Augusto Boal und das von ihm entwickelte Theater der Unterdrückten sind welweit sowohl in Theaterkreisen als auch in jeglichen sozialen, pädagogischen und politischen Arbeitsfeldern bekannt.
Wenige jedoch wissen, dass Boals Arbeit heute sich bei weitem nicht mehr auf die von ihm bereits in den 60ern entwickelten Methoden des Unsichtbaren Theaters, des Zeitungstheaters und des später entwickelten Forumtheaters beschränkt.
Die Aktualität und stetige Weiterentwicklung seiner politisch-künstlerischen Arbeit in seinem Heimatland Brasilien kennenzulernen ist eine einmalige Möglichkeit, das Werk Boals, in zahlreichen Büchern von ihm verfasst, in seiner Essenz nicht nur zu verstehen, sondern auch den ihm zugrundeliegenden Geist ganzheitlich zu erfassen:
Eine Erfahrung, um die sich viele junge Menschen jährlich bemühen, so dass PraktikantInnen im Centro do Teatro do Oprimido/CTO ( Zentrum des Theater der Unterdrückten) in Rio de Janeiro bereits zum "Alltag" gehören.
Das CTO-Rio erschien 1999 zum ersten Mal als Projekt im ASA-Programm auf Initiative von Doris Kempchen, Studentin der Sonderpädagogik in Hannover.
Aufgrund der positiven Erfahrungen der drei ASA-TeilnehmerInnen des letzten Jahres konnte auch dieses Jahr wieder zwei ASA-Stipendiatinnen die Möglichkeit zum dreimonatigen Praktikum im CTO-Rio geboten werden.
Anna, Studentin der Ethnologie und Pädagogik und Tina, Kulturpädagogikstudentin, haben beide eine Zusatzausbildung in der Theaterpädagogik absolviert und sind den Methoden Augusto Boals bereits in theoretischer oder praktischer Auseinandersetzung während ihres Studiums begegnet.
Peter Müller-Rockstroh, Programmleiter des ASA-Programmes handelte im Vorfeld mit dem Team des CTO-Rio, den fünf Curinags, aus, dass es sich in diesem Jahr um ein Süd-Nord-Projekt handeln sollte.
Konkret bedeutet dies, dass nach unserem dreimonatigen Aufenthalt in Brasilien drei der Curingas im November/ Dezember 2000 einen Monat in Deutschland verbringen werden zur Durchführung zahlreicher Workshops, Vorträge und Veranstaltungen zum Theater der Unterdrückten, dem Legislativen Theater und den aktuellen Projekten des CTO-Rio.
Ziel der Tour durch Deutschland ist die Vermittlung der Methoden und der mit ihrer vielfältigen Anwendung verbundenen Erfahrungen in praktisch und theoretisch ausgerichteten Veranstaltungen.
Zur aufwendigen Vorbereitung dieses Projektteiles bildete sich bereits im Februar dieses Jahres ein Organisationsteam aus den ProjektteilnehmerInnen dieses und des vergangenen Jahres, dem Asa-Programmleiter P. Müller-Rockstroh, dem Theatrerpädagogen und curinga Fritz Letsch, sowie einer Praktikantin.
In Koordinationstreffen wurde und wird an der Knüpfung von Kontakten, der Organisation der Workshops und Vorträge etc. gearbeitet.
Der folgende Zwischenbericht beschränkt sich auf die Zusammenfassung und Auswertung unserer bisherigen Erfahrungen während unseres Praktikums im
CTO-Rio, vom 01.08.-04.11. 2000.
Im Exil setzte Boal seine Theaterarbeit fort: in Argentinien entwickelte er das Unsichtbare Theater, die umstrittendste Technik aus dem Arsenal des „Theater der Unterdrückten".
Schauplatz der dramatischen Handlung sind öffentliche Plätze, Verkehrsmittel, Kaufhäuser usw. Die PassantInnen wissen nicht, dass sie ZuschauerInnen einer Theaterszene und daher im gleichen Moment auch AkteurInnen sind, die SchauspielerInnen, die eine Szene provozieren, sind gleichzeitig ZuschauerInnen.
Weitere Techniken entstanden wie z. B. die Simultane Dramaturgie, bei der die SchauspielerInnen auf der Bühne das improvisieren, was die ZuschauerInnen zur Veränderung der Szene vorschlagen, und das Statuentheater (Bildertheater). Hier drücken die ZuschauerInnen ihre Sichtweise durch Statuen aus, die sie mit ihrem und dem Körper anderer Personen formen.
In Peru engagierte sich Boal bei Alphabetieiserungsprogrammen. In diesem Zusammenhang entstand das Forumtheater, die Methode, mit der die Mitarbeiter des CTO- Rio heute hauptsächlich arbeiten: Eine Szene von ca. 20 Minuten wird angespielt, in der eine Unterdrückungssituation dargestellt wird. Der Konflikt spitzt sich im Verlauf der dramatischen Handlung zu und endet damit, dass der oder die ProtagonistIn an seine oder ihre Grenzen stösst und scheitert. Der oder die SpielleiterIn fordert nun das Publikum auf, in die Rolle des Protagonisten zu schlüpfen , Variationen seiner Handlungen zu improvisieren und im Spiel Lösungsmöglichkeiten für den Konflikt zu entwickeln. Anschliessend nimmt der oder die SpielleiterIn den Dialog mit dem Publikum auf und fragt es, ob es den eingebrachten Vorschlag für realisierbar und sinnvoll hält.
