Tigerdaemon

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Tigerdämon

Louis Royo

Teil 1

  1

Eines Nachts streifte Shoro durch den Dschungel der Insel. Er liebte die nächtlichen Geräusche und kannte jeden Quadratzentimeter. Zumindest hatte er das bis zu jener Nacht geglaubt. Denn plötzlich fand er sich in einer Gegend wieder, in der er nie zuvor gewesen war. Vor ihm lag eine kreisrunde Lichtung. Irgend etwas störte ihn daran, aber er konnte nicht bestimmen, was es war. Etwas lag in der Luft, eine seltsame Atmosphäre. Vorsichtig näherte er sich der Lichtung. Sie war nicht leer. Genau in der Mitte sass eine junge Frau im silbernen Mondlicht. Sie war nackt, nur ihr langes, schwarzes Haar fiel ihr über die Schultern. Shoro war fasziniert von ihrer vollkommenen Schönheit. Er hatte nur noch einen Gedanken: Sie zu besitzen und zur Krönung seines Harems zu machen. Normalerweise zögerte er nicht lange, wenn er etwas wollte. Er nahm es sich einfach. Doch diesmal war es anders. Er war von ihr betört und irgendwie nicht mehr Herr seiner Sinne. Nur mit einem kleinen Teil seines Bewusstseins nahm er wahr, was da vor sich ging. Das Mädchen hob den Kopf. Ihre Augen waren smaragdgrün, leicht schräggestellt und leuchteten förmlich in der Dunkelheit. Katzenaugen. "Wer bist du und was willst du?" Ihre Stimme war dunkel und samtweich. Shoro brauchte einen Moment, ehe er auf ihre Worte reagieren konnte. "Ich bin Shoro." Überwältigt fügte er hinzu: "Du bist einfach wunderschön." Das Gesicht des Mädchens blieb unbewegt. "Du hast meine Frage nicht vollständig beantwortet. Was willst du?" Shoro war verdutzt. Das hatte er nicht erwartet. Sie schien es gewohnt zu sein, Befehle zu erteilen. Aber er fand seine Fassung schnell wieder. "Dasselbe könnte ich dich fragen. Du sitzt hier splitternackt im Dschungel und... Wer bist du eigentlich?" "Mein Name ist Radha. Und nun beantworte meine Frage." Shoro fühlte sich seltsam. Dieses Frage- und Antwortspiel verwirrte ihn. Ihre Stimme schien ihn zu zwingen, ihr seine geheimsten Gedanken anzuvertrauen. Gegen seinen Willen sprudelten die Worte nur so aus ihm hervor. "Ich will dich besitzen. Ich will deinen Körper. Ich will, dass du mit mir kommst und die Krönung meiner Sammlung von Frauen wirst." Shoro erschrak. Das hatte er eigentlich gar nicht sagen wollen. Aber trotzdem war es genau das gewesen, was er gedacht hatte. Um Radhas Mundwinkel zuckte es. "Nun, da bist du nicht der erste. Du willst mich? Bist du dir denn bewusst, was das für Folgen hat?" "Nein.", gab Shoro ehrlich zu, "Aber das ist mir auch egal. Komm mit mir in meinen Palast." Radha lächelte. Sie hatte gewusst, dass Shoro ein Pirat war und seinen Palast auf dieser Insel hatte. Aber sie spielte die Überraschte. "Du hast einen Palast? Mit Männern? Und du bist der Herrscher?" Radhas Frage nach Männern verwirrte ihn etwas. Aber er nickte. "Ja, so könnte man es nennen. Wirst du mit mir kommen?" Die schönen Lippen der Frau verzogen sich erneut zu einem Lächeln. "Unter einer Bedingung." "Und die wäre?" "Komm her. Setz dich neben mich." Leicht verwundert, aber auch gespannt, was denn Radhas Bedingung sein könnte, setzte sich Shoro zu ihr. "Findest du mich schön?" "Natürlich finde ich dich schön! Was für eine Frage!" "Gut. Dann wirst du mich auch berühren und mir Lust bereiten, nicht wahr?" Shoros Augen begannen zu glänzen. "Es gibt nichts, das ich lieber täte!" Radha lehnte sich zurück und wiederholte: "Dann komm her." Diesmal liess sich Shoro nicht lange bitten. Er beugte sich über sie und küsste sie zuerst sanft, dann immer fordernder auf die Lippen. Als sie seinen Kuss nicht erwiderte liess er seinen Mund tiefer ihren Hals entlang wandern. Radha flüsterte: "Ja, so ist es gut. Mach weiter, immer weiter." Shoros Hände glitten ihren schlanken Körper entlang und legten sich um ihre Brüste. Langsam begann er sie zu massieren. Sie schnurrte wohlig unter seinen Händen. Er küsste sie weiter auf Hals und Schultern.

Schliesslich wanderten seine Lippen tiefer und umschlossen ihre Knospen, die augenblicklich hart wurden. Irgendwo in Shoros Verstand blinkte eine grellrote Alarmlampe. Er war nicht er selbst. Was er hier tat, war nicht seine Art. Normalerweise waren Frauen ihm zu Willen. Frauen waren dazu da, ihn zu verwöhnen und nicht umgekehrt. Diese geheimnisvolle Frau hatte ihn verzaubert, verhext, mit einem Bann belegt. Aber er konnte und wollte sich nicht dagegen wehren. Wozu auch? Jetzt zählte nur noch sie. Sein Wille war ausgeschaltet. Er bemerkte nicht, wie Radha zufrieden lächelte. Ja, so war es gut. Er war ihrem Ruf gefolgt und ihr erlegen. Ganz so, wie sie es haben wollte. Eine ganze Stadt! Sie würde mit ihm gehen und die neue Herrscherin sein. Die Männer würden ihr zu Willen sein und nur noch ihr, der mächtigen Radha, gehorchen. Wenn sie wüssten, wer sie war! Sie wollte Männer besitzen, wollte mit ihnen spielen, wollte Macht über sie haben. Jetzt war es soweit, endlich. Sie drückte den Mann, der sie so ausdauernd liebkoste, ein Stück von sich weg und sah ihm in die Augen. "Du wirst mir gehorchen, nicht wahr? Ich werde eure neue Herrscherin."

Shoro nickte benommen. "Natürlich. Wie du wünschst, Herrin." Er vergrub sein Gesicht wieder zwischen ihren Brüsten. Sie schloss die Augen und genoss das Gefühl seiner Lippen. Er stand in ihrem Bann, er war ihr Sklave. Sein Kopf glitt tiefer und tiefer, bis seine Zunge die verborgene Stelle zwischen ihren Beinen gefunden hatte. Sie krallte ihre Finger in sein Haar und bäumte sich auf. Ja, so war es richtig! Aus ihrer Kehle drang ein rauhes Stöhnen, das allmählich zu einem Knurren wurde. Aus ihren Händen wuchsen messerscharfe Krallen. Auch ihr Gesicht veränderte sich und nahm die Züge einer Raubkatze an, die eines Tigers. Shoro bemerkte von der ganzen Verwandlung noch nichts. Seine einzige Bestimmung war im Moment, diese Frau zu befriedigen. Er bemerkte auch nicht, wie ihre Krallen sein Hemd zerfetzten und seinen Rücken zerschrammten.

Plötzlich stiess sie ihn von sich. "Genug!" Ihre Stimme war nicht mehr samtweich, sondern rauh, kehlig und... nicht mehr menschlich. Shoro wich angstvoll zurück. "Was... wer... bist du?" Er war unfähig, klar zu denken. Er wollte fliehen, aber seine Glieder gehorchten ihm nicht mehr. Er konnte sich nicht gegen den Bann wehren, den Radha auf ihn gelegt hatte. Sie stand triumphierend über ihm und blickte auf ihn hinab. "Du willst wissen, wer ich bin, Mann? Nun, ich habe viele Namen. Radha ist einer davon. Du kennst mich wohl eher als ‘Tochter des Tigers’." Bei der Erwähnung dieses gefürchteten Namens zuckte Shoro wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Die ‘Tochter des Tigers’ war eine gefürchtete und mächtige Dämonin. Spöttisch beugte sie sich zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr: "Ich bin süchtig nach Männern und Macht. Du hast einen Palast? Nun... ab jetzt gehört er mir!"

