Machtspiele
(von Martina Bernsdorf)
Erschienen im MGM-Band Nr.: 7 "Sidekicks", erhältlich im Star Trek Forum
Die Handlung spielt Anfang der 6. Staffel, zwischen "call to arms" und " sacrifice of angels"
Das Schicksal dreht sich so schnell wie das Daborad
(Sprichwort unter den Dabomädchen)
Prolog
Es war ein seltsames Gefühl zurückzukehren.
Leeta blickte aus dem Sichtfenster des überfüllten Shuttles, eingehüllt in die Gesprächsfetzen der Bajoraner, die sich dicht an dich dräntgen, alle bestrebt darauf, Deep Space Nine zu verlassen, ehe der verhaßte einstige Feind mit grauen Kampfuniformen und geschuppten Hälsen die Station wieder in seinen Besitz nehmen konnte. Sie ließ die Spekulationen an sich vorbeitreiben, die davon handelten, ob das Dominion nun das kleinere Übel war, ob der Friedensvertrag mit Cardassia noch Bestand hatte, oder ob der Nichtangriffspakt nur eine Finte war, um Bajor ohne Widerstand wieder besetzen zu können. Ängste, Hoffnungen und Zweifel standen in den Gesichtern der Bajoraner, wurden in Worte gekleidet, glitten an Leeta vorbei, ohne ihr Bewußtsein auch nur mehr zu streifen als der flüchtige Kuß von Seide auf Haut, kaum fühlbar, kaum genug, um sie zu belasten.
Vielleicht hätte sie sich die gleichen Gedanken gemacht, wenn an ihrer Seite ein Mann gewesen wäre, ein kleiner Mann, der mit bajoranischen Ohrring an seinen überdimensionalen Ohren reichlich lächerlich auf die meisten Bajoraner wirkte, aber nicht auf sie. Vielleicht hätte sie dann mit ihm dieselben Fragen ausgetauscht, hätte dieselben Gedanken gehegt, dieselben Zweifel daran, ob die Sternenflotte gewinnen würde und sie ihre Freunde wiedersehen würden. Dieselben Ängste, ob Bajor vielleicht wieder Opfer einer Militärherrschaft würde. Aber Rom war nicht hier, und somit waren all ihre Gedanken und all ihre Gefühle weit weg von diesen Fragen, weit weg von diesem Shuttle, voll von flüchtenden Bajoranern, sie waren auf DS9, sie waren bei dem kleinen Ferengi mit den schiefen Zähnen, den großen Ohren und dem Herzen aus Gold.
Warum hatte er sie weggeschickt? Leeta drückte die Stirn gegen die kalte Sichtplatte des Shuttles und starrte auf die schillernd blaugrüne Kugel hinab, zu der sie zurückkehrte, ohne sie bewußt wahrzunehmen. Natürlich wußte sie, warum Rom darauf bestanden hatte, daß sie nach Bajor flog mit all den anderen Bajoranern, niemand wußte, wie die Ankunft des Dominion und den mit ihnen verbündeten Cardassianern aussehen würde. Ob der Nichtangriffspakt sie schützte, wieviel wert die Neutralität im Endeffekt hatte, und ob man dem Wort des Dominion Glauben schenken durfte, daß sie nicht als Eroberer kamen, daß sie nicht vorhatten, Bajor zu annektieren oder zu besetzen.
Ihr Herz hing an der Station, die schon lange Zeit ihre Heimat war, mehr Heimat war als Bajor, das sie verlassen hatte, als sie noch sehr jung gewesen war und doch schon einige Lektionen des Lebens hinter sich hatte. Einige Lektionen über Bajoraner, Cardassianer und darüber, daß es selten klare Machtverhältnisse gab, selten ein klares Bild von Weiß oder Schwarz, Gut oder Böse. Ihre Erinnerungen schweiften kurz zu einem verbitterten jungen Bajoraner in einem Flüchtlingslager, der sie eine cardassianische Hure genannt hatte, der gegen den Korb mit Essen trat, den Leeta ihm gebracht hatte. Essen, das für ihren Bruder Leben oder Tod bedeuten konnte und das er ihr samt seinen bitteren Worten, keine Schwester mehr zu haben, entgegengeschleudert hatte. Sie erinnerte sich an die Blicke der Bajoraner, die sie verachteten, weil sie für einen alten Cardassianer den Haushalt führte. Niemand hatte sie je gefragt, ob ihre Dienste für ihn über das hinausgingen, niemand hatte je gefragt, warum sie diese Anstellung übernommen hatte. Niemand hatte je nach ihr gefragt.
Niemand außer Rom.
Man hielt sie für dumm, ein Dabomädchen, das mit flinken Fingern das Daborad drehen konnte und mit ihren äußeren Reizen die Spieler zu betören und abzulenken vermochte. Sie wußte, daß die meisten, die sich um das Daborad drängten, nur darauf bedacht waren, schnelles Latinum zu machen, und vielleicht noch das dumme, naive Dabomädchen ins Bett zu ziehen.
Niemand fragte nach ihren Träumen, ihren Gedanken, ihren Wünschen, Hoffnungen und Vorstellungen.
Keiner außer Rom.
Der kleine Ferengi, den so viele selbst für dumm hielten, hatte danach gefragt, hatte Anteil an ihrer Gedankenwelt genommen und sie Anteil an seiner nehmen lassen, und vielleicht war er so erstaunt darüber gewesen, was er fand, wie sie es gewesen war. Sie hatte in dem kleinen Ferengi, der im Schatten seines Bruders Quark immer so sehr zu verschwinden schien, jemanden gefunden, der ihr selbst ähnlich war. Jemand, der zu großem Mut fähig war, wenn es auch ein Mut war, den selten jemand anerkennen würde, weil er mehr im Stillen blühte und nicht wortreich auf seine Taten aufmerksam machte. Jemand, der sie aus ganzem Herzen liebte, ohne daß er dabei an ein schnelles Vergnügen oder seinen eigenen Vorteil dachte.
