"Wieviele Lichter sehen Sie...?"
Rache macht ein großes Recht zum noch größeren Unrecht
Mit müden Bewegungen knöpfte Captain Jean-Luc Picard den Kragen seiner Galauniform zu. Hätte er dem Spiegel vor sich auch nur einen einzigen Blick gegönnt, hätte er darin das Gesicht eines Mannes erblickt, dem anzusehen war, daß er sich nicht gerade in bester Verfassung befand. Kein Wunder, wenn man bedachte, daß er seit drei Monaten fast keine Nacht mehr richtig geschlafen hatte. Rein körperlich gesehen fehlte ihm nichts, wenn man einmal von den physischen Folgen des andauernden Schlafmangels absah, doch sein psychischer Zustand machte ihm schwerer zu schaffen, als er jemals zugegeben hätte.
Wohl bemerkte er die besorgten Blicke, mit denen Beverly Crusher ihn desöfteren musterte und die darin enthaltene Aufforderung, sich ihr anzuvertrauen. Doch es war ihm noch nie leichtgefallen, seine Gefühle und Ängste einem anderen zu offenbaren. Nicht einmal Counselor Troi wußte etwas von den schrecklichen Alpträumen, die ihn Nacht für Nacht quälten seit jener schicksalshaften Mission auf Celtris-3.
Nach seinem furchtbaren Erlebnis bei den Borg hatte er geglaubt, den Gipfel dessen erreicht zu haben, was ein Mensch durchmachen kann, ohne zu sterben oder seinen Verstand zu verlieren. Wie sehr er sich getäuscht hatte, war ihm dann in jenen schier endlosen Tagen klargeworden, in denen er sich in cardassianischer Gefangenschaft befand.
Die Borg hatten sich seines Geistes und seines Körpers bemächtigt, ihn zum Werkzeug der Vernichtung gemacht. Doch bei all dem war da tief in ihm ein Teil gewesen, den sie nicht zu unterwerfen vermochten. Dieser Teil, der es schließlich schaffte, mit Data in Verbindung zu treten und den entscheidenden Hinweis zu geben, der zur Niederlage der Borg führte.
Auf Celtris-3 hingegen ...
Zu spüren wie die eigene Persönlichkeit Stück für Stück unter der Folter zerbrach bis vom Menschen Jean-Luc Picard nichts mehr übrigblieb, als eine erniedrigte, verzweifelte Kreatur, bereit alles zu sagen, alles zu tun, damit die Qual ein Ende habe ...
Das Piepen des Kommunikators unterbrach jäh Picards Gedanken. Mechanisch meldete er sich.
»Captain«, erklang Commander Rikers Stimme. »Bitte entschuldigen Sie Sir, aber das Schiff des cardassianischen Millitärgesandten hat bereits zweimal angefragt, ob wir bereit sind, den Delegierten an Bord der Enterprise zu empfangen. Wenn Sie wünschen, daß ich Sie entschuldige, dann ...«
»Nicht nötig, Nummer Eins. Übermitteln Sie den Cardassianern, daß ich in wenigen Minuten im Transporterraum sein werde, Picard Ende.«
Die Besorgnis in Rikers Stimme war dem Captain nicht entgangen. Einerseits wußte er die Anteilnahme seines ersten Offiziers zu schätzen, andererseits verspürte er einen leichten Anflug von Ärger. Genaugenommen hatte Riker indirekt seinen Zweifel angedeutet, ob er der kommenden Begegnung gewachsen sei. Nun, ich werde ihm zeigen, daß ich dazu in der Lage bin.
Entschlossen wandte Picard sich zum Gehen, als plötzlich ein heller Blitz durch sein Quartier gleißte.
»Bonjour, mon Capitain. Sie ahnen gar nicht, wie ich mich freue Sie wiederzusehen.«
* * *
Commander Riker war anzusehen, daß er sich unbehaglich fühlte. Sein Versuch, Captain Picard die bevorstehende Begegnung zu ersparen war gründlich fehlgeschlagen. Er hätte es besser wissen müssen. Schließlich bewunderte er Picard gerade deswegen, weil dieser die Pflichten stets über die eigenen Wünsche und Bedürfnisse stellte.
Und ein Captain war laut Protokoll nun einmal verpflichtet, jeden Gast vom Status eines Botschafters persönlich an Bord willkommenzuheißen. Nun war ein Millitärgesandter zwar kein Botschafter im üblichen Sinne, hatte jedoch, zumindest nach cardassianischen Maßstäben, den gleichen, wenn nicht gar einen höheren Rang.
Aber selbst wenn der Mann weniger wichtig gewesen wäre, die anstehenden Gespräche mit Vertretern der Föderation auf Sternenbasis 12 waren es auf jeden Fall, betrafen sie doch die Zukunft der im Grenzbereich liegenden Kolonien. Es kursierten Gerüchte darüber, daß der Verlauf der Grenze neu festgelegt werden sollte, eine Vorstellung die vielen mißfiel und den Haß gegen die Cardassianer schürte. Nicht umsonst hatte Admiral Necheyev gerade die Enterprise, das stärkste Schiff der Flotte damit beauftragt, den cardassianischen Delegierten zu befördern. Ein Attentat im Raum der Föderation würde den schwer errungenen Frieden wahrscheinlich auf der Stelle vernichten. Aus diesem Grund hatte der Captain für die Zeit des Aufenthalts des Delegierten an Bord auch Sicherheitsstufe eins angeordnet. Dies erklärte die Anwesenheit von Lieutenant Worf im Transporterraum.
Verstohlen musterte Riker das wie immer völlig ausdrucklose Gesicht des klingonischen Sicherheitschefs und fragte sich unwillkürlich, wie dieser wohl über die Mission denken mochte.
Als hätte er die Gedanken des ersten Offiziers erraten, wandte Worf sich ihm plötzlich mit den Worten zu: »Auch ich wünschte, dieser Auftrag wäre bereits erfüllt, Sir. Daß Admiral Nacheyev ausgerechnet Captain Picard damit betraut hat, spricht nicht gerade für ein hohes Maß an ...«, er zögerte kurz, »Sensibilität«, beendete er dann den Satz.
Völlig verblüfft starrte Riker den Klingonen an. Hätte dieser sich vor seinen Augen in Luft aufgelöst, hätte das nicht mehr Fassungslosigkeit in Riker auslösen können. Gleichzeitig fühlte er einen fast unwiderstehlichen Drang laut loszulachen. Doch ein Blick in das todernste Gesicht des Sichherheitschefs erinnerte ihn gerade noch rechtzeitig daran, daß dieser eine solche Reaktion zweifellos als tödliche Beleidigung seiner Ehre empfunden hätte.
»Mister Worf «, brachte er schließlich heraus. »Verzeihen Sie bitte meine Überraschung, aber ich bin es nicht gewöhnt, derartig, äh, gefühlvolle Äußerungen von Ihnen zu vernehmen. Aber in der Sache haben Sie ganz recht, wenn Sie meinen ...«
»Meine Worte dokumentieren nicht direkt meine Meinung, sondern die von Deanna, ich meine von Counselor Troi, Sir «, unterbrach ihn Worf schroff, mit der Miene eines Mannes, der es zutiefst bedauerte, überhaupt etwas gesagt zu haben.
»Ach ja?« war alles was Riker einfiel. Wie immer, wenn der Klingone seine Neigung für die betazoidische Schiffsberaterin mehr oder weniger deutlich zum Ausdruck brachte, versetzte ihm das einen feinen Stich. Insbesondere, da er das Gefühl nicht loswurde, daß auch Deanna dem wortkargen Sicherheitschef mehr als nur Sympathie entgegenbrachte. Verdammt Will, rief er sich innerlich zur Ordnung. Du hast weiß Gott kein Recht zur Eifersucht. Trotzdem, die Vorstellung, zwischen Worf und Deanna könnte sich etwas anbahnen, mißfiel ihm außerordentlich. Seine widerstreitenden Gefühle spiegelten sich allzu deutlich auf seinem Gesicht ab, das war ihm nur zu gut bewußt.
Während er krampfhaft überlegte, wie er die peinliche Situation überspielen sollte, ließ er seinen Blick nervös durch den Transporterraum schweifen. Dabei bemerkte er erstmals bewußt, den blutjungen Fähnrich, der an der Bedienungskonsole stand. Irgend etwas irritierte ihn. Mit gerunzelter Stirn dachte er darüber nach, was ihn störte, und dann fiel es ihm plötzlich ein.
»Fähnrich?« fragend sah er den jungen Mann an, den er noch niemals vorher zu Gesicht bekommen hatte, was angesichts der großen Besatzungszahl nicht weiter verwunderlich war.
»Harris, Sir.«
»Fähnrich Harris, wie kommt es, daß Sie den Transporter bedienen? Soweit ich mich entsinnen kann, müßte Chief O’Brien doch jetzt Dienst haben.«
»Das ist richtig Sir, aber ...« Der junge Mann wand sich vor Verlegenheit.