 

  2

 

Taron stürmte durch den Palast und brüllte unentwegt nach Shoro. "Du Hurensohn, wo zum Teufel treibst du dich jetzt wieder herum?" Er riss die Tür zu den Haremsgemächern auf. Die Frauen fuhren erschreckt von ihren Lagern auf und starrten angstvoll auf Taron. "In welchen Betten hat Shoro heute Nacht seine Kraft vergeudet? Ist er noch hier?" Mira, die Lieblingsfrau Shoros, stand auf und baute sich vor Taron auf. "Unser Herrscher war nicht hier. Und du verschwinde aus unseren Gemächern. Auch wenn du Shoros bester Freund und sein Berater bist, hast du kein Recht, einfach hier hereinzuplatzen und die Mädchen zu erschrecken!" Taron funkelte sie mit seinem einen verbliebenen Auge an. "Und nur weil du Shoros Lieblingsfrau bist, hast du noch lange nicht das Recht, so mit mir zu sprechen!" Er machte auf dem Absatz kehrt und stürmte aus den Frauengemächern. Mira drehte sich kopfschüttelnd um. Sie war die älteste und erfahrenste der Mädchen. Da sie Shoros Lieblingsfrau war, hatte sie auch einige zusätzliche Rechte. Ausserdem war sie für die anderen Mädchen so etwas wie eine Ersatzmutter, denn kaum eines war über zwanzig. Mit ihren fünfundzwanzig Jahren fühlte sich Mira manchmal richtiggehend alt. "Wenn nun schon alle wach sind, können wir genausogut aufstehen und mit unserem Tagesprogramm beginnen. Also los, raus aus den Betten!"

Die meisten Frauen des Harems waren geraubt oder entführt worden. Auch Mira. Doch sie hatte sich einigermassen in ihr Schicksal gefügt und es sich zur Aufgabe gemacht, für die Mädchen zu sorgen. Ihr Tagesprogramm bestand hauptsächlich aus Sport und Körperpflege. Shoro liebte schöne Körper und die Frauen mussten alles dafür tun, um in Form zu bleiben. Ansonsten drohte ihnen der Kerker und Prügel.

Taron stürmte weiter durch den Palast auf der Suche nach Shoro. Er beschloss, nochmals in dessen Gemächern nachzusehen. Was er sah, als er die Türe öffnete, liess ihn verblüfft stehen bleiben. Shoro sass auf seinem Bett und liess sich das Frühstück schmecken. Neben ihm lag ausgestreckt ein Tiger und leckte sich die mächtigen Pranken. Bei Tarons Eintreten sahen sowohl der Tiger als auch Shoro auf. "Taron mein Freund, was führt dich zu mir?" Taron hatte sich von seiner Verblüffung schnell erholt. "Wo zum Teufel warst du letzte Nacht? Bei den Frauen hast du deine Kraft nicht vergeudet; bist du mal wieder wie ein Irrer durch den Dschungel gerannt? Und seit wann hast du einen Tiger? Ich dachte, du sammelst Frauen! Ausserdem," er verzog die Lippen, "was haben wir anderen von einem Tiger? Mit den Frauen können wir uns wenigstens vergnügen, aber ein Tiger? Was soll das?" Shoro lächelte sanft und verzeihend, was sehr untypisch war. Denn normalerweise durfte niemand so mit ihm sprechen, auch nicht sein bester Freund. "Taron, es wird sich viel ändern. Ich habe meine Meisterin gefunden. Ich gehorche nur noch ihr. Und auch ihr werdet ihr gehorchen, denn sie wird unsere neue Herrscherin." Mit zwei Schritten war Taron bei Shoro und griff ihm demonstrativ an die Stirn. Der Tiger hob den Kopf. "Du hast Fieber, eindeutig. Oder irgend etwas ist in dein Gehirn eingedrungen und hat es zerfressen. Du bist unser Herrscher! Du willst eine Meisterin haben? Du, der grosse Hengst, der die Frauen sammelt und den grössten Harem der Welt hat, so dass auch deine Männer noch etwas davon haben? Du wirst dir doch garantiert nichts von einer Frau sagen lassen, du doch nicht!" "Ich glaube, da irrst du dich." erklang eine Stimme hinter Taron. Er fuhr herum. Dort wo eben noch der Tiger gelegen hatte, räkelte sich eine Frau, nur in ein durchscheinendes Laken gehüllt, und knabberte an Trauben. Ein ungläubiges Ächzen war alles, was Taron hervorbrachte. Shoro legte den Kopf in den Schoss der Frau. "Radha ist unsere neue Herrscherin. Du wirst alles tun, was sie von dir verlangt." "Wo... wo ist der Tiger hin? Doch nicht etwa... Nein Shoro, das ist doch nicht wahr! Du kannst unmöglich zulassen, dass diese... diese Frau unsere Herrscherin wird!" Radha stand mit einer ungemein eleganten Bewegung vom Bett auf und trat auf Taron zu. Das Laken glitt von ihrem Körper. Sie streichelte sanft über Tarons Wange, der den Blick nicht von ihr abwenden konnte. "Nicht irgendeine Frau. Die ‘Tochter des Tigers’. Hast du etwa ein Problem damit?" Taron schluckte. Ihre Augen waren hypnotisch. Er fühlte, wie sie in seinen Geist eindrang und ihn fesselte. Gerade soviel, dass er sich nicht wehren konnte, aber trotzdem jede Einzelheit glasklar mitbekam. Sie war die Katze, die mit ihrer Beute spielte, die es liebte, das Opfer leiden zu sehen. "Nein Herrin, natürlich nicht. Ich werde dein Sklave sein und tun, was du befiehlst." Radha lächelte. "Ja, so ist es brav. Das ist genau das, was ich will."

 

3

 

Radha spazierte durch die Gänge des Palastes, um sich von ihrem neuen Herrschaftsbereich ein Bild zu machen. Als sie die Haremsgemächer betrat, kam ihr eine Idee. Ein kleines teuflisches Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie setzte sich auf einen Diwan und wartete.

Es dauerte nicht lange, und Shoros Frauen kehrten aus dem Garten zurück. Als Mira die neue Frau sah, setzte sie sich neben sie. "Du bist neu hier? Wo hat dich Shoro geraubt?" "Er hat mich nicht geraubt. Ich bin freiwillig hier." Mira traute ihren Ohren kaum. "Wie bitte?" "Du hast mich schon richtig verstanden. Und da gibt es noch etwas, das ihr wissen solltet." Mittlerweile hatten sich alle Frauen um Mira und Radha versammelt. "Ich bin keine gewöhnliche Haremsfrau. Und auch ihr werdet das bald nicht mehr sein. Ich bin ab sofort Herrscherin dieses Palastes. Das heisst aber nicht, dass ihr gehen könnt. Ich habe einfach eine andere Verwendung für euch als Shoro. Ihr werdet diese Gemächer verlassen und woanders untergebracht. Ab sofort seid ihr für den Unterhalt des Palastes verantwortlich. Und für das leibliche Wohl aller Bewohner. Seht zu, dass ihr genug Vieh züchtet. Ich liebe rohes Fleisch.“ Mit diesen Worten drehte sich Radha um und verliess den Raum. Die Mädchen standen wie erstarrt. Schliesslich meldete sich Mira zu Wort. „Nun gut, dann wollen wir unsere Sachen zusammenpacken und unsere neue Aufgabe in Angriff nehmen. Schlimmer als unter Shoros Herrschaft kann es nicht werden. Immerhin ist sie eine Frau.“ Mira sollte bald merken, wie sehr sie sich täuschte.

 

 

Teil 2

 

1

 

Diese Unruhe! Schon seit Tagen konnte sie sich auf nichts mehr konzentrieren. Sie konnte nicht stillsitzen. Sie hielt es nirgendwo lange aus und irgendwie schien sie auch Blackouts zu haben. Vor allem was die Nächte betraf. Sie erinnerte sich nicht, was sie getan hatte oder wo sie gewesen war. Und dann war da dieser Hunger. Sie konnte nicht sagen, was für ein Hunger es war, aber er war da und wollte gestillt werden. Nur wie?

