One Shot
(von Martina Bernsdorf)
aus MGM Band #2 "...Wer der Wind sät", erhältlich beim Star Trek Forum
Es regnete, die junge Frau kauerte sich enger zusammen, um dem garstig kalten Wind möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Der heftige Regen hatte sie völlig durchweicht. Die Regentropfen perlten über ihr Gesicht, tropften von der Nase und dem Kinn, um sich mit den Pfützen am Boden zu vereinigen. Sie veränderte ihre, auf den Fersen kauernde Haltung ein wenig, um das Phasergewehr, welches sie wie einen Schatz hütete, enger an sich drücken zu können.
Die Technik der Waffe war längst veraltet, sie war durch eine Menge Rebellenhände gegangen und weitaus störungsanfälliger als man allgemein annahm. Die dicke Maschienenschmiere, welche die mechanischen Teile der Waffe schützen sollte, hinterließ Schmutzstreifen auf ihrer Uniform.
Die Uniform des Widerstandes, es lag Bitterkeit in diesem Gedanken ...
Die Uniform stammte noch aus den Beständen der regulären bajoranischen Armee, ehe diese von den Cardassianern aufgelöst worden war. Die Jacke war mit den Jahren fadenscheinig geworden und einige geflickete Löcher darin wiesen auf das Schicksal jener hin, die diese Jacke vor ihr getragen hatten.
Der Regen hatte das unbebaute, weite Feld rund um die Erzgewinnungsanlage aufgeweicht und überall Schlammpfützen entstehen lassen. Sie starrte weiter in den Regen, doch vielleicht war es gar kein Regen sinnierte sie, sondern die Tränen der Propheten.
Ihr Blick wanderte über die Körper jener Unglückseeligen, die nicht so schnell gewesen waren wie sie oder nicht ihr Glück gehabt hatten.
Der Angriff auf die Erzgewinnungsanlage war ein voller Erfolg für die Shakaar gewesen. Sie sah gen Westen, wo dicke Rauchschwaden davon kündeten, daß die Anlage noch immer brannte. Der Gestank des Feuers und der brennenden Cardassianer schien ihrer Kleidung noch immer anzuhaften. Sie fragte sich, ob sie diesen Geruch je wieder loswerden würde. Sie schauderte kurz im Wind, ehe sie sich erhob und einen letzten Blick auf den toten Mann ruhen ließ, neben dem sie gewacht hatte.
Die cardassianische Antiterroreinheiten waren schnell und effektiv gewesen, die meisten jener, die bei dem Angriff mitgewirkt hatten, waren im dem Phaserfeuer der Cardassianer umgekommen. Doch der Widerstand der kleinen Rebellentruppe hatte auch unter den Cardassianern einige Opfer gefordert.
Nun waren die Cardassianer verschwunden und mit ihnen ihre Toten, sie ließen nie Waffen und Uniformen zurück. Nichts was Aasfresser, welcher Art auch immer, verwerten konnten.
Es war eine erbärmliche Totenwache gewesen, für einen Mann den sie nicht einmal Freund nennen konnte. Es war nicht die Zeit für Freundschaften, nicht wenn man seine Freunde sehr schnell im cardassianischen Sperrfeurer verlieren konnte.
Warum sie gerade bei ihm gewacht hatte wußte sie nicht, vielleicht weil er genauso jung wie sie selbst gewesen war?
Bald würden die Cardassianer zurückkommen, um die Leichen der Rebellen zu bergen. Man würde ihre toten Körper als Warnung und Abschreckung zur Schau stellen. Sie zog dem Toten seine Stiefel aus, er brauchte sie nicht mehr und es waren gute Stiefel, ohne Löcher in den Sohlen wie die ihren.
Kira Nerys hob den Blick zum Himmel, die dunklen Regenwolken begannen sich bereits zu lichten. Es war nur Regen, nicht die Tränen der Propheten, denn sonst hätte es nie mehr aufhören dürfen zu regnen.
* * *
Der Marktplatz war voller Menschen, Bajoraner aller Altersschichten drängten sich um die behelfsmäßige Tribüne. Es war sehr still, nicht einmal die kleinen Kinder weinten oder schrien. Eines der Dinge, die man als Bajoraner lernte, vielleicht sogar noch vor dem Laufen und Sprechen, war sich still zu verhalten, wenn man Cardassianern gegenüberstand.