Von 1976-1986 lebte Boal in Europa. Dort produzierte er zahlreiche Theaterauffuehrungen, lehrte an Universitäten und gruendete in Paris das erste eigene Theaterzentrum.
Konfrontiert mit Formen von subtiler und internalisierter Unterdrückung der Menschen
(wie Einsamkeit, Kommunikationsschwierigkeiten usw.) entwickelte Boal weitere Techniken, die in die psychotherapeutische Richtung („Polizist im Kopf") gehen, zusammengefasst im Regenbogen der Wünsche.
Von 1993-1996 war Boal Abgeordneter der ArbeiterInnenpartei (PT) im Stadtparlament von Rio. Dadurch hatte er die Möglichkeit, zusammen mit seinen MitarbeiterInnen das Legislatives Theater zu verwirklichen.: Ausgangspunkt ist (bis heute) die Auseinandersetzung von Theatergruppen aus marginalisierten Bevölkerungsschichten mit ihren BürgerInnenrechten. Daraus wurden Forumszenen entwickelt und aufgeführt. Im Forumtheater wurden Gesetzesvorschläge gesammelt, mit Hilfe von Rechtsexperten ausgearbeitet und über Boal ins Parlament eingebracht. Auf diese Weise konnten während der Mandatszeit Boals insgesamt 13 Gesetze verabschiedet werden wie z. B die Einrichtung von behindertengerechten Aufgängen in den Metrostationen oder der Schutz von Zeugen bei Kriminalverbrechen.
Boal und seine Mitarbeiter hatten es geschafft, zu zeigen, dass es möglich ist, die Politik mit den Mitteln des Theaters zu demokratisieren.
1996 erhielt Augusto Boal gemeinsam mit dem Pädagogen Paulo Freire die Ehrendoktorwürde der Universität Nebraska.
Bis heute , mit beinahe 70 Jahren ist Boal in Rio aktiv und reist in alle fünf Kontinente, um das Theater der Unterdrückten weiter zu verbreiten.
2.2 Selbstverständnis und Struktur des CTO
Das Zentrum des Theater der Unterdrückten (CTO-Rio) unter der künstlerischen Leitung von Augusto Boal in Rio de Janeiro ist eine kulturelle, nicht-kommerzielle Organisation und arbeitet für die Demokratisierung der Kultur und die Verbreitung des Theater der Unterdrückten in Brasilien und weltweit.
Seit 1986 ist das CTO-Rio in Brasilien aktiv. In Deutschland verwirklichte das Zentrum unter anderem mit Workshops und Theateraufführungen in Hamburg, Mainz, Frankfurt und Berlin das Projekt "500 Jahre Entdeckung Amerikas". Das CTO-Rio hat an Theaterfestivals in Ägypten und Kanada teilgenommen und in Österreich, England und den Vereinigten Staaten Workshops und Vorträge angeboten. Es kooperiert mit den Praktikumsprogrammen der UNESCO und dem ASA-Programms der Carl-Duisberg-Gesellschaft.
Das CTO- Rio finanziert sich über öffentliche und private Mittel, hauptsächlich wird es durch die Fordstiftung unterstützt.
Im CTO arbeiten fünf SpielleiterInnen (drei Frauen, zwei Männer), "Curingas" (Joker) genannt , die von Augusto Boal ausgebildet wurden, außerdem ein Musiker, ein Bühnenbildner, eine Schneiderin und ein Sekretär. für einen Zeitraum von drei Monaten ist dort weiterhin eine Person angestellt, die das Archiv ordnen und aktualisieren und die Verwaltung und Buchhaltung neu strukturieren soll.
Die künstlerische Leitung hat Augsto Boal inne, die technische Leitung liegt bei Barbara Santos.
Zur Zeit koordiniert das Team des CTO-Rio sechs Theatergruppen, die im Rahmen des Projekts Legislatives Theater zu den unterschiedlichsten Themen arbeiten, u.a. AIDS-Prävention, Rechte von Hausangestellten, Mitbestimmung an der Planung des Haushaltes der Stadt Rio de Janeiro,. Vorbereitung auf die Zulassungsprüfungen zum Universitätsstudium, Rassismus, Gewalt in der Familie, Schwangerschaft von Minderjährigen Homosexualität und Drogen.
Jeweils ein bis zwei Curingas leiten eine Gruppe, mit der sie ein bis zweimal pro Woche proben. Zusammen mit den Gruppen entwickeln sie anhand von Improvisationen kurze Forumtheatersstücke, die den Dialog mit dem Publikum einleiten.
Darüber hinaus bietet das CTO-Rio Workshops und Fortbildungskurse für andere Gruppen des Theater der Unterdrückten (z.B. in São Paulo), Institutionen (z. B. Schulen) und Nichtregierungsorganisationen an und organisiert Seminare, Festivals.und Konferenzen.
3. Os Grupos Populares
3.3.1 Vorstellung der Theatergruppen
CIA. PARTICIPATIVA
eine Gruppe, die grösstenteils aus Studenten besteht, die aus der Bewegung des "Orçamento paricipativo" kommen. Dabei geht es um die Beteiligung der BürgerInnen an der Entscheidung über die Verteilung der Gelder des öffentlichen Haushaltes. Dieses Modell wird von der regierenden Arbeiterpartei (PT) in Porto Alegre (Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande do Sul) praktiziert. Das Ziel der Bewegung ist es, die Demokratisierung des öffentlichen Haushaltes auch in Rio umzusetzen. Das Theaterstück möchte die Bedeutung der Partizipation der BürgerInnen aufzeigen und die ZuschauerInnen zum Engagement anregen.