Es war Abend und Xenia tigerte nervös durch ihre Wohnung. Schliesslich öffnete sie ihren Kleiderschrank. Sie wollte in die Stadt gehen, vielleicht fand sie dort Zerstreuung. Sie nahm ein knallrotes Kleid aus dem Schrank. Doch plötzlich begannen ihre Hände zu zittern. Diese Farbe! Sie konnte sie nicht ertragen! Sie hätte am liebsten losgeschrien. Was war nur los mit ihr? Normalerweise war doch Rot ihre Lieblingsfarbe!

Einem plötzlichen Impuls folgend schleuderte sie das Kleid in den hintersten Winkel des Kleiderschrankes. Na gut, wenn nicht Rot, dann eben Schwarz. Sie hatte ihre Wirkung als "Lady in black" noch nie verfehlt. Sie schlüpfte in das lange schwarze Kleid mit dem gewagten seitlichen Schlitz. Dann frisierte und schminkte sie sich sorgfältig. Eigentlich verstand sie sich selber nicht. Wozu das alles? Sie machte doch sonst nie so einen Aufstand, wenn sie nur mal kurz in die Stadt fuhr!

Misstrauisch betrachtete sie sich im Spiegel. Sie hatte das Gefühl, einer Fremden ins Gesicht zu blicken. Irgendwie sah sie anders aus. Waren es ihre Augen? Sie schienen etwas katzenhaftes zu haben. Und waren sie schon immer so grün gewesen? Nein, bestimmt nicht. Xenias Augen hatten zwar einen leichten Grünstich gehabt, aber sie waren nie smaragdgrün gewesen! Ausserdem sah sie viel besser. Sie hatte schon immer gute Augen gehabt. Aber jetzt sah sie überdurchschnittlich gut. Seltsam. Überhaupt schienen alle ihre Sinne schärfer geworden zu sein. Und was war mit ihren Zähnen? Sie schienen länger und spitzer. Beinahe... Ja, beinahe wie Reisszähne! Was ging hier bloss vor? Was geschah mit ihr? Plötzlich wand sich Xenia unter rasenden Schmerzen. Ihr Kopf schien zu explodieren. Es war, als ob sich jemand mit aller Gewalt hineinzwängen und Besitz von ihr ergreifen wollte. Als sie sich schliesslich wieder aufrichtete, war sie nicht mehr die Alte. Aus ihren Augen blitzte der Killerinstinkt eines Raubtieres.

Xenia verliess ihre Wohnung und  fuhr in Richtung Stadt. Sie hielt in einer Gegend, wo sie sich normalerweise niemals alleine hingetraut hätte. Hier war das Revier der Prostituierten, Zuhälter und anderen dunklen Gestalten. Sie stieg aus dem Wagen und zündete sich eine Zigarette an. Dann stolzierte sie mit gekonnt sexy Hüftschwung die Strasse hinunter und betrat die erste Bar auf der linken Seite. Als sie durch die Tür trat, drehten sich wie auf Kommando alle Leute nach ihr um. Es waren ausschliesslich Männer. Die meisten sahen ziemlich zwielicht und gefährlich aus. Doch Xenia liess sich davon nicht beeindrucken. Sie durchquerte den Raum und steuerte zielstrebig auf einen Mann zu, der allein an einem kleinen Tischchen in einer Nische sass. Sie stellte den linken Fuss auf den freien Stuhl neben ihm, so dass er freie Sicht auf ihr wohlgeformtes Bein hatte und fragte mit samtweicher, beinahe schnurrender Stimme: "Na Süsser, ist dieser Platz hier noch frei?" 

Der Mann war jung, etwa Mitte zwanzig und ganz gutaussehend. Er starrte Xenia aus grossen Augen an und nickte nur ungläubig. "Wahrscheinlich kann er sein Glück nicht fassen. Na, der wird sich noch wundern!" dachte Xenia spöttisch. Sie setzte sich und schlug die Beine übereinander, so dass der Rock wieder zur Seite rutschte und ihr linkes Bein bis fast zur Hüfte

Tom und Xenia verliessen die Bar engumschlungen. Dem Paar folgten viele neidische Blicke. Sie überquerten die Strasse und betraten ein schmuddeliges, kleines Motel. Der Portier kassierte das Geld für eine Nacht, händigte ihnen den Schlüssel aus und wandte sich dann wieder dem Fernseher zu.

Im zweiten Stock war ihr Zimmer. Kaum hatten sie es betreten, riss Xenia Tom das Hemd vom Leib. Sie konnte es kaum erwarten. (Was zum Teufel war "ES"?) Sie presste sich an ihn und er öffnete den Reissverschluss ihres Kleides, das lautlos zu Boden glitt. Er stöhnte auf, als sich ihre Hände an den Knöpfen seiner Jeans zu schaffen machten. "Du machst mich verrückt, Xenia!" Sie sagte nichts, sondern liess nur ein leises Schnurren hören, bevor sie Tom auf das Bett stiess und ihm Jeans samt Boxershorts auszog. Dann setzte sie sich mit gespreizten Beinen auf ihn und begann ihn zu reiten. Er stöhnte und wand sich unter ihr. Sie beugte sich zu ihm hinunter und leckte an seinem Hals. Ein tiefes Knurren ertönte aus ihrer Kehle und in ihren Augen blitzte ein mörderischer Funke. Sie richtete sich auf und ein sadistisches Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie sagte: "Sieh mich an!" Tom öffnete die Augen. Aus dem Entzücken, das gerade noch darin gestanden hatte, wurde pures Entsetzen, als er Xenia anblickte. Ihre grünen Augen glühten unheimlich im Dunkel des Zimmers und die Gier nach Blut war unübersehbar.  Ihre Hände hatten sich in gefährliche Pranken verwandelt und aus ihrem Mund ragten spitze Reisszähne. Xenia hatte sich in eine Bestie verwandelt, die halb Frau, halb Tiger war. Sie war nicht etwa hässlich, ganz im Gegenteil. Sie war von einer grausamen Schönheit. Das Letzte, was Tom zu sehen bekam, war Xenias triumphierendes, abgrundtief böses Lächeln. Dann warf sie sich über ihn und riss ihm die Kehle auf.

 

2

 

Kommissar Ron Marten wachte voll angezogen in seinem Bett auf. Sein Kopf fühlte sich an, als hätte ihn jemand sehr ausdauernd mit einem Vorschlaghammer bearbeitet. Die Party gestern war wohl etwas zu rauschend gewesen. Andererseits war er allein aufgewacht, folglich konnte es doch nicht so toll gewesen sein. Es dauerte eine Weile, ehe er begriff, dass ihn das ausdauernde Klingeln seines Telephons geweckt hatte. Stöhnend tastete er nach dem Hörer und meldete sich. "Ja?"  "Marten, wo steckst du? Wir haben einen Mord!" Es war sein Partner Gerner. Er war ein sehr fähiger Polizist, aber er konnte auch eine unglaubliche Nervensäge sein. Ganz besonders wenn es sich um einen Mord handelte. Marten rieb sich die Augen. "Was ist los? Schon wieder ein Mord?" "Marten, schwing endlich deinen Arsch aus dem Bett und komm her!" Gerner ratterte die Adresse des Tatortes runter und hängte auf. Marten torkelte ins Badezimmer und stellte sich unter die eiskalte Dusche. Erst das kalte Wasser vermochte seine Lebengeister zu wecken. Er beeilte sich, um an die von Gerner genannte Adresse zu fahren.

