Spieglein, Spieglein an der Wand
Einführung in das imagomantische System
 

Diese Darstellung der Kunst der Imagomantie ist eine mehr oder weniger getreue Adaption der gleichnamigen Zauberei aus dem Roman "Einer reitet durch" von Stephan R.Donaldson für das Regelsystem Midgard.
Spielleiter können die Imagomantie als geheimes Forschungsfeld einer Magiergilde oder eines Zirkels von Magiekundigen in ihre Kampagne einführen und vielleicht sogar zum Thema eines Abenteuers machen. 



Die imagomantische Kunst

Analog zur Herstellung von Amuletten, Runenstäben und Thaumagrammen beschäftigt sich auch der Imagomant mit Zauberwerk: und zwar mit Spiegeln, genauer gesagt mit deren Imagines, den Spiegelbildern. Die Spiegel, die die Imagomantie verwendet, sind natürlich magische Spiegel, die außerdem ein wesentlich dauerhafteres Zauberwerk als das bekannte der Thaumaturgen sind. Generell hat jeder imagomantische Spiegel  die Ausbrennwahrscheinlichkeit 1.
Die Imagomantie kennt zwei Grundfertigkeiten, mit denen jede Beschäftigung mit dieser Kunst anfängt. Es handelt sich um das Handwerk der Herstellung eines imagomantischen Spiegels, also insbesondere die Kenntnis der richtigen Sandmischung und des Oxydationsmittels, mit dem das Glas verspiegelt wird. Auch die Fabrikation eines ordentlichen Holzrahmens, der bei großen Spiegeln z.B. ein Kippen oder Drehen der Oberfläche ermöglichen muß, gehört dazu.

Gekrümmte Spiegel herstellen
Ge31; wissen von der Magie

Flache Spiegel herstellen
Ge31; Wissen von der Magie

Beide Fertigkeiten sind Grundfähigkeiten für Thaumaturgen (und evtl. Beschwörer) und Standardfähigkeiten für Magier. Das Erlernen der ersten Fertigkeit kostet 2000 FP, das der zweiten nur noch 1000 FP, weil sich allein die Einzellheiten der Herstellungsmethode voneinander unterscheidet, nicht aber die grundsätzlichen Handgriffe. Ein Spielleiter, der die Imagomantie in seine Kampagne einführen möchte, behandelt sie am sinnvollsten als eine thaumaturgische Kunst ähnlich wie die Amulettmagie. Da die Benutzung der Spiegel aber an eine Form erweiterten Versetzens erinnert, und es außerdem möglich ist, im Spiegel Verbindung zu anderen Welten herzustellen, hat die Imagomantie eine große Nähe zur Magie der Beschwörer. Man sollte erwägen, ob man die Imagomantie nicht also zusätzlich als Beschwörungszauberei handhabt.
So erhalten die Beschwörer eine Ausweitung ihrer magischen Möglichkeiten und können, sofern sie einen passenden Spiegel besitzen (der ja zudem normalerweise dauerhafter als ein Polygramm ist), spontan zaubern anstatt stundenlange Rituale ausführen zu müssen. Der Abenteuerberuf des Beschwörers könnte mit der Imagomantie ein wenig aufgewertet werden - für die Spieler, die sich bisher nicht an diesen schwierigeren Zauberertyp herangewagt haben.
Imagomantische Spiegel benötigen als Rohstoff reinen Quarzsand und verschiedene chemikalische Zusätze, die zusammen in einem Glasofen geschmolzen werden. Der Imagomant besitzt idealerweise ein alchimistisches Labor oder eine Zauberwerkstatt. Zur Not kann die Schmelze aber auch unter improvisierten Bedingungen, z.B. in tönernen Pfannen über einem Holzkohlefeuer, durchgeführt werden. Außerdem benötigt man natürlich Silber, das dem Glas die Spiegeleigenschaften verleiht. Je nachdem ob es sich um einen kleinen, mittelgroßen oder großen Spiegel handelt, kosten die Rohmaterialien 10, 50 oder 100 GS. Ein anständiger Holzrahmen kann diese Aufwendungen maximal noch verdreifachen, so daß ein kleiner Spiegel bespielsweise im Durchschnitt 20 bis 30 GS kostet. Natürlich kann der Rahmen auch besonders prächtig gestaltet werden, was in der imagomantischen Zunft eher eine Prestigefrage ist.
Unter einem kleinen Spiegel sind Handspiegel zu verstehen. Sie sind also leicht und können am Körper problemlos transportiert werden.
Mittelgroße Spiegel sind zwar nicht sehr schwer, aber zu empfindlich zum einfachen Transport. Deswegen werden sie üblicherweise an der Wand hängend aufbewahrt.
Große Spiegel sind menschengroß und besitzen oft ein Standrahmengestell. Ihr Transport ist ohne Tiere bzw. einen Karren praktisch unmöglich.
Die Dauer der Herstellung eines Spiegels hängt von seiner Größenklasse ab: klein 2 Tage, mittelgroß 4 Tage und groß 10 Tage.
Diese Zeiten müssen mindestens aufgebracht werden zum Gießen, Glätten und Verspiegeln des Glases, und zwischendurcch kann absolut keinen anderen Geschäften nachgegangen werden. Die Fabrizierung des Rahmens erhöht die Zeiten um mindestens 50%. Diese Arbeit kann aber auch jemand anderem übertragen werden, wenn der Imagomant Zeit sparen will. Der imagomantische Spiegel funktioniert zwar auch ohne einen Rahmen, trotzdem sollte man nicht auf ihn verzichten.
Erstens verleiht der Rahmen dem Glas mehr Festigkeit und zweitens würde man sich an den Spiegelkanten zu leicht schneiden. Auch die Spiegelschicht könnte an den Rändern abblättern, und das ganze Werk unbrauchbar machen. Bei großen Spiegeln ist der Rahmen grundsätzlich unerläßlich, weil die Glasfläche sonst auch bei leichten Erschütterungen zu stark in Schwingungen versetzt wird. Dies hat zwangsläufig bald Fehler zur Folge, wie sie auch bei unpräziser Herstellung auftreten können (s.u.). Ob der Imagomant eine gute Arbeit leistet, entscheidet ein PW: Geschicklichkeit nach der Hälfte der verstrichenen Arbeitszeit. Bei Mißlingen ist das Glas zu fehlerhaft, und das Werk muß von neuem begonnen werden. Ein zweiter PW. Geschicklichkeit (mittelgroß WM +20; groß WM +50) wird vom Spielleiter verdeckt nach dem letzten Handgriff durchgeführt. Bei einem Mißlingen um mindestens 50 Differenz hat der fertige Spiegel einen fast unsichtbaren und irreparablen Fehler: eine Verspannung, Risse in der Spiegelfläche u.ä. Solche Mängel können katastrophale Auswirkungen im Gebrauch mit sich bringen. Deshalb sollte der Imagomant den fertigen Spiegel mit einem EW: Wahrnehmung sorgfältig überprüfen. Andere Figuren ohne die entsprechenden Kenntnisse entdecken diese Fehler schwerer mit WM-6.
Zum Schluß entscheidet ein EW: Zaubern des Imagomanten, ob der Spiegel auch zu einem brauchbaren imagomantischen Werkzeug geworden ist. Ist die Mühe für die Katz' gewesen, so ist das einfach zu erkennen, weil der Spiegel dann alles zeigt, was sich vor ihm befindet. Er verhält sich also wie ein gewöhnlicher Spiegel. Der imagomantische Spiegel aber gibt ein Bild von einer entfernten Umgebung wider. Dieses Spiegelbild wird das Imago genannt. Der EW: Zaubern entscheidet auch, ob ein bestimmtes Imago eingestellt werden kann (s.u.) 