Riker war nicht in der Stimmung, Nachsicht zu üben. »Ich warte, Fähnrich.«
»Bitte entschuldigen Sie, Sir. Heute ist der erste Hochzeitstag des Chiefs. Da habe ich ihm angeboten, seine Schicht zu übernehmen, damit er mit seiner Frau feiern kann. Ich hielt es nicht für so wichtig, daß es nötig gewesen wäre, Sie davon in Kenntnis zu setzen.«
»Auf diesem Schiff, Fähnrich, gehört es zu den Aufgaben des ersten Offiziers, über sämtliche Dienstpläne und deren Änderungen unterrichtet zu sein.«
»Natürlich, Sir.« Harris senkte den Blick. »So etwas wird nie wieder vorkommen.«
»Das hoffe ich.« Mit diesen Worten wandte der erste Offizier
seine Aufmerksamkeit erneut der Tür zu. Wo der Captain nur bleibt,
dachte er und wünschte insgeheim, Picard wäre auf seine Anregung,
auf den Empfang zu verzichten, eingegangen.
* * *
»Q!« Picard starrte seinen unerwarteten Gast an, der genau wie er selbst eine Captains-Galauniform trug und sich lässig in einem jener bequemen Sessel räkelte, die zur Standardausstattung eines Offiziersquartier gehörten. »Sie haben mir gerade noch gefehlt!«
»Ts ts, mon Capitain«, erwiderte die Entinität mit tadelndem Tonfall. »Begrüßt man so einen alten Freund?«
»Wir sind keine Freunde. Wann immer Sie an Bord meines Schiffes aufgetaucht sind, gab es nichts als Ärger.«
»Das ist aber gar nicht nett, Jean-Luc und reichlich undankbar, wenn man bedenkt, was ich schon alles für Sie getan habe. Doch so seid ihr Menschen eben. Euer begrenzter Horizont läßt euch nur das sehen, was ihr sehen wollt. Ich möchte wirklich wissen, warum ich mir immer wieder die Mühe mache, mich mit einer so beschränkten, engstirnigen Spezies abzugeben. Indessen, Großzügigkeit ist eben eine meiner Schwächen.«
»Wie schön für Sie, Q. Dann macht es Ihnen sicher auch nichts aus, so großzügig zu sein, mein Schiff zu verlassen. Meine Crew und ich können auf Ihre sogenannten Wohltaten sehr gut verzichten.«
»Touchez, mon Capitain, touchez. Es macht wirklich Spaß, mit Ihnen die Klinge zu kreuzen. Natürlich sind Sie mir als Gegner hoffnungslos unterlegen. Für jemanden mit meinen Fähigkeiten ist es leider aussichtslos, einen ebenbürtigen Gegner zu finden. Was Ihre freundliche Aufforderung angeht, ich habe nicht vor, Sie so schnell schon wieder zu verlassen. Zuvor möchte ich noch Ihrem Treffen beiwohnen.«
»Welchem Treffen?«
»Jetzt enttäuschen Sie mich. Dieser kleine Versuch, mir etwas verheimlichen zu wollen, ist lächerlich und nicht einmal eines Mannes Ihres begrenzten Intellekts würdig. Ich spreche von dem bevorstehenden Empfang dieses, wie nennt ihr Menschen das doch gleich: Millitärdelegierten.«
Es gelang Picard nicht vollständig, seine Verblüffung und sein Erschrecken zu verbergen. Der Gedanken daran, was Q alles anzurichten vermochte, mit welcher Leichtigkeit er den neuen Frieden mit Cardassia durch einen Blick, eine Handbewegung zerstören konnte, ließ den Captain der Enterprise erschaudern.
Mit einem selbstzufriedenden Lächeln auf den Lippen verfolgte die Entinität jede seiner Regungen und genoß augenscheinlich die Situation in vollen Zügen.
»Woher wissen Sie ...«, brachte Picard schließlich mühsam beherrscht hervor.
»Sie sollten sich mittlerweile daran gewöhnt haben, daß es nichts in diesem Universum gibt, daß mir verborgen bleibt«, unterbrach ihn Q mit jenem aufreizend überheblichem Ton, der dem Captain so zuwider war. »Aber Sie haben es ja noch nie verstanden, meine Fähigkeiten richtig zu würdigen. Nicht daß ich Sie dafür verantwortlich machen könnte, dafür fehlt es Ihnen eben an der nötigen Intelligenz. Ein Fehler, den Sie mit dem Rest Ihrer Spezies teilen.«
»Sie wiederholen sich, Q. Kommen Sie endlich zur Sache und sagen Sie, was Sie diesmal von uns wollen. Ich habe weder die Zeit, noch die Lust, mit Ihnen über die Fehler der Menschheit zu diskutieren.«
»Haben Sie es so eilig, Ihren Gast in Glanz und Gloria willkommenzuheißen? Wie dem auch sei, Sie haben recht. Das Thema Unzulänglichkeit der menschlichen Rasse - oder warum ist sie noch nicht ausgestorben, beginnt in der Tat langsam langweilig zu werden. Daher habe ich mich entschlossen, meine Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken, was weitaus interessanter und vor allen Dingen amüsanter zu werden verspricht.«
»Falls Sie vorhaben, die Verhandlungen zu stören, muß ich Sie warnen, daß ich das nicht zulassen werde.«
»Wollen Sie mir etwa drohen, Picard? Welch unglaublich arrogante Selbstüberschätzung. Als ob Sie jemals in der Lage gewesen wären, mich von irgend etwas abzuhalten. Aber wenn es Sie beruhigt, Ihre kindischen Friedensversuche sind viel zu unwichtig, um meiner Beachtung wert zu sein. Sie haben mein Wort, daß ich dieses Mal lediglich als passiver Zuschauer gekommen bin. Ohne die geringste Absicht, Sie oder einen anderen aus Ihrer Crew zu, wie drückte es der bewundernswerte Commander Riker doch bei meinem letzten Besuch so schön aus: quälen. Weder Ihr humorloser erster Offizier, noch dieser unzivilisierte Klingone mit dem wilden Temperament, dem Sie unverständlicherweise gestatten, sich auf Ihrem Schiff ohne Hundeleine und Maulkorb zu bewegen, werden überhaupt bemerken, daß ich mich an Bord der Enterprise befinde. Sie werden der einzige sein, der mich sehen kann. Und wenn ich mir einen Rat erlauben darf, Sie sollten sich sobald andere dabei sind bei Ihrer Unterhaltung mit mir auf eine rein gedankliche Kommunikation beschränken. Es wäre doch zu schade, würde der hochverdiente Captain des stärksten Föderationsschiffes schmählich in einer Zwangsjacke enden, weil er mit der Luft zu reden pflegt. Ich sehe schon Dr. Crushers medizinisches Logbuch vor mir: Sternzeit: bla, bla ...; heute drei Beinbrüche geschient, fünf Pflaster aufgeklebt, den lieben Jean-Luc in die Klappsmühle eingewiesen ... Und dann Ihre Kollegen von der Sternenflotte: Admiral, haben Sie schon gehört? Ja, ja der arme Picard, hat ein schlimmes Ende mit ihm genommen ... wahrhaft peinlich!«
Picard wußte nicht so recht, ob er sich angesichts der Versicherung von Q erleichtert fühlen sollte. Andererseits hatte er ohnehin keine andere Wahl, als darauf zu vertrauen, daß Q sich an sein Versprechen hielt. »Also gut, ich hoffe, daß Sie dieses eine Mal ehrlich sind.«
»So mißtrauisch, Jean-Luc? Wäre ich nicht von Natur aus über derart kindliche Emotionen erhaben, könnte ich jetzt glatt beleidigt sein. Nun, ich werde Ihnen beweisen, daß ich keinerlei unlautere Absichten hege. Durch unser kleines aufschlußreiches Gespräch habe ich Sie aufgehalten. Erlauben Sie, daß ich diesen Zeitverlust ausgleiche.«
Bei diesen Worten schnippte Q lässig mit den Fingern, ein helles
Gleißen und im nächsten Moment standen sie direkt vor der Tür
zum Transporterraum.
* * *
Commander Riker wünschte sich Lichtjahre weg und verfluchte im Stillen Admiral Necheyev und diese ganze Mission.
Mittlerweile war eine dritte Anfrage des cardassianischen Schiffes eingegangen, deren ausgesucht höflicher Ton keinen Zweifel daran gelassen hatte, daß die Geduld des Delegierten langsam zu Ende war und jede weitere Verzögerung unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen würde.
So sehr es Riker auch persönlich widerstrebte, seinen kommandierenden Offizier zur Eile zu drängen, wußte er doch, daß die gegenwärtige Situation ihm keine Wahl ließ. Gerade, als er mit einem tiefen Seufzer erneut nach seinem Kommunikator griff, öffnete sich die Tür und ein sichtlich erregter Picard betrat den Raum.