"Es ist genauso wie bei den beiden anderen Mordfällen. Das Opfer ist männlich, jung und es sieht aus, als sei es von einem Raubtier zerfleischt worden." Marten wandte den Blick von dem grausam zugerichteten Opfer auf den blutdurchtränkten Laken. Dieser junge Mann war nun schon das dritte Opfer in einer mysteriösen Mordserie. Drei tote Männer innerhalb einer Woche und vom Mörder fehlte jede Spur. "Haben die Jungs von der Spurensicherung sonst noch etwas herausgefunden?" "Ja, haben sie. Das Opfer hatte kurz vor seinem Tod Geschlechtsverkehr." Marten sah auf. "Das ist ja etwas ganz Neues! Könnte es sein, dass unser Mörder eine Frau ist?" Gerner nickte. "Das ist sogar sehr wahrscheinlich. Sie haben nämlich noch das da gefunden." Er hielt ein langes schwarzes Kleid hoch. "Das lag vor dem Bett. Wenn das tatsächlich der Mörderin gehört, wie ist sie dann nach Hause gekommen? Etwa nackt?" Marten zuckte die Schultern. Er konnte sich darauf auch keinen Reim machen. "Und noch was. Kannst du mir mal verraten, wie eine Frau einen erwachsenen Mann so zurichten konnte? Der Junge da war ja nicht gerade ein Schwächling." Marten hob spöttisch eine Augenbraue. "Du weisst nicht, wozu eine Frau fähig sein kann." Gerner grinste. "Du sprichst wohl aus Erfahrung?" Martens Antwort bestand aus einem abfälligen Schnauben. Er hatte keine Lust, Gerner sein Liebesleben auf die Nase zu binden. Denn sonst wusste nachher das ganze Präsidium Bescheid. "Los, fahren wir zurück. Vielleicht finden wir noch weitere Zusammenhänge, wenn wir alle drei Mordfälle miteinander vergleichen." Gerner seufzte ergeben und folgte Marten nach draussen zum Wagen.

Xenia erwachte auf dem Fussboden ihres Wohnzimmers. Ihr ganzer Körper schmerzte und sie hatte einen schlechten Geschmack im Mund. Stöhnend richtete sie sich auf und schleppte sich ins Badezimmer, um sich zu waschen. Erschrocken stellte sie fest, dass sie nackt war. Von dem Kleid, das sie gestern getragen hatte, fehlte jede Spur. Was war geschehen? Ihr fehlte jede Erinnerung an den vergangenen Abend. Sie hob die Hand, um sich über das Gesicht zu streichen. Und erstarrte. Sie war blutverschmiert. Als sie an sich herunterblickte, sah sie, dass ihr ganzer Körper mit eingetrocknetem Blut bedeckt war. Xenia begann zu schreien.

Marten und Gerner sassen nun schon seit drei Stunden im Präsidium und studierten wieder und wieder alle drei Mordfälle. Begonnen hatte alles Anfang der Woche. Das erste Opfer war in einer Nebenstrasse mit aufgeschlitztem Bauch gefunden worden. Kein Raubüberfall, denn die gut gefüllte Brieftasche war nicht angerührt worden. Aber in den Augen des Mannes war ein unbeschreibliches Grauen gestanden. Marten hatte noch nie einen Menschen gesehen, der auf solch qualvolle Weise gestorben sein musste.

Zwei Tage später hatten sie das nächste Opfer aus dem Fluss gefischt. Dieser Mann war mit Biss- und Kratzwunden übersät gewesen. Und auch in seinen weitaufgerissenen Augen war jenes Grauen gestanden. Und nun war noch ein junger Mann ums Leben gekommen. Offensichtlich hatte er Sex gehabt und danach war ihm die Kehle zerfetzt worden. Aber wie? Und weshalb? Marten fand einfach keine Antwort. Und Gerner ebensowenig. Allerdings waren sie beide der Meinung, dass es ein und dieselbe Person gewesen war, die die drei Männer so zugerichtet hatte.

Gerner gähnte. "Du glaubst also auch, dass es eine Frau gewesen ist?" Marten nickte. "Ich bin sogar überzeugt. Der Portier konnte sich  ja erinnern, dass der jungen Mann von einer aussergewöhnlich schönen  Frau in das Zimmer begleitet worden war. Aber er konnte sich nicht erinnern, dass eine der beiden Personen das Motel wieder verlassen hatte." "Tja, dazu war der arme Kerl wohl nicht mehr in der Lage. Ob er wohl guten Sex gehabt hat?" Marten erwiderte trocken: "Und wenn es noch so gut war, mit dem Leben bezahlen ist dann doch ein zu hoher Preis. Vor allem, wenn er sein Leben auf diese Art und Weise lassen musste." Gerner stand auf. "Und was machen wir jetzt? Warten, bis die Killerin wieder zuschlägt?" "Nein. Wir beide ziehen jetzt durch die Nachtclubs und halten nach einer aussergewöhnlich schönen Frau Ausschau. Genauer konnte sie der Portier ja nicht beschreiben." "Na, so gefällt mir doch meine Arbeit!" Marten runzelte die Stirn. Auch wenn er manchmal zuviel trank und wilde Parties feierte, konnte er doch immer zwischen Vergnügen und Arbeit unterscheiden. Gerner nicht. "Darf ich dich daran erinnern, dass wir im Dienst sind? Die Sauftour holen wir ein andermal nach. Heute suchen wir eine psychopathische Killerin, die Männer abschlachtet, klar?"

 

3

 

Xenia hockte zusammengekauert und in ein grosses Badetuch gehüllt in einem Sessel. Sie hatte mindestens eine Stunde lang heiss geduscht, aber sie fühlte sich noch immer besudelt. Sie wusste nicht, was mit ihr geschah. Bisher hatte sie ein ganz normales, ruhiges, beinahe langweiliges Leben geführt. Aber nun geschahen plötzlich Dinge, die sie nicht verstand. Sie erinnerte sich nur noch daran, dass sie plötzlich ganz furchtbare Schmerzen gehabt hatte. Dann muss sie ohnmächtig geworden sein. Jedenfalls fehlte ihr jede Erinnerung an den Abend. Eigentlich hätte sie heute Vorlesungen gehabt, aber sie fühlte sich so mies, dass sie geschwänzt hatte. Das hatte sie bisher noch nie getan. Denn sie liebte ihr Studium über alles.

Sie hätte auch noch eine Verabredung mit Robert. Robert Beck war ihr Professor. Er war noch sehr jung, sehr attraktiv und der heimliche Schwarm jeder Studentin. So hatte auch Xenia nicht widerstehen können, als er sie vor zwei Wochen zum Essen eingeladen hatte. Er wollte mit ihr über ein ganz spezielles Projekt sprechen. Beck war sowas ähnliches wie der

Abenteuerarchäologe Indiana Jones. Mit dem einzigen Unterschied, dass er nie so haarsträubende Abenteuer erlebte wie dieser. Becks Leidenschaft waren Mythen, Sagen und Prophezeihungen. Er liebte es, sich in seiner Freizeit damit zu befassen. Vor einiger Zeit hatte er eine Kiste mit geheimnisvollen Gegenständen aus einer versunkenen Stadt erhalten und ausgerechnet sie, Xenia, darum gebeten, seine Assistentin zu sein. Natürlich hatte sie mit Freuden zugesagt. So kam es, dass sie beinahe ihre gesamte Freizeit mit Robert verbrachte. Sie liebte diese Arbeit. Denn die diversen Gegenstände waren einfach einmalig und sehr wertvoll. Ganz besonders hatte es ihr eine geschnitzte Jadestatuette angetan. Sie stellte eine Frau dar -halb Mensch, halb Tiger- die als Königin einst grausam geherrscht hatte. Laut der Sage war sie die Tochter eines mächtigen Dämons und konnte sich deshalb in einen Tiger verwandeln. Xenia fühlte sich unerklärlich stark zu dieser Figur hingezogen.

