Zurueck nach Troia

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Louis Royo

                                                   Zurück nach Troia

 

Hm, wie soll ich anfangen? Ich glaube, zuerst stelle ich mich mal vor. Mein Name ist Mona und ich bin siebzehn Jahre alt. Ich bin mittelgross, habe dunkle, kinnlange Haare und blaue Augen. Manche Leute sagen, ich sei sehr hübsch; aber ich finde mich eher durchschnittlich.

Vor einem halben Jahr hatte ich auf dem Schulweg einen Unfall mit meinem Fahrrad. Als ich aufwachte, war alles ganz anders. Was ich alles erlebt habe, beschäftigt mich immer noch und wird mich auch nie wieder loslassen. Deshalb habe ich beschlossen, diese Geschichte - auch wenn sie noch so verrückt klingt - aufzuschreiben. Genauso, wie ich sie erlebt habe. Es begann an einem Mittwochmorgen im April...

"Bye Mam! Ich muss zur Schule! Denk dran, ich komme heute später nach Hause; Saxophonstunde!" "Tschüss Mona, ist gut. Bitte rase nicht wie eine Verrückte, ja?" Genervt verdrehte ich die Augen. Ich liebe meine Mutter, aber diese ständige Ermahnerei ging mir ganz schön auf den Keks. Ich schnappte meinen Rucksack, klemmte den Kasten mit dem Saxophon auf den Gepäckträger, schwang mich auf mein Rad und sauste die Strasse runter. Ich hasse es langsam zu fahren. Kräftig trat ich in die Pedale. Den Stop am Ende der Strasse beachtete ich gar nicht. Ich war mir durchaus bewusst, dass ich einen Kamikaze-Fahrstil hatte, aber es kümmerte mich wenig. Bis jetzt war mir noch nie etwas passiert.

Die Hauptstrasse fiel sanft ab. Ich genoss den Rausch der Geschwindigkeit und den Wind in meinen haaren. Beim Friedhof geschah es; eine kleine Katze huschte über die Strasse, blieb aber unvermittelt auf der Fahrbahn stehen und sah mir entgegen. Ich vesuchte zu bremsen, vergass aber, dass vorige Woche die Bremskabel gerissen waren. Im letzten Moment riss ich den Lenker herum. Zwar konnte ich dem Kätzchen ausweichen, dafür knallte ich gegen den Bordstein und flog in hohem Bogen über die Lenkstange hinweg. Bevor mir schwarz vor Augen wurde, dache ich: "Hätte ich mein Fahrrad bloss gleich zur Reparatur gebracht!"

 

Als ich die Augen wieder aufschlug, lag ich im Gras am Rande eines Dickichts. Die Sonne schien und Vögel zwitscherten.

