Der Mantel

Von Claudia Fabrizek

doch denk ich · teurer freund · an dich dieweil sind sorgen ferne und verluste heil.

—Shakespeare, Sonett 30

 

Er stand seit einer kurzen Ewigkeit am Rand des Kliffs, oder jedenfalls kam es Kathryn so vor. Der Wind, der von der See herein blies, preßte seine Kleidung wie eine zweite Haut an seinen Körper und fuhr durch sein kurzes, dunkles, graumeliertes Haar. Chakotay stand bewegungslos und war sich scheinbar der Schönheit der Dämmerung auf Eryda: Prime nicht bewußt. Der wolkenlose Himmel war in alle violetten Schattierungen getaucht, lediglich am Horizont war ein dünner, malvenfarbener Silberstreifen zu sehen. Trotz des Winds war die See, die einige hundert Meter unter ihnen gegen den Fels brandete, ruhig und wurde von einer watteähnlichen Schicht aus Nebel wie mit einer Decke für die Nacht zugedeckt.

Seine Augen waren geschlossen, und dennoch sah er seine Umgebung. Zuvor hatte er die Landschaft so lange in sich aufgesogen, daß er sie nie wieder vergessen würde. Nun sah er sie vor seinem inneren Auge, und er versuchte, ihren Frieden auf sich abfärben zu lassen. Dies wollte ihm jedoch nicht so einfach gelingen, trotz seiner meditativ ruhigen Atemzüge.

Sein Gesicht sah immer noch so besorgt und traurig aus wie in den letzten Tagen. Kathryn hatte gehofft, daß der Planet ihrem Ersten Offizier guttun würde. Ihr Plan schien aufgegangen zu sein. In der Woche, die sie auf Eryda: Prime verbracht hatten um Handel zu treiben, war von Chakotays ungewohnter Schwermütigkeit fast nichts mehr zu bemerken gewesen. Lieber hätte sie mit ihm gesprochen. Das hatten sie schon viel zu lange nicht mehr getan, dazu hatte es zwischen ihnen zu viele Zwistigkeiten gegeben, die schließlich in seiner Suspendierung kulminiert waren, als er wegen der Equinox wieder einmal anderer Meinung gewesen war. Das allein war ja nichts Schlimmes, aber Chakotay war ein Mann, der seine Meinung sagte, wenn man ihn darum bat. Und das konnte bei Kathryn manchmal gefährlich werden. Vor allem dann, wenn es sie betraf, und sie genau wußte, daß er recht hatte. Kathryn hatte deshalb immer noch ein schlechtes Gewissen, was ihren Blickwinkel als Freundin anging. Der Captain in ihr sagte ihr, daß sie trotzdem recht gehabt hatte.

Ihr Blickwinkel als Freundin. Sie war sich nicht sicher, ob sie sich noch als solche bezeichnen durfte. Sie wollte es, aber ein Teil von ihr ahnte, daß Chakotays Schweigsamkeit zum Teil auf ihr Verhalten ihm gegenüber zurückzuführen war. Das konnte nicht so weiter gehen. Kathryn konnte es nicht leiden, wenn ein Waffenstillstand dieser Art zwischen ihnen bestand, denn sie wollte sich auf ihn verlassen können, sei es als Erster Offizier oder als Freund.

Als Chakotay schließlich von dem Empfang geflohen war, hatte sie es noch der Höflichkeit wegen etwas länger dort ausgehalten. Etwas in ihr sagte ihr, daß das eine gute Gelegenheit war, um mit ihm zu reden. Kathryn verließ ihre Gastgeber und folgte der Richtung, in die sie Chakotay zuvor hatte verschwinden sehen.Die Eryda:ner waren ein freundliches Volk und gute Gastgeber. Sie hatten die Crew der Voyager eingeladen, den Abschluß ihrer Verhandlungen mit ihnen zu feiern. Dazu hatten sie eine Lichtung in einem ihrer weitläufigen Wälder an der Küste ausgewählt. Es war eine schöne Abwechslung von den geschlossenen Gebäuden, in denen sie sich in der letzten Woche aufgehalten hatten. Die Crew genoß die Party wegen der entspannten Atmosphäre, die bereits vorher die Verhandlungen sehr angenehm und unkompliziert gestaltet hatte. Doch trotz oder wegen der guten Stimmung war Chakotay wieder in seine Stille gefallen.