Durch die enge Zusammenarbeit waren sich Robert und Xenia sehr schnell nähergekommen. Zwischen ihnen bestand eine extrem starke erotische Spannung. Und eines Nachts war es geschehen. Die Atmosphäre zwischen ihnen war wie elektrisch aufgeladen gewesen. Die Luft  hatte förmlich geknistert. Xenia wusste nicht mehr, wer die erste Bewegung auf den anderen zugemacht hatte. Jedenfalls war sie plötzlich in Roberts Armen gelegen und wie noch nie zuvor in ihrem Leben geküsst worden. Sie hatten beide so lange auf diesen Augenblick gewartet, dass es ihnen nun nicht schnell genug gehen konnte. Robert hatte sie hochgehoben und auf den Tisch gesetzt. Dann hatte er ihr mit fahrigen Händen die Bluse geöffnet und sein Gesicht zwischen ihren Brüsten vergraben. Ihre Hände hatten in seinen Haaren gewühlt, während er ihr auch noch den BH ausgezogen und ihre Brüste mit Küssen bedeckt hatte. Wie im Fieber hatte er ihren Namen geflüstert und sie hatte zur Antwort leise gestöhnt. Seine Hände waren über ihren Körper und schliesslich unter ihren Rock gewandert. Seine Finger waren ihren Beinen entlanggeglitten und hatten schliesslich den Weg unter ihren Slip gefunden. Xenia hatte das Gefühl gehabt zu explodieren. Mit Robert hatte sie definitiv den besten Sex in ihrem bisherigen Leben gehabt.

Als sie wieder einigermassen klar denken konnte, war ihr Blick auf die Statuette der Königin gefallen. Beinahe war es ihr so vorgekommen, als hätte die Jadefigur Robert und sie die ganze Zeit über beobachtet. Was natürlich Unsinn war.

Aber als Xenia nun so zusammengekauert in ihrem Sessel sass, erinnerte sie sich wieder daran. Damals hatte sie die Jadefigur nicht weiter beachtet, sie war viel zu sehr mit Robert beschäftigt gewesen. Ob es vielleicht nicht doch möglich war, dass der Tigerdämon etwas mit ihrem jetzigen Zustand zu tun hatte? Xenia rechnete zurück. Ja, ihre Blackouts hatten erst begonnen, nachdem sie mit Robert geschlafen hatte. In Gegenwart der Statuette. Hatte es etwas mit ihrem Professor zu tun? Oder mit der Statuette? Beide Möglichkeiten waren absurd. Aber sie musste trotzdem mit Beck darüber sprechen.

Zehn Minuten später stand Xenia vor der Haustür und starrte auf den leeren Platz, wo eigentlich ihr Auto hätte stehen sollen. Auch das noch, jetzt war ihr Auto gestohlen worden! Oder war das wieder so ein Blackout und sie wusste bloss nicht mehr, wo sie es abgestellt hatte? Nun gut, sie würde sich später darum kümmern. Jetzt musste sie zu Robert.

Professor Beck sass in seinem Arbeitszimmer an der Universität und übersetzte die Inschrift auf einer Steintafel. Sie gehörte zu den Gegenständen, die er vor einiger Zeit von einem Freund erhalten hatte. Es war schwieriger als er gedacht hatte. Die Schrift war eindeutig Sanskrit, aber obwohl er damit normalerweise keinerlei Probleme hatte, war es ihm beinahe unmöglich, die Schriftzeichen zu entziffern. Immerhin hatte er bis jetzt herausgefunden, dass es sich um eine Prophezeiung handeln musste. Seufzend lehnte er sich zurück und blickte auf die Uhr. Xenia war noch immer nicht aufgetaucht. Wo sie wohl blieb? Sie war schon nicht zu den Vorlesungen erschienen und das war ja nun mehr als ungewöhnlich für sie. Allmählich begann sich Robert Sorgen zu machen. Er wollte gerade zum Telephon greifen, als sich die Tür öffnete und Xenia hereintrat. Es war unglaublich, Xenia hätte wahrscheinlich einen Kartoffelsack tragen können und hätte noch immer jede Schönheitskönigin in den Schatten gestellt. Sie stürmte geradewegs auf ihn zu und warf sich in seine Arme. Das war nun etwas ganz und gar untypisches für diese Frau, denn normalerweise war sie absolut kühl und nicht aus der Fassung zu bringen. Robert war erschrocken, denn was er in Xenias Augen las, war eindeutig Panik. Er setzte sie behutsam auf einen Stuhl. "Xenia! Was ist passiert? Du bist ja ganz aufgelöst!" Xenia holte zitternd Luft. Auf dem Weg zur Uni hatten die Schmerzen wieder angefangen, dann aber wieder nachgelassen. In ihrem Kopf pochte es noch immer."Robert, bitte hilf mir! Ich weiss weder ein noch aus. Ich habe unerklärliche Schmerzen im ganzen Körper und ich weiss nicht mehr, wo ich war und was ich getan habe....." Beck legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. "Ganz ruhig. Seit wann hast du diese Schmerzen? Und was für eine Art Schmerz ist es?" Xenias Stimme war nur noch ein Flüstern, als sie antwortete: "Es sind Krämpfe und Kopfschmerzen. Und das, seit....naja, seit etwa zwei Wochen. Robert, ich habe unerklärliche Blackouts. Glaubst du, ich könnte schizophren sein?" Beck zögerte mit der Antwort. "Ich weiss nicht. Gab es in deiner Verwandtschaft denn jemals einen Fall von Schizophrenie?" "Nicht das ich wüsste." Ohne Vorwarnung krümmte sie sich und kippte vom Stuhl. Erschrocken sprang Beck zu ihr. "Xenia! Um Himmelswillen, was ist mit dir?" Die Schmerzen waren so heftig, dass Xenia nicht antworten konnte. "Ich hole dir etwas Wasser, ja? Rühr dich nicht, ich bin gleich wieder da." Aber Xenia hörte Roberts Stimme gar nicht. Denn in ihr erwachte bereits wieder das Raubtier. Als sie sich aufrichtete, war sie nicht mehr Xenia, sondern eine Bestie, die noch eine menschliche Gestalt hatte. Sie würde nie mehr Xenia sein. Von diesem Moment an war sie Radha, wiedergeboren durch den Willen des Schicksals, befreit aus ihrem jahrhundertealten Gefängnis. Ihr Blick fiel auf die Statuette der Tigerfrau und ein zufriedenes Lächeln lag auf ihren Lippen. "Ja", flüsterte sie, "ich bin wieder da. Und nichts und niemand kann mich aufhalten."

 

4

 

Gerner und Marten nahmen sich als erstes die Nachtclubs in dem Gebiet  vor, wo das letzte Opfer gefunden worden war. Und es schien, als hätten sie Glück. Als sie den Barkeeper nach einer aussergewöhnlich schönen Frau fragten, erinnerte sich  dieser. Aber er war misstrauisch. "Weshalb wollt ihr das wissen? Ihr seid doch Bullen, nicht?" Marten nickte. "Ja. Aber vegiss mal kurz deinen Abneigung gegen uns. Gestern war eine junge, aussergewöhnlich schöne Frau in der Gegend. Wahrscheinlich hat sie irgendwo 'nen Mann aufgegabelt und ist dann mit ihm abgezogen." "Und? Ist das verboten?" "Im Prinzip nicht. Aber wenn wenig später ein junger Mann tot aufgefunden wird und der Portier erinnert sich nur noch an eine wunderschöne Frau, dann wird die Sache verdächtig. Findest du nicht auch?" Marten legte ein Bild des Toten auf den Tresen. "Schau dir den Jungen genau an. War er hier?" Der Barkeeper warf einen Blick auf das Bild des grausam zugerichteten Opfers. "Wer tut denn so etwas?" Gerner seufzte genervt und Marten warf ihm einen warnenden Blick zu. "Das versuchen wir ja herauszufinden. Also, war er hier oder nicht?" "Ja, er war hier. Und er ist mit 'nem verdammt hübschen Mädchen abgezogen. Die Jungs hier drin waren ganz schön eifersüchtig." "Kannst du die Frau beschreiben?" "Klar, sowas Schönes vergisst man nicht so schnell. Sie ist vielleicht so Anfang zwanzig, mittelgross, hat schulterlanges schwarzes Haar und knallgrüne Augen. Ach ja, sie trug ein langes schwarzes Kleid mit Schlitz. Und sie war verdammt gut gebaut. Da ging dir glatt das Messer in der Hose auf!" "Danke, du hast uns  sehr geholfen." "Keine Ursache." Marten wollte sich schon umdrehen  und gehen, als ihn der Barkeeper zurückhielt. "Falls es dich interessiert, ihr Auto steht da draussen. Sie ist noch nicht wiedergekommen." Marten hob erstaunt eine Augenbraue. "Die rote Klapperkiste da draussen gehört dem Mädchen?" vergewisserte er sich. Der Barkeeper nickte. "Wenn ich es doch sage." "Gerner, wir gehen. Es gibt viel zu tun."