Imagines und Translation

Ein Imago muß man sich wie ein Fenster vorstellen. Der Spiegel bildet nicht ab, sondern er stellt sozusagen einen Durchblick auf eine selbst nicht präsente Szenerie her, sei es nun ein Raum, ein Stück Straße, eine Landschaft oder eine Unterwasserszene. Das Imago verhält sich wie der Blick  eines Menschen, d.h. als ob ein Mensch das Bild des Imagos in Natur vor sich sehen würde. Das Imago ist immer nur ein Ausschnitt der Umgebung, weil der Betrachter es nur durch eine Perspektive sieht.. Außerdem begrenzt die Größe des Spiegels das mögliche Sichtbare. Ein Spiegel hat immer nur ein Imago, das in der Regel auch unveränderlich ist. Allerdings kann der Imagomant das Imago für die Dauer seiner Konzentration verschieben, indem er es horizontal und vertikal schwenkt. Es kann auch bewegt werden, allerdings hat jeder Spiegel nur eine beschränkte Reichweite. Diesen Vorgang kann man sich durch den Vergleich mit einem Fotografen, der sein Bild im Sucher einstellt, verdeutlichen. Was für ein Imago in einem neuen Spiegel erscheint, unterliegt Zufälligkeiten, obwohl der Imagomant natürlich versuchen will, die Art des Imagos zu beeinflussen.
Die Imagomantie befaßt sich nun im weiteren nicht nur mit dem Herstellen von Imagines, die an und für sich bestenfalls als spionierende Augen gebraucht werden können. Die Imagines werden häufiger als Medium für Translationen benützt, d.h. Objekte oder Lebewesen werden durch den Spiegel hergeholt oder in das Imago verrückt. Der Imagomant kann auch sich selbst translatieren. Gekrümmte Spiegel haben Imagines, die zur Translation zum Imagomanten hin fähig sind (HERBEWEGUNG).  Flache Spiegel dienen zur Versetzung in das Imago hinein (HINBEWEGUNG). Die Translation eines Menschen durch flache Spiegel raubt diesem den Verstand. Dieser Wahnsinn kann nur mittels Allheilung überwunden werden.
Prinzipiell kann alles, was sichtbar ist, translatiert werden, wobei die Größe des Spiegels die Größe des Translationsobjekts beschränkt. Ein kleiner Spiegel z.B. kann keinen Menschen oder eine Truhe durchlassen. Generell gibt es die Faustregel, daß der Größe des Objektes die Größe des Spiegels entsprechen sollte, um eine reibungslose Translation zu gewährleisten. Aus diesem grund sind die großen Spiegel die wertvollsten und wichtigsten, weil sich durch sie fast alles, was üblicherweise gebraucht wird, translatieren läßt. Der Ausgangs- bzw. Zielpunkt einer Translation liegt immer im Brennpunkt des Imagos. Die Translation wird vom Imagomanten bewirkt, wozu er das benutzte Imago deutlich sehen muß. Er muß zwar nicht unbedingt direkt davorstehen, es aber auf jeden Fall überblicken können. Eine Translation äußert sich nicht sichtbar, außer daß ein Objekt plötzlich auftaucht oder verschwindet. Lebewesen empfinden ihre Translation als einen kalten Hauch. Das dabei eintretende Gefühl gleicht dem freien Fall aus großer Höhe. Für manche Außenstehende kann sich eine Translation ebenfalls gefühlsmäßig ankündigen, weil sie den Brennpunkt des Zielimagos kurz vorher spüren können (Gefahr spüren +1). Dinge und Lebewesen in unmittelbarer Nähe des Objekts, das gerade durch den Spiegel versetzt wird, sind einem starken Sog ausgesetzt, der sie sogar in die Translation hineinziehen kann. 