MOMENT! Ich lag im Gras? An der Hauptstrasse gab es doch gar kein Gras und erst recht kein Dickicht! Und warum schien die Sonne? Als ich von zu Hause weggefahren war, war der Himmel doch völlig bewölkt gewesen! Verwirrt schloss ich die Augen und öffnete sie gleich wieder. Aber nichts hatte sich verändert. Jetzt hörte ich sogar noch einen Bach in der Nähe rauschen. Ich wollte mich aufsetzte, aber jemand drückte mich sanft zurück ins Gras. "Bleib ruhig liegen. Du hast dir den Kopf ganz schön gestossen. Wie fühlst du dich?"  "Es könnte besser sein, aber auch schlechter. Wo bin ich überhaupt?" Ich sah die Person an, die sich um mich kümmerte. Es war eine junge Frau, etwa zwanzig Jahre alt. Sie hatte lange, rotbraune Haare und trug ein für mich ungewöhnliches Kleid. Es erinnerte mich an die Tuniken der alten Römer. Die Frau lächelte mich freundlich an. "Du bist etwas ausserhalb von Troia, in der Nähe des Flusses Skamander. Weisst du eigentlich, dass es in der heutigen zeit nichts sehr klug ist, ohne Begleitung zu reisen?" Sie sah mich vorwurfsvoll an. "Deiner Kleidung nach kommst du von weit her. Ist die Nachricht vom Krieg denn nicht in alle Welt gedrungen?" Sie unterbrach sich lächelnd. "Entschuldige, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Kassandra." Noch während Kassandra sprach, hatte ich mich verstört aufgesetzt. Ich starrte sie verständnislos an. " WO sind wir hier?" "In Troia. Geht es dir auch wirklich wieder besser? Du wirst auf einmal so blass. Vielleicht solltest du dich besser wieder hinlegen." Ich starrte sie noch immer an. Das konnte doch nicht sein! Das musste ein schlechter Traum sein, aus dem ich gleich aufwachen würde. Aber nichts dergleichen geschah. Ich begann hysterisch zu kichern. "Eben noch im zwanzigsten Jahrhundert, jetzt im antiken Troia. Das ist einfach verrückt! Es scheint, als ob einer meiner geheimsten Träume in Erfüllung ginge. Ich wollte schon immer in die Vergangenheit reisen!" Kassandra zog nur erstaunt die Augenbrauen hoch und sagte nichts. "Ich weiss es klingt verrückt, total unglaublich, aber ich komme tatsächlich aus der Zukunft! Übrigens, ich bin Mona." Kassandra schüttelte den Kopf. "Ich glaube, du hasst einen ganz schönen Schlag auf deinen Schädel bekommen, dass du jetzt so etwas zusammenphantasierst!" Ich sprang auf. "So glaube mir doch! Wie kann ich dich denn überzeugen?" Ich seufzte. Plötzlich kam mir eine Idee. "Moment, du sagst, du bist Kassandra. Bist du etwa Kassandra die Seherin? Tochter des Königs Priamos und die Zwillingsschwester von Paris, der den troianischen Krieg ausgelöst hat, weil er die schöne Helena geraubt hat?" Kassandra lächelte müde. "Ja die bin ich. Das mit der Seherin kannst du aber weglassen. Mir glaubt ja doch niemand, weil..." "...weil dich der Sonnengott Apollon vor zeugen verfluchte und verkündete, er habe dir deine hellseherischen Fähigkeiten genommen, die angeblich ein Geschenk von ihm gewesen seien. Das konnte er aber gar nicht, weil es in Wirklichkeit ein Geschenk der grossen Mutter ist. Apollons Fluch hatte aber zur Folge, dass dir niemand mehr glaubt, wenn du deine Prophezeiungen aussprichst. Sie halten dich alle für leicht verrückt, was du aber nicht bist." Ich holte tief Luft und schaute Kassandra triumphierend an. "Glaubst du mir nun?" Sie war ganz blass geworden und setzte sich hin. Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern. "Woher weisst du all diese Dinge?" Ich setzte mich neben sie. "In unserer Zeit existieren viele Bücher, die über die Geschehnisse in eurer Zeit berichten. Allerdings bezweifle ich, dass alles was dort geschrieben steht auch tatsächlich war ist."

Kassandra nickte langsam. "Es ist einfach unglaublich, was du mir da alles erzählst hast. Aber ich glaube dir. zuerst sollten wir uns überlegen, wo du wohnen kannst und was wir den Leuten erzählen. Sie werden dir höchstwahrscheinlich nicht glauben." Ich überlegte kurz. Dann sagte ich: "Wäre es nicht möglich, bei euch im Tempel zu wohnen? Ich würde selbstverständlich auch bei der täglichen Arbeit helfen. Was meinst du?" Kassandra war einverstanden. "Ja, das müsste gehen. Wir eizählen einfach, dass du aus dem fernen Norden kommst und hier einen Unfall hattest." Sie schmunzelte. "In gewissem Masse stimmt das ja auch, oder?" Ich rappelte mich auf, sammelte meine Siebensachen zusammen und folgte Kassandra auf einem schmalen Fussweg.

 

Den ersten Blick auf Troia werde ich nie vergessen. Ws war einfach umwerfend. Eine stolze Stadt, stufenartig gebaut. Weisse Häuser leuchteten in der Sonne. Dazwischen erhoben sich die stolzen Bauten des Palastes und etwas ausserhalb der Tempel des Sonnengottes. Doch das friedliche Bild wurde getrübt. Auf dem grossen Feld, das sich zwischen dem Meer und der Stadt erstreckte, drängten sich die dunklen zelte der Achaier. An der Küste lagen deren furchteinflössende Kriegsschiffe. Der Anblick stimmte mich traurig. Vor allem weil ich wusste, dass die Troianer trotz ihres tapferen Kampfes schlussendlich verlieren würden. ich frage mich, wie die Stadt wohl nach der Niederlage aussehen würde.