Als Robert mit einem Glas Wasser zurückkam, räkelte sich Xenia leicht bekleidet auf seinem Schreibtisch. Erstaunt blieb er stehen. "Xenia? Geht's dir gut?" "Natürlich Liebling. Ich habe mich nie besser gefühlt." Der Professor verstand die Welt nicht mehr. "Aber gerade noch vor drei Minuten..." "Vergiss was vorher war. Komm schon her, ich will dich jetzt." schnurrte Xenia verführerisch. Langsam ging er auf sie zu. "Bist du sicher? Irgendwie bist du so... anders." "Ich weiss. Das soll auch so sein." Ihre Augen begannen zu glühen. "Komm her, ich brauche dich jetzt!" Als Robert keine Anstalten machte, sich zu bewegen, stand sie auf und küsste ihn heftig. Als er nicht darauf reagierte, hob sie den Kopf und schaute ihm in die Augen. "Was ist mit dir, magst du mich etwa nicht mehr? Bin ich dir nicht schön genug?" "Nein, das ist es nicht. Nur, vorhin warst du ganz aufgelöst und  jetzt denkst du nur an das Eine. Das verstehe ich nicht ganz." Xenia lächelte mit halb geschlossenen Augen. "Das braucht dich nicht zu kümmern. Überlasse dich einfach mir." Sie küsste ihn wieder und machte sich an seinem Hemd zu schaffen. Robert hielt ihre Hände fest. "Xenia, lass das. Nachdem was du mir erzählt hast, könnte das wieder einer deiner Anfälle sein." Abrupt liess Xenia von ihm ab und zog sich an. "Wenn du nicht willst, dein Pech. Ich finde schon jemanden, der es mir besorgt." Hoch erhobenen Hauptes stolzierte sie zur Tür. Bevor sie den Raum verliess, drehte sie sich noch einmal um und sagte: "Ach übrigens, du warst gar nicht so gut wie ich dir weismachte. Du bist sogar

ganz gewaltig unter dem Durchschnitt." Wie vor den Kopf geschlagen blieb Beck stehen. Das war nicht die Xenia, die er kannte. Seine Xenia wurde nie vulgär. Irgendetwas stimmte da nicht. Er musste herausfinden, was es war. Er schnappte seine Jacke und rannte ihr hinterher.

Xenia war wie ein Wirbelwind aus dem Unigebäude gestürmt und im Handumdrehen in der Dunkelheit verschwunden. Die Bestie in ihr trieb sie wieder in eine heruntergekommene Gegend. Sie war den ganzen Weg gerannt, aber sie atmete noch nicht einmal schneller. Obwohl sie heute nicht aufreizend gekleidet war, folgten ihr viele Blicke. Eine Frau, die um diese Zeit in dieser Gegend herumspazierte, war eben etwas Besonderes. Vor allem, wenn sie noch dazu so aussah wie Xenia. Sie betrat eine Bar und wieder zog sie alle Blicke auf sich. Der Dämon in Xenia sorgte dafür. Wie auch schon in der letzten Nacht suchte sie sich einen gutaussehenden jungen Mann aus und verliess wenig später die Bar mit ihm. Er wollte sie schon zu einem Stundenhotel führen, aber sie hielt ihn zurück. "Lass es uns in einem dunklen Hinterhof machen. Das ist doch viel aufregender, findest du nicht auch?" Der junge Mann grinste sie unverschämt an. "Mit dir würde ich es sogar auf offener Strasse tun." Xenia schürzte die Lippen. "Noch nicht. Dazu ist die Zeit noch nicht reif." Der Junge verstand zwar nicht, was sie damit meinte, aber es kümmerte ihn auch herzlich wenig. Sein Verstand hatte sich ausgeschaltet, wie das bei Männern in solchen Situationen üblich war. Xenia bugsierte ihn in den nächsten Hinterhof und presste ihn gegen die Hauswand. Ohne lange zu zögern zeriss sie sein T-shirt und saugte an seinen Brustwarzen, während ihre Finger sich schon an den Knöpfen seiner Hose zu schaffen machten. Der junge Mann stand in Flammen. Xenia glitt an seinem Körper hoch und liess ihre Zunge in seinem Ohr spielen. Mit heiserer Stimme flüsterte sie: "Glaub mir, den heutigen Abend wirst du nie vergessen." In Gedanken fügte sie hinzu: "Wenn du ihn überlebst." Endlich hatte sie seine Hose geöffnet und liess sich langsam auf die Knie sinken. Der Mann über ihr stöhnte, als sie sein Glied gekonnt mit Zunge und Lippen liebkoste. Ihre Hände strichen über seinen Oberkörper und hinterliessen dünne Kratzspuren. Er bemerkte es nicht einmal. Sie wartete, bis er kurz vor seinem Orgasmus war... und biss zu. Aus dem Lustschrei wurde ein unmenschlicher, schriller Schmerzensschrei. Aus der Frau war wieder eine Bestie geworden, für die es mit ihrem messerscharfen Gebiss ein leichtes war, den Mann zu kastrieren. Nachdem sie ihre Beute verschlungen hatte, warf sie einen abschätzigen Blick auf ihr Opfer. Vor den mit Grauen erfüllten Augen des Mannes verwandelte sie sich in einen Tiger und verschwand mit geschmeidigen Sätzen in der Dunkelheit.

Obwohl Professor Beck dicht hinter Xenia das Gebäude verlassen hatte, konnte er sie nicht mehr finden. Sie war verschwunden. Ratlos fuhr er sich mit gespreizten Fingern durch die Haare. Was ging hier vor sich? Langsam drehte er sich um und ging zurück in sein Büro. Irgendetwas störte ihn an Xenia. Etwas war anders an ihr gewesen... Ihre Augen! Sie hatten in einem unheimlichen Grün geleuchtet! Das war doch nicht normal! Beck war ein sehr realistischer Mensch, der nicht an Übersinnliches glaubte. Aber in diesem Falle... Er wollte auf jeden Fall mit seinem Kollegen für Parapsychologie sprechen, vielleicht wusste der weiter.

Gerner und Marten waren wieder im Präsidium. Das verdächtige Fahrzeug wurde nun rund um die Uhr bewacht und sie hatten den Computer mit der Autonummer gefüttert. Aber es schien doch eine Fehlanzeige zu sein. Gerner seufzte. "Fassen wir zusammen: Der Wagen gehört einer Xenia Sanders. Studentin an der hiesigen Universität, keine Vorstrafen. Ihr Auto wurde nicht als gestohlen gemeldet. Und wieder sitzen wir in einer Sackgasse." Marten zündete sich eine Zigarette an. "Was machen wir jetzt? Warten, bis sie wieder zuschlägt? Sie mordet nach keinem erkennbaren System. Das Einzige, was die Opfer gemeinsam haben, ist dass sie männlich, jung und gutaussehend sind. Naja, der letzte Punkt ist relativ." Er stiess den Rauch aus und sah ihm nach. Nachdenklich murmelte er: "Xenia Sanders. Irgendwoher kenne ich diesen Namen." Er nahm einen weiteren Zug. "Natürlich, Xenia!" Vor Aufregung verschluckte er sich und bekam einen Hustenanfall. Gerner klopfte ihm auf den Rücken und bemerkte trocken: "Man sollte nicht rauchen, wenn man es nicht kann. Kennst du diese Xenia etwa?" Marten nickte. "Ja. Vor ein paar Monaten am Stadtfest habe ich ein Mädchen namens Xenia kennengelernt. Wir trafen uns nur etwa drei- bis viermal. So One-Night-Stand mässig, du verstehst?" Gerner grinste vielsagend. Marten fuhr fort: "Sie war bildhübsch; schwarze Haare, grüne Augen. Wir haben uns dann nicht mehr getroffen. Ich weiss nicht genau, warum. Hat sich einfach so ergeben. Allerdings hatte ich nie den Eindruck, einer irren Killerin gegenüberzustehen. Obwohl man das den Menschen nicht ansieht, richtig?" Marten schüttelte ungläubig den Kopf. In diesem Augenblick klingelte das Telephon. Marten meldete sich, lauschte einen Moment und hängte wieder ein. "Sie hat wieder zugeschlagen. Los Gerner, gehen wir."