Erstellung eines Imagos

Wie gesagt beinhaltet das Herstellen eines Spiegels auch das Erscheinen eines Imagos, das der Imagomant normalerweise gezielt einstellen will. Dazu muß er das gewünschte Imago ganz klar vor seinem geistigen Auge haben, es also üblicherweise mindestens einmal gesehen haben. Ein bestimmtes Imago kann nur über einen Ortsbezug aufgerufen werden. Es ist z.B. nicht möglich, eine Person als Imago zu definieren, weil sie erstens kein Ort ist und zweitens überall sein könnte. Das Imago muß möglichst eng definiert werden. Ein ganzes Land z.B. kann nicht erscheinen. Je nachdem wie präzise die Vorstellung des Imagomanten von dem gewünschten Imago ist, werden Würfelmodifikationen auf den EW: Zaubern angewendet:

Vage Vorstellung (aufgrund Beschreibungen anderer z.B.)       WM -10
Konkrete Vorstellung (aufgrund mehrerer Aufenthalte z.B.)     WM -5
Exakte Vorstellung (aufgrund langwährender Aufenthalte z.B.) WM +0
Die Modifikationen zeigen, daß die Beeinflussung eines Imagos trotzdem eher schwach ist. Nur der kritische Erfolg erzeugt sofort das Imago, daß präzise der Vorstellung des Imagomanten entspricht. Im Normalfall wird man sich mit Näherungserfolgen zufrieden geben müssen, denn auch der einfache Erfolg der Beeinflussung bringt leichte Abweichungen mit sich und zwar 1W6 x 1000 Meter minus (Gesamtergebnis des EW: Zaubern minus 19) x 100 Meter. Die Rechnung für einen Imagomanten, der 29 geschafft hat, könnte beispielsweise so aussehen: 4 x 1000 Meter - 10 x 100 Meter= 3000 Meter. Das Imago würde also den gewünschten Ort aus drei Kilometer Entfernung zeigen, sofern dieser aus so großer Distanz überhaupt zu sehen wäre, denn es könnten ja Berge dazwischenliegen. Sollte das Resultat 0 sein, hat der Imagomant sein Imago ebenfalls noch präzise erzeugt. Man beachte, daß die Entfernung nicht unbedingt den Abstand zu dem, was man zu sehen wünscht, bedeutet. Das Imago eines ganzen Schlosses kann der Betrachter z.B. ja  nur aus mehreren hundert Metern Entferung sehen, nicht aber vom Schloßtor aus. Da der Spiegel die Position eines imaginären Betrachters einnimmt, wäre die Abweichung des Imagos im Zweifelsfall also die Abweichung vom Punkt des Beobachters aus.
Das Imago kann auch einen Ort auf einer Parallelwelt bzw. einer anderen Dimension zeigen, doch verbietet sich eine dahingehende Beeinflussung wegen der gewöhnlichen Unkenntnis fremder Welten. Bestenfalls vage Vorstellungen wird ein Imagomant von so einem Imago haben können; respektive Beschwörer genießen hier wegen ihres dämonischen Umgans Vorteile. Von Fall zu Fall können den letzteren sogar konkrete Vorstellungen zugestanden werden. Im übrigen kann der Imagomant auf das gezielte Einstellen des Imagos ohne weiteres verzichten. In diesem Fall legt der Spielleiter das Imago völlig willkürlich fest. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 1% kann dieses zufäälig entstehende Imago tatsächlich einen Ort in einer fremden Welt zeigen.
Wenn der EW: Zaubern einen kritischen Fehler ergibt, erscheint ein extrem abweichendes Imago, das den Imagomanten vor Rätsel stellen sollte. Z.B. das Imago einer Schneefläche (man sieht nur Weiß) oder eine Unterwasserszene. Im Zweifelsfall erscheint einfach Schwärze (das Imago zeigt einen dunklen Ort). 

Verschieben eines Imagos

Die Verschiebung eines Imagos wird am häufigsten angewandt, um eine Abweichung vom gewünschten Bild auszugleichen. Der Imagomant verschiebt den Brennpunkt des Imagos mittels seiner magischen Fähigkeiten. Es ist zu beachten, daß jeder Spiegel nur ein Imago haben kann und zwar immer das originale. Jedes Verschieben eines Imagos dauert nur solange, wie die Konzentration des Imagomanten währt. Danach zeigt der Spiegel wieder das ursprüngliche Imago. Zweitens muß beachtet werden, daß jeder Spiegel für das Verschieben seines Imagos nur eine begrenzte Reichweite zur Verfügung hat, die unter Umständen zu klein ist, um eine Abweichung voll auszugleichen. Dem Imagomanten ist die Reichweite eines Spiegels nicht bekannt, er kann sie nur durch Probieren herausfinden. Die Reichweite des Spiegels wird mit W% x 100 (kleiner Spiegel x10, mittelgroße x50) Meter bestimmt. Der Imagomant verschiebt das Imago mit B24, wobei er es in alle Richtungen bewegen kann. Außerdem sind Schwenks in horizontaler und vertikaler Richtung möglich. Eine Drehung um volle 90 Grad dauert eine Runde. Das Verschieben des Imagos wird mit einem EW: Zaubern durchgeführt, und alle sechs Runden wird ein neuerlicher Wurf fällig. Pro 6 Runden Aufrechterhaltung der Konzentration auf das verschobene Imago verliert der Imagomant 1 AP. Geht es dem Imagomanten nur darum, den Brennpunkt eines ansonsten richtigen Imagos korrekt einzustellen, so dauert das nur eine Runde. Es handelt sich allerdings auch um eine Verschiebung in einen Rahmen von maximal 24 Metern, die aber ausnahmsweise keine Ausdauerpunkte kostet.
Eine besondere Bemerkung muß zu verdunkelten Imagines gemacht werden, also Imagines, die einen völlig lichtlosen Ort zeigen. Hier gilt der Grundsatz: Der Brennpunkt eines Imagos, das man nicht sehen kann, kann nicht verstellt werden. Der Grund besteht darin, daß man sich nicht sicher sein kann, wohin man das Imago verschieben würde. Eine Translation ins Dunkel kann tödliche Folgen haben. Das Dunkel könnte ja der Schacht eines tiefen Lochs sein, oder der Imagomant hat den Brennpunkt in den Erdboden verlagert. 