 

Im Tempel wurde ich freundlich aufgenommen. Kassandra gab mir angemessene Kleidung, wie es sich für eine Priesterin gehörte. Als solche hatte sie mich nämlich vorgestellt. Ehrlich gesagt fühlte ich mich in dieser Rolle nicht besonders wohl. Ich hatte ja keine Ahnung von den Bräuchen und Ritualen dieser Zeit. Kassandra und ich sassen in der kleinen Kammer, die ich zugeteilt bekommen hatte. Meine neue Freundin konnte sich für den Rest des Tages von ihren Pflichten befreien, damit sie sich um mich kümmern konnte. Sie sass auf dem Bet und sah mir zu, wie ich meine Habseligkeiten ordnete. Ich erzählte ihr von unserer Schulbildung und dass in unserer Zeit die meisten Leute lesen, schreiben und rechnen konnten. Ich nahm den Kasten meinem Saxophon zur Hand. "Soll ich dir mal meinen grössten Schatz zeigen?" Kassandra nickte gespannt. Ich öffnete den Kasten und nahm mein Instrument vorsichtig heraus. "Das ist ein Saxophon. Ein Musikinstrument, mit dem man wundervolle Musik machen kann." Sie bewunderte es ausgiebig. "Ein seltsames Instrument, aber wunderschön. Könntest du mir wohl etwas darauf vorspielen?" "Gern, aber nicht in der Kammer. Hier ist es zu eng. Lass uns in den Hof gehen."

 

Der Hof war ziemlich gross, mit einem Brunnen in der Mitte und umgeben von einem Säulengang. Ich stellte mich zum Brunnen, schloss die Augen und begann zu spielen. Es war eine wehmütige Melodie. Ein wenig fühlte ich mich auch so; denn ich hatte keine Ahnung, wie ich nach hause kommen sollte und vor allem, ob ich überhaupt wieder in meine Zeit zurück käme.

Als ich die Augen öffnete, war der Hof voller Leute. Es war mucksmäuschenstill. Fast alle Bewohner des Tempels und dazu noch viele Bittsteller, die sich im Tempel aufhielten, hatten sich um Kassandra und mich versammelt. Irgendwie war es mir unangenehm so im Mittelpunkt zu stehen. Ich wurde total verlegen. Es war Kassandra, die mich aus dieser Situation rettete. Sie trat zu mir und sagte förmlich: "Ich danke dir für dieses Vorspiel. Deine Gabe mit diesem Instrument umzugehen muss ein Geschenk der Götter sein. Ich hoffe, du wirst uns bald wieder mit deinem Spiel erfreuen." "Ja, ich werde gern wieder für euch spielen. Es freut mich, dass es euch gefallen hat." unruhig trat ich von einem Fuss auf den anderen und begann schliesslich, mein Instrument zu putzen und wegzuräumen. Langsam zerstreute sich die Menge. Nur Kassandra und ein junger Mann blieben zurück. Kassandra wandte sich freundlich an ihn: "Na Athos, hast du nichts zu tun?" "Nicht mehr viel. Ich wollte kurz mit deiner neuen Freundin sprechen. Ihr Spiel hat mich fasziniert. Und...", er sah mir tief in die Augen, "sie gefällt mir sehr." Ich spürte, wie ich knallrot wurde. Das passierte mir immer, wenn ich von hübschen jungen Männern ein Kompliment bekam. Und Athos sah wirklich zu gut aus. Gross und schlank, mit kurzen, braunen Haaren und fast schwarzen Augen. Um meine Unsicherheit zu überspielen streckte ich ihm meine Hand hin. "Mein Name ist Mona. Ich bin erst heute hier angekommen. Es ist noch alles etwas neu für mich." Athos ergriff meine Hand und hielt sie etwas länger als nötig fest. "Es wäre mir ein grosses Vergnügen dir das Einleben in unserem Tempel zu erleichtern. Wenn du magst, könnte ich dir heute Abend ein wenig die Umgebung zeigen." Bevor ich antworten konnte, trat Kassandra dazwischen. "Ich glaube, das musst du auf ein anderes Mal verschieben. Mona ist heute Abend nämlich im Palast eingeladen. Ausserdem...", sie zwinkerte mir zu, "bei Dunkelheit sieht man nicht viel von der Umgebung; nicht wahr Athos?" Athos grinste frech. "Du hast mich mal wieder durchschaut Kassandra. Naja, vielleicht morgen?" Er sah mich erwartungsvoll an. "Überleg es dir. Ich muss zurück an meine Arbeit." Er nickte uns noch einmal kurz zu und verschwand in einem Eingang. Kassandra schüttelte lächelnd den Kopf. "Dieser Athos. Ständig ist er hinter hübschen Mädchen her. Er ist so ziemlich der grösste Charmeur von Troia. Aber im Grunde ist er ein lieber Kerl." "Kassandra, bin ich heute Abend wirklich im Palast eingeladen oder hast du das nur so gesagt?" "Nein, das stimmt schon. Meine Eltern freut es bestimmt, wenn du etwas vorspielen würdest. Natürlich kannst du auch mit uns essen. Nimmst du die Einladung an?" Ich nickte. Die Vorstellung, die Königsfamilie kennenzulernen und mit ihnen zu speisen fand ich verlockend. Ich begann an meinem Aufenthalt in Troia Gefallen zu finden.

