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Tschechien Das gemeinsame Leid in einem gemeinsamen Buch darstellen |
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So bleibt eine ungelöste stille Konfrontation bis zum heutigen Tag. Ein jeder, wie ein kluger Betrachter der jüngeren Generation formulierte, unter den Betroffenen blickt doch immer wieder nur auf das eigene Leid, das gemeinsame Leid wird nicht ausgesprochen.
Der Vorsatz der deutsch-tschechischen Historikerkommission, eben dieses gemeinsame Leid darzu stellen, das einmal die Tschechen betraf, als ihr Staat zerstört wurde und als sie sechs Jahre Fremdherrschaft hinnehmen mußten, gemeinsam mit der Verquickung in Hitlers Krieg und in Heydrichs Terror, in die Deportation und Tötung von einer Viertelmillion tschechoslowakischer Staats bürger jüdischer Herkunft, in die brutale Verfolgung von antideutscher Konspiration und Widerstand, und als dann andererseits die Deutschen nach dem Krieg, ganz gleich, in welchem Ausmaß oder auch gar nicht sie sich an diesem Terror beteiligt hatten, Mitwisser waren, Mitläufer nur oder gar Oppositionelle, mit vielen brutalen Exzessen aus dem Land getrieben wurden, das also in einem gemeinsamen Buch darzustellen, nicht in einem tschechischen oder in einem deutschen, blieb bis heute unerfüllt.
In tschechischer Perspektive gibt es mindestens zweierlei Deutsche: Diejenigen, die mit mehr oder minder Interesse, im allgemeinen mit Sympathie ihre tschechischen Nachbarn betrachten, von denen sie aber wenig wissen, außer den Begegnungen irim Tourismus und im kulturellen Leben: die Masse der Deutschen. Dann gibt es eben die ehemaligen böhmischen und mährischen Landsleute, jene oft ressentimentgeladenen ehemaligen tschechoslowakischen Staatsbürger, jene Sudeten deutschen, die 1945 vertrieben wurden.
Die Konfrontation liegt so tief, daß sie sich schließlich in Schlüsselbegriffen niederschlug. Der Ausdruck "Vertreibung", der in Deutschland selber erst im Lauf der 50er Jahre entstand, ist in tschechischen Ohren bis heute ein Tabu, aber auch ein Schlüsselwort mangelnder Vergangenheitsbe wältigung, wie erst kürzlich ein tschechischer Politiker in Enttäuschung über seine Landsleute schrieb, Psychotherapeut von Beruf.
Umgekehrt scheuen sich die Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft bis zum heutigen Tag, die demokratischen Chancen im Zusammenleben während der Ersten Tschechoslowakischen Republik in der Zwischenkriegszeit offen zu bekennnen und dazu gleichzeitig die Sünden der Großväter wider die Demokratie einzuräumen.