Auf der Fahrt zum Tatort frage Gerner: "Was ist diesmal passiert?" "Sie haben ihn in einem Hinterhof gefunden. Anwohner haben Schreie gehört und darauf die Polizei verständigt. Als die Jungs angekommen sind, hat er noch gelebt. Aber nicht mehr lange. Er ist ihnen unter den Händen weg verblutet." "Verblutet? Wie das?" "Nun, sie hat ihm den Schwanz abgebissen." Gerner wurde bleich. Er sagte nichts mehr, was in dem Moment auch nicht nötig war, denn sie waren am Tatort angekommen und Marten sprang aus dem Wagen. Blaulicht zuckte und Polizisten eilten geschäftig hin und her. Der Kommissar gesellte sich zum Polizeiarzt. "Nun Doc, haben sie schon etwas herausgefunden?" "Marten, so langsam sollten sie wissen, dass ich ihnen genaue Angaben erst nach der Obduktion des Opfers machen kann. Aber ich würde schon sagen, dass es dieselbe Person war,  die schon die anderen Männer umgebracht hat." Er hob das Leichentuch etwas an, so dass Marten darunter blicken konnte. "Sehen sie? Er wurde eindeutig durch einen Biss kastriert. Das weisst darauf hin, dass der Täter oder die Täterin eine sehr starke Kiefermuskulatur hat. Allerdings ist das bei einem Menschen eher unwahrscheinlich, zumal der Biss sehr sauber ausgeführt worden ist, vergleichbar mit einem Schnitt. Folglich müssen die Zähne rasiermesserscharf sein und....." "Schon gut Doc, keine weiteren Ausführungen." Marten war ziemlich blass um die Nasenspitze. "Noch etwas Kommissar. Fällt ihnen nichts auf?" Marten schüttelte den Kopf. "Sollte?" "Natürlich! Etwas fehlt doch, nicht wahr?" "Richtig! Wo ist sein gutes Stück abgeblieben?" "Nun Kommissar Marten, das herauszufinden ist wohl ihre Aufgabe."

Gerner hatte unterdessen die Zeugen befragt, allerdings war nichts brauchbares dabei herausgekommen. Plötzlich drängelte sich eine schmutzige Gestalt zu Gerner durch und zupfte ihn am Ärmel. "He tu, Polizist, ich hap was kesehn." Leicht pikiert schaute Gerner in das vor Schmutz starrende Gesicht, das zu einem alten Stadtstreicher gehörte. "Ach ja? Was denn?" "Ich lief halt so rum und ta hap ich plötzlich wen schrein hörn und ta pin ich tann kleich hinkelaufn und tann hap ich was kesehn ..." Gerner stoppte den Redefluss des Alten und winkte Marten heran. "Scheint so, als hätten wir einen Zeugen. Er will was gesehen haben." "Na dann schiess mal los." Der Stadtstreicher räusperte sich gewichtig. "Also, ich lief ta so rum....." Gerner unterbrach ihn. "Ja, das wissen wir bereits. Und was hast du jetzt tatsächlich gesehen?" "ta war 'ne Frau, tie ist vor tem da", er deutete auf die Gestalt unter dem Leichentuch, "hinkekniet und hat was an seiner Hose kemacht und tann war sie plötzlich keine Frau mehr sondern ein Tiger und hat kanz lange Zähne kehabt und kanz krosse Krallen und..." "Sag mal, willst du uns verarschen? Das finde ich nicht komisch und wenn du jetzt nicht sofort 'ne Fliege machst, dann..." Marten stoppte Gerner mit einer knappen Handbewegung. "Lass ihn, ich will hören, was er zu erzählen hat. Also, was war weiter?" Der Alte räusperte sich wieder. "Ja, erst war sie 'ne Frau, tann war sie halb Tiger und tann war sie kanz Tiger und ist tann da trüben mit 'nem Satz über die Mauer kesprungn und verschwundn. Ja, so war's." "Und wie sah sie denn als Frau aus?" "Sie hatte schwarze Haare und war schön." Marten schmunzelte. "So,so. Vielen Dank, du hast uns sehr geholfen." Er drehte sich um und ging mit Gerner zu seinem Wagen zurück. Gerner regte sich ziemlich auf. "Klaubst tu tem Typen etwa? Ter war toch stockpesoffen und schwachsinnig und..." "Und anscheinend ist seine Art zu sprechen ansteckend." unterbrach ihn Marten. Dann schwieg er nachdenklich. "Trotzdem. Er mag zwar etwas beschränkt sein, aber Kinder und Schwachsinnige sagen immer die Wahrheit. Ausserdem vermissen wir etwas." "Was denn?" Marten deutete auf die Leiche, die gerade abtransportiert wurde. "Seinen Schwanz."

Professor Paul Rist war noch in seinem Büro beschäftigt, als Beck zu ihm kam. Rist war ein älterer Herr mit schlohweissen Haaren und erstaunlich klaren, blauen Augen. Er blickte auf, als Beck in sein Büro hereinstürzte. "Robert, was führt dich zu mir? Komm, setz dich. Möchtest du einen Tee?" Beck setzte sich. "Danke nein. Ich muss dringend mit dir sprechen. Es geht um eine meiner Studentinnen, Xenia Sanders. Irgendetwas stimmt nicht mit ihr." Rist schmunzelte. "Wenn sie krank sein sollte, bist du bei mir an der falschen Adresse. Ich bin Professor für Parapsychologie, nicht Mediziner." "Ich weiss. Aber ihr Verhalten ist weder medizinisch noch psychologisch zu erklären. Ich denke, es könnte sein.... Ich meine, es hört sich verrückt an, aber vielleicht...." Beck stockte. Rist sah ihn aufmunternd an. "Ja? Sprich weiter." Beck holte tief Luft. "Nun ja, es wäre vielleicht möglich, dass sie besessen ist." "Besessen? Wie kommst du auf die Idee?" "Wir arbeiten zusammen an einer Lieferung, die ich erhalten habe. Seit kurzem hat sie geistige Aussetzer. Sie weiss nicht mehr, was sie getan hat und wo sie war. Ich glaube, als sie vorhin bei mir war, da hatte sie wieder so einen Anfall." Professor Rist hatte aufmerksam zugehört. "Kannst du mir diesen Anfall beschreiben?" "Sie krümmte sich plötzlich und hatte Krämpfe. Ich wollte ihr ein Glas Wasser holen und als ich zurück kam war sie total verändert." "Inwiefern?" Beck räusperte sich verlegen. "Naja, eben hatte sie sich noch unter Schmerzen gewunden und dann lag sie leicht bekleidet auf meinem Schreibtisch und wollte mich verführen." Rist sah Beck scharf an. "Habt ihr ein Verhältnis?" "Nun ja, man könnte es so bezeichnen." "Dann ist es eigentlich nicht ungewöhnlich, wenn sie dich verführen will, oder? Aber unter den Umständen, die du mir beschrieben hast, sieht die Sache wieder ganz anders aus." "Das denke ich auch. Sie hatte plötzlich leuchtend grüne Augen und sie war.... eben anders. Nicht mehr normal." Professor Rist wurde nachdenklich. Dann stand er auf. "Kannst du mir die Lieferung zeigen? Ich habe einen Verdacht."