 

Es war für mich ein unbeschreibliches Erlebnis, all die Personen kennenzulernen, die ich nur aus den Geschichtsbüchern kannte. Alle unterhielten sich sehr freundlich mit mir. König Priamos und seine Frau Hekabe waren sehr nett. hekabe bewirtete mich persönlich, was in der damaligen zeit eine grosse Ehre war. Ich war sehr gespannt auf Helena. Ihretwegen war der troianische Krieg ja ausgebrochen. Sie sollte so schön sein wie Aphrodite selbst. Wenn ich ehrlich sein soll, haben die alten griechischen Sagenerzähler ganz schön übertrieben. Sicher, Helena war schön, aber dass wegen ihr der Krieg ausgebrochen sein sollte konnte ich nun gar nicht begreifen.

Paris, Kassandras Zwillingsbruder, war der Einzige unter diesen Leuten, der mir unsympathisch war. Er war hochnäsig und vollkommen von sich selbst eingenommen. Sicher, er war ein guter und erfolgreicher Heerführer, aber sein Bruder Hektor ebenfalls. Und mit Hektor verstand ich mich auf Anhieb bestens. Er war ein aufmerksamer Gesprächspartner, witzig und freundlich. Irgendwie begann ich ihn bald als grossen Bruder anzusehen, den ich nie hatte und mir so sehr wünschte.

Nach dem Essen stand Kassandra auf sagte: "Dort wo Mona herkommt, spielt man ein uns unbekanntes Instrument, das Saxophon genannt wird. Sie hat die Gabe, darauf wundervolle Musik zu spielen. Heute Abend wird sie uns eine Kostprobe ihres Könnens geben." Kassandra setzte sich wieder und lächelte mir aufmunternd zu. Ich war so nervös wie vor einem Vorspiel in der Schule. Ich stand auf und trat vor. Meine Hände zitterten so sehr, dass ich befürchtete mein Instrument fallenzulassen. ich atmete tief durch und begann dann zu spielen. Alle im Raum hörten mir gebannt zu. Als ich geendet hatte, erhob sich König Priamos und dankte mir. "Glaube mir, in diesen harten Zeiten des Krieges hast du uns alle sehr mit deiner Musik erfreut. Zum Dank möchte ich dir dieses Amulett schenken." Er holte ein wunderschön gearbeitetes silbernes Amulett an einem Lederband hervor und legte es mir um den Hals. Ich war sprachlos. Vom König selbst ein Geschenk zu erhalten, das hätte ich mir nie träumen lassen. Ich dankte ihm, wenn auch ein wenig stotternd.

 

"Aufstehen, du Schlafmütze! Die Pflicht ruft!" Ich richtete mich verschlafen auf. Kassandra stand gut gelaunt vor meinem Bett. "Was ist los? Sag mal spinnst du, mich mitten in der Nacht aufzuwecken?" Kassandra lachte. "Für deine Verhältnisse ist es vielleicht mitten in der Nacht. Aber wir stehen immer eine Stunde vor Sonnenaufgang auf. Und da du nun auch eine Priesterin im Tempel des Sonnengottes bist, musst du das wohl oder übel auch tun." Ich gähnte herzhaft, machte aber keine Anstalten, aus dem Bett zu steigen. "Sag mal, wie bin ich gestern eigentlich in den Tempel zurückgekommen? Ich erinnere mich an gar nichts mehr." Kassandra lachte erneut. "Du bist gestern im Palast einfach eingeschlafen. Die Männer begannen über die heutige Schlacht zu diskutieren. Das war für dich anscheinend so langweilig, dass du eingenickt bist. Hektor und ich haben dich in den Tempel zurück gebracht. Aber jetzt steh endlich auf!" Kassandra zog an meiner Decke. "Ist ja schon gut! Ich komme."