 Brennpunkt und Translation

Als Brennpunkt des Imagos gilt der unmittelbar im Vordergrund befindliche Bereich des Bildes, also das, was man direkt vor sich sieht und sozusagen "anfassen" könnte. Auf den Brennpunkt konzentrieren sich die Kräfte der Translation. Nur was im Brennpunkt des Imagos erscheint bzw. dort beginnt, kann hertranslatiert werden. Was in das Imago hineintranslatiert wird, erscheint im Brennpunkt bzw. beginnt dort. Theoretisch kann alles translatiert werden: Lebewesen, Objekte und "Stoffe". Stoffe sind Dinge, die zu komplex sind, um als ein Objekt bezeichnet werden zu können, z.B. Regen, der aus Tropfen besteht oder Wasser, Feuer, ein Erdbeben, ein Gewitter. Es kann alles translatiert werden, was sichtbar ist und der Größe des Speigels entspricht. Stoffe unterliegen dabei in der Regel keiner Beschränkung, weil sie in keiner definierbaren Größe Vorkommen. Feuer ist z.B. beliebig teilbar. Man kann zwar keinen ganzen See auf einmal translatieren, aber es würde soviel Wasser durchströmen können, wie der Spiegel durchlassen kann.
Zum Translatieren muß der Imagomant das Imago öffnen, indem er sich 1 Sekunde lang darauf konzentriert. Er muß das Imago dazu sehen und darf nicht weiter als 5 Meter entfernt sein. Ein EW: Zaubern entscheidet darüber, ob das Imago geöffnet wurde. Kritische Fehler oder kritischer Erfolg haben keine besonderen Auswirkungen. Das Imago kann durch Konzentration offengehalten werden, und der Imagomant darf sich währenddessen nur mit B1 bewegen und keine anderen Handlungen ausführen. Er darf sich ebenfalls nicht weiter als 5 Meter entfernen, muß das Imago aber nicht mehr unbedingt sehen. Pro Minute des Offenhaltens verbraucht der Imagomant 1 AP und muß bei Störungen (Kampfgeräusch, Abwehr) pro Runde einen PW: Intelligenz ausführen, auf den kumulierende Würfelmodifikationen (+1, +2, +3, ...) angewendet werden. Bei Mißlingen schließt sich das Imago augenblicklich, und eine gerade stattfindende Translation wird abgebrochen.
Die Translation selbst setzt ein offenes Imago voraus. Das zu translatierende Ziel muß gesehen werden und sich im Brennpunkt befinden bzw. maximal 1 Meter weit weg vor der Spiegelfläche sein. Der Imagomant führt die Translation durch das Hervorrufen der Sogwirkung in Translationsrichtung aus. Ein EW: Zaubern muß dazu gelingen, gegen den unwillige Lebewesen einen WW: Resistenz gegen physikalische Zauber machen dürfen. Bei großen Zielen (Oger, Pferd) gelten WM-2, bei sehr großen Zielen (Elefant, Wagen, kleiner Steinschlag, alle "Stoffe") WM-5 und bei gigantischen Zielen (Drache, Haus) WM-10. Eine Translation dauert 1 Sekunde und kann beliebig viele Runden fortgesetzt werden. Die Translation kostet Ausdauerpunkte, wobei der Verlust pro Ziel , nicht pro Objekt oder Wesen berechnet wird. Das Ziel können ebenso drei Kisten sein, die zusammen immer noch als großes Ziel zählen. Große Ziele kosten 2, sehr große 5 und gigantische Ziele 10 AP. Genausoviel kostet die Fortsetzung einer Translation pro Runde. Eine Translation verbraucht immer mindestens 2 AP, auch wenn das Ziel nicht einmal als groß bezeichnet werden kann. Es kann sinnvoll sein, ein Ziel nicht auf einmal zu translatieren, sondern es in einer mehrere Runden dauernden Operation als mehrere Ziele zu versetzen. Die Translation von einer Gruppe aus 6 Menschen (sehr großes Ziel) auf einmal, könnte zu Verletzungen führen, wenn sie am Zielpunkt übereinanderpurzeln. Möglich ist dieser Vorgang jedenfalls, auch wenn nicht alle 6 im Brennpunkt bzw. direkt vor dem Spiegel stehen können, denn das Ziel insgesamt hat Verbindung zum Wirkungsbereich. Das Öffnen eines Imagos und die Translation können gleichzeitig in einer Runde durchgeführt werden, was zusammengenommen ebenfalls nur 1 Sekunde ausmacht. Es müssen aber für beide Aktionen zwei EW: Zaubern gemacht werden.
Beistehende, die sich während der Translation nahe bei dem Ziel befinden, müssen einen Prüfwurf: Reaktionswert schaffen. Sonst werden sie von dem Sog in die Translation hineingerissen (relativ leichte Objekte werden automatisch erfaßt). Dies geschieht nicht, wenn ihre Größe die Größe des Translationszieles übersteigt (groß, sehr groß, gigantisch) bzw. der Spiegel ihrer Größe nicht angemessen ist. Mehrere Beistehende oder nahe Dinge werden nicht als ein Ziel, sondern als jeweils einzelne Ziele behandelt, die den Imagomanten keine zusätzlichen AP rauben.
Die translatierenden Ziele durchqueren den Spiegel und werden wegen des Sogs regelrecht am Zielpunkt herausgeschleudert. Je nach der Eigenbewegung des translatierten Objekts kann diese Wirkung geschoßartig sein. Ein ruhig stehender Mensch wird im Normalfall höchstens etwas schwankend ankommen. Der Sog verstärkt aber jede Bewegung ungemein, so daß ein gehender Mensch ohne weiteres 1-3 Meter weit weggetragen werden kann. Mit PW: Reaktionswert kann dieser Kraft gegengesteuert werden. Laufende oder sprintende Wesen werden generell um 20% ihrer Bewegungsweite weit geschleudert und erhalten WM+30 auf ihren Prüfwurf. Natürlich ist es möglich, seine Bewegung vor der Translation einfach nachher fortzusetzen, wenn man von dem Versetzungsvorgang nicht überrascht wird. 