In Mahlers Arbeitszimmer angekommen, betrachtete Rist jeden Gegenstand sehr aufmerksam. Sein Gesicht verdüsterte sich zusehends. Beck lief nervös auf und ab. Schliesslich hielt er es nicht mehr aus. "Und? Weisst du etwas?" Rist räusperte sich. "Weisst du, woher diese ganzen Dinge sind?" "Nicht genau. Mein Freund hat mir nur geschrieben, dass er eine versunkene Stadt gefunden hätte mit Schätzen von unvorstellbarem Wert, eben diese hier." Rist schüttelte ungläubig den Kopf. "Mein Gott Robert, du bist doch Experte und weisst wirklich nicht, welche Stadt dein Freund entdeckt hat?" "Paul bitte, spann mich doch nicht auf die Folter! Wenn ich es wüsste, hätte ich dich wohl kaum um Rat gefragt." Professor Rist setzte sich. "Hast du jemals etwas von Radha und ihrem sagenhaften Harem gehört?" Beck lachte kurz auf. "Eine Frau und ein Harem? War sie etwa lesbisch?" Rist seufzte. "Ich sehe, du hast tatsächlich noch nie von ihr gehört. Na gut, ich werde dir ihre Geschichte erzählen."

 

5

 

Das Bild war bizarr. Mitten in der Grossstadt schlich sich ein ausgewachsener Tiger über Dächer und durch Hinterhöfe. Niemand sah die majestätische Raubkatze. Sie suchte. Schliesslich hatte sie es gefunden und im Schutze der Dunkelheit verwandelte sie sich in eine Frau. Xenia trat aus dem Schatten. Sie brauchte ihren Wagen. Sie hatte eine Idee; eine kleine, schmutzige Phantasie. Sie wollte Beck. Um jeden Preis. Sie stieg in ihr Auto und fuhr direkt zu Robert. Dass ihr ein anderer Wagen folgte, bemerkte sie nicht.

In Becks Wohnung brannte Licht. Sehr gut, er war also noch wach. Als sie aus dem Wagen stieg, begann es zu regnen. Ja, das passte. Das würde die Sache noch etwas prickelnder machen. Sie blieb noch einen Moment im Regen stehen und blickte zu dem erleuchteten Fenster hoch, ehe sie ihren  Schlüssel hervorkramte und die Eingangstür des Wohnblocks öffnete.

Beck lief in seiner Wohnung auf und ab und rauchte nervös eine Zigarette nach der anderen. Die Geschichte, die ihm Rist erzählt hatte, war einfach unglaublich. Nein, das konnte nicht sein. Wie hatte er sich nur dazu hinreissen lassen können, Rist um Rat zu fragen? Und wie war er nur auf den hirnrissigen Gedanken gekommen, dass Xenia besessen sein könnte? Absoluter Schwachsinn! Jahrhundertealte Dämonen, die bei der richtigen Stellung der Sterne und bei Vollmond von Menschen Besitz ergriffen und zu blutrünstigen Bestien machten! Er schüttelte den Kopf über sich selbst. Xenia war schlicht und einfach überarbeitet und stand unter Stress. Das war die Erklärung. Als sich die Tür öffnete, fuhr er zusammen. Seine Augen weiteten sich, als er Xenia sah. "Xenia!" "Ich wollte mich bei dir entschuldigen, weil ich einfach so weggelaufen bin. Du wolltest mir ja nur helfen und ich habe dich so vor den Kopf gestossen." Sie blickte treuherzig zu ihm auf. "Kannst du mir noch mal verzeihen?" Beck schmolz unter ihrem Blick nur so dahin. Ja, das war seine Xenia. Er ging zu ihr und schloss sie in die Arme. "Natürlich verzeihe ich dir. Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich um dich gesorgt habe! Geht es dir auch wirklich wieder gut?" Xenia nickte. "Sicher. Aber jetzt habe ich eine Überraschung für dich. Komm mit, wir machen eine kleine Spazierfahrt!" "Eine Spazierfahrt? Xenia, es regnet in Strömen!" Xenia grinste spitzbübisch. "Ich weiss. Das macht es um so aufregender." Robert zuckte mit den Schultern und liess sich von ihr aus der Wohnung ziehen.

Als sie im Auto sassen, fragte er: "Wohin fahren wir eigentlich?" "Auf den Sportplatz." "Wohin?" Xenia warf ihm einen Seitenblick zu. "Du hast mich schon verstanden. Auf den Sportplatz." "Und was willst du dort? Etwa joggen?" "Quatsch. Du wirst schon sehen. Aber eines verspreche ich dir: Es wird dir gefallen."

Mittlerweile waren sie an ihrem Ziel angekommen. Aber Xenia fuhr nicht auf den Parkplatz, sondern stellte das Auto mitten auf dem Fussballfeld ab. Robert musste lachen. "Und jetzt?" "Steig aus." "Xenia, darf ich dich daran erinnern, dass es regnet?" "Komm schon, so ein bisschen Regen wird dich nicht umbringen. Steig aus!" Sie stieg aus und setzte sich auf die Kühlerhaube des Wagens. Robert stellte sich vor sie hin und legte die Arme um ihre Taille. "Und jetzt?" Xenia blickte aus halbgeschlossenen Augen zu ihm auf. "Ich wollte es schon immer einmal bei Regen auf der Kühlerhaube meines Autos machen." "Xenia, du bist verrückt. Aber ich liebe deine verrückten Ideen." "Robert?" "Ja?" "Quatsch nicht so viel, küss mich lieber!" "Dein Wunsch ist mit Befehl." Nach diesen Worten gebrauchte er seinen Mund nicht mehr zum sprechen. Er wusste bessere Dinge damit anzufangen.

Was das Paar nicht bemerkte, war der Wagen, der auf der Böschung stand. Er war dunkel, nur ab und zu war das rote Glimmen einer Zigarette zu sehen. Gerner starrte gebannt durch sein Nachtglas, während Marten ungerührt daneben sass und rauchte. Gerner erstattete detaillierten und anschaulich formulierten Bericht darüber, was er sah. "Und jetzt hat er ihr die Bluse geöffnet. Eine weisse Bluse bei dem Regen! Oh Mann, da siehst du einfach alles und.... wow, die trägt ja keinen BH! Jaaa, kommt schon, ich will auch was sehen. Oh, oh, oh und jetzt schiebt er ihr den Rock hoch! Waaahnsinn, sie trägt ja auch kein Höschen!" Ohne das Glas von den Augen zu nehmen fragte er Marten: "Du warst tatsächlich mal mit dieser Mieze zusammen?"

Marten nuschelte etwas, das wohl eine Zustimmung war. Gerner war begeistert. "Absoluter Wahnsinn, Mann. Die Kleine ist so heiss, dass der Regen auf ihrer Haut glatt verdampft!"

Unwillig riss Marten Gerner das Fernglas aus der Hand. "Hast du dich jetzt genug aufgegeilt? Das hier ist keine Peep-show, sondern die Beschattung einer potentiellen Serienmörderin. Was die hier mit ihrem Freund tut, geht uns im Grunde genommen absolut nichts an, solange sie ihn nicht zerfleischt. Also lass das! Und übrigens, dass ich zufälligerweise mal eine kurze Weile mit ihr zusammen war, spielt keine Rolle, klar?" Gerner war beleidigt. Aber wenn Marten mal in Rage war, hielt man am Besten den Mund und wartete ab, bis er sich wieder beruhigt hatte.

Xenia liess sich nach Strich und Faden verwöhnen. Robert wusste ganz genau wie er sie wo berühren musste, damit sie total scharf wurde. Seine Hand zwischen ihren Beinen machte sie beinahe wahnsinnig. Sie presste sich an ihn und zerriss sein Hemd. Ihre Lippen suchten seinen Hals. Und wieder überkam sie der Blutdurst. Ihre Zähne wurden zu Reisszähnen, und aus ihrem Stöhnen wurde ein Knurren. Sie ritzte Roberts Hals und leckte das hervortretende Blut genüsslich auf. Sie wollte mehr. Aber eine Stimme in ihrem Kopf flüsterte: "Kontrolle ist alles! Lass dich nicht zum Blutrausch hinreissen! Ein paar Tropfen Blut und dann lass ihn. Du brauchst ihn noch. Er ist dein Sklave!"

 

To be continued... irgendwann...