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Louis Royo Farblos Als
ich die Augen aufschlug, war es dunkel. Das war weiter nicht ungewöhnlich, denn
meine Fensterläden waren noch geschlossen und auch draussen herrschte
Dunkelheit. Ich schwang meine Beine aus dem Bett und streckte mich ausgiebig.
Dann tapste ich zum Lichtschalter. Als es hell wurde, blieb mir fast das Herz
stehen. In meinem Zimmer gab es keine Farben mehr. Alles war schwarz, weiss und
grau. Ich rieb mir heftig die Augen, aber nichts veränderte sich. Von Panik
gepackt stürzte ich in die Küche, wo meine Mutter wie jeden Morgen sass und in
der Zeitung blätterte. Hysterisch
schrie ich: "Mami, hilf mir! Ich kann keine Farben mehr sehen!" Ich
brach in Tränen aus. Ich war fest davon überzeugt, dass ich über Nacht
farbenblind geworden sein musste. Meine Mutter nahm mich in die Arme. "Mein
armer Liebling. Hast du dich noch immer nicht daran gewöhnt?" "Gewöhnt?
Woran denn?" Meine Mutter sah mich mitleidig an. "Du weisst doch, dass
seit der grossen Welteroberung alle Farben verboten sind." "Verboten?
Aber das ist doch paradox! Eine Welt ohne Farben. Wozu soll das gut sein? Und
wer hat das getan?" Ich hatte das Gefühl, gleich durchzudrehen. Warum
konnte ich mich an nichts erinnern?
Ich fragte: "Wann ist das geschehen?" Langsam wurde meine Mutter
ungeduldig. "Ich verstehe ja, dass dich dieser neue Zustand belastet. Aber
dass er dir gleich alle Erinnerungen auslöscht! Seit einer Woche erkläre ich
dir jeden Morgen, dass vor einem Jahr die Welt erobert wurde und niemand weiss
von wem. Ausserdem sind seit jenem Tag Farben bei Todesstrafe verboten."
Ich war komplett durcheinander. Ich erinnerte mich an nichts, aber auch an gar
nichts. Warum das alles? Meine Mutter unterbrach meine Gedanken. "Jetzt frühstücke
erst mal und dann beeile dich. Schliesslich musst du noch zur Schule." Graue
Cornflakes, igitt! Aber es schmeckte wie immer. In
der Schule hatten wir zuerst Zeichnungsunterricht. Ich konnte mir nicht
vorstellen, wie das gehen sollte. Zeichnen ohne Farben war doch wie Tanzen ohne
Musik! Ich beschloss so zu tun, als ob alles ganz normal wäre. "So,
meine Lieben. Heute wollen wir über das Zusammenspiel von weissen und schwarzen
Flächen sprechen. Wie ihr hier seht..." Ich hörte nicht weiter zu. Das
konnte doch alles gar nicht wahr sein! Das musste ein schlechter Traum sein.
Aber ich wachte nicht daraus auf. Nach dem Unterricht fuhr ich in den Wald. Kein frisches Grün in den Bäumen, keine bunten Blumen. Schwarz, Weiss und Grau war alles, was ich zu Gesicht bekam. Diese trostlose Szenerie war nicht die Welt, die ich kannte. In Gedanken versunken geriet ich immer tiefer in den Wald hinein. Schliesslich
kam ich zu einer Felswand. In einiger Entfernung sah ich etwas blitzen.
Neugierig ging ich darauf zu. Am Felsen hing ein Spiegel. Mir kam nichts mehr
ungewöhnlich vor und ich sah hinein. Zuerst sah ich mich selbst. Eine
schwarz-weiss-graue Gestalt in einer schwarz-weiss-grauen Umgebung. Plötzlich
kräuselte sich die Oberfläche des Spiegels, wie wenn der Wind über einen
Teich streicht. Als
ich wieder in den Spiegel blickte, sah ich eine bunte Blumenwiese. Ich sah
Menschen, die lachend Fangen spielten. Ich schlug stumm mit den Fäusten gegen
die Spiegelfläche. Doch ich konnte nicht auf diese wunderschöne, bunte
Sommerwiese gelangen. Ich war in einer Welt gefangen, in der die einzigen Farben
schwarz und weiss waren. Weinend
brach ich zusammen. |