Im Tempel des Sonnengottes war es Brauch, die Sonne jeden Morgen mit einer Zeremonie zu begrüssen. Auch ich nahm daran teil. Die fremdartigen Gesänge der Priesterinnen und Priester faszinierten mich. Ich fand es erstaunlich, was sie allein mit ihren Stimmen für wunderbare Klänge zustande brachten. Kassandra hatte die Aufgabe, mich mit den verschiedenen Pflichten innerhalb des Tempels vertraut  zu machen. "Komm, jetzt zeige ich dir meine Lieblinge." "Lieblinge? Was denn für Lieblinge?" "Komm mit, dann siehst du sie!" Ich war wirklich gespannt, was mir Kassandra zeigen wollte. Ich folgte ihr in einen Hof, der etwas von den anderen Gebäuden des Tempels entfernt war. Überall waren Felsbocken verteilt, die teilweise natürliche Höhlen bildeten. Ich fragte mich, was wohl in diesem Hof sei. Als ich es sah, wäre ich beinahe in Ohnmacht gefallen. "Kassandra, das sind ja alles Schlangen!" "Natürlich sind das Schlangen! Ws sind heilige Tiere, die wir manchmal auch benötigen, um das Orakel zu befragen. meine Aufgabe ist es, für sie zu sorgen und sie zu pflegen." Ich war kreidebleich. "Und das sind deine Lieblinge?" Ich stand kurz vor einem Schreikrampf. "Kassandra, nimm es mir nicht übel, aber ich habe panische Angst vor Schlangen!" Kassandra sah mich verständnislos an. "Aber warum denn? Schlangen sind die saubersten und freundlichsten Tiere, die du dir vorstellen kannst." Ich lächelte schief. "Das mag schon sein, aber ich habe trotzdem Angst vor ihnen. Bitte Kassandra, lass uns von hier weg gehen." In der Zwischenzeit zitterte ich wie Espenlaub. Das musste Kassandra überzeugt haben, denn sie zuckte nur die Schultern und wandte sich zu gehen. "Na gut, dann sehe ich eben später nach ihnen. Also komm, ich zeige dir den restlichen Teil des Tempels" Ich war froh, als wir uns endlich von den Schlangen entfernten.

Nachdem mir Kassandra alles gezeigt hatte, half ich beim Zählen der Opfergaben. Eigentlich war es keine sehr anspruchsvolle Arbeit, aber so konnte ich mich wenigstens ein bisschen nützlich machen. Als die Sonne im Zenit stand, erklang der Essensgong. Beim Mittagsmahl traf ich nicht nur Kassandra, sondern auch Athos. Sofort setzte er sich zu uns. "Nun Mona, wie geht es dir denn heute? Hast du dich schon ein wenig eingelebt? Gefällt es dir hier bei uns?" "Danke, es geht mir gut. Und hier im Tempel gefällt es mir auch sehr." Kassandra grinste. "Abgesehen vom Schlangenhof. Aber du bist nicht die Einzige, die sich von ihm fernhält." Athos lächelte. "Wenn ich ehrlich sein soll: Ich mache auch immer einen grossen Bogen um diesen Hof. Bist du heute wieder im Palast eingeladen oder hättest du Zeit für mich?" Es war seltsam, heute machte mich Athos ganz und gar nicht nervös. Ich lächelte ihn an. "Nein, heute bin ich nicht im Palast eingeladen." "Wunderbar! Was hältst du von einem Spaziergang heute Abend?" "Warum nicht? Ich würde mich freuen." Athos strahlte. "Also, dann sehen wir uns heute Abend." Er stand auf und verabschiedete sich. Kassandra grinste mich schon wieder frech an. "Ich glaube, da mag dich jemand! Na dann, viel Spass heute Abend."