Roms Liebe heilte viele Wunden, von denen Leeta nicht einmal gewußt hatte, daß sie noch immer existierten. Rom betete sie an, hing an ihren Worten, so als würde sie große Weisheiten verkünden und sorgte sich um sie.
Viele hatten laut gelacht, als Rom und sie ein Paar wurden, die freundlicheren unter ihnen hatten still gelächelt und ihre Scherze nur hinter ihren Rücken gemacht, aber Leeta wußte, daß sie es dennoch alle getan hatten. Am Daborad hörte man viel. Sie wußte, daß viele über den kleinen, nach bajoranischen Maßstäben häßlichen Ferengi und das dumme, bajoranische Dabomädchen lachten und es für eine seltsame Laune des Schicksals hielten, daß gerade sie sich gefunden hatten.
Leeta wußte, daß wohl niemand begriff, was sie in Rom sah. Ebenso wie wohl niemand begriff, was Rom in ihr sah, nicht das betörend schöne Dabomädchen, sondern Leeta.
Leeta, die träumte. Leeta, die sich mehr Gedanken machte als man ihr allgemein zutraute. Leeta, die mit anderen mitfühlte, selbst wenn sie wußte, daß man über sie nur lachte. Leeta mit all ihren Fehlern und all ihren Stärken. Wenn der kleine Ferengi in ihre Augen sah, dann wußte sie, daß er der Einzige war, der wirklich sie sah. Nicht das schmückende Beiwerk, nicht das Sexhäschen, nicht das dumme Dabomädchen, sondern sie bis zum Grunde ihrer Seele, jenseits aller Masken.
Und nun war sie allein.
Sie fühlte, wie sich Tränen in ihren Augenwinkeln bildeten und an ihren langen Wimpern fingen. Sie hatten nur so wenig Zeit gehabt, gerade genug, um sich mitten im Trubel der Evakuierung noch das Jawort zu geben, nicht einmal die Zeit für die Hochzeitsnacht war geblieben.
Jetzt war Rom auf Deep Space Nine, mitten im Feindesland, um für die Föderation zu spionieren und zusammen mit Odo und Major Kira den Versuch zu unternehmen, die Sternenflotte in ihrem Kampf gegen das Dominion und Cardassia zu unterstützen.
Leeta schloß die Augen und fühlte, wie die Tränen über ihre Wangen kullerten. Ihr war egal, was die anderen Leute an Bord dachten. Auf dem Evakuierungs-Shuttle waren Tränen ohnehin nichts Ungewöhnliches und sie hatte schon vor langer Zeit aufgehört, sich Gedanken darüber zu machen, was andere von ihr dachten. Einst hatte sie sogar bewußt mit den falschen Bildern gespielt, die man sich von ihr machte, um zu überleben.
Damals hatte sie für das Leben ihres Bruders alle möglichen Konsequenzen in Kauf genommen, selbst die, daß er sie vielleicht für ihre Taten haßte.
Seitdem hatte sie keinen Menschen je wieder so nahe an ihr Herz kommen lassen, bis jetzt, und für Rom würde sie wiederum alles tun, um ihm zu helfen, ihn zu retten, egal, welche Konsequenz dies für sie selbst auch haben mochte.
Bei ihrem Bruder hatte sie versagt.
Bei Rom würde sie das nicht.
Leeta öffnete die Augen wieder und starrte erneut auf ihren Heimatplaneten hinab, der ihr seltsam fremd geworden war und nun mehr ein Exil bedeutete als Heimat, denn ihre Heimat war nicht hier, sie war auch nicht auf DS9, sondern ruhte allein im Herzen eines kleinen Ferengi, dessen Mut und Herz soviel größer waren als er selbst.
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Einige Wochen später
Dukat verschränkte die Arme hinter dem Rücken und wippte leicht auf den Absätzen seiner Stiefel. Sein Blick glitt ruhig über die Promenade, während ein stilles Lächeln auf seinen dünnen Lippen lag.
"Sie scheinen dies zu genießen, Gul Dukat." Die weiche Stimme des Vorta ließ Dukats Lächeln gefrieren. Selbst in der Stunde seines größten Sieges mußte dieser heuchlerische Diener der Founders ihm die Stimmung verderben. Im Grunde verdarb seine bloße Anwesenheit auf Terok Nor Dukat den Genuß, den er sonst empfunden hätte, endlich wieder Herr dieser Station zu sein.
Er warf Weyoun einen Blick zu, der geziert die Hände verschränkt, neben ihn trat und einen nur vage interessiert wirkenden Blick auf das Promenadendeck huschen ließ. Der Vorta legte leicht den Kopf schief und betrachtete Dukat mit dem Interesse eines Kindes, das mit Vergnügen einer Heuschrecke die Beine einzeln ausreißt. "Was genau genießen Sie an diesem Ausblick, Dukat?"
Der Cardassianer beugte sich leicht vor und stützte die Hände auf die Metallrohrkonstruktion, die das über der Promenade gelegene Deck sicherte. Er umfaßte das Metall und drückte zu, während er sich vorstellte, es sei der Hals des Vorta. Wie sehr verachtete er den Mann! Keine Sekunde in seiner Anwesenheit verging, ohne daß Dukat sich bewußt war, daß er einen hohen Preis für die neue Macht Cardassias hatte bezahlen müssen. Die kalten, zornerfüllten Worte von Major Kira klangen noch in seinen Ohren, die ihm vorwarf, sein Volk verraten und verkauft zu haben. An das Dominion, an die Founders.