CORPO EM CENA
eine Gruppe von Jugendlichen in einer Favela (Armenviertel), die in ihrem Stück die Schwierigkeiten darstellen, kostenlose Kurse zur Vorbereitung auf die Universität zu organisieren. Ein weiteres Thema ist die Diskriminierung und Gewaltanwendung der Polizei gegenüber den BewohnerInnen der Gegend.
MARIAS DO BRASIL
eine Gruppe von Hausangestellten, die ihre eigene Lebensgeschichte erzahlen, wie sie aus dem Nordosten Brasiliens in der Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben nach Rio gekommen sind und sich nun oft in einem schwierigen Abhängigkeitsverhältnis mit ihren Hausherrinnen befinden.
MARE ARTE
eine Gruppe von Jugendlichen, die in der grössten Favela Rios wohnen und ein Stück zum Thema Gewalt in der Familie und Drogen erarbeitet haben.
ARTEMANHA
eine Gruppe, die zum Teil aus erfahrenen SchauspielerInnen besteht und sozialpolitisch sehr engagiert sind. Themen dieses Stückes sind Vorurteile und Diskriminierung gegenüber Homosexuellen und AIDS- Infizierten .
PANELA DE OPRESSAO
Eine Gruppe von Einwohnern einer Gemeinde im Norden Rios, die gerade mit der Entwicklung eines neuen Stückes zum Thema Unterdrückung der Frau, Vergewaltigung , Schwangerschaft und AIDS begonnen haben.
3.3.2 Von der Gründung einer grupo de teatro popular über die
Probenprozesse bis hin zur Aufführung
Der erste Kontakt mit einer Gruppe entsteht entweder auf Initiative einer schon bestehenden NGO oder Selbsthilfeorganisation oder aber über persönliche Kontakte zu den Mitarbeitern des CTO.
Es wird ein erstes Treffen vereinbart, bei dem die Curingas die Ziele und Arbeitsweise des CTO vorstellen. Wenn möglich, wird dies mit einer Forumtheateraufführung einer anderen "grupo popular" verbunden.
Im nächsten Schritt führen 1-2 Curingas mit den Interessierten einen etwa 12-stündigen Workshop durch, in dem die verschiedenen Methoden aus dem Arsenal des Theater der Unterdrückten exemplarisch angewandt werden. Am Ende des Workshops evaluieren die Teilnehmenden und die Curingas gemeinsam die realisierte Arbeit und diskutieren über Möglichkeiten und Bedingungen einer zukünftigen kontinuierlichen Theaterarbeit.
Ist dies geklärt, werden Probentermine vereinbart und, nach einer Einführungsphase in die Welt des Theaters, einigen sich die Teilnehmenden auf ein Thema, das ihrer eigenen Lebensrealität entspricht. Die Gruppe setzt sich zusammen und die Teilnehmenden erzählen sich gegenseitig Situationen erlebter Unterdrückung. Eine oder mehrere Geschichten, die sich besonders für eine Theaterszene eigenen, werden ausgewählt, die einzelnen Charaktere werden bestimmt, und der Hauptkonflikt wird benannt.
Mit diesen Geschichten als Ausgangsbasis improvisieren die Gruppenmitglieder verschiedene Szenen, die sich aus den Aspekten des Grundthemas ergeben.
Zusammen mit den Curingas stellt die Gruppe eine logische Sequenz der einzelnen Szenen her. Mithilfe der vielfältigen Übungen aus dem Repertoire des Theater der Unterdrückten werden Bilder, Geräusche, Bewegungen kreiert und die Grundhaltungen, Eigenarten, Verhaltensweisen und Ideologien der Charaktere entwickelt.
Jede Schauspielerin und jeder Schauspieler schlüpft in die Rolle verschiedener Charaktere. Auf diese Weise entstehen unterschiedliche Interpretationen und Dialoge derselben Szene.
Zu dieser Probenphase gehört auch, dass die Gruppenmitglieder Dialoge und markante Sätze aus den Improvisationen zu Papier bringen und auf diese Weise lernen, eigene Texte produzieren.
Der Curinga stellt aus den Aufzeichnungen der Teilnehmenden einen zusammenhängenden Text, überarbeitet ihn nach dramaturgischen Gesichtspunkten und legt das Ergebnis der Gruppe zur Diskussion vor. Augusto Boal und die anderen Curingas lesen und analysieren den Text ebenfalls, bis schliesslich eine (vorläufige) Endfassung entsteht, auf deren Basis weitergearbeitet werden kann.
Die Rollen werden nach den Wünschen der einzelnen und in Abstimmung mit der Gruppe festgelegt und alle lernen ihre Rollen auswendig.
Nun beginnen die Szenenproben. Unter der Anleitung des Curinga arbeiten die SchauspielerInnen mit den verschiedenen Probentechniken des Theater der Unterdrückten.
Ein Beispiel für eine solche Probentechnik ist "Para e pensa" ( Stopp und denke nach): Der Curinga unterbricht die Szene und auf sein Kommando sprechen alle SchauspielerInnen gleichzeitig ihre Gedanken als Charaktere, laut aus. Anschliessend wird die Szene wieder weitergespielt.
Bei einer anderen Technik einigt sich die Gruppe auf ein charakteristisches Tier für jede Rolle.