»Captain ...«, begann Riker, wobei die Erleichterung in seiner Stimme nicht zu überhören war. »Was ...«
»Später, Nummer Eins. Wir wollen unseren Gast nicht noch länger warten lassen.« Picards Hand glitt zum Kommunikator. »Brücke, geben Sie den Cardassianern Bescheid, daß wir nunmehr der Ankunft ihres Gesandten entgegensehen und drücken Sie ihnen nochmals unser Bedauern darüber aus, daß wir ihn nicht eher an Bord der Enterprise empfangen konnten. Picard Ende .«
Wenig später rematerialisierte die Gestalt des cardassianischen Millitärdelegierten in einem bläulichem Schimmern.
»Mein lieber Captain Picard, Sie ahnen gar nicht wie ich mich
freue, Sie wiederzusehen.«
* * *
Counselor Deanna Troi saß allein an einem der kleinen Nischentische in Zehn Vorn. Vor ihr stand ein riesiger Becher, bis zum Rand gefüllt mit cremigen Schokoladeneis.
Gerade als sie mit einem genußvollem Seufzen einen langstieligen Löffel in diese Köstlichkeit tauchte, erklang dicht neben ihr eine mahnende Stimme:
»Deanna, also wirklich, ich bin zutiefst schockiert. Wollten Sie sich dieses Laster nicht abgewöhnen? Als Medizinerin kann ich Ihnen versichern, daß Sie alle Anzeichen einer fortgeschrittenen Schokoladensucht aufweisen. Sie sollten umgehend mit einer Therapie beginnen, vielleicht ist ja noch nicht alles verloren.«
»Geben Sie es auf, Beverly«, erwiderte die Bordcounselor mit gespielter Verzweiflung. »Ich bin wohl das, was man einen hoffnungslosen Fall nennt. Warum setzen Sie sich nicht zu mir? Dann können Sie das klassische Endstadium ganz aus der Nähe studieren.«
»Diesem Angebot kann mein angeborener Forscherdrang nicht widerstehen.« Damit nahm Doktor Crusher ebenfalls Platz. »Irgendwie romantisch diese kleinen Nischentische. Hier sollte man in charmanterer Gesellschaft als der eines Eisbechers sitzen, meinen Sie nicht auch?«
»Falls Sie damit auf Commander Riker anspielen sollten, der befindet sich zur Zeit im Transporterraum und begrüßt unseren Gast. Aber Sie sind doch sicher nicht hier, um mit mir über Will zu reden, oder?«
Unwillkürlich mußte die rothaarige Schiffsärztin lächeln. »Offensichtlich vergesse ich immer wieder, daß man einer Empathin nichts vormachen kann.«
»Sie wollen mit mir über den Captain reden.«
»Sie haben recht. Deanna, ich mache mir große Sorgen um ihn. Seit er von Celtris-3 zurück ist, hat er sich irgendwie verändert.«
»Er hat Schreckliches mitgemacht. So eine Erfahrung steckt niemand leicht weg. Es braucht seine Zeit, bis ...«
Plötzlich zuckte die Counselor wie unter einem heftigem Schlag zusammen, erstarrte buchstäblich mitten im Satz. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie durch Crusher hindurch, die sie erschrocken am Arm griff und leicht zu schütteln begann.
»Deanna, um Gottes willen, was haben sie?«
Langsam löste sich die Starre und Troi schien die Ärztin wieder wahrzunehmen. »Beverly«, hauchte sie mit bebenden Lippen.
»Was war denn auf einmal los mit Ihnen?«
»Ich weiß es nicht genau«, erwiderte die Counselor zögernd. »Ich spürte auf einmal eine gewaltige Emotion. Sie war so stark, daß sie mich im ersten Moment einfach überrannte.«
»Was für eine Emotion?«
Deannas Augen musterten Sie mit einem Ausdruck, der Dr. Crusher unwillkürlich
schaudern ließ, dann antwortete sie und ihre Stimme war kaum mehr
als ein Flüstern. »Qual. Ich fühlte unsagbare Qual.«
* * *
»Gul Madred!« fassungslos starrte Captain Picard den Cardassianer an, der völlig gelassen vor ihm stand. Das konnte nur ein böser Traum sein.
»Q«, rief er in Gedanken. »Das ist Ihr Werk! Hören Sie auf damit, sofort! «
»Warum Ihr Menschen nur immer jemanden haben müßt, den Ihr für alle Unbilligkeiten, die Euch im Laufe Eures erbärmlichen Lebens widerfahren, verantwortlich machen könnt. «
Unwillkürlich drehte Picard seinen Kopf in die Richtung, aus der die Stimme kam. Dort saß Q, mitten auf der Transporterkonsole und ließ die Beine baumeln. Offenbar war er tatsächlich der einzige, der ihn wahrnahm.
»Wann immer Ihnen etwas Unangenehmes passiert«, fuhr die Stimme der Entinität nun in seinem Kopf fort. »Fangen Sie auch schon an zu schreien: Q, das ist Ihr Werk. Q, hören Sie auf damit. Tut mir leid Jean-Luc, aber Sie sollten anfangen, sich der Realität zu stellen. Gul Madred ist der erwartetet Militärdelegierte und damit Ihr hochgeschätzter Ehrengast.«
Verzweifelt versuchte Picard seine wirbelnden Gedanken zu ordnen, dann traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag. »Sie haben es von Anfang an gewußt, nicht wahr? Nur deshalb sind Sie überhaupt hergekommen. Um zu sehen, wie ich auf diese Situation reagiere, um sich an meinem Entsetzen zu weiden.«
»In gewisser Weise haben Sie recht, wenn ich es auch nicht so dramatisch ausdrücken würde. Jedenfalls wissen Sie jetzt, warum ich mich diesmal mit der Rolle eines Zuschauers begnüge. Das Aufeinandertreffen zwischen Ihnen und diesem Cardassianer sorgt auch ohne jegliches Zutun meinerseits für ausreichende Unterhaltung.«
»Aber wie können Sie wissen, daß Gul Madred ... «
»Derjenige war, der Sie damals auf Celtris-3 auf so, sagen wir mal unangenehme Art und Weise verhört hat? Nun, an dieser Stelle könnte ich erneut auf die mittlerweile hoffentlich bekannte Tatsache hinweisen, daß ich einfach alles weiß, aber diese Erklärung wäre zu banal. Kurzum, der Grund warum ich so gut von den Vorgängen auf Celtris-3 unterrichtet bin ist ganz einfach der, daß ich sie gewissermaßen miterlebt habe.«
»Soll das etwa heißen, daß Sie die ganze Zeit dabeigewesen sind?«
»Unsichtbar für alle Beteiligten, ja. Aber nicht die ganze Zeit. Auf die Dauer wurde Ihre eher einseitige Unterhaltung: Was wissen Sie von Minos Corva? -- Ich weiß nichts über Minos Corva -- etc. etc. -- doch etwas langweilig. Außerdem fand ich die ganzen Umstände irgendwie unappetitlich. Soviel primitive Brutalität, einfach ekelerregend, dazu bin ich wohl zu zart besaitet.’
Picard war nahe dran, die Beherrschung zu verlieren. »Wenn Sie das alles so sehr abgestoßen hat, warum haben Sie mir nicht geholfen und diesem ekelerregenden Schauspiel ein Ende gemacht? Oder wäre das zuviel verlangt gewesen, von einem alten Freund?«
»Warum so verbittert, Jean-Luc? Sie hatten sich schließlich selbst in diese mißliche Lage gebracht. Ihr Menschen seid wirklich äußerst merkwürdig. Immer wenn ich auf Ihrem Schiff erschienen bin, wollten Sie mich auf der Stelle am liebsten gleich wieder fortjagen. Dennoch meinen Sie, ich hätte Sie retten müssen. In der mir ureigenen Güte hätte ich tatsächlich fast eingegriffen. Doch da gab es etwas, das mich davon abhielt: meine Neugier.«
»Bitte, ich glaube ich verstehe nicht ganz?«
»Was ja bei Ihnen leider nichts Neues ist. Nun ich konnte mich nicht einmischen, nicht ehe ich erfahren hatte, ob Gul Madred es wirklich schaffen würde, Sie fünf Lichter sehen zu lassen, wo doch nur vier waren...«
»Das kann nicht Ihr Ernst sein, Q!«
»Ich würde Sie in einer so persönlichen Sache nie belügen. Ich verstehe gar nicht, warum Sie sich so aufregen. Sie wissen doch, daß das Studieren menschlicher Reaktionen eine meiner Leidenschaften ist. Apropos Reaktionen, der gute Commander und Ihr Gast fangen langsam an, nervös zu werden. Wir sollten dieses Gespräch zu einem späteren Zeitpunkt fortführen.«
Ein heller Blitz, und Q war verschwunden.