Weyoun ließ einen weiteren Blick aus seinen fahlvioletten Augen auf den Bajoranern ruhen, die vorbeiströmten. Hier und da warf jemand einen verstohlenen Blick hoch zu dem Mann in cardassanischer Kampfuniform.
Ein leichtes Lächeln glitt über Weyouns Lippen. "Ist es die Angst in den Augen dieser Bajoraner, die Sie so sehr genießen, Dukat?"
Dukat straffte die Schultern. "Sie respektieren mich als den Machthaber dieser Station, etwas Furcht gehört dazu."
Der Vorta lachte gestelzt und hob leicht die Hand, als Dukat sich wütend zu ihm umdrehte. Er winkte ab. "Verzeihen Sie, Gul Dukat, wenn ich lache. Es ist nur so faszinierend, wie die Bewohner dieses Quadranten Macht definieren."
Dukat hob leicht die Mundwinkel an, zu einer Parodie eines Lächelns. "Und was genau, ist daran so faszinierend, Weyoun?"
Der Vorta ließ einen Blick auf Dukat ruhen, der sehr deutlich machte, wie sehr er auf ihn herabsah. "Natürlich die Kurzsichtigkeit dessen, was Sie als Macht ansehen, Gul Dukat."
"Große Worte für einen Mann ohne jede Macht." Dukat nahm für einen winzigen Sekundenbruchteil ein Zucken im Gesicht des Vorta wahr, was seine ansonst so kontrollierte Mimik ein wenig ins Wanken brachte. Kein militärischer Sieg konnte befriedigender für den Cardassianer sein.
Der Vorta hob leicht die Hände an, in einer seiner typischen, kriecherischen Gesten, die Dukat so verachtete und von denen er dennoch wußte, daß sie nur ein Spiel waren. Er war nicht so dumm, den Vorta zu unterschätzen, er war der Mann, auf den die Jem´Hadar hörten, zumindest auf dieser Seite des Wurmloches.
"Ich bin ein Diener der Founders, ich muß Macht nicht in Worte kleiden, die Founders sind die Macht. Wahre Macht, Gul Dukat." Weyoun deutete auf die dahinströmenden Bajoraner auf dem Promenadendeck. "Nicht diese kleinen Spielchen hier." Der Vorta verneigte sich ein wenig vor Dukat, eine Geste, die man von weitem als Unterwürfigkeit hätte interpretieren können, aber die nichts dergleichen war. Selten hatte Dukat eine deutlichere Kampfansage erhalten.
Er blickte dem Vorta nach und verfluchte still die Umstände, die ihn dazu gezwungen hatten, die Allianz mit dem Dominion einzugehen.
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Knisternd entlud sich Energie an dem Schutzschild. Leeta zog die Finger zurück und ignorierte die Jem`Hadar, die ihre Sturmgewehre ein Stück erhoben hatten - eine deutliche Warnung.
"Tu das bitte nicht noch einmal, Liebling." Rom betrachtete sie mit einem Blick, der Leetas Herz hätte schmelzen können, voller Liebe und Sorge um sie. Er saß in einer Gefängniszelle, seine Hinrichtung als Saboteur war angesetzt und alles, woran er dachte, war ihre Sicherheit und daß sie sich nicht die Finger an der Energie der Schutzschilde verbrannte. Leeta fühlte, wie sich Tränen an ihren Wimpern fingen.
"Wie konnte das passieren, Rom?" Leeta bemerkte den Blick des Ferengi, der kurz zu den Jem`Hadar glitt, doch sie waren außerhalb deren Hörweite.
"Es war ein wichtiger Plan, Leeta, ich weiß nur nicht, was schiefging. Major Kiras Pläne erschienen mir sonst immer sehr effektiv."
Leeta verzog leicht schmollend den Mund. Natürlich, Major Kira, die einstige Widerstandskämpferin, hatte sicherlich ohne eine Gedanken an Sicherheit verschwendend, einen waghalsigen Plan entworfen, und nun saß Rom in einer Zelle und wartete auf seine Hinrichtung. Sie hatte oft, noch während der Besatzungszeit, gehört, daß es nur zwei Arten von Widerstandskämpfern gab, tote oder solche, die alle um sich herum in den Tod rissen.
"Sie hätte besser auf deine Sicherheit achten müssen, Rom! Und wo ist sie überhaupt? Sie sollte sich Gedanken darüber machen, wie man dich aus diesem Gefängnis herausholt."
Rom schüttelte leicht den Kopf. "Wir wußten, daß es riskant ist, Leeta! Als ich hier auf Deep Space Nine blieb, wußte ich, daß es auch so enden könnte. Es war und ist immens wichtig, daß dieses Minenfeld im Wurmloch nicht deaktiviert wird, denn wenn dies geschieht, sind wir alle verloren."
Leeta schüttelte leicht den Kopf. "Dann ist die Föderation verloren, Rom, aber das heißt nicht zwangsläufig, daß wir in Gefahr wären. Bajor ist neutral! Sollen das Dominon und die Cardassianer sich von mir aus den Rest des Quadranten teilen."
Rom sah sie erschüttert an, dann schüttelte er bedauernd den Kopf. "Das meinst du nicht, mein Liebes. Das ist nur die Angst um mich, die dich das sagen läßt."
Leeta schüttelte wild den Kopf, in diesem Moment wollte sie glauben, daß ihr alles andere egal war außer Rom.