Die SchauspielerInnen stellen die Szene dar, behalten aber die für die Tiere carakteristischen Verhaltensweisen.
Eine weitere Technik ist das Rolleninterview: Die Szene darf vom Publikum jederzeit unterbrochen werden und die ZuschauerInnen stellen Fragen an die SchauspielerInnen, die ihnen zur Erschliessung der Charaktere wichtig erscheinen.
Durch die Anwendung dieser und weiterer Probentechniken werden die zentralen Konflikte des Stückes weiter herausgearbeitet, und die Rollen werden vertieft.
Ausserdem experimentiert die Gruppe mit unterschiedlichen theatralen Mitteln. Forumtheaterszenen werden simuliert, um die Improvisationsfähigkeit der SchauspielerInnen zu trainieren.
Die Kunst des Theaters ist es, laut Boal, ein Bild der Realität zu schaffen, ohne die Realität zu reproduzieren. Wichtig ist, dass das Stück eine ästhetische Qualität besitzt und ein Thema behandelt, das von allgemeinem sozialen Interesse ist.
Wenn das Stück in seinen Grundzügen steht, werden Augusto Boal und die anderen Curingas zu einer Probe eingeladen, in einem weiteren Schritt auch andere ausgewählte ZuschauerInnen, die mit der Problematik des Stückes vertraut sind. Im Forumtheater können die SchauspielerInnen den Dialog mit dem Publikum üben. Auf Kritik und Anregungen von den ZuschauerInnen hin wird das Stück weiterentwickelt.
Parallel dazu entwerfen die Gruppenmitglieder mit den Spezialisten, Kostüme, Bühnenbild und Requisiten, die vorwiegend aus Recyclingmaterial ( leeren Flaschen, Dosen, Pappe usw.) entstehen.
Schliesslich verfasst der Curinga, (manchmal auch ein Gruppenmitglied) eine Projektbeschreibung und schickt diese an verschiedene Institutionen, Schulen, Initiativen usw.. Kontakte werden geknüpft, bis es zu einer ersten öffentlichen Forumtheateraufführung kommt. Auch nach den Aufführungen arbeitet die Gruppe am Stück weiter und übt unterschiedliche Rollenbesetzungen ein.
Die Dauer eines solchen Probenprozesses variiert, je nach Gruppe zwischen drei Monaten und zwei Jahren.
4. Praktikumsablauf
4.1 Struktur des Praktikums
In einem ersten Treffen am Dienstag, dem 12.10.2000 können wir die curingas endlich persönlich kennenlernen: Claudete, Barbara, Helen, Geo und Olivar.
Nach einer kurzen Vorstellungsrunde werden wir gebeten, über uns zu erzählen:
wer wir sind, was unsere beruflichen Hintergründe und Erfahrungen sind, warum wir uns auf dieses Projekt des ASA-Programmes beworben haben und warum wir glauben, als StipendiatInnen ausgewählt worden zu sein....
Wir sollen unsere Erwartungen an das Praktikum vorstellen und wie wir glauben, uns in die Aktivitäten des CTO einbringen zu können.
Neben unserem Wunsch, soweit wie möglich in jegliche praktischen Erfahrungen aktiv miteingebunden zu sein, erwähne ich mein Interesse, nach Möglichkeit bei Aktivitäten im Bereich des Bühnenbildes mitzuwirken, da dies ein Bereich ist, in dem ich meine Fähigkeiten gerne vertiefen würde und die Bühnenbilder der Grupos Populares einer für Boals Theater "sehr typischen" Ästhetik entsprechen.
Die curingas weisen uns daraufhin, dass sie prinzipiell für alles offen seien und sie besonders an einem Austausch mit den PraktikantInnen des CTO interessiert seien und sie daher besonderen Wert auf Feedbacks aus der Perspektive der "Fremden" eines ganz anderen Erfahrungshorizontes legten.
Die Aufgaben, die von einzelnen PraktiantInnen schon übernommen wurden, seien sehr unterschiedlich und abhängig von den Interessen des Einzelnen und der Zusammenarbeit mit dem jeweiligen curinga.
Gleich zu Beginn machten sie uns darauf aufmerksam, dass der Alltag der curingas zwar ein sehr hektischer sei, wir aber nicht scheuen sollten, sie anzusprechen und mit unseren Fragen und Zweifeln zu "bombardieren".
Das CTO bietet seinen Praktikanten ein Grundmuster zum Verlauf von Praktika:
während der ersten zwei Wochen sollen die PraktikantInnen an den Proben aller sechs Grupos Populares teilnehmen, um nach dieser Kennenlernphase zwei Gruppen zur intensiven Begleitung auszusuchen.
Zu Beginn der Woche teilt Claudete als Ansprechpartnerin den Terminkalender für die bevorstehende Woche mit.
Einmal wöchentlich, meistens Montags, haben die PraktikantInnen die Möglichkeit während einer Stunde mit allen fünf curingas zusammen über Erlebtes zu berichten, zu reflektieren, nachzufragen und über theoretische Zusammenhänge zu diskutieren.
Dieses Grundprogramm findet seine Ergänzung in den aussergewöhnlichen Veranstaltungen, die von Woche zu Woche variieren.
Dazu gehören die Aufführungen der Grupos Populares, die nicht allzu selten sind, Workshops, Seminare und Kongresse.
Zu Beginn des Praktikums soll den PraktikantInnen eigentlich ein Fragebogen ausgeteilt werden, in dem sie Ideen, Wünsche und Vorschläge zum Praktikumsverlauf einbringen können. Leider erhielten wir diesen Fragebogen erst nach zwei Monaten.