Ein einziger Blick bewies Picard, daß es in der Tat höchste Zeit gewesen war.
Knisternde Spannung lag in der Luft.
Picard spürte, wie der Schweiß ihm in einem dünnen Rinnsal den Nacken herabzurinnen begann. Du bist der Captain dieses Schiffes, versuchte er sich verzweifelt zu beruhigen. Gul Madred ist hier Gast. Er kann dir keine Schmerzen zufügen. Wir sind nicht auf Celtris-3. Madred hat hier keinerlei Macht über dich.
Picard atmete tief durch. Es gelang ihm, ein halbwegs unverbindliches Lächeln zustandezubringen.
»Gul Madred, bitte verzeihen Sie. Im Namen der Vereinten Föderation der Planeten begrüße ich Sie an Bord der Enterprise. Darf ich Ihnen meinen ersten Offizier, Commander Riker und meinen Sicherheitschef, Lieutenant Worf vorstellen.«
Das Gesicht des Cardassianers verzog sich zu einem, wie es Picard vorkam, verächtlichen Lächeln. »Vielen Dank für den herzlichen Empfang, Captain. Seien Sie versichert, daß ich ihn sehr zu schätzen weiß. Commander Riker, Lieutenant. Worf, es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen.«
Niemand achtete während dieser formalen Begrüßung auf Fähnrich Harris, der jetzt langsam unter die leicht erhöhte Schalttafel der Transporterkonsole griff.
Um wenig später ungläubig auf seine leere Hand zu starren ...
Während er ein weiteres Mal, nun mit beiden Händen, nach etwas tastete, das offensichtlich nicht mehr da war, hatte sich Madred erneut Picard zugewandt.
»Mein lieber Captain, es würde mir eine außerordentliche Freude bereiten, Sie und Ihre Offiziere heute Abend zu einem cardassianischem Festmahl einladen zu dürfen. Alles was ich dafür benötige, ist eines Ihrer Holodecks.«
»Es wird uns allen eine Ehre sein, Delegierter«, erwiderte Picard mechanisch. »Wenn ich Sie jetzt bitten dürfte, Commander Riker zu folgen. Er wird Sie zu dem für Sie vorbereiteten Quartier begleiten.«
Wenige Minuten Später war Fähnrich Harris allein im Transporterraum. Der junge Mann zögerte kurz, bückte sich, und warf einen suchenden Blick unter die Schalttafel. Stirnrunzelnd tastete er nochmals jeden Millimeter ab, dann gab er auf. Mit einem letzten verwunderten Kopfschütteln drehte er sich um und verließ den Raum.
Kaum daß die Tür sich mit leisem Zischen hinter ihm geschlossen hatte, gleißte ein heller Blitz über die Konsole und als er verblaßte, saß dort Q. In seinen Händen hielt er einen kleinen Gegenstand, den er nachdenklich musterte.
»Tut mir leid Fähnrich, aber ich konnte nicht zulassen, daß Sie mir den Spaß verderben, ehe er erst richtig angefangen hat.«
Mit diesen Worten verschwand die Entinität.
Zurück blieb der kleine Gegenstand, der jetzt auf der Konsole lag. Im Grunde genommen sah er ganz harmlos aus.
Nun, solange ein Phaser auf Betäubung eingestellt war, konnte
er auch keinen gravierenden Schaden anrichten. Doch dieser Phaser war alles
andere als harmlos, denn sein Regler war nicht auf Betäubung
gestellt, sondern auf Töten.
* * *
Wie betäubt lag Captain Jean-Luc Picard auf seinem Bett und starrte an die Decke seines Quartiers. Er trug noch immer seine Galauniform und sie errinnerte in an die schreckliche Qual der vergangenen Stunden.
Daß er das Essen durchgestanden hatte, ohne laut zu schreien oder aufzuspringen und kurzerhand davonzurennen, verdankte er einzig seiner jahrelang eisern trainierten Selbstdisziplin. Sie hatte es ihm ermöglicht, im Umgang mit Gul Madred die Maske neutraler Höflichkeit zu wahren.
Counselor Troi hätte ihn zweifellos sofort durchschaut, doch war sie an diesem Abend nicht anwesend. Gul Madred hatte deutlich zu verstehen gegeben, daß die Einladung nicht für sie galt, was durchaus nicht ungewöhnlich war. Viele Angehörige anderer Rassen fühlten sich in der Gegenwart von Empathen unwohl.
Auf dem Holodeck war die exakte Kopie einer cardassianischen Festhalle entstanden und dort war den Führungsoffizieren der Enterprise eine erlesene Auswahl cardassianischer Spezialitäten kredenzt worden. Den Höhepunkt der kulinarischen Köstlichkeiten bildete eine Platte mit gekochten Taspa-Eiern.
Nur mit äußerster Überwindung war es Picard gelungen, der von ihm erwarteten Höflichkeit genüge zu tun und wenigstens eines dieser Eier zu essen.
Allzu deutlich war die Erinnerung an einen geschundenen, halbverhungerten Mann gewesen, der gierig ein rohes Taspa-Ei herunterschlang, zur Belustigung seines Peinigers.
Wundervoll, ich mag Sie Mensch, den meisten Leuten wird beim Anblick von lebendem Taspa schlecht ...
Madred hatte sich zuvorkommend und charmant gezeigt.
Der cardassianischeDeligierte hatte Beverly die Hand geküßt ...
Die Menschenfrau wird mir alles sagen, was ich wissen will, schade, ich hatte gehofft, es würde nicht nötig werden, sie zu befragen ...
Worf ein Kompliment über seine Sicherheitsvorkehrungen gemacht ...
Er wehrte sich, wir mußten ihn erschießen, er ist tot ...
und Commander Riker eine Schachpartie angeboten.
Es hat eine Schlacht gegeben, die Enterprise liegt brennend im Weltall ..
Die ganze Zeit hatte Madreds Lächeln ihm verraten, das sie beide die selben Erinnerungen an eine weniger charmante Konversation teilten.
Wahrhaft, ein gelungener Abend, dachte Picard bitter.
»Nicht wahr, Jean-Luc? Alle haben sich gut unterhalten. Na ja sagen wir fast alle.«
Begleitet von dem üblichem Gleißen war Q aufgetaucht und stand jetzt mit verschränkten Armen am Fußende des Bettes.
»Warum lassen Sie mich nicht endlich in Ruhe?’« fragte Picard müde. »Haben Sie mich für heute nicht schon genug gequält?«
»Sie verdrehen die Tatsachen. Nicht ich bin es, der Sie quält, sondern dieser unzivilisierte Cardassianer. Er ist der Dorn in Ihrem Fleisch, und wenn ich Sie wäre, würde ich ihn schnellstens herausziehen!«
»Darf ich erfahren, wie Sie sich das vorstellen?«
»Begriffsstutzig wie immer. Daran habe ich mich bei Euch Menschen ja langsam gewöhnt. Ganz einfach, finden Sie einen Weg, ihn für immer loszuwerden. Glauben Sie mir, Sie täten sich und dem Rest des Universums einen großen Gefallen.«
»Ach, tatsächlich? Das Gleiche habe ich immer in Bezug auf Sie angenommen, Q.«
»Das ist zwar nicht höflich, Jean-Luc, doch ich will Ihren bedauerlichen Mangel an guten Manieren verzeihen. Um auf diesen Gul Madred zurückzukommen, er hat den Tod verdient!«
»Und wie? Soll ich ihn vielleicht mit Worfs Ba’tleth erschlagen?«
»Keine schlechte Idee, mon Capitaine. Sie versetzen mich in Erstaunen. Sollten Sie mit der Zeit doch noch so etwas wie Phantasie entwickelt haben?«
»Q, Sie können doch nicht ernsthaft annehmen ...«
»Nein wahrscheinlich nicht«, unterbrach ihn die Entinität. »Jemanden auf diese Weise umzubringen ist viel zu babarisch und primitiv, das können wir getrost den Klingonen überlassen. Aber was halten Sie von einem kleinem Transporterunfall? Eine Drehung hier, ein Knopfdruck da und schon sind die Atome des guten Gul im ganzen All verstreut.«
»Sie müssen den Verstand verloren haben, Q! Wie sonst könnten Sie mir die Begehung eines kaltblütigen Mordes zutrauen!«
»Mord ist ein sehr subjektiver Begriff, Jean-Luc. Für die einen ist es ein Mord, für die anderen eine gerechte Strafe. Pflegten die Menschen Ihre Verbrecher nicht früher auch hinzurichten?«
»Das ist lange her. Inzwischen haben wir erkannt, daß dies der falsche Weg ist.«
»Ja, ja, ich weiß. Mittlerweile hat die Menschheit sich zu einer edlen und friedfertigen Rasse weiterentwickelt. Ich für meinen Fall, wage das zu bezweifeln. Doch selbst wenn es so wäre, bleibt da immer noch die Tatsache, daß Sie diesen Cardassianer hassen und Haß ist ein gutes Motiv für einen, wie Sie es bezeichneten, Mord.«
»Sie irren sich, ich hasse Madred nicht.«
»Ach nein, sind Sie da ganz sicher? Wir werden sehen ...«
Die Entinität machte eine Handbewegung und erneut erfüllte das altbekannte Gleißen den Raum.