"Glaubst du wirklich, man würde Bajor verschonen, Leeta?" Rom wirkte geknickt, er wollte, daß Leeta begriff, warum er sich auf diese Sache eingelassen hatte, begriff, warum er keine Wahl gehabt hatte und er wollte, hoffte, daß sie ein wenig stolz auf ihn war, weil er dies getan hatte.
Leeta schüttelte stumm den Kopf, während Tränen über ihre Wangen strömten. "Ich will, daß du lebst, Rom." Sie wußte, daß Rom recht hatte, wußte genau, was es bedeutete, wenn die Föderation verlor, wenn durch das Wurmloch die Verstärkung des Dominion in diesen Quadranten strömte. Doch sie wollte nicht, daß Roms Leben der Preis dafür war, und so, wie momentan alles aussah, würde er vollkommen umsonst sterben. Seine Mission war gescheitert, in ein paar Tagen würden die Minen deaktiviert und der Alphaquadrant die sichere Beute der Founders, die ihre Art der Ordnung allen angedeihen lassen würden, ob sie nun wollten oder nicht.
"Noch ist nicht alles verloren." Rom versuchte ein aufmunterndes Lächeln. "Vielleicht greift die Sternenflotte Terok Nor rechtzeitig an. Vielleicht haben Odo und Major Kira schon einen todsicheren Plan, um mich zu befreien."
Leeta blickte Rom an. Sie kannte ihn zu gut, der kleine Ferengi hatte vor lauter Eifer, sie zu trösten und zu überzeugen, fast zu stottern begonnen, und doch wußte sie, daß er log. Sie sah es ihm an den Ohren an. Ihre langjährige Arbeit mit und unter einem Ferengi hatten sie all die kleinen Anzeichen gelehrt um zu wissen, wie subtil ihre Körpersprache war, und sie wußte immer, wann Quark sie um ein paar Streifen ihres Lohnes betrog. Rom hatte sie bisher nie belogen, und er war darin noch wesentlich ungeschickter als sein Bruder.
Rom senkte leicht die Augen unter Leetas durchdringendem Blick, sie blickte selten jemanden so intensiv an. In den Jahren der Besatzungszeit hatte sie gelernt, nach außen hin immer das kleine, dumme Dabomädchen zu sein, so daß diese Maske ein Teil von ihr geworden war. Rom hatte immer dahintergesehen, und er wußte auch jetzt, daß Leeta genau wußte, daß er gelogen hatte. Die Föderation würde nicht rechtzeitig kommen, der Krieg stand sehr schlecht, und in dem Moment, in dem das erste Schiff des Dominionnachschubkonvois das Wurmloch passieren würde, war der Krieg verloren. Und was Major Kira anging, hatte er selbst betont, daß es momentan nur ein Ziel geben durfte, die Zerstörung des Deflektorgenerators, mit dem man das Minenfeld zu deaktivieren gedachte.
"Es wird alles gut werden, Leeta." Rom versuchte, überzeugend zu klingen, für Leeta und für sich selbst. Er war kein Held, er wollte nicht sterben, eigentlich gab es nichts, was er wollte, außer mit seiner wunderschönen, geliebten Leeta den Rest seines Lebens zu verbringen. Und doch hatte er keine Wahl gehabt, gerade weil er liebte. Wie würden sie in einem Universum leben können, in dem sie nicht länger frei war? In dem irgendwelche gestaltwandlerische Tyrannen über all jene zu herrschen und bestimmen gedachten, die sie nicht einmal verstanden. Sie waren in den Augen der Founders nur Solids, ihr Leben zählte nicht im Angesicht des Great Link.
Leeta zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen, sie hatte vor langer Zeit gelernt zu lächeln, selbst wenn ihre Seele weinte. "Ja, das wird es, Rom. Das wird es."
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"Wir sollten auf jeden Fall eine bewaffnete Garnison auf Bajor stationieren." Dukat blickte von den Berichten über die Fortschritte der cardassianischen Flotte und der Verbündeten Jem`Hadar auf und musterte Weyoun.
Der Vorta schien sich selten sonderlich um die Berichte zu kümmern, aber dieses offene Desinteresse mußte ein Spiel sein, um ihn zu verwirren. Der Vorta war glänzend informiert und vermutlich wußte er mehr als in diesen Berichten stand. Dukat hätte seine rechte Hand dafür gegeben, wenn er gewußt hätte, was der Vorta alles für Geheimnisse in sich trug.
Er durchschaute den schwarzhaarigen Mann mit den kalten Augen nicht. Wie konnte man einem Volk wie den Founders bedingungslos gehorchen? Nun ja, soweit er wußte, waren die Vorta nur zu diesem einen Zweck geschaffen, sie waren ein genetisches Musterexemplar für die perfekte, dienende Rasse. Allerdings dienten sie nur einem Volk, dem welches sie erschaffen hatte, welches sie klonte und kontrollierte. Gab es überhaupt so etwas wie einen eigenen Willen unter den Vorta, waren sie empfänglich für Macht? Eigene Macht?
Dukat kniff leicht die Augen zusammen. Ob man ihn korrumpieren konnte?
"Keine bewaffnete Garnison auf Bajor." Weyouns Stimme schien eine winzige Spur von Freude anzuhängen, als er Dukats Vorschlag abschmetterte.
Der Cardassianer knirschte innerlich mit den Zähnen. Wie sehr haßte er es, daß dieser Vorta das Sagen über die Jem´Hadar hatte, daß im Grunde er der heimliche Herrscher von Terok Nor war. Zwar überließ er großzügig, und wie Dukat argwöhnte, herablassend, ihm den Titel. Doch was war ein Titel ohne echte Macht dahinter?