4.1.1 Probenbegleitung bei den Grupos Populares
Während der ersten zwei Wochen nehmen wir also an den Proben der sechs verschiedenen Grupos Populares teil, die je ein-bis zweimal wöchentlich stattfinden.
Einige der Proben finden im Probenraum des CTO statt, andere in Öffentlichen Räumen in den Gemeinden der Gruppenmitglieder, die meistens in weit enfernten Stadtteilen, in favelas (bras. Armenviertel) liegen.
Jeder curinga lässt dem gegenseitigen Kennenlernen viel Raum und Zeit.
In den Gruppen, die wir besuchen, stellen uns vor und berichten von unseren Erfahrungen mit Theater und unserem Interesse an ihrer Arbeit. Die Teilnehmer erzählen auf Aufforderung des curinga, wie sie zur Teilnahme in einer der Gruppen des CTO gekommen sind und was das Theater spielen für sie ganz persönlich bedeutet. Wir sind beeindruckt von den authentischen Aussagen der Teilnehmenden, wie das Theater spielen und insbesondere das Theater der Unterdrückten mit seiner speziellen Aufführungsform das Leben der Einzelnen verändert hat.
Viele berichten, wie sie durch das Theaterspielen Hemmungen und Schüchternheit überwunden und statt dessen gelernt haben, sich als selbstbewusste und verantwortungsvolle Menschen mit einem Recht auf Meinungsäusserung zu verstehen. Dieser Prozess des Einzelnen gehört zu dem Aliegen der curingas, zur Demokratisierung der Gesellschaft, das heisst zur Entwicklung einer bewussteren und kritischeren Menschheit beizutragen.
Während der Probenbegleitungen haben wir die Möglichkeit, die zahlreichen Aufwärmspiele und Probentechniken in der Praxis kenennzulernen, die Boal in dem Buch
Jogos para atores e nao-atores ( Spiele für Schauspieler und Laien) zuammengefasst hat.
Die Spiele und Techniken, die die curingas in den verschiedenen Gruppen anwenden, sind prinzipiell die gleichen.
Die jeweiligen Probenprozesse, Themen und Motivationen der Teilnehmenden variieren jedoch so stark, dass sich die gleichen Techniken in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen zu vielfältigen Arbeitsweisen entwickelt haben.
Die Kenenlernphase der sechs Gruppen sollte sich eigentlich auf zwei Wochen beschränken, dehnt sich aber in unserem Fall auf fast 4 Wochen aus, da verschiedene andere Aktivitäten stattfinden, an denen wir teilnehmen können.
Anna und ich entscheiden uns beide zur Begleitung der Proben der Gruppe Panela de Opressão, da uns der Probenprozess dieser Gruppe die Beobachtung der Entwicklung eines Stückes von Anfang an ermöglicht.
Wir haben somit nicht nur die Gelegenheit, einen intensiven Einblick in den dramaturgischen Aufbau der Stücke des Theater der Unterdrückten und die Entwicklung der Szenen zu bekommen, sondern sind auch durch die Offenheit des Prozesses zu Beginn der Proben sehr aktiv in die Theaterarbeit miteinbezogen.
Da es noch keinen festen Handlungsablauf und keine verteilten Rollen gibt, sondern alle gemeinsam in Improvisationen zu den ausgewählten Themen beitragen, sind auch wir, wenn auch weniger intensiv als die Gruppenteilnehmer, an der Entwicklung der Szenen beteiligt.
Einige Male leiten wir Spiele während der Aufwärmphase an und nehmen an den Improvisationen und Diskussionen teil.
Das Rollenverhältnis ist hier jedoch manchmal schwierig für uns.
Als Teilnehmende haben wir doch nicht das gleiche Recht bzw. die gleiche Position wie die Gruppenmitglieder selbst und sind auch durch die Verwicklung in den Gruppenprozess von der Rolle des Beobachtenden entfernt.
Eine engere Zusammenarbeit mit den curingas ist weder hier noch in den anderen von uns ausgewählten Gruppen möglich.
Diesen Umstand bedauern wir sehr, da uns so ein intensiverer Lernprozess durch eine gemeinsame Zusammenarbeit im Hinblick auf Probenvorbereitung, Gruppenanleitung und Dramaturgiearbeit an den Stücken verwehrt bleibt.
Dennoch gibt uns die Teilnahme am Probenprozess der Gruppe Panela de Opressão einen exemplarischen Einblick in die Entwicklung eines Forumtheaterstückes, das gegen Ende unseres Prakikums zu einer ersten Endfassung fertiggestellt sein wird.
Zur Begleitung der Proben einer weiteren Gruppe entscheiden wir uns für zwei unterschiedliche, Artemanha (Anna) und Maré Arte (Tina).
Einerseits, da wir so unsere Erfahrungen gegenseitig austauschen können, andererseits, da wir uns von der Aufteilung auf verschiedene Gruppen eine Intensivierung unserer Teilnahme an den Probenprozessen und in der Zusammenarbeit mit dem curinga, sowie unserer Integration in die Gruppe, erhoffen.
Aus verschiedenen Gründen erfüllt sich diese Hoffnung kaum.