Diesmal kam es Picard jedoch so vor, als würde es kein Ende mehr nehmen, immer heller und blendender zu werden. Reflexartig wollte er die Hände vor die Augen ziehen, mußte jedoch erstaunt feststellen, daß ihm das nicht möglich war.
Irgendetwas hielt seine Handgelenke fest und zog sie mit unerbittlicher Kraft nach oben über seinen Kopf in Richtung Decke. Gleichzeitig schien plötzlich der Boden unter seinen Füßen verschwunden zu sein und er mit seinem gesamten Gewicht an dem zu hängen, was seine Hände umklammert hielt.
Irgendwie kam ihm das alles auf unangenehme Weise sehr vertraut vor. Als das Gleißen schließlich langsam verblaßte, erkannte er auch den Grund. Er befand sich nicht mehr in seinem Quartier auf der Enterprise.
Er war wieder auf Celtris-3.
* * *
»Schach und Matt.« Zufrieden lehnte Gul Madred sich in seinem Sessel zurück. »Was sagen Sie nun, Commander Riker?«
Die beiden Männer saßen sich im luxeriösen Gästequartier des Militärdelegierten gegenüber. Der erste Offizier quittierte seine Niederlage mit einem anerkennendem Lächeln. »Daß ich es niemals für möglich gehalten hätte, daß ein Cardassianer diese irdische Spiel so gut beherrscht.«
»Schach ist eine meiner Leidenschaften. Wie alles, was den Geist herausfordert. Ihnen scheint es ähnlich zu gehen. Jedenfalls waren Sie einer der würdigsten Gegner, mit denen ich mich bisher zu messen die Ehre hatte.«
»Da Sie gewonnen haben, Delegierter, bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als dieses Kompliment zurückzugeben. Sagen Sie, spielen Sie eigentlich auch Poker?«
»Bisher noch nicht. Doch ich habe gehört, daß viele Menschen dieses Spiel sehr faszinierend finden.«
»Das stimmt. Auch ich zähle mich zu jenen, die eine gute Pokerpartie jeder anderen Freizeitbeschäftigung vorziehen.«
»Tatsächlich jeder, Commander?«
»Nun ja«, korrigierte sich der erste Offizier mit einem verschmitzten Lächeln. »Sagen wir mal, fast jeder.«
Madred lächelte ebenfalls, »Wenn dieses Spiel wirklich so anregend ist, dann würde ich es gerne einmal probieren.«
»Kein Problem. Wenn Sie möchten, frage ich die anderen Offiziere, ob sie uns nicht Gesellschaft leisten wollen. Ich bin sicher, daß keiner von ihnen sich eine zusätzliche Pokerrunde entgehen läßt.«
»Ein andermal. Für heute Abend habe ich genug gespielt. Aber vielleicht darf ich Ihnen noch ein Glas von dem cardassianischen Tarrak-Wein anbieten, der Ihnen während des Essens so sehr zu munden schien.«
»Sie sind ein scharfer Beobachter.«
»Ich fasse das als Ja auf.«
Während Madred den violetten Inhalt einer reichverzierten Flasche in zwei langstielige Gläser füllte, trat plötzlich ein nachdenklicher Ausdruck auf Rikers Gesicht. »Sagen Sie, dürfte ich Ihnen vielleicht eine persönliche Frage stellen?«
»Nur zu Commander, schließlich ist das hier kein offizielles Treffen. Was wollen Sie also wissen?«
»Sie und Captain Picard kennen sich offenbar, und ...«, Riker zögerte,
»Sie wundern sich, bei welcher Gelegenheit ein Sternenflotten-Captain wohl die Bekanntschaft eines cardassianischen Militärdelegierten gemacht haben könnte«, beendete Madred den Satz. »Ihren Worten entnehme ich, daß Ihr Captain mich Ihnen gegenüber bisher noch nie erwähnt hat. Das überrascht mich nicht, denn sehen Sie die Umstände unseres Kennenlernens waren etwas, wie soll ich es formulieren: unglücklich.«
Irgend etwas hatte sich verändert. Die bisher fast freundschaftliche Atmosphäre im Raum war einer plötzlichen Spannung gewichen. Verwirrt versuchte Riker seine Gedanken zu ordnen und die eingetretene Veränderung zu begreifen.
»Ich verstehe nicht ganz. Was meinen Sie mit unglücklich?«
Minutenlang musterte der Cardassianer Riker stumm während die höfliche Zuvorkommenkeit in seinen Augen langsam einem lauernden Ausdruck wich.
»Sagen Sie, Commander.« Die Stimme Gul Madreds klang seidenweich.
»Was wissen Sie eigentlich über die Ereignisse auf Celtris-3?«
* * *
Captain Jean-Luc Picard konnte nicht verhindern, daß ihm der Angstschweiß ausbrach.
Dies war zweifellos das Büro, in dem Gul Madred ihn verhört hatte. Wie damals in jener ersten Nacht, die er hier verbracht hatte, hing er wieder völlig nackt und hilflos in der Mitte des Raumes an einem Metallgestell. Aber all das war drei Monate her.
Nichts von dem hier ist real, zwang er sich zu denken. Das ist nur eine weitere von Q’s Illusionen.
»Q!« rief er, wobei er verzweifelt versuchte, seiner Stimme einen festen Klang zu geben. »Was haben Sie vor? Was wollen Sie damit beweisen?«
Plötzlich gingen mehrere Lampen an.
Picard kniff die Augen zusammen. Er sah eine Gestalt an Gul Madreds Schreibtisch sitzen. Für einen kurzen schrecklichen Moment glaubte Picard, seinen cardassianischen Peiniger vor sich zu haben, bereit, dort weiterzumachen, wo er vor drei Monaten aufgehört hatte. Dann erkannte er, daß es nicht Gul Madred war, der da saß, sondern Q.
Die Entinität trug jetzt eine cardassianische Offiziersuniform und musterte ihn mit einem Ausdruck selbstzufriedender Überlegenheit. »Sie haben Angst Jean-Luc. Mehr noch, Sie sind ja regelrecht in Panik.«
Picard versuchte die Kälte und den dumpfen Schmerz, der von seinen gefesselten Händen ausging zu ignorieren. »Sie haben Ihr Wort gebrochen. Nennen Sie das etwa passives Zuschauen, mich an diesen Ort zurückzubringen? Amüsiert es Sie, mich in dieser entwürdigenden Situation zu sehen?«
»Warum so erregt? Ich habe Sie nicht hierher gebracht. Jedenfalls nicht direkt.«
»Ach nein? Wem sollte ich mein Hiersein denn dann verdanken, wenn nicht Ihnen und Ihrer grenzenlosen Phantasie?«
Der Schmerz in seinen Händen nahm zu, doch Picard wollte Q nicht die Genugtuung gönnen, ihn bitten zu hören.
»Nicht nur ich verfüge über Vorstellungskraft, Jean-Luc«, hörte er diesen nun sagen. »Sehen Sie sich um. Diese Illusion, wie Sie es nennen, entspringt bis ins kleinste Detail Ihren eigenen Erinnerungen, die sie Nacht für Nacht heimsuchen.«
Picard hielt sich nicht damit auf, zu fragen, woher Q von seinen Alpträumen wußte. Die Entinität hatte recht. Jene und andere Bilder von Celtris-3 wurden lebendig, sobald er seine Augen schloß. »Sie haben kein Recht, meine Gedanken so zu benutzen!«
»Sie irren sich. Meine Macht gibt mir das Recht, alles zu tun, was mir angebracht erscheint. Ihr Menschen neigt dazu, Unangenehmes zu verdrängen, es in irgendeinem Winkel Eures kleinen Hirnes zu vergraben. Ein bedauerlicher Fehler, den ich auf diese Weise zu korrigieren versuche. Jetzt, da ich Ihre Erinnerungen etwas aufgefrischt habe, sagen Sie mir, ob Sie immer noch der Meinung sind, Gul Madred nicht zu hassen?«
»Ich ...«, begann Picard, dann brach er ab.
Was sollte er darauf antworten? Er wußte nicht was er denken, was er fühlen sollte.
So sah er Q nur stumm an und hoffte, daß dieser das grausame Spiel bald beenden würde.
Das Gesicht der Entinität verzog sich zu einem überheblichen Lächeln.