Gefahren bei Translation

Auf die wahnsinnig machende Wirkung von flachen Spiegeln auf Menschen wurde bereits hingewiesen. Dieser Effekt ist unausweichlich und kann höchstens mittels geeigneter Magie verhindert werden. Der Wahnsinn beruht aber nicht auf magischer Beeinflussung. Vielmehr scheint ein schädlicher Zusammenhang zwischem flachem Glas und dem menschlichem Gehirn zu bestehen, das durch die Translation verändert wird. Deshalb haben Zauber, die vor psychischer Magie schützen, grundsätzlich keine aufhebende Wirkung.
Eine Translation, die zu früh abgebrochen wird, kann generell nur für das gerade translatierte Wesen gefährlich sein, sofern es noch körperliche Verbindung zu der Umgebung vor dem Spiegel oder sozusagen jenseits des Spiegels hat. Es befindet sich gerade auf der Grenze zwischen den Orten und wird von dem sich schließenden Imago wie ein Messer glatt durchtrennt. Der Tod ist die sofortige Folge, immerhin ein blitzartiges Ende. Ein gnädiger Spielleiter, der sich auf Diskussionen seiner Spieler einläßt, ob nicht vielleicht auch nur ein Körperteil betroffen ist, kann auch Tabelle S5 für kritischen Schaden verwenden. Ein Ergebnis von 01-20 beläßt das Wesen in einem Stück, fügt ihm aber Wunden von 2W6 schweren Schaden zu. 21-45 zerteilt in zwei schöne Hälften, während Arm- und Beintreffer natürlich zum sofortigen Verlust der Gliedmaße führen (Rüstung hilft hier nicht). Alle Ergebnisse über 80 führen auch zum sofortigen Tod. Objekte werden natürlich zerstört bzw. entzweigeteilt. Abgebrochene Translationen treten in der Regel nur bei einer fortgesetzten translation auf. Eine einfache Translation geschieht zu augenblicklich, um in Sekundenbruchteilen schon wieder aufzuhören.
Andere Gefahrenquellen liegen in der Unvorsichtigkeit des Imagomanten. Es wäre beispielsweise schlichtweg dumm, einen rennenden Löwen herzutranslatieren, denn er würde dem Imagomanten direkt entgegenspringen und ihn wahrscheinlich angreifen.
Spiegel mit unsichtbaren Fehlern, wie sie bei der Herstellung oder durch unsachgemäßen Transport entstehen können, unterliegen durch den Gebrauch einer Belastung, die früher oder später zur Zerstörung des Glases führt. Jeder normale imagomantische Spiegel besitzt ABW 1. Wenn er ausbrennt, trübt sich das Glas  etwas und das Imago erlischt, so daß der Spiegel nur noch als gewöhnlicher Spiegel taugt. Fehlerhafte Spiegel zerscherben explosionsartig, wenn sie ausbrennen. Die herumfliegenden Glasscherben fügen in einem Halbkreis von einem (klein), drei (mittelgroß) oder fünf (groß) Metern 1W6-1 schweren Schaden zu. Außerdem werden fortgesetzte Translationen sofort unterbrochen, was für translatierte Lebewesen Gefahr für Leib und Leben bedeutet. Selbst bei einfachen Translationen besteht eine 50% Chance, daß der Vorgang mittendrin aufhört. Die Ausbrennwahrscheinlichkeit fehlerhafter Spiegel kumuliert nach jeder Anwendung um 1. Steigt sie so über den Wert 10, kann der Fehler spätestens jetzt ohne Wahrnehmung bei näherem Hinsehen bemerkt werden. 