Die Proben der Gruppe Artemanha befinden sich in einem sehr fortgeschrittenem Stadium, da die Gruppe schon seit etwa zwei Jahren mit dem inhaltlich und ästhetisch gut ausgearbeitetem Stück Fruto Proibido auftritt. Im derzeitigen Probenprozess wird mit verschiedenen von Boal entwickelten Probetechniken an der Vertiefung der Rollen gearbeitet bzw. erarbeitet sich jeder Schauspieler die übernahme einer zweiten Rolle, um so zu Aufführungsterminen die Rollen je nach Verfügbarkeit der Schauspieler austauschen zu können.
Charakteristisch für die aktuelle Arbeit der Gruppe sind auch die besonders vielen öffentlichen Aufführungen, bei denen das das Theater der Unterdrückten kennzeichnenste Element, das Forumtheater, immer wieder live erlebt werden kann.
Die Arbeitsweise der curinga ist eine sehr konzentrierte, bei der die Rolle des Praktikanten eindeutig eher die des Beobachtenden ist.
Die Gruppe Maré Arte wiederum befindet sich in einem ganz anderen Moment des Probenprozesses.
Die Jugendlichen der Favela da Mare arbeiten seit ca. 1 ½ Jahren zusammen und hatten bereits ein Stück entwickelt, mit dem sie auftraten.
Bei den Aufführungen aber stellten sie fest, dass das Stück inhaltlich nicht das vermitttelte, was sie beabsichtigten, so dass sie sich entschlossen, das Stück noch einmal ganz neu zu überarbeiten und eine neue Texfassung zu entwerfen.
Im momentanen Probenprozess wird an der Inszenierung der überarbeiteten Fassung des Stückes gearbeitet.
Die äusseren Bedingungen der Gruppe, wie die Probe in der favela und eine nicht sehr homogene Gruppenzusammensetzung tragen zu zahlreichen Schwierigkeiten bzw. zur Verlangsamung des Probenprozesses bei.
Da die Gruppenatmosphäre hier in verschiedenen Aspekten zu Beginn meiner Probenbegleitung konfliktbeladen war, und aber auch aufgrund der Tatsache, dass das Stück bereits geschrieben und die Rollen verteilt sind, ist meine Rolle im Probenprozess eine passive beobachtende.
Mit meiner Begleitung des Probenprozesses dieser Gruppe hatte ich mir ein intensiveres Einbringen meiner eigenen thäterpädagogischen Fähigkeiten und Kenntnisse in Zusammenarbeit mit dem leitenden curinga erhofft.
Diese Hoffnung hat sich leider nicht erfüllen können, so dass ich meine Probenteilnahme hier in vielen Momenten eher als frustrierend erlebe.
Prinzipiell gehört es nicht zum Konzept des CTO oder der curingas, mit den Praktikanten eine Art von Kooperation zu entwickeln, sondern der Praktikant wird eher als Beobachter verstanden, mit dem ein Austausch zwar erwünschenswert, praktisch aber schwer realisierbar ist.
über unsere Teilnahme an den Proben der ausgewählten Gruppen hinaus nehmen wir nicht nur an den Aufführungen der verschiedenen anderen Gruppen teil, sondern auch an den Seminaren und Kongressen, die ausserhalb des gewöhnlichen Wochenplanes stattfinden.
4.1.2 Teilnahme an weiteren Aktivitäten des CTO
(Seminare, Workshops und Kongresse)
Bereits in unserer zweiten Praktikumswoche haben wir die einmalige Möglichkeit, an einem Einführungsworkshop in die Methoden des Theater der Unterdrückten teilzunehmen, der als Fortbildungsveranstaltung für SonderschullehrerInnen auf Initiative des Sekretariates für Kultur und Bildung der Stadt Betim, Bundesstaat Minas Gerais, organisiert und von zwei curingas des CTO durchgeführt wird.
In dem viertägigen Workshop werden die Teilnehmenden in der ersten Phase durch zahlreiche Sensibilisierugnsspiele an das Theater der Unterdrückten herangeführt, um dann in der zweiten Phase eigenen Geschichten der Unterdrückung nachzuspüren, die exemplarisch zu Formumtheaterstücken entwickelt und anschliessend vor den anderen Gruppenmitgliedern aufgeführt werden.
Während der Woche erhalten wir einen ersten überblick über die Herangehensweise des Theater der Unterdrückten zur Entwicklung eines Forumtheaterstückes, in sehr komprimierter und strukturierter Art und Weise.
Unsere Rolle während des Workshops ist die der aktiven Beobachtung bzw. eingeschränkten Teilnahme.
In der öffentlichen Abschlussveranstaltung ist A.Boal persönlich anwesend und wir können die Geschichte der Entwicklung des Theater der Unterdrückten, wie sie in verschiedenen Büchern Boals aufgeschrieben ist, aus seinen Erzählungen "live" geniessen.
Im Anschluss an die Rede werden wir Boal persönlich vorgestellt.
Gleich in der dararauffolgenden Woche findet das 1. Nationale Curingaseminar in Rio de Janeiro statt.
Die Teilnehmenden, die in verschiedenen Bundesstaaten Brasiliens bereits mit den Methoden des Theater der Unterdrückten arbeiten, haben die Möglichkeit, na einem Wochenende eine Art curingatraining von Boal und den erfahrenen curingas des CTO zu erhalten.
Das Seminar ist sehr interessant, da die Vielzahl der Teilnehmenden die Bandbreite der Verwendung des Theater der Unterdrückten in verschiedenen Bereichen verdeutlicht.
Die Auseinandersetzung mit der Dramaturgie der Forumtheaterstücke und der Rolle des curinga erfolgt auf einem fortgeschrittenem Niveau.