»Sie schweigen, Jean-Luc? Haben Sie etwa Angst davor, sich die Wahrheit einzugestehen? Mich können Sie nicht täuschen. Sie hassen diesen Cardassianer mehr als Sie zugeben wollen. Hätten Sie die Möglichkeit, sich an ihm zu rächen, Sie würden keine Sekunde zögern.«
»Sie irren sich«, widersprach Picard schwach. »Ich würde niemals ...«
»Au contrére, mon Capitain«, unterbrach ihn die Entinität. »Sie würden! Und ich werde es Ihnen beweisen.«
Q schnippte mit den Fingern.
Ein heller Blitz und plötzlich trug Picard wieder seine Uniform und saß nun selbst am Schreibtisch. Direkt neben ihm stand jetzt Q, der ebenfalls wieder eine Sternenflottenuniform trug und dorthin sah, wo sich bis eben noch der Captain der Enterprise befunden hatte.
Verwirrt folgte Picard seinem Blick.
Dort in der Mitte des Raumes an dem Deckengestänge hing nackt und hilflos ein Mann.
Gul Madred.
* * *
Sämtliche Farbe war aus dem Gesicht des ersten Offiziers gewichen.
»Sie waren auf Celtris-3?«
Ungläubig starrte er den Cardassianer an, der völlig gelassen im Sessel lehnte.
»Ja, Commander. Ich habe Ihren Captain dort verhört. Sind Sie jetzt sehr geschockt?«
»Das fragen Sie noch?« keuchte Riker entsetzt. »Sie haben Captain Picard erniedrigt, ihn gefoltert! Und Sie haben die Stirn an Bord der Enterprise zu kommen, als wäre nichts geschehen und höfliche Konservation zu betreiben, das ist ja wohl der Gipfel an Kaltschnäuzigkeit!«
Bei diesen Worten sprand der erste Offizier so heftig auf, daß er sein Glas umriß.
Mit lautem Klirren fiel es gegen die untere Plattform des 3-D-Schachbretts und zerbrach. Violetter Tarrak-Wein spritze über die Spielfiguren, floß über den Tisch und tropfte von dort langsam auf den hellen Teppich.
Aber weder der erste Offizier, noch Madred achteten darauf.
Der Cardassianer war während dieses Gefühlsausbruches ruhig sitzen geblieben. Jetzt stand er auf und trat so dicht an Riker heran, daß dieser instinktiv zurückwich.
»Mäßigen Sie gefälligst Ihren Ton, Commander.
Sie vergessen anscheinend, wen Sie vor sich haben. Ich bin Gast Ihrer Föderation.
Sie werden sich auf der Stelle für diesen ungeheuerlichen Vorfall
entschuldigen!«
* * *
»Gul Madred«, krächzte heiser Picard. »Delegierter.«.
»Er ist kein Delegierter, Jean-Luc«, wurde er von Q unterbrochen. »Der Gul Madred, den Sie hier vor sich sehen, ist nichts weiter als ein Gefangener.«
»Lassen Sie ihn runter!«
»Warum? Gefällt es Ihnen etwa nicht, ihn so zu sehen?«
»Im Gegensatz zu Ihnen, macht es mir keinen Spaß, ein anderes Lebewesen leiden zu sehen.«
»Mag sein, mon ami, aber dieser Cardassianer ist mehr als nur irgendein anderes Lebewesen. Oder wollen Sie leugnen, daß dies, was Sie gerade erleben genau das ist, was Sie sich in all der Zeit auf Celtris-3 insgeheim gewünscht haben?«
»Nein, Sie irren sich!«
»Ganz schön arrogant. Glauben Sie, Sie, Jean-Luc Picard, wären zu solch niedrigen Empfindungen nicht fähig? Wachen Sie auf und erkennen Sie endlich die Wahrheit! Dort hängt der Mann, der Sie bis aufs Blut gequält hat. Dort vor Ihnen liegt die Fernbedienung, mit der er Ihnen all die schrecklichen Schmerzen zugefügt hat. Nehmen Sie sie und zeigen Sie ihm, wie es ist, wenn ein einziger Knopfdruck genügt, einen Körper in eine sich windende, schreiende Fleischmasse zu verwandeln!«
Plötzlich hob der Gefesselte den Kopf und sah den Captain der Enterprise an. Unwillkürlich zuckte Picard zurück. Er hatte erwartet, in den Zügen des Cardassianers die gleiche Hilflosigkeit und Angst wiederzufinden, die er selbst auf Celtris-3 empfunden hatte.
Statt dessen trug Gul Madreds Gesicht den Ausdruck überlegener Grausamkeit.
»Mein lieber Captain Picard, Sie werden mich niemals besiegen! Dazu fehlt Ihnen die nötige Härte! Sie sind ein Nichts Picard, antworten Sie, wieviele Lichter sehen Sie? Wieviele?«
Alles in Picard begann sich bei diesen höhnisch hervorgestoßenen Worten zu verkrampfen. Sein Blick glitt über den Tisch. Direkt neben seiner rechten Hand lag eine jener Fernbedienungen, die für ihn während seiner Gefangenschaft zum Symbol aller Qualen geworden war.
Wie aus weiter Ferne hörte er Gul Madreds Stimme:
»Eine bemerkenswerte Erfindung, damit kann ich in jedem Teil Ihres Körpers Schmerz produzieren. Es nützt Ihnen nichts, Sie zu zerbrechen, Picard, ich habe noch mehr davon. Sagen Sie mir, wieviele Lichter Sie sehen ...«
Auf einmal überkam ihn ein Gefühl ohnmächtigen Hasses.
Stark und grenzenlos brandete diese Emotion über ihn hinweg, wie eine mächtige Flutwelle und spülte alles andere mit sich fort.
Von diesem Moment an werden Sie die Privilegien Ihres Dienstgrades nicht mehr genießen und auch keine Privilegien als Person ...
Wie in Trance griff Picard nach der Fernbedienung. Seine Finger umschlossen sie.
Hier in diesem Raum stelle ich die Fragen. Sie antworten ...
Er zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde, seine Gedanken rasten.
Sagen Sie wieviele Lichter Sie sehen! wieviele?
Dann drückte er den Regler bis zum Anschlag durch.
Augenblicklich hallten die gellenden Schreie Madreds durch den Raum, gingen in ein Wimmern über, dem neue Schreie folgten.
Picard sah nicht, wie Q neben ihm zufrieden lächelte.
Er sah nur jene zuckende, sich windende Gestalt und fühlte nichts als lodernden Haß, wie eine Feuer, das alles in ihm zu verbrennen drohte.
* * *
Lieutenant Maverick unterdrückte nur mit Mühe ein lautes Gähnen. Seit mehreren Stunden stand er nun schon am Zugang des Korridors, der zu den Gästequartieren führte. Er wußte nicht, was ihn mehr störte, die zunehmende Müdigkeit oder die Langeweile. In der ganzen Zeit war niemand hier vorbeigekommen, wenn man mal von diesem Ehrengast, dem er diese zusätzliche Schicht verdankte, und Commander Riker absah. Aber die zählten nicht. Für den ersten Offizier war Maverick nur einer von vielen Untergebenen, denen man zwar freundlich zunickte, sie ansonsten aber schlicht übersah. Nun ja, dachte der junge Mann. Wenn ich einer der Führungsoffiziere wäre, würde ich mich wahrscheinlich auch übersehen. Was den Cardassianer anging, soweit es ihn, Maverick betraf, konnte er ruhig zum Teufel gehen. Ironie des Schicksals, noch vor kurzem hatte er gegen die Cardassianer gekämpft und nun mußte er aufpassen, daß einem der früheren Feinde ja nichts passierte. Es war schon eine verrückte Welt.
Gerade als er erneut den Drang verspürte, herzhaft zu gähnen, sah er eine bekannte Gestalt den Gang entlang auf ihn zukommen. Erfreut über die willkommende Abwechslung, verzog sein Mund sich zu einem freundlichem Grinsen.
»Hallo Brian, was verschlägt Dich denn in diesen abgelegenen Winkel des Schiffes? Bist Du etwa hergekommen, um mir die Zeit zu vertreiben?«
Statt einer Antwort zog der andere blitzschnell einen kleinen Gegenstand aus der Tasche.
Ehe der davon überrumpelte Maverick registriert hatte, daß es sich dabei um eine medizinische Spritze handelte, hatte sich die darin enthaltene Injektion schon mit leisem Zischen in seinen Arm entleert.
»Brian, was zur Hölle ...« Mitten im Satz brach er bewußtlos zusammen.