Fortgeschrittene Imagomantie

Zwei Probleme sind es, die für einen Imagomanten eine ärgerliche Beschränkung bedeuten: die Nachteile der Flachspiegel für Menschen und die kombinierte Benutzung zweier Imagines. Das erste verhindert es, daß Menschen woanders hintranslatiert werden können. Das zweite erfordert höchste Aufmerksamkeit. Für beide Probleme hat sich ein- und dieselbe Lösung gefunden.
Es kann häufig nützlich sein, sein Objekt aus einem Imago in ein anderes Imago zu versetzen. Was will ein Imagomant mit einem herbeitranslatierten Drachen in seiner Stube, wenn nicht, das Untier zu einer feindlichen Armee hineinzutranslatieren? Abgesehen, daß er einen gewaltigen Spiegel dazu bräuchte, müßte er theoretisch zwei Translationen nacheinander durchführen. Die erste befördert den Drachen her, und die zweite schickt ihn durch das Imago eines Flachspiegels wieder weg. Dazwischen aber muß der Imagomant das Imago des zweiten Spiegels öffnen, was er immerhin erst in der nächsten Runde machen könnte. Bis dahin kann der Drache längst angefangen haben, alles kurz und klein zu trampeln. Man kann, um diese Verweilzeit des translatierten Objekts zu verkürzen, auch die Imagines gleichzeitig kontrollieren, was besondere Anforderungen an die Konzentration stellt. Dazu stellt man beide Spiegel mit ihrer Oberfläche genau gegenüber, so daß der Imagomant die Imagines sehen kann und er selbst von keinem Spiegel weiter als 5 Meter steht. Der Imagomant öffnet nun zuerst ein Imago und aktiviert das zweite dazu. Beides erfordert je einen EW: Zaubern (außerdem zwei PW: Intelligenz pro Minute mit Verlust von zusammen 2 AP zum Offenhalten). Wenn nun die Hertranslation ausgelöst wird kommt es darauf an, mit der kürzestmöglichen Verzögerung sofort die Hintranslation zu bewirken, so daß man praktisch gleichzeitig zwei Translationen durchführt. Die Spiegel müssen möglichst nahe zusammenstehen, damit gewährleistet ist, daß das Objekt während seines Auftauchens zwischen den Spiegeln sofort in den Sogbereich des zweiten Imagos gerät. Dies ist eher ein geringes Problem, da Translationen ihre Objekte ja leicht über den Zielpunkt hinaustragen. Wichtiger ist, daß das zweite Imago rechtzeitig bereit ist und beide Translationen solange, wie erforderlich ist, aufrechterhalten werden. Diese Konzentration kostet pro Runde 1 AP. Außerdem muß der Imagomant jede Runde zwei PW: Intelligenz (kumulierende Würfelmodifikationen wie beim Offenhalten von Imagines) schaffen. Mißlingt der erste, schließt sich das Imago des gekrümmten Spiegels mit allen eventuellen Folgen für Lebewesen. Mißlingt der zweite, ist der Translationsfluß unterbrochen, sp daß gerade translatierte Objekte auf die undurchlässige Fläche des flachen Spiegels prallen, was normalerweise diesen sofort zerstört. Je nachdem ist der Imagomant natürlich selbst gefährdet, besonders dann, wenn er feindlich gesonnene Wesen auf diese Weise befördern wollte. Aber auch ein Steinschlag, der dem Imagomanten plötzlich in den Schoß prasselt, ist sehr unangenehm.
Als Zusatzregel empfiehlt sich eine Ausnahme von der Faustregel, daß die Größe des Spiegels und die Größe des translatierten Objekts miteinander korrespondieren müssen. Bei einer wie eben beschriebenen Translation besteht keinerlei Beschränkung für große Spiegel, die sogar Objekte über ihr eigenes Ausmaß translatieren können. Der Grund liegt darin, daß die zwei Imagines faktisch einander berühren. Allerdings bedeutet das Mißlingen des PW: Intelligenz für den gekrümmten Spiegel bei übergroßen Objekten auch dessen Zerstörung.
Trotz der Vorteile der kombinierten Translation hält diese Methode auch Gefahren bereit: ein Imagomant kann eines Spiegels verlustig gehen oder weiterhin selbst Opfer hertranslatierter Objekte werden. In diesem Punkt besitzen fortgeschrittene Imagomanten einen besonderen Trick, der die Möglichkeiten dieser Zauberei erheblich erweitert. Es wird einfach der flache Spiegel durch den gekrümmten Spiegel translatiert, so daß er nun im Imago des gekrümmten Spiegels erscheint. Man wird feststellen, daß eine Hintranslation durch gekrümmtes Glas in diesem Fall möglich ist, aber leider wird der Flachspiegel dadurch zu Glasstaub zermalmt. Der Trick besteht in einem speziellen Oxydationsmittel, mit dem der flache Spiegel hergestellt wurde. Es verhindert seine Zerstörung und macht die Translation durch einen gekrümmten Spiegel möglich. Man kann davon ausgehen, daß dieses Oxydationsmittel ein gut gehütetes Geheimnis einzelner Imagomanten ist, denn mit zwei so eingestellten Spiegeln lassen sich zwei Translationen tatsächlich gleichzeitig ausführen. Eine Kombination zweier gekrümmter bzw. zweier flacher Spiegel ist unmöglich.
Der flache Spiegel wird also ins Imago des gekrümmten Spiegels translatiert. Dann stellt man den Brennpunkt des gekrümmten Spiegels so ein, daß der flache Spiegel exakt die Fläche des gekrümmten einnimmt. Mit dieser Konstellation schafft der Imagomant eine vollkomene Deckungsgleichheit der Imagines. Die Folge ist, daß er automatisch mit einem EW: Zaubern beide Imagines öffnet. Ebenso bezieht sich ein Translationsvorgang sofort auf beide Imagines, so daß auch hier nur ein EW: Zaubern erforderlich ist. Ansonsten sind dieselben PW: Intelligenz wie bei der kombinierten Translation erforderlich. Der Vorteil dieser Methode besteht darin, daß der Imagomant durch die translatierten Objekte keiner Gefährdung mehr ausgesetzt ist. Außerdem hebt sich die negative Wirkung von Flachglas auf den menschlichen Geist völlig auf.
Die gleichzeitige Translation kann in zwei grundsätzlichen Variationen durchgeführt werden, je nachdem, ob der Imagomant von seiner Seite aus Translationen bewerkstelligen will oder nicht. Der flache Spiegel kann so in das Imago des gekrümmten Spiegels gestellt werden, daß seine verspiegelte Oberfläche sichtbar ist. In dieser Einstellung kann die gleichzeitige Translation nur in das Imago des Flachglases erfolgen, also eine Hinbewegung ist möglich, ohne daß Menschen davon in Wahnsinn verfallen. Zum anderen kann die Hinterseite des Flachspiegels das Imago des gekrümmten Glases einnehmen. Dann nimmt das Imago des Flachglases praktisch die Position des Brennpunktes des gekrümmten Spiegels ein, und alles was normalerweise durch diesen hertranslatiert würde, wird automatisch in den flachen Spiegel versetzt. Diese zweite Variante ist in die Ausführung schwieriger als die erstbeschriebene, weil der Imagomant ja nur die Rückseite des Flachspiegels sieht, nicht aber das Translationsobjekt. Das heißt zwangsläufig, daß die translatierten Objekte sich in einer Bewegung auf den Flachspiegel hin befinden müssen, wo sie von dem geöffneten Imago quasi aufgefangen werden. Nur dann braucht der Imagomant sie nicht zu sehen. In bestimmten Fällen kann das gefährlich sein. Ein Steinschlag, der mit dieser Methode translatiert wird, bleibt unsichtbar, und der Imagomant muß den Translationsvorgang solange aufrechterhalten, bis er ganz sicher ist, daß kein einziger Stein mehr auf den Flachspiegel zurollt. Schließt er dessen Imago nämlich zu schnell (bzw. verliert er seine Konzentration darüber), würde der Steinschlag den Spiegel zerschmettern und, wie normal, durch das Imago des gekrümmten Spiegels  fliegen und dem Imagomanten entgegenfallen. Das vorzeitige Schließen des gekrümmten Spiegels (oder beider Spiegel zugleich) hätte nicht diese Katastrophe zur Folge, würde auf jeden Fall aber auch die Zerstörung des Flachglases nach sich ziehen, weil dieses nur durch ersteren beeinflußt werden kann. 