Cardassia mußte sich den Wünschen und Zielen des Dominion beugen und manchmal, in alptraumhaften Nächten, fragte Dukat sich, ob dies nicht ein zu hoher Preis war, für das Versprechen, daß sie zu den Herrschenden gehören würden.
Würden die Cardassianer einst so werden wie die Vorta? Speichellecker der Founders?
"Darf ich fragen, warum nicht?" Dukat gab sich keine Mühe, die Schärfe aus seiner Stimme zu halten, aber Weyoun hob nur leicht irritiert die Augenbraue, deutlich machend, wie sehr dieses Verhalten unter seiner Würde stand.
"Das Dominion gab Bajor sein Wort. Sie erwarten doch nicht, daß wir unser Wort brechen, Gul Dukat?"
Der Cardassianer schüttelte den Kopf. "Bajor ist nicht neutral! Sie halten nur im Moment still und wir sollten besser jetzt Macht demonstrieren als irgendwann später."
Weyoun schüttelte den Kopf. "Erneut erstaunlich kurzsichtig, Gul Dukat. Natürlich halten die Bajoraner momentan nur still. Sie sind eine Rasse, die erstaunlich mehr Weitblick beweist als viele hier im Alphaquadranten. Sie warten ab, wer siegen wird, und das Dominion wird siegen. Warum jetzt Macht demonstrieren? Wir haben die Macht, das bedarf keiner Demonstration. Wenn die Föderation zerschlagen ist, wird Bajor erkennen, daß es sehr klug war, sich neutral zu stellen, und es wird die neue Ordnung annehmen, denn einen anderen Weg gibt es nicht."
Dukat verzog seine Lippen zu einem kalten Lächeln. "Sie kennen die Bajoraner nicht, Weyoun."
Der Vorta legte leicht den Kopf schief. "Möglicherweise haben Sie damit recht, Gul Dukat, aber ich kenne die Macht, und ich weiß, daß jeder, der sich dem Dominion in den Weg stellt, zerstört wird. Niemand ist so dumm, die Vernichtung seines Volkes zu wählen."
Dukat schüttelte nur den Kopf. Der Vorta bildete sich vielleicht ein, alles über Macht zu wissen und darüber, wie man siegte, aber er kannte nur die andere Seite des Wurmloches und damit die Ordnung der Founders. Daß es mehr Wege gab, das würde er noch lernen müssen.
Ein Offizier von Dukats Leibgarde betrat den Beratungsraum. "Gul Dukat, eine Bajoranerin möchte Sie gerne sprechen."
"Major Kira?" Dukat war nicht in der Stimmung zu einem neuen wortreichen Schlagabtausch mit der Bajoranerin, schon gar nicht vor Weyouns Augen.
"Nein, Sir, das Dabomädchen aus dem Quark´s."
Dukat hob eine Augenbraue und versuchte, sich ein Gesicht zu dieser Information vorzustellen, es gab einige bajoranische Dabomädchen bei Quark. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Es gab nur ein Dabomädchen, dessen Mann im Gefängnis saß und auf seine Hinrichtung wartete. Vielleicht war dies eine gute Gelegenheit, um Weyoun zu zeigen, was für ihn Macht war.
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"Warum sollten wir deinen Mann freilassen, Leeta?" Dukat verschränkte die Hände ineinander und stützte sein Kinn auf. "Er ist ein Saboteur."
Leeta ließ einen Blick von Dukat zu dem Vorta mit den fahlvioletten Augen schweifen, einen betont ängstlichen Blick. "Rom hatte sicherlich nie so etwas vor."
Dukat schüttelte den Kopf. "Er wollte die Deflektorgeneratoren sabotieren, das ist Hochverrat und darauf gibt es nur ein Urteil, den Tod."
Leeta kannte Männer wie Gul Dukat. Er weidete sich an ihrer Hilflosigkeit, und sie war nur zu bereit, ihm genau diese vorzuspielen, es war der beste Weg, wenn man den Erwartungen des Gegenübers entsprach, um ihn zu täuschen.
"Das Dominion akzeptiert keine terroristischen Anschläge." Weyoun fragte sich, welchen Gefallen Dukat an dieser Situation fand, sie war höchst langweilig.
"Rom hat sich sicher nur verirrt, er wird nicht gewußt haben, daß er sich in einer verbotenen Zone befunden hat." Leeta trug diese Behauptung mit aller Naivität vor, zu der sie im stande war.
Ein Lächeln zuckte um Dukats Mundwinkel. "Er hat sich also nur verirrt? Mit einer Bombe?" Leeta zuckte zusammen und richtete einen flehentlichen Blick auf Dukat. "Man hat ihn bestimmt nur ausgenützt, Rom hätte nie so etwas von sich aus getan."
"Das mag sein." Dukat bemerkte Weyouns irritierten Blick. Der Vorta begriff nichts von diesem Spiel, das er begonnen hatte, einem Spiel um Macht und Ohnmacht.
"Bitte heben Sie das Todesurteil auf, Gul Dukat, Sie haben die Macht dazu und die Gnade."
Dukat warf Weyoun einen amüsierten Blick zu. Macht, genau das war es, was er hatte und was er genoß. Die Bajoraner hatten einst gewußt, daß ihr Leben in seinen Händen lag, und wußten es noch immer. Er hatte die Macht, sie vor sich kriechen zu lassen, wenn er es wollte, die Macht, über ihr Leben zu bestimmen und über ihren Tod.
