nachbarschafts- und Freundschaftsvertrag. Das politische Parkett wird belastet durch die offizielle politische Erinnerung, die in den Schulen gelehrte, in Dutzenden von Geschichtsbüchern belegte und auch in den Köpfen der Politiker mehr oder minder gegenwärtige gemeinsame Vergangenheit.
Freilich ist dieses gemeinsame Geschichts bild mit einer oszillierenden Symmetrieachse in vielen Fällen gespalten in ein deutsches und ein tschechisches, und durch eine im internationalen Verkehr einmalige deutsch-tschechische (tschechoslowakische) Historikerkommission. Sie ist seit 1990 damit beauftragt und beschäftigt, dieses Geschichtsbild aus seiner Bipolarität in vielen einzelnen Aussagen über ein mehr oder minder unisono getragenes Aussagengeflecht zu verwandeln. Das geschieht nicht nur durch exakte Quellenforschung. Das geschieht auch durch den guten Willen zur versöhnlichen, nämlich zur verständnis vollen Deutung auf beiden Seiten.
Das findet aber auch auf beiden Seiten die Opposition der Unnachgiebigen, die an einseitigen Erinnerungen festhalten und sie aus dem Ereignisgefüge lösen, das in Wahrheit 1848, 1918, 1938, 1945 und 1948, mit der kommunistischen Macht übernahme, seine Volten schlug.