In einer Art Laborsituation werden in den zwei Tagen Forumtheaterstücke entwickelt und in den abschliessenden Foren die Probentechniken sowie die Leitung des Forums durch den curinga analysiert.
Unsere Rolle ist die der aktiven Beobachtung.
Wir erhalten Einblick in viele theorethische und praktische Zusammenhänge bzgl. der Rolle des curingas und des Forums, die wir in einem Protokoll zusammenfassen,d as alle Teilnehmenden erhalten sollen.
Die folgenden zwei Wochen sind sehr spannend für uns, da es uns auf mehrmaliges Nachfragen hin gelingt, an einem Laboratorium teilzunehmen, das Boal mit den curingas und ausgeählten Personen aus den Grupos Populares durchführt.
An sechs Nachmittagen sind auch wir Praktikantinnen "gleichberechtigte" TeilnehmerInnen in den praktishcen Übungen.
Mit den neueren Techniken des Regenbogens der Wünsche arbeitet Boal mit uns zu dem Thema Familienbeziehungen.
Durch die intensive praktische Teilnahme erhalten wir nicht nur einen tieferen Einblick in Boals Arbeitsweise, mit dem wir immer wieder in aller Offenheit unsere Eindrücke und Erfahrungen austauschen und Fragen klären können, sondern auch eine intensive Einführung in die neueren Techniken Boals, die sich mehr in dem Bereich Theater und Therapie bewegen.
Leider wird es während unseres Aufenthaltes nicht mehr zur geplanten Fortführung des Workshops kommen.
Ein grosses Ereignis während unseres Aufenthaltes ist die II. Internationale Konferenz zum Legislativen Theater in Recife.
Die Konferenz, vom British Council gesponsort, hat zum Ziel, weltweit in sozialpolitischen Theaterprojekten tätige Theaterpädagogen zu einem gemeinsamen Erfahrungs- und Methodenaustausch zusammenzubringen.
Der Konferenz voraus geht ein vom CTO durchgeführter Einführugnsworkshop in die Methoden des Theater der Unterdrükckten mit Studierenden und Berufstätigen in der JustizJustizbereich, die innerhalb eines Projektes zur Anwednung der Theatermethoden diese Fortbildung erhalten sollen.
Im September und Oktober wird an je einem Samstag des Monats ein Fortbildungsworkshop mit Teilnehmenden aus den Grupos Populares gemeinsam von allen curingas durchgeführt.
Aus jeder Theatergruppe nehmen pro Workshop etwa drei Teilnehmer teil, so dass die Gesamtgruppe eine Mischung der Gruppenmitglieder aller sechs Gruppen ergibt.
Neben dem Ziel der Intensivierung des Kontaktes der verschiedenen Gruppen untereinander, beabsichtigen die curingas die Auswahl einiger Gruppenmitglieder, um diese in einem intensiven Training zu curingas auszubilden.
Unsere Teilnahme am Seminar ist eher beobachtend.
Die Teilnehmer entwickeln auch hier exemplarische Forumtheaterstücke aus erlebten Geschichten und haben die Möglichkeit, sich in einem ersten Versuch als curinga in der Forumsituation auszuprobieren.
Die sich entwickelnde Solidarität und Intimität der verschiedenen Mitglieder untereinander miterleben zu können, ist ein besonderes Geschenk für uns.
5. Zwischenauswertung
5.1 Persönliche Bewertung der bisherigen Erfahrungen
Obwohl Anna und ich prinzipiell die gleichen Erfahrungen während des Praktikums und an den gleichen Aktivitäten teilnehmen, möchten wir aufgrund der persönlich doch variierenden Empfindungsebene unsere Bewertung des bisherigen Praktikums in persönlichen Stellungnahmen kurz zusammenfassen.
Anna
Das Praktikum im Zentrum des Theater der Unterdrückten stellt für mich eine einmalige Gelegenheit dar, die Theorie und Praxis Augusto Boals aus eigener Erfahrung kennenzulernen.
Einzigartig war daher der Fortbildungskurs über die Methoden des "Regenbogen der Wünsche" mit Boal selbst, da wir Boal bei der Praktizierung der von ihm entwickelten Theorie erleben konnten.
Die Interviews mit Augusto Boal, die Arbeitsreffen und die Gespräche mit den Curingas sind für mich besonders interessant, um über die Erlebnisse während das Praktikums, zu reflektieren und mein Verständnis von der Theorie und Praxis des TdU fortwährend zu erweitern.
Ausserdem hatten wir das Glück, während unseres Praktikums an mehrerem besonderen Veranstaltungen teilnehmen zu können, wie etwa der Einführungsworkshop in Betim, das 1. Nationale Curingaseminar in Rio, die 2. Internationale Konferenz zu politischem Theater in Recife oder der Fortbildungsworkshop für die Mitglieder aus den Grupos Populares.
Die intensive Begleitung der einzelnen Gruppen erlaubten uns einen tieferen Einblick in die Lebensrealität der Menschen und machten mir die grosse Bedeutung, die das Theater für die einzelnen Personen in allen Lebensbereichen hat, klar.
Die Curingas erlebe ich meistens als sehr aufgeschlossen und hilfsbereit. Leider stehen sie oft unter Zeitdruck und so bleibt die Zeit, die sie für uns zur Verfügung haben, immer sehr begrenzt. Auch der Erfahrungsaustausch, dessen Bedeutung sie in unserem Anfangsgespräch so hervorgehoben hatten, war sehr einseitig, so dass wir zwar die Möglichleit hatten, Fragen zu stellen, das Interesse der Curingas an unseren Erfahrungen imTheaterbereich aber sehr begrenzt blieb.