Fähnrich Brian Harris fing ihn auf und ließ ihn sanft zu
Boden gleiten. »Tut mir leid mein Freund, aber ich hatte keine andere
Wahl.«
* * *
»Sie verlangen von mir eine Entschuldigung?« Nachdem Riker den Cardassianer minutenlang fassungslos angestarrt hatte, ging sein Temperament erneut mit ihm durch. »Sie müssen den Verstand verloren haben! Wenn hier jemand um Verzeihung bitten muß, dann doch wohl Sie für das was Sie Captain Picard angetan haben!«
»Was ich getan habe, Mensch,« versetzte Gul Madred kalt, »tat ich für Cardassia, und ich würde jederzeit wieder so handeln.«
»Sie haben die Konvention von Salonis-4 verletzt, die auch Cardassia unterzeichnet hat!«
»Ihr Captain, mein lieber Commander, fiel nicht unter den Schutz dieser Vereinbarung. Er war in ein Geheimlabor eingedrungen. Ihre eigene Regierung hatte sich offiziell von ihm und seinem Tun distanziert. Er war nichts weiter als ein Verbrecher. Ein Terrorist. Es war mein Recht ...«
Das Summen des Türmelders unterbrach Madreds Redefluß.
»Herein!« rief er, sichtlich verärgert über die unerwartete Störung.
Die Türhälften glitten auseinander und gaben den Blick auf einen jungen Mann frei.
»Fähnrich Harris!« entfuhr es Riker verblüfft. »Wenn Sie mich sprechen wollen, warum benutzen Sie nicht Ihren Kommunikator?«
»Entschuldigung, Sir, aber ich wollte nicht zu Ihnen, sondern zum Delegierten.«
»Zu mir?« Jetzt war die Reihe an Gul Madred, ein erstauntes Gesicht zu machen, »Sind Sie nicht der junge Offizier, der mich an Bord gebeamt hat, was wollen Sie von mir?«
Langsam betrat Fähnrich Harris den Raum. Während die Tür sich hinter ihm schloß, hob er ebenso langsam seinen rechten Arm.
Erst jetzt bemerkte Riker, daß der Mann einen Phaser in der Hand hielt, dessen Mündung er nun auf Gul Madred richtete.
»Du fragst, was ich von dir will, Cardassianer? Ich bin hier, um dich zu töten!«
* * *
Mit einem Mal brachen die Schreie ab. Der Gefesselte hatte das Bewußtsein verloren.
Die plötzliche Stille brachte den Captain der Enterprise schlagartig zur Besinnung. Entsetzt starrte er auf die Fernbedienung, dann ließ er sie mit einem ersticktem Aufschrei fallen, als hätte sie sich in seiner Hand plötzlich in glühendes Eisen verwandelt.
Mit dumpfen Krachem schlug sie auf dem Boden auf und zerbrach.
»Was habe ich getan?« flüsterte Picard schaudernd. »Wozu habe ich mich hinreißen lassen?« Dann fiel sein Blick auf Q, der ihn mit dem Ausdruck zufriedender Überheblichkeit musterte.
»Und Sie haben gesagt, Sie würde Madred nicht hassen. Du
wankelmütiges Menschenherz. Kopf hoch, Jean-Luc, machen Sie nicht
so ein erschrockenes Gesicht. Schuldgefühle sind nicht angebracht.
Vergessen Sie das ganze Gerede von Moral und Nächstenliebe. Geben
Sie ruhig zu, daß Sie es genossen haben, diesen Cardassianer leiden
zu sehen. Und wenn Sie mich fragen, Sie taten recht daran. Rache ist dazu
da, genossen zu werden. Und das war erst der Anfang, die Generalprobe.
Jetzt folgt die Premiere Ihrer Rache. Denn nun, mon Capitain, werden Sie
das Vergnügen haben, Gul Madred sterben zu sehen.«
* * *
»Mr. Harris, nehmen Sie den Phaser runter, das ist ein Befehl!« Commander Riker war sich bewußt, wie lächerlich das in einer solchen Situation klang, doch die Eröffnungen Gul Madreds hatten seinen Verstand gelähmt, so daß ihm einfach nichts Besseres einfiel.
Der cardassianische Delegierte war blaß geworden. Alle arrogante Überheblichkeit war von ihm abgefallen. »Warum wollen Sie mich umbringen, Mensch? Ich habe Ihnen nichts getan, kenne Sie praktisch überhaupt nicht.«
»Der Grund spielt keine Rolle, Cardassianer«, antwortet Harris haßerfüllt, »Aber sei versichert, ich habe einen Grund, einen sehr guten sogar.«
»Fähnrich, was soll das, was tun Sie da?« ließ sich plötzlich eine bekannte Stimme vernehmen, bei deren Klang alle Anwesenden unwillkürlich zusammenzuckten.
»Captain Picard!« Überrascht starrte Riker seinen kommandierenden Offizier an, der praktisch von einem Moment auf den anderen aus dem Nichts aufgetaucht war.
Gul Madred und Harris waren angesichts des geisterhaften Erscheinens Picards nicht minder verblüfft. Letzterer hatte sich jedoch bereits nach wenigen Sekunden wieder in der Gewalt.
»Wo Sie auch hergekommen sind, Sir, ich warne Sie, bleiben Sie wo Sie sind und mischen Sie sich nicht ein! Diese Sache betriff nur mich und diesen Cardassianer!«
»Picard«, sagte Gul Marrat kalt. »Vergessen Sie nicht, ich bin Gast Ihrer Föderation. Sie müssen mir helfen, dazu sind Sie verpflichtet.«
Der Captain der Enterprise zögerte, kämpfte mit sich, dann traf er eine Entscheidung. »Fähnrich, ich werde nicht zulassen, daß Sie diesen Mann kaltblütig ermorden.«
Picard trat blitzschnell einige Schritte vor und ehe Harris reagieren konnte, stand er zwischen ihm und Gul Madred.
»Gehen Sie beiseite, Captain!« die Stimme des jungen Mannes zitterte vor Überraschung und Wut, »Dieser Phaser ist auf Stufe 10 gestellt, genug Energie um Sie beide in Rauch aufzulösen. Wollen Sie wirklich für diesen cardassianischen Bastard sterben? Das ist er nicht wert.«
»Mag sein, Fähnrich, aber was auch immer er Ihnen«, Picard zögerte kurz, »oder einem anderen angetan hat, gibt Ihnen noch lange nicht das Recht zur Selbstjustiz.«
»Ach nein? Was wissen Sie denn schon davon! Zum letzten Mal, gehen Sie aus der Schußlinie!«
Der Captain der Enterprise rührte sich nicht von der Stelle. Hinter sich hörte er Madreds beschleunigte Amtenzüge, doch er achtete nicht darauf. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem jungem Mann vor ihm, dessen Gesicht sich jetzt zu einer wilden Grimasse verzerrte.
»Also gut, Sie haben es nicht anders gewollt.« Mit diesen Worten drückte er ab.
Picard hörte seinen ersten Offizier entsetzt aufschreien und schloß die Augen. Das ist also das Ende, dachte er und wunderte sich im selben Moment, warum er überhaupt noch in der Lage war, etwas zu denken. Irgend etwas Unvorhergesehenes mußte passiert sein, warum war er noch am Leben? Verwirrt öffnete er die Augen wieder.
Sein Blick fiel auf Brian Harris, der den Auslöser des Phasers betätigte. Immer und immer wieder. Ohne jede Reaktion.
Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie nun Leben in Commander Riker kam, der sich sich wie ein Panther auf den Fähnrich stürzte.
Körperlich war der junge Mann dem weitaus kräftiger gebauten ersten Offizier hoffnungslos unterlegen. Ein kurzes Gerangel, dann lag Harris bewußtlos auf dem Boden, während Riker den Phaser an sich nahm und zum Kommunikator griff. »Sichherheitsdienst, sofort ins Gästequartier, Riker Ende. Captain«, wandte er sich nun an Picard. »Alles in Ordnung, Sir?«
»Meine Knie fühlen sich ein wenig wackelig an, ansonsten geht es mir gut. Danke Nummer Eins, ich ...«, er kam nicht dazu, den Satz zu beenden.
»Picard«, mischte sich da Gul Madrad aufgebracht ein »Die Sicherheitsbestimmungen auf Ihrem Schiff sind mehr als unzureichend! Ich werde mich bei Ihrer Regierung über Sie beschweren!«
»Sie wagen es«, begann Riker empört, doch eine Handbewegung seines Captains brachte ihn zum verstummen.
Picard drehte sich zu Gul Madred um. »Tun Sie, was Sie nicht lassen können, Delegierter.«
»Das werde ich, verlassen Sie sich darauf und was diesen Wahnsinnigen angeht«, Gul Madred wies mit dem Kopf dorthin, wo der bewußtlose Harris gerade von den inzwischen eingetroffenen Leuten des Sicherheitsdienstes weggetragen wurde. »So verlange ich, daß er schwer bestraft wird, sonst ...«
»Was?« fiel ihm der Captain der Enterprise da so schneidend ins Wort, daß der Cardassianer zusammenzuckte und instinktiv zurückwich.
Er hat ja Angst vor mir, dachte Picard überrascht.