Imagomantische Talente

Die Imagomantie ist auf der Spielwelt eine noch junge Zauberkunst, deren erste Möglichkeiten gerade erst erforscht worden sind. Es sieht soe aus, als gebe es bei den Imagomanten verschiedene Anlagen, die im Zaubertalent des einzelnen begründet sind und die sie befähigen, spezielle Effekte zu bewerkstelligen. Vielleicht enthüllen sich sogar in Zukunft noch andere imagomantische Fähigkeiten, wenn der Kreis der Imagomanten wächst. Für Spielzwecke kann mit einem Wurf auf der Tabelle "Imagomantische Talente" eine solche festgestellt werden. Dabei werden Boni in Abhängigkeit vom Zaubertalent angerechnet. Bei Wunsch können auch Nicht-Imagomanten (einbegriffen Nicht-Zauberer) ein imagomantisches Talent besitzen, wobei sie nur die Alternativen Flachglasresistenz oder Translation merken mit den entsprechenden Wahrscheinlichkeiten erwürfeln können.
Normalerweise geschehen Translationen blitzartig und überraschend, so daß nur Personen mit Gefahren spüren +1 überhaupt eine Chance haben, einen Mordanschlag mittels Imagomantie dank eines vagen Gefühls der Bedrohung zu überleben. Translation merken befähig hingegen automatisch zur deutlichen Wahrnehmung einer sich ankündigenden Translation. In einem Umkreis von maximal 30 Metern wird der Brennpunkt eines offenen Imagos, also der Zielpunkt der Translation, gespürt, wobei nicht die genaue Entfernung, aber die Richtung festgestellt werden kann. Das offene Imaggo kann nur gespürt werden, wenn es eine Sogwirkung ausübt, was bereits mindestens Sekundenbruchteile vor der eigentlichen Translation geschieht. In der Regel genügt dies, daß der Gewarnte seine Gefährten alarmieren kann, so daß sie nur überrascht, nicht aber wehrlos sind. Translation merken teilt sich durch dasselbe Gefühl mit, das translatierte Wesen empfinden, nur daß das erhöhte Gespür mit einem unangenehmen Schmerz im Unterleib einhergeht, der den Betroffenen immer 1 AP kostet. Diese Empfindlichkeit bezieht sich auch auf die Translation, die man selbst erfährt.
Flachglasresistenz schützt vor dem negativen Einfluß der Translation durch flache Spiegel.
Imagines gekrümmter bzw. flacher Spiegel beeinflussen erlaubt es, das Imago jedes beliebigen Glases über das herkömmliche Verschieben hinaus zu manipulieren. Im Normalfall kann der Imagomant nur ein Imago eines neuen Spiegels ein einziges Mal beeinflussen. Das Talent ermöglicht es ihm, Imagines auch nachträglich beliebig oft zu verändern. Dieser Vorgang gleicht dem Einstellen eines neuen Imagos und wird, wie weiter oben beschrieben, mit einem EW: Zaubern plus den anzuwendenden Würfelmodifikationen durchgeführt. Die Veränderung dauert 10 Sekunden und hält nur solange an, wie der Imagomant sich auf das Imago konzentriert. Ansonsten verhält es sich wie ein normales Imago mit dem Unterschied, daß es sofort verschwindet, wenn die Konzentration des Imagomanten aufhört (Abbruch der Translation mit Gefahr für translatierte Wesen). Danach zeigt der Spiegel wieder sein altes Imago. Es sei besonders darauf hingewiesen, daß ein Imagomant, der sich selbst durch das veränderte Imago eines Flachspiegels translatiert, die Kontrolle über dasselbe verliert und somit keine Möglichkeit mehr zur Rückkehr hat, was prinzipiell mit dem Talent Umgekehrte Translation möglich wäre. Es müßten andere Imagomanten dann, die ebenfalls sein Talent besitzen, das Imago eines gekrümmten Spiegels beeinflussen, was selten mit dem absolut gleichen Resultat ausgeht, und ihn hertranslatieren.
Mit Umgekehrter Translation ist eine bemerkenswerte Begabung bezeichnet. Sie meint, daß der Imagomant eine geistige Verbindung zu Imagines herstellen kann, die er nicht sieht und die weit entfernt von ihm existieren. Das Vorhandensein ein solchen Möglichkeit hat die Frage aufgeworfen, ob Imagines eine Eigenexistenz unabhängig von Spiegeln besitzen, die vielleicht nur ein Hilfsmittel, aber keine Notwendigkeit für ihre Erschaffung sind. Bislang aber hat noch kein Imagomant es geschafft, ein Imago außerhalb eines Spiegels zu erstellen, was diese These beweisen würde. Befindet sich ein Imagomant mit diesem Talent an einem Ort, der im Imago eines Spiegels zu sehen ist (d.h. der Imagomant ist im Imago sichtbar), so wird er sich dieser Tatsache gefühlsmäßig mittels eines erfolgreichen PW +10: Zaubertalent, der verdeckt gewürfelt wird, bewußt. Mit einem zweiten PW: Zaubertalent kann er den Brennpunkt des entfernten Imagos orten. Der