"Was würdest du tun, Leeta, um deinen Mann zu retten?" Dukat blickte sie auf eine Weise an, die ihr deutlich machte, daß sie sich nicht ìn ihm geirrt hatte. Es war ein altes Spiel, ein Spiel der Besatzungszeit. Eine bajoranische Frau hatte manchmal nur eines, das sie einem Cardassianer anbieten konnte. Sie blickte ihn an, weiterhin sorgsam darauf bedacht, Naivität und Angst in ihren Augen die Waage halten zu lassen. "Alles, Gul Dukat."
Der Cardassianer lächelte zufrieden. "Ich werde darüber nachdenken." Leeta verbeugte sich, sich bewußt, daß sie mit diesen Worten entlassen war. Wenn sie das Funkeln in Dukats Augen richtig interpretierte, hatte sie zumindest sein Interesse erweckt, und das war vielleicht der einzige Weg, um Rom zu retten.
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"Sie haben nicht die Hälfte dessen begriffen, was hier soeben vorgegangen ist, nicht, Weyoun?" Dukat konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, und er registrierte, daß die geflissentliche, undurchschaubare Mimik des Vorta wieder kurz Sprünge aufwies.
"Was gibt es daran zu begreifen? Außer, daß die Founders keine Gnade gewähren und deshalb Appelle dieser Art ausgesprochen nutzlos sind." Weyoun legte wieder den Kopf leicht schief und musterte Dukat mit einer unverhohlenen Spur von Neugierde. "Was genau hat Sie daran so erfreut, Dukat?"
"Die Macht über diese Bajoranerin. Das ist Macht, die ich in meiner Hand habe, die ich direkt fühle und aus der ich direkt meinen Nutzen zu ziehen vermag. Sie mögen eine Flotte Jem`Hadar befehligen, aber wo liegt das Vergnügen daran?" Er bemerkte Weyouns leicht irritierten Gesichtsausdruck. "Ach ja", er winkte lässig mit der Hand ab. "Ich vergaß, die Diener der Founders haben sicherlich keinen Bedarf für Vergnügungen. Ihr dient ja nur einem höheren Ziel, der Ordnung, ich stelle mir das sehr langweilig vor und sehr wenig stimulierend."
"Wovon sprecht Ihr überhaupt, Dukat?" Weyoun hatte sich gut im Griff, aber innerlich brodelte er vor Zorn auf diesen Cardassianer. Er wußte nicht, was sich die Founders gedacht hatten, als sie mit dieser Rasse ein Bündnis eingingen, aber er mußte es auch nicht verstehen, er war niemand, der die Pläne der Founders in Frage stellte, höchstens in den Tiefen seiner Seele wagte er manchmal, Zweifel zu hegen. Zweifel, die ihn nachts ängstlich aus dem Schlaf schreckten, denn kein Vorta durfte eigentlich in der Lage sein, Zweifel zu hegen, dazu waren sie nicht geschaffen. In diesen stillen Stunden starrte er dann in die Dunkelheit und überlegte, ob er ein genetischer Mißgriff war und was es für eine Konsequenz haben würde, wenn die Founder es je entdeckten. Er wußte, was mit den fehlerhaften Klonreihen geschah, sie wurden vernichtet wie Abfall.
"Davon, daß dies Macht ist, die ich fühlen kann. Die Frau ist bereit, alles zu tun, was ich mir wünsche, nur um ihren Mann zu retten. Ich habe das Leben ihres Mannes in meiner Hand und damit auch ihres. Wenn ich will, wird sie vor mir knien, sie wird meine Stiefel küssen, sie wird mit mir schlafen und sie wird mir eine überzeugende Vorstellung davon liefern, was für ein guter Liebhaber ich bin. Sie wird an meinen Lippen hängen und wissen, daß ich es bin, der mit einem Wort zerstören kann oder retten. Das ist Macht, die ich fühlen will, Weyoun." Er warf das Computerpadd mit den Daten der Kriegsberichte auf den Tisch. "Sie dürfen sich ruhig weiter mit dieser Macht beschäftigen, ich finde sie nur sehr viel weniger befriedigend, aber davon wissen Sie ja sicherlich nichts." Mit einem überheblichen Lächeln stand er auf und verließ den Raum.
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"Wasser prasselte auf Leeta herab, es war heiß, und sie schloß die Augen, während still Tränen über ihr Gesicht perlten. Einst hatte eine Bajoranerin zu ihr gesagt, daß man alles abwaschen konnte, und vielleicht stimmte dies sogar. Sie fragte sich aber, ob sie auch Dukats Lachen abwaschen konnte, ob sie die Erinnerung an seine Hände abwaschen konnte, das Gefühl von seinem Körper an ihrem.
Der Türmelder an ihrem Quartier kündete Besuch an. Mit einem eisigen Schreck dachte Leeta daran, daß es vielleicht Dukat war, der noch nicht genug davon hatte, seine kleinen Machtspielchen zu spielen. Sie hatte ihm all das geboten, was er sich wohl wünschte: Die kleine, naive Bajoranerin, starr vor Angst angesichts seiner Macht und doch anschmiegsam genug in den Momenten, in denen er Wert darauf legte. Und sie hatte ihn gehaßt, in jeder Sekunde.
Leeta hüllte sich in einen Bademantel und fuhr sich durch ihr nasses Haar, ehe sie dem Computer die Anweisung gab, den Besucher einzulassen. Zu ihrer Überraschung trat der schwarzhaarige Vorta mit den fahlvioletten Augen ein, sah sich mit einem vage interessierten Blick in ihrem Quartier um und lächelte dann. Es war eine Art von Lächeln, die freundlicher als dasjenige Dukats wirkte, aber auf gewisse Weise noch schrecklicher war. Der Vorta gab den zwei Jem`Hadar-Wachen die Anweisung, vor dem Quartier zu warten, und blickte Leeta mit dem Interesse eines Forschers an, der gerade eine faszinierende, aber auch primitive Lebensform unter seinem Mikroskop entdeckt hat.