»Was sonst?« wiederholte er. »Wollen Sie mir etwa drohen? Wir sind hier nicht auf Celtris-3! Wir sind an Bord der Enterprise. Sie haben hier nichts zu verlangen!«
Kalt musterte er seinen einstigen Peiniger. Minutenlang dauerte dieses Kräftemessen.
Dann senkte Gul Madred den Blick. »Wie Sie wünschen Captain, es ist Ihr Schiff.«
»Sie sagen es. Nummer Eins, bitte veranlassen Sie umgehend eine Untersuchung und lassen Sie die Sicherheitsvorkehrungen verdoppeln. Ich wünsche nicht, daß sich ein solcher Vorfall wiederholt.« Ohne die Bestätigung seines Befehls abzuwarten, drehte Picard sich um und verließ den Raum, ohne Gul Madred noch eines weiteren Blickes zu würdigen.
Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, blieb er stehen und atmete tief durch. Dann stahl sich ein Lächeln auf seine Lippen. »Nun Q«, rief er halblaut. »Hat Ihnen die kleine Vorstellung gefallen? Ich hoffe ich habe Ihre Erwartungen nicht zu sehr enttäuscht.«
Ein wohlbekanntes Gleißen und die Entinität stand vor ihm. »Sie sind ein Narr, Jean-Luc. Sie hatten die Gelegenheit zur perfekten Rache und haben Sie nicht genutzt.«
»Vielleicht bin ich ein Narr, aber mein Gewissen ließ mir keine andere Wahl.«
»Gewissen. Nichts als überflüssiger Ballast, den Ihr Menschen da mit Euch herumschleppt. Was meinen Sie mit Ihrer Gefühlsduselei erreicht zu haben? Denken Sie, dieser Cardassianer wird Sie kniefällig um Vergebung bitten aus lauter Dankbarkeit, weil Sie sein wertloses Leben gerettet haben?«
»Habe ich das tatsächlich?« Picard musterte die Entinität nachdenklich. »Ich frage mich, wie ein vollaufgeladener Phaser so plötzlich versagen kann und dann auch noch in einem so günstigen Zeitpunkt.«
»Tut mir leid, mon Capitain, ich weiß nicht wovon Sie sprechen. Aber Ihr Menschen glaubt doch an so etwas wie Schicksal, nun dann sagen wir doch einfach, daß Ihr Schicksal es diesmal gut mit Ihnen gemeint hat.«
Picard lächelte. »Zweifellos, das hat es wohl, und dafür bin ich ihm außerordentlich dankbar.«
»Das können Sie auch sein, Jean-Luc. Doch für die Zukunft gebe ich Ihnen den guten Rat, Ihr Leben nicht mehr für nichts und wieder nichts so leichtsinnig aufs Spiel zu setzten. Das Schicksal soll bekanntlich eine launische Natur haben. Fordern Sie es nicht zu oft heraus. Vielleicht haben Sie beim nächsten Mal weniger Glück.«
Picards Lächeln vertiefte sich. »Mag sein. Doch das muß ich dann eben riskieren.«
»Sie sind ein hoffnungsloser Fall, Jean-Luc. Aber was kann man schon anderes von Ihnen erwarten. Letztendlich sind Sie eben doch nur ein Mensch.«
Ein heller Blitz und Q war verschwunden.
* * *
Später am Abend saß Captain Jean-Luc Picard bei einem Buch und einer Tasse Earl Grey in seinem Quartier, als der Türmelder summte. Mit einem Seufzen legte er seine Lektüre beiseite.
»Herein!«
Die Tür öffnete sich und Commander Riker betrat den Raum. Als er das aufgeschlagene Buch sah, zögerte er. »Verzeihen Sie, Sir, ich wollte Sie nicht stören.«
»Halb so schlimm. Ich lese dieses Buch nicht zum erstenmal.«
Es gelang dem ersten Offizier, einen Blick auf den Titel zu werfen.
»Shakespeare, Macbeth«, entzifferte er halblaut.
»Ein sehr aufschlußreiches Werk, Nummer Eins«, sagte Picard mit feinem Lächeln. »Ich kann es Ihnen nur empfehlen. Selten habe ich eine interessantere Studie menschlicher Emotionen von Haß und Rache gelesen. Aber Sie sind doch sicher nicht hier, um mit mir über Shakespeare zu reden?«
»Nein, Sir, ich wollte Ihnen nur den gewünschten Bericht über Fähnrich Harris bringen. Seine Personalakte hat ergeben, daß seine ganze Familie mit Ausnahme seiner älteren Schwester damals beim Angriff der Cardassianer auf Setlik-3 ums Leben gekommen ist. Er war damals erst acht Jahre alt und mußte alles miterleben. Seine Schwester hat ihn dann groß gezogen. Mittlerweile leben sie und Ihr Mann in einer der grenznahen Kolonien, die unter Umständen nun Cardassia zugeschlagen wird. Der Gedanke, einen Cardassianer an Bord zu haben, hat ihn offensichtlich durchdrehen lassen. Schlimm wozu der Haß einen Menschen treiben kann.«
Picard nickte. »Da haben Sie recht. Es ist gefährlich, wenn Haß über die Vernunft triumphiert. Wir können von Glück sagen, daß es diesmal gut ausgegangen ist.«
Riker enthielt sich eines Kommentars. Statt dessen entschloß er sich, eine Frage zu stellen, die ihm nicht mehr aus dem Sinn ging, seit er Gul Madreds Quartier verlassen hatte.
»Sagen Sie, Sir, wo sind Sie vorhin eigentlich so plötzlich hergekommen, ich meine, die Tür war zu und«, er zögerte kurz. »Da ist dann noch die Sache mit dem Phaser. Die Leute von der Technik haben ihn gründlich untersucht und keinen Fehler gefunden, der eine Ladehemmung hätte verursacht haben können. Niemand hat eine Erklärung.«
»Muß es immer eine Erklärung geben? Haben Sie noch nie etwas von der Macht des Schicksals gehört?«
Verwirrt sah Riker seinen kommandierenden Offizier an. Er spürte, daß dieser ihm etwas verheimlichte, daß mehr hinter all dem steckte. Doch Picard war offensichtlich nicht gewillt, seinen ersten Offizier in das Geheimnis einzuweihen.
»Natürlich, Sir.« Er zögerte erneut.
»Sonst noch etwas?«
Riker atmete tief durch. »Sir, dürfte ich Ihnen vielleicht eine persönliche Frage stellen?«
»Natürlich. Was wollen Sie wissen?«
»Captain, als Sie trotz der Warnung von Fähnrich Harris nicht aus der Schußlinie gingen, konnten Sie nicht damit rechnen, daß der Phaser versagen würde. Warum waren Sie bereit, für einen Mann zu sterben, der Ihnen so viel angetan hat?«
Picard lächelte. »Es mag Ihnen vielleicht seltsam vorkommen, aber hätte ich tatenlos zugesehen, wäre es das Gleiche gewesen, als ob ich Madred selbst getötet hätte. Und ich bin davon überzeugt, daß niemand das Recht hat, einem anderen Lebewesen vorsätzlich das Leben zu nehmen.«
Riker gab sich noch nicht geschlagen. »Aber hassen Sie diesen Cardassianer denn nicht? Sie hätten schließlich allen Grund dazu.«
»Ich dachte, daß ich das tun würde. Vielleicht habe ich das ja auch einmal, vielleicht tue ich es immer noch, ich weiß es nicht. Aber ich weiß eines mit Sicherheit. Wer sich von seinem Haß leiten läßt ist am Ende selbst nicht besser, als der, gegen den sich sein Haß richtet.«
Nachdenklich sah Riker ihn an. »Ich glaube, ich verstehe, was Sie meinen, Sir.«
Picard griff wieder nach seinem Buch. »Das freut mich, Nummer Eins, doch nun wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mich allein ließen.«
Nachdem die Tür sich hinter seinem ersten Offizier geschlossen hatte, stand Picard auf, trat an eines der großen Panoramerfenster und sah hinaus ins unendliche All.
»Q«, sagte er halblaut. »Wo immer Sie jetzt auch gerade sein mögen. Ganz gleich was Sie mit Ihrem Besuch bezwecken wollten, er hat mir geholfen, mich von meinen quälenden Erinnerungen zu befreien. Hätten Sie mich nicht gezwungen, mich mit meinen eigenen Gefühlen, insbesondere meinem Haß auf Gul Madred auseinanderzusetzen, wer weiß, ob ich das je geschafft hätte. Dafür schulde ich Ihnen etwas.«
Aus dem Nichts tauchte plötzlich Q’s Gesicht zwischen den funkelnden Sternen als transparente Spiegelung auf der Scheibe auf.
»Ich werde mir erlauben, Sie beizeiten daran zu erinnern, Jean-Luc.«
Ein Blitz, dann war das Gesicht verschwunden.
Picard lächelte. »Davon bin ich überzeugt.«
In dieser Nacht schlief er tief und fest und so gut wie schon lange
nicht mehr.
Ende