Imagomant muß sich exakt auf diesen Brennpunkt stellen und kann nun das dazugehörige Imago öffnen und auch zu seiner eigenen Translation aktivieren. Das Öffnen dauert allerdings in diesem Fall 1 Minute; die EW: Zaubern für Öffnen und Translatieren werden mit WM-2 durchgeführt. Umgekehrte Translation nützt ausdrücklich nur dazu, sich selbst zu translatieren. Das bedingt zwangsläufig, daß man mit diesem Talent nur Imagines gekrümmter Spiegel der Fernbeeinflussung unterwerfen kann. Anstatt daß die Hertranslation von einem Imagomanten vor dem Spiegel vorgenommen wird, versetzt man sich also selbst vom Brennpunkt aus. Nicht der Translationsfluß läuft umgekehrt, sondern die Wirkungspole des Prozesses werden vertauscht. Natürlich kann der Imagomant außer seiner Person auch noch andere Objekte oder Wesen, die Kontakt zu ihm (dem Brennpunkt) haben, in die Translation miteinbeziehen. Umgekehrte Translation läßt auch Imagines flacher Spiegel spüren, ohne daß daraus ein Nutzen gezogen werden kann. Andererseits bietet das Talent damit einen umfassenderen Schutz als Translation merken, weil es bereits das Vorhandensein nicht geöffneter Imagines anzeigen kann.
Die Imagomantie wird als eine noch junge Kunst auf der Spielwelt angesehen, so daß Spielerfiguren sie nur aufgrund besonderer Umstände lernen können. Im Regelfall ist das Erlernen des Umgangs mit Imagines gekoppelt an eine "Lehrzeit", in der der Proband die elementaren Fertigkeiten der Spiegelherstellung einübt. Im Prinzip genügt es aber, Wissen von der Magie zu beherrschen und eine allgemeine Einführung aus kundigem Mund erhalten zu haben. Bereits dann kann ein Thaumaturg oder Beschwörer Translationen bewerkstelligen. Allerdings spielt der Besitz eines sorgfältig zusammengestellten Fundus aus Spiegeln für jeden Imagomanten eine wichtige Rolle, denn an der Quantität und Qualität seiner Werkzeuge messen sich selbstverständlich die Möglichkeiten des Imagomanten.Das mutwillige Zerbrechen eines Spiegels stellt für Imagomanten eine schändliche Barbarei dar. Man bedenke, daß jedes Imago im Grunde ein Unikat ist.
Die Imagomantie stellt, darüber sollte der Spielleiter sich vor einer Adaption an seine Spielwelt im klaren sein, eine sehr mächtige Form der Magie dar. Insbesondere im Vergleich mit Midgard würde eine imagomantische Praxis auf breitgefächerter Basis eine Renaissance der Zeit der Seemeister gleichen, die mittels ihrer beschwörerischen Elementarmagie ganze Länder verändern konnten. Dies ist mit Imagomantie ohne weiteres auch möglich. In Donaldsons Roman terrorisiert eine kleine Gruppe Imagomanten mit Hilfe von herbeitranslatierten Monstern, Meuchelmördern und Lavaströmen ein ganzes Königreich. Für Midgard kann angenommen werden, daß mächtigen Personen, die von der Imagomantie wissen, sehr bewußt ist, daß mit ihr eine neue und gefährliche Magie existiert, die an die Seemeister-Ära in einem machtpolitischen Sinn durchaus anknüpfen könnte. Am ehesten bieten sich Chryseia oder die Küstenstaaten an, um hier die Keimzelle der Imagomantie zu installieren. Es wäre reizvoll diese Grundkonstellation zum Gegenstand eines Abenteuers zu machen. Gerüchte und Spione könnten die Kunde von einer neuartigen Zauberei verbreitet haben, die mit rätselhaften Anschlägen auf oder Entführungen von hochgestellten Persönlichkeiten (durchgeführt durch Translation) in Verbindung gebracht wird. Die Spielerfiguren erhalten den Auftrag, diesen Vorfällen nachzugehen, die Hintermänner zu ermitteln und das Nest der Imagomanten auszukundschaften. Selbst nach einer Zerschlagung des Zirkels würde die Imagomantie sicherlich weiterleben. Die Atombombe ist schließlich auch allgemein geächtet, aber jeder Staat will natürlich die Mittel besitzen, eine zu bauen. Die flüchtigen Imagomanten werden wohl rechtzeitig Spiegelverstecke angelegt haben und ihre Forschungsanstrengungen baldigst darauf richten, Wege zu finden, imagomantische Spiegel als normale Spiegel zu tarnen.
Wenn Spielerfiguren Berührung mit Imagomantie haben und diese erlernen wollen, sollte der Spielleiter ihnen auf jeden Fall die Möglichkeit der fortgeschrittenen Imagomantie verschweigen. Es liegt im Interesse ihrer Lehrer, sich diesen Wissenvorsprung als Machtfaktor zu erhalten. Aus dem Versuch, sich dieses Geheimwissen zu verschaffen, kann natürlich auch ein Abenteuer entstehen.



(Quelle: Abschrift eines Artikels von Gerd Hupperich, Wunderwelten #21, S. 12 ff.)