Langsam stieg Kathryn die Anhöhe hinauf, die zum Rand des Kliffs führte. Sie sah Chakotay dort oben ganz allein stehen. Sie war zwar froh darüber, andererseits aber wunderte sie sich, daß nicht einmal B'Elanna … vielleicht täuschte sie sich ja und B'Elanna hatte mit Chakotay geredet, und sie hatte davon nichts mitbekommen. Sie kam neben ihm zum Stehen. Eine Weile lang genoß sie den Ausblick und die frische Luft und seine Nähe. In der windzerzausten Stille hier oben fühlte sie sich lebendiger als unten in der geschützten Lichtung.

Es hatte einmal eine Zeit gegeben, in der sich mehr zwischen ihnen hätte entwickeln können. Aber das war nun vorbei, sie hatte es nicht zulassen wollen. Kathryn wußte nicht, ob sie froh darüber sein sollte, daß er endlich losgelassen hatte. Irgendwie hatte sie das Wissen, daß er sie liebte, immer mit Stärke und Vertrauen erfüllt, und nun, da er losgelassen hatte, vermißte sie es. Es war, als hätte sie einen wärmenden Mantel abgelegt. Sie verstand sich selbst nicht. Das war es doch, was sie gewollt hatte, oder etwa nicht? Wenigstens wußte sie, wie schwer es für ihn gewesen war. Ihr war es nicht leichter gefallen, aber das konnte und wollte sie nicht zugeben. Jetzt gab es zwischen ihnen nicht mehr als eine Freundschaft, und sogar die stand nun auf dem Spiel. Wie hatte sie das zulassen können?

Einem plötzlichen Impuls folgend berührte sie mit ihrem Handrücken den seinen, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Chakotay zuckte etwas zusammen. Er hatte ihre Gegenwart wohl gespürt, doch trotzdem war ihre Berührung unerwartet. Er sah sie fragend an, und die Traurigkeit in seinen dunklen Augen ließ Kathryn mit dem ihr eigenen besorgten Blick antworten, die Augenbrauen sorgenvoll zusammengezogen und ein leises Lächeln auf den Lippen.

Chakotay lächelte zurück und ließ ihre Hand schließlich in der seinen verschwinden, nicht ohne sie dankbar und verstehend zu drücken.

"Möchtest du darüber reden?" fragte Kathryn leise, offen lassend, was sie meinte. Vielleicht fragte sie damit auch sich selbst.Chakotay schien zu verstehen, worauf sie hinauswollte, und doch schüttelte er ohne zu zögern den Kopf. Kathryn war ein bißchen enttäuscht, denn sie wußte nicht, wann sich wieder eine solche Gelegenheit ergeben würde. Aber sie verstand ihn auch, vielleicht war es besser, dies langsam anzugehen. Und da er ihre Hand nicht losgelassen hatte, konnte sie sicher sein, daß er ihre Gegenwart schätzte, und das dringend notwendige Gespräch zwischen ihnen nur aufschob. Ein großer Stein fiel ihr vom Herzen, denn das bedeutete, daß er ihr nicht so böse war, wie sie gedacht hatte.Irgend etwas sagte Kathryn, daß das jedoch nicht alles war. Hinter seiner Stille mußte noch mehr stecken, und sie wünschte sich, ihm so helfen zu können, wie er es getan hatte wenn sie in sich gekehrt gewesen war.

"Ich denke an meine Familie," sagte er schließlich. Die Freundlichkeit der Eryda:ner und die familiäre Atmosphäre hatten die Erinnerung an sie wieder aufleben lassen, und sie war intensiver gewesen als je zuvor.

"Ich vermisse sie so sehr, daß es weh tut," fügte er schließlich hinzu. Er atmete tief ein.

"Möchtest du darüber reden?" Kathryn war tief berührt. Sie konnte ihn sehr gut verstehen, und das wollte sie ihm auch zeigen.

Er lehnte ab. "Nicht heute. Aber ich werde darauf zurückkommen," warnte er sie lächelnd vor. Diesmal reichte das Lächeln bis zu seinen Augen, und Kathryn fühlte sich unwillkürlich von den kleinen Fältchen in deren Winkel angezogen. Sie nickte.

"Halt mich nur fest, ja?" bat er sie schließlich.

Und das tat sie, ohne zu zögern, und als sie ihn an sich drückte und er die Umarmung erwiderte, da wußte sie, daß ihre Freundschaft doch tiefer gründete, als sie kurz zuvor gedacht hatte. Und wenn sie sich nun einen Mantel um die Schultern legen konnten, dann wäre sie diesmal die letzte, die sich dagegen wehren würde.

 

©ST:Voy by Paramount/Viacom 1995-2000

©dieser Story by Claudia 2000, die jedoch kein Geld damit

verdient

 

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