"Darf ich mich setzen?" Die Stimme des Vorta war sanft, fast schon schmeichlerisch und dennoch fühlte Leeta, wie sich ihre Nackenhaare sträubten. Sie deutete dennoch schüchtern auf einen Sessel, und Weyoun nahm mit gezierter Gestik darin Platz.
Er betrachtete Leeta von Kopf bis Fuß und runzelte dann ansatzweise die Stirn. "Dein Mann hat ein Verbrechen gegenüber dem Dominion begangen, das ist an sich unentschuldbar." Er blickte die Bajoranerin an. Selbst nach seinen Maßstäben mußte er gestehen, das sie schön war. Die Bajoraner waren eine ästhetisch ansprechende Rasse, für Solids. Er konnte vage verstehen, was ein Founder, selbst einer, der nicht mit dem Great Link aufgewachsen war, an einer Vertreterin dieser Rasse fand. Wenn selbst Odo den Reizen einer bajoranischen Major nicht widerstehen konnte, dann war es vielleicht auch etwas, das ein Vorta erfahren durfte.
"Ich bin neugierig. Dein Mann ist ein Ferengi, häßliche, kleine Gnome, mit einem sehr zweifelhaften Charakter, und du bist eine Bajoranerin, eine sehr ansprechend aussehende Frau. Warum hast du Rom geheiratet?"
Leeta starrte den Vorta an. Seine Worte klangen sanft und einschmeichelnd, aber sie wußte, daß dahinter nur eine Art von klinischer Neugierde stand, die noch schlimmer auf sie wirkte, als Dukats Verlangen. Wie sollte sie diesem Mann erklären, was Liebe war? Sie bezweifelte, daß es Liebe, außer ihrer bedingungslosen, sklavischen Liebe zu den Founders, im Leben eines Vortas gab. Wie sollte sie ihm erklären, was sie in Rom sah? Was Rom war? Daß nicht sein Aussehen zählte, sondern nur seine Seele und diese wunderschön war. Wie sollte das jemand verstehen, der so seelenlos wirkte wie dieser Vorta?
"Ich liebe ihn." Leeta ließ ein paar Tränen über ihre Wangen kullern, während sie das sagte. Sie hätte stundenlang hemmungslos darüber weinen können, in welcher Lage Rom sich befand, aber nicht hier und nicht jetzt, nicht vor den Augen des Vorta. Sie wußte, daß sie sich auf einem gefährlichen Terrain bewegte.
"Liebe." Der Vorta ließ dieses Wort über die Lippen rollen, so als wolle er den Geschmack testen. "Ein seltsames Konzept, das nichts mit Logik gemein zu haben scheint." Er sah die Bajoranerin wieder an. Was hatte Dukat ihm über die Macht erzählt, die er über diese Frau hatte? Hatte er sie schon gehabt? Würde er Rom freilassen? Wenn ja, so würde er dieses Begnadigungsurteil mit Freuden für null und nichtig erklären. Dukat sollte sich ruhig einbilden, daß er über diese Station herrschte, aber die Founders waren die wahren Herrscher und sie duldeten keine Sabotageakte gegen sich.
"Du würdest alles für deinen Mann tun?"
Leeta nickte. "Alles."
Weyoun schüttelte den Kopf. "Ein sehr seltsames Konzept. Würde dein Mann schätzen, was du für ihn tust?"
Leeta schloß kurz die Augen und dachte an ihren Bruder, der sie verstoßen hatte, weil sie für einen Cardassianer gearbeitet hatte. Würde Rom es verstehen? Vielleicht, aber sie hatte nicht vor, dies zu riskieren. "Nein, vermutlich nicht."
"Aber dennoch würdest du mit mir sexuelle Handlungen begehen?" Weyoun wirkte fasziniert, weniger von dem Akt als von der Vorstellung, daß es diese Art von Macht wirklich gab.
Leeta blickte den Vorta an. "Ja, ich würde mit dem Mann schlafen, der die Macht auf Terok Nor hat, meinen Mann Rom zu begnadigen."
Der Vorta legte leicht den Kopf schief. "Vielleicht dürfte es dir schon bewußt geworden sein, die einzige Macht, die es in diesem Quadranten noch gibt, ist die des Dominion."
Leeta dachte an Dukats Versprechen, das er ihr gegeben hatte, daran, daß er Rom begnadigen würde. Jetzt fragte sie sich, ob er überhaupt die Macht dazu hatte. Der Vorta verzog die Lippen zu einem Lächeln, und Leeta war sich bewußt, daß sie sehr, sehr viel Wasser benötigen würde, um das, was kommen würde, abzuwaschen.
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"Sie haben die Hinrichtung dieses kleinen Ferengimolches aussetzen lassen?" Dukat stürmte in das Büro, das sich Weyoun als Hauptquartier ausgesucht hatte, und knallte ein Datenpadd auf den Tisch. Der Vorta lächelte freundlich. "Ja", entgegnete er ruhig.
Dukat kniff die Augen zusammen. "Hängt das mit einem kleinen Spiel der Macht zusammen, das Ihr mit einer Bajoranerin getanzt habt, Weyoun?"