Obwohl es mir Spass macht, an den Übungen und Improvisationen in den Gruppen teilzunehmen und den Probenprozess mitzuverfolgen, ist es manchmal schwierig, mit meiner Rolle als Praktikantin umzugehen. Es bleibt ein ständiges Ausbalancieren zwischen eher passiver Beobachtung und aktiver Teilnahme. Auch hatte ich mir mehr Zusammenarbeit mit den Curingas in den einzelnen Gruppen erhofft. In die Planung und Vorbereitung der Proben sowie in die dramaturgische Arbeit wurden wir kaum miteinbezogen. Wir konnten zwar bei allen Aktivitäten dabei sein, der Blick"hinter die Kulissen fehltejedoch.
Drei Monate Praktikum sind ausreichend, um einen Einblick in die Aktivitaten des CTO zu erhalten, einen Eindruck davon zu bekommen, was das Theater der Unterdrückten sowohl für den einzelnen als auch gesellschaftspolitisch bewegen kann und viele Anregungen für die eigene Theaterarbeit mit nach Deutschland zu nehmen. Um tiefer in die Arbeit der Gruppen einzutauchen und längerfristig mitzuwirken ist diese Zeit natürlich zu kurz.
Tina
Mein bisheriges Praktikum im CTO konnte mir zweifelsohne ein tiefgründiges Verständnis des Theater der Unterdrückten vermitteln.
Ich habe nicht nur seine Geschichte, Methoden und Techniken sowie seinen Begründer Augusto Boal persönlich kennenlernen können, sondern auch die Umsetzung der Theorie in der aktuellen Wirklichkeit erleben dürfen.
Diese einmalige Möfglichkeit weiss ich sehr zu schätzen und bin mir sicher, dass ich viele der beobachteten Methoden in meine zukünftige Theaterpädagogische Arbeit einbringen werde.
Durch die teilnahem an den Proben wurde ich für neue Perspektiven im Umgang mit den Teilnehmern der Grupos Populares geöffnet, was mich unter anderem wieder ein Stück mehr von der brasilianischen Gesellschaft sowie inner- und ausserpolitischer Zusammenhänge verstehen liess.
Andrerseits bin ich enttäuscht von den immer wieder spürbaren Grenzen seitens der curinga, auf die ich während der letzten Wochen immer wieder stiess. Meine anfängliche Motivation wurde dadurch stark gedämpft und ich geriet zeitweilig in einen Motivations- udn Rollenkonflikt, wie ich mich als Praktikantin im CTO positionieren soll bzw. wo und wie meine Erwartungen und die des CTO bzw. ASA-Programmes zusammenfliesssen könnten.
Diese |Erfahrung ist in Praktika sicherlich keine seltene, aber doch in gewissem Masse eine frustrierende.
In vielen Momenten habe ich (und auch andere PraktikantInnen) den Dialog mit den Curingas als einseitig erlebt. Der Zugang zu einer tieferen Analyse beobachteter Prozesse war mit oft nicht möglich.
Dieses mag verschiedene Gründe haben. Die curingas sind stark beschäftigt, so dass Gespräche eigentlich nur unter Zeitdruck möglich sind, was eine Annäherung der Gesprächspartner bereits verhindert. Die grosse Fluktuation von PraktikantInnen dürfte ihrerseits schon zu eienr gewissen Ermüdung beigetragen haben, so dass ein wirkliches Interesse an und Einlassen auf uns auf wenig Motivation ihrerseits stossen dürfte.
Andrerseits war meine Vorstellung von einem Praktikum im CTO nicht vordergründig diejenige, als Forscherin" mit einem Untersuchungsinteresse dort für einige "Monate na den Aktivitäten teilnehmen zu können, sondern dei Möglichkeit zu haben, in Einbezug in die Aktivitäten des CTO in einer Art persönlicher Zusammenarbeit mit einigen der Curingas die Techniken des TDU kennenlernen zu können.
Den Zeitraum von drei Monaten von Asa-Aufenthalten Hlte ich für eher ungünstig, der Aufenthalt über einen kurzen Studienaufenthalt hinausgeht, ein intensiverer Einbezug in die Tätigkeiten der Praktikumsinstitution jedoch ebenfalls nicht möglich ist.
In den letzten Wochen haben sich aber dennoch einige interessante Diskussionen mit den Curingas ergeben, die viele interessante theoretische Zusammenhänge aufwarfen.
6. Ausblick
In den letzten Wochen unseres Aufenthaltes konzentrieren wir uns auf die durchführung von Interviews mit den Curingas, um so einen tieferen Einblick in die Arbeitsmotivationen und Hintergründe jedes Einzelnen zu bekommen.
Ebenso werden wir die Möglichkeit haben, an der Endprobenphase und Fertigstellung des neuen Stückes der Gruppe Panela de Opressão teilnehmen zu können.
Einen runden Abshcluss wird die Teilnahme am Festel ermöglichen, das alljährliche Festival des CTO, bei dem alle Grupos Populares ihre Stücke aufführen werden.
Der Südteil unseres Projektes wird damit beendet sein.
Am 23. 11.00 werden wir dann die erste Curinga in Deutschland empfangen dürfen, gemeinsam mit unseren Vorbereitungsgruppe aus Deutschland, um die einmonatige Tour mit den Curingas durchzuführen.