 

Am Nachmittag führte mich Kassandra auf die Stadtmauer. Dort trafen wir Hekabe, Helena und viele andere Frauen aus dem Palast. Als ich fragte, was denn los sei, erklärte mir Kassandra folgendes: "Heute findet wieder eine Schlacht statt. Wir sehen immer zu, wenn unserer Männer kämpfen." Ich fand das geschmacklos. Ein Krieg war doch kein Schauspiel! Das sagte ich auch. Kassandra verstand mich. "Es ist nicht so, dass wir die Schlacht als ein Schauspiel ansehen. Wenn wir hier von der Stadtmauer aus zusehen, können wir unsere Männer beobachten. Wir sehen, was ihnen wiederfährt. Das ist besser als die Ungewissheit, wenn wir nur in unseren Zimmern sitzen und nichts tun können. Ausserdem versorgen wir die Verwundeten." Das leuchtete mir ein. Unvermittelt sagte ich: "Kassandra, Troia wird fallen." Sie sah mich traurig an. "Ich weiss."

 

Ich hatte nicht die Nerven, um der Schlacht zuzusehen und ging deshalb zu Tempel zurück. ich war müde und wollte mich ein wenig hinlegen. In meinem Zimmer setzte ich meinen Walkman auf, legte mich aufs Bett und schloss die Augen. Ich stellte mir vor, was wohl bei der Schlacht geschah. Ich hoffte, dass es keine Toten gab. Eine naive Hoffnung. In einem Krieg gab es immer Tote. Ich wollte nicht daran denken und vertrieb diese Gedanken. Dieser Krieg ging mich nichts an. Aber es kämpften Leute mit, die ich kannte und mochte. Hektor zum Beispiel. Aber er würde fallen. Ich wusste es. Achilleus war sein Mörder. War nur Achilleus ein Mörder? Nein, in einem Krieg war jeder ein Mörder. Auch Hektor. Ich warf mich unruhig auf meinem Bett hin und her. Schliesslich hielt ich es nicht mehr aus und stand auf. ich wollte mich im Tempel etwas nützlich machen. Das würde mich von meinen trüben Gedanken ablenken.

Gegen Abend kam Kassandra zurück. ich eilte ihr entgegen. "Ist etwas passiert?" Kassandra musste über meine Frage lächeln. Logisch, in einem Krieg passierte immer etwas. "Wenn du wissen willst, ob jemand gefallen ist, kann ich dich beruhigen. Aus unseren Reihen ist niemand gefallen." Leise fügte sie hinzu: "Noch nicht." Gemeinsam gingen wir zum Tempel, von wo der Essensgong erklang.

 

Nach dem Essen holt mich Athos ab. Wir spazierten den Hügel hinter dem Tempel hinauf. Wir redeten nicht viel, sondern genossen vielmehr die schöne Vollmondnacht. Bei einem grossen Felsbrocken setzten wir uns hin. Athos legte mir den Arm um die Schultern und ich lehnte mich leicht an ihn. Wir sahen uns an. Unserer Lippen näherten sich langsam. Plötzlich erklang Hufgetrappel und wir fuhren erschrocken auseinander. Wir sahen, wie sich eine Gruppe von Reitern näherte. Wir wollten schon weglaufen - wozu es ohnehin zu spät gewesen wäre - als eine weibliche Stimme rief: "He ihr da! Wartet einen Augenblick. Wir wollen zum Tempel des Sonnengottes. Könnt ihr uns hinführen?" "Penthesilea! Könntest du uns das nächste Mal bitte weniger erschrecken?" Penthesilea, die Amazonenkönigin! In den Sagen hiess es, dass sie sehr schön gewesen sei. Als sie sich vom Rücken ihres Pferdes schwang, betrachtete ich sie neugierig. Schön war sie vielleicht mal gewesen. Doch jetzt sah sie wie der leibhaftige Tod aus. Sie schien nur noch aus Haut, Knochen, Sehnen und Muskeln zu bestehen. Ihre Amazonen sahen nicht viel besser aus. Es war ein Haufen verzweifelter Frauen. Sie waren die Letzten ihres Volkes und sie wussten, dass sie untergehen würden. Doch sie waren fest entschlossen zu kämpfen.