Der Vorta blickte Dukat gelangweilt wirkend an. "Ich habe die Hinrichtung, die Sie heute morgen unterzeichnet haben, nur aussetzen lassen. Es erscheint mir passender, den Saboteur hinzurichten, sobald die neuen Truppen vom Gammaquadranten eingetroffen sind. Die Founder werden so ein Schauspiel zu schätzen wissen, und es wird ein gutes Signal für all jene setzen, die sich uns in den Weg zu stellen wagen." Weyoun verbarg ein Lächeln. Im Grunde hatte er die Hinrichtung nur verschoben, um Dukat zu verärgern, was ihm durchaus gelungen war.
Er blickte Dukat neugierig an. "Sie haben dieses Machtspiel mit der Bajoranerin genossen, Gul Dukat. Hatten Sie je vor, den Ferengi zu begnadigen?"
Der Cardassianer erhob sich. "Nein, und genau das ist der Reiz dieses Spieles."
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Nach "sacrifice of angels"
Leeta lehnte ihren Kopf gegen die kühle Sichtscheibe im Shuttle, die blaugrün schimmernde Kugel ihres Heimatplaneten nahm den Sichtschirm fast gänzlich ein, ummäntelt von einen Stück Schwärze des Alls. Ein schöner Anblick, aber Leetas nahm ihn nicht bewußt wahr. Ihre Gedanken drifteten zurück zu den Ereignissen der letzten Tage. Zu Dukat und Weyoun, dazu, daß beide nie vorgehabt hatten, ihr Wort zu halten. Als sie erfahren hatte, daß man Roms Hinrichtung nur verschoben hatte, war sie zu Dukat gegangen, der ihr mit Bedauern in der Stimme erklärt hatte, daß ihm die Hände gebunden seien, weil Weyoun und das Dominion auf der Hinrichtung ihres Mannes bestünden. Weyouns Vorstellung von Bedauern war eine Spur überzeugender vorgetragen gewesen, in seiner schleimigen Art, aber genauso falsch. Nach seinen Worten hatten Dukat und die cardassianische Regierung auf der Hinrichtung bestanden.
Am nächsten Tag hatte man Major Kira und sie verhaftet, ein deutliches Indiz dafür, daß man das Minenfeld in Kürze deaktivieren würde.
Zumindest war sie mit Rom zusammen gewesen, und gemeinsam hatten sie die ersten Erschütterungen gefühlt, als die Station angegriffen wurde. Starfleet hatte zum letzten Schlag ausgeholt, um das Dominion zu stoppen. Obwohl Ziyal, Dukats Tochter, sie schließlich befreit hatte, wäre alles verloren gewesen, wenn nicht die Propheten selbst in den Kampf eingegriffen hätten, auf das Wort ihres Abgesandten hin.
Leeta berührte ihren Ohrring. Die Propheten hatten die gesamte Nachschubflotte des Dominion verschwinden lassen, niemand wußte, wohin und in welche Zeit, aber mit ihrem Verschwinden war der Siegeszug gebrochen, und die Cardassianer und Jem`Hadar hatten Deep Space Nine fluchtartig verlassen. Der Krieg war noch nicht vorbei, aber die Chancen waren nun wieder ausgeglichener und die direkte Gefahr gebannt.
Aber sie hatten ihren Preis dafür bezahlt.
Leeta fühlte Roms Hand, die sich sanft auf die ihre legte, und blickte ihren Mann mit einem sanften Lächeln an. Sollte sie ihm je erzählen, was sie getan hatte? Würde er es verstehen? Sie blickte in seine Augen. Fast wollte sie glauben, daß er es verstehen würde, aber konnte sie das riskieren? Sie erinnerte sich an das Gesicht ihres Bruders, an den Haß in seinen Augen, wo vorher Liebe gewesen war, und schwieg.
"Alles in Ordnung?" Rom lächelte sie auf seine unnachahmliche Art an, in seinen Augen Sorge und Liebe.
"Ja." Leeta blickte wieder zum Sichtfenster. "Ja, es tut mir nur sehr leid um Zyial."
Rom nickte betrübt und schaute zu den anderen Passagieren im Shuttle. Sie flogen nach Bajor, um an Ziyals Begräbnis teilzunehmen. Major Kira hatte sie darum gebeten, und sie alle verdankten Dukats Tochter ihr Leben.
Leeta folgte seinem Blick zu Kira. Sie war sicher, daß die ehemalige Widerstandskämpferin nie verstanden hätte, was sie getan hatte. Sie hätte einen anderen Weg gefunden und sie hätte nicht zugelassen, daß Weyoun und Dukat so davonkamen. Leeta schloß die Augen. Sie würde auch in der Rache einen anderen Weg gehen als die Widerstandskämpferin, sie war nie Kriegerin gewesen, dies war nicht ihre Welt.
Aber das Daborad drehte sich schnell und das Schicksal drehte sich oft ebenso schnell, heute noch Sieger, am nächsten Tag Besiegter. Dukat war bereits ein Wrack. Dem Wahnsinn verfallen, war er auf dem Weg in ein Förderationsgefängnis, und sollte er jemals wieder zurückkehren, so gab es noch immer Mittel und Wege. Ein paar Tropfen eines besonderen Giftes in sein Glas, ein Schmuggler, der sich ein paar Streifen Latinum verdienen wollte, es gab in Quarks Bar immer die Möglichkeit, beides zu erwerben.
Was Weyoun anging, so konnte sie ihm vielleicht mit einigen Worten, an den richtigen Ohren vorgetragen das Genick brechen. Waren die Founders so gnädige Herren, daß sie verstanden, daß einer ihrer Diener sich in eine Solid verliebt hatte? Und genau so würde sie es bei diesen Ohren darstellen, würde sie seine Loyalität gegenüber den Founders in Frage stellen und damit den Strick auslegen, in dem sich Weyoun vielleicht verfing.
Sie würde ihre Rache haben, vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber irgendwann.
Ende