Penthesilea trat auf Athos und mich zu. "Nun Athos, hast du mal wieder ein Mädchen beschwatzen können, damit sie mit dir hierher kommt?" "Irrtum! Sie ist nicht irgendein Mädchen. Sie ist Priesterin und ist erst seit gestern bei uns im Tempel. Sie kommt aus dem fernen Norden." Penthesilea lächelte mich an. "Das ist natürlich etwas anderes. Entschuldige bitte diese unhöfliche Begrüssung. Ich bin Penthesilea, die Königin der Amazonen." Ich lächelte zurück. "Freut mich. Mein Name ist Mona. Sie sind Kassandras Tante, nicht wahr?" "Das ist richtig. Du kennst meine Nichte?" "Ja sie hat mir geholfen, mich hier zurechtzufinden." "Das ist Kassandras Art. Immer hilfsbereit. Kannst du mich zu ihr bringen?" "Sehr gerne. Sie wird sich bestimmt freuen, Sie wiederzusehen."

Wie ich mir gedacht hatte, freute sich Kassandra mächtig, ihre Tante zu sehen. Während sich die Beiden unterhielten, beobachtete ich Penthesilea. Obwohl sie so ausgemergelt und krank aussah, strahlte sie eine unglaubliche Würde und Autorität aus. Ich verstand, dass ihre Amazonen ihr blind vertrauten und überall hin folgten. Sogar in den Tod. Ich war müde und verabschiedete mich bald, um schlafenzugehen. Ich schlief tief und fest, bis mich Kassandra am frühen Morgen weckte. "Komm steh auf! Wir wollen mit den Amazonen ausreiten um die Lage der Griechen auszuspionieren." "Reiten? Ich kann doch gar nicht reiten!" Kassandra machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ach was. Wenn du auf deinem komischen Gefährt fahren kannst, dann kannst du sicher auch reiten." Es hatte keinen Zweck, Kassandra den Unterschied zwischen einem Pferd und einem Fahrrad zu erklären. Also fügte ich mich. Aber ich beschloss, zum reiten meine Jeans anzuziehen, denn ich stellte es mir sehr schwierig vor, mit den Gewändern einer Priesterin auf einem Pferd zu sitzen.

Als wir in den Hof kamen, waren die Amazonen schon bereit. Sie sahen mich wegen meiner Jeans und Turnschuhe etwas schief an, doch ich liess  mir nichts anmerken. Auf mein Pferd konnte ich mich noch einigermassen elegant schwingen. Ein wenig war ich auch schon geritten, aber das ging nur gut, solange ich ein lammfrommes Pferd hatte, das nur im Schritt ging. Die Amazonenstute war weder lammfromm, noch ritten wir nur im Schritt. Beim traben konnte ich mich nur mühsam im Sattel halten. Und als wir auf den Feldern hinter Troia in Galopp fielen kam es, wie es kommen musste. Ich konnte mich nicht mehr nur am Zaumzeug meiner Stute festhalten und klammerte mich deshalb  verzweifelt an ihren Hals. Doch das gefiel ihr gar nicht uns sie begann zu bocken. Schliesslich warf sie mich ab. Ich schlug mit dem Kopf an einen Stein und verlor das Bewusstsein.

 

Als ich aufwachte, lag ich im Krankenhaus. Ich wusste es, bevor ich die Augen aufschlug. Dieser Geruch ist einfach unverkennbar. Meine Eltern sassen neben dem Bett und sahen mich besorgt an. Ich war noch etwas benommen und mein Kopf schmerzte. "Hey, was ist denn passiert?" "Wir sind bei dir Liebling." Das war die Stimme meines Vaters. "Du hattest einen Unfall. Aber du musst einen Schutzengel gehabt haben. Du bist mit einer Gehirnerschütterung und Prellungen davongekommen." Meine Mutter hielt meine Hand. "Tut es sehr weh?" "Es geht. Wann darf ich nach Hause?" "Das wissen wir noch nicht. Aber wahrscheinlich schon bald." Es klopfte an die Zimmertüre. Eine Krankenschwester streckte ihren Kopf herein. "Die Besuchszeit ist bald zu Ende. Ich muss sie bitten, zu gehen." Meine Eltern verabschiedeten sich und versprachen, mich morgen wieder zu besuchen.

Ich dachte: "Verrückt, was man alles träumen kann wenn man bewusstlos ist. Und noch verrückter, dass ich mich an alles erinnern kann." Ich drehte mich zur Seite. Gleichzeitig spürte ich, wie etwas auf meiner Brust verrutschte. Wie elektrisiert tastete ich danach. Ich hielt das wunderschöne, silberne Amulett in der Hand, das mir König Priamos geschenkt hatte. War alles wirklich nur ein Traum gewesen? Ich weiss es bis heute nicht...

© 1995