Man hatte die Häuser systematisch geräumt, um der Ansprache des Präfekten einen würdigen Rahmen zu bieten. Sich unter diese Menschenmenge zu mischen, war einfach gewesen. In ihrer groben Kleidung, aus derben Stiefeln, zu kurzen Hosen und einer weiten Jacke, fiel Kira nicht auf. Sie konnte sich unauffällig unter den ähnlich gewandeten Dorfleute bewegen.
Die Cardassianer hatte aus den nahen Minen Arbeiter hergebracht, die nun in ihrer zerlumpten Kleidung da standen und sich deutlich von den Dorfbewohnern abhoben. Sie waren ausgemergelt und in ihren Augen, die bereits erloschen waren und starr wie die von Toten, stand deutlich das Wissen darum, daß sie die Arbeit in den Minen nicht lange überleben würden. Die Dorfbewohner hielten sich fern von ihnen, so als spürten sie deren nahen Tod bereits.
Kira ließ sich unauffällig an den Rand der Menge treiben, möglichst weit von den schwer bewaffneten, cardassianischen Wachen entfernt. Sie fragte sich, wem die Cardassianer etwas vormachen wollten oder ob sie diese Farce nur zu ihrer eigenen Belustigung inszenierten.
Sobald Gul Dukat, der Präfekt für den bajoranischen Sektor, die Tribüne betrat, würde ihn Jubel begrüßen. Für die Minenarbeiter bedeutete zu Jubeln eine Sonderration Essen und das konnte über Leben und Tod entscheiden. Die Dorfbewohner würden es nur machen, um nicht auf den Listen für die Mine zu landen oder gar der Obsidian Order, dem cardassianischen Geheimdienst, aufzufallen. Dieses Schickal mochte weitaus schlimmer als der Tot sein.
Kira kletterte auf das Dach des ausgewählten Hauses, es lag günstig, so daß man den Marktplatz gut übersehen konnte. Die Cardassianer waren keine Dummköpfe, Kira war sicher, daß eine Menge Scanner das gesammte Gebiet nach Energiewaffen absuchten. Doch sie würde keine Energiewaffe benützen.
Gul Dukat zu töten würde dem Widerstand Auftrieb geben und Kira einen persönlichen Traum erfüllen. Einen Traum, den sie mit jeden Rebellen teilte und einem Großteil der sonstigen Bevölkerung. Ihre Kameraden von der Shakaar hatten schon vor Tagen die Waffe auf diesem Dach versteckt.
Kira löste die lockeren Steine, um die Waffe aus dem Versteck zu holen. Die niedere Brüstung verschaffte ihr die nötige Deckung, solange sie flach auf dem Boden lag. Sie befreite den sorgsam in eine weiche Decke gehüllten Gegenstand aus seiner Umhüllung.
Es hatte die Waffentechniker des Widerstandes viel Arbeit gekostet, diese Waffe nach alten Plänen zu bauen. Das Präzisionsgewehr arbeitete nicht mit Energie, die tödliche Munition wurde mechanisch und chemisch angetrieben. Ein starker, genauer Antrieb, der ein Stahlmantelgeschoß mit einer kleinen Explosivladung hoffentlich genau in Dukats Herz platzieren würde.
Kira zog die zwei Geschoße aus der Jackentasche, sie waren ein klein wenig feucht, weil sie die ganze Zeit über die Hand darum geballt hatte. Sie trocknete sie sorgsam ab, ehe sie das Gewehr lud, um auf Dukat zu warten.
Zwei Kugeln, doch sie würde nur eine brauchen, nur ein Schuß und Dukat würde der Vergangenheit angehören. Kiras Hände waren ruhig, es war nicht der erste Feind, der durch ihre Hand starb.
Während der letzten zehn Jahre im Untergrund, dem sie sich als zwölfjähriges, halb verhungertes Mädchen angeschlossen hatte, das soeben aus einem cardassianischen Flüchtlingslager geflohen war, hatte sie gelernt ohne Zögern und Reue zu töten.
Der Tod des Präfekten würde ein gewaltiges Echo erzeugen, es würde die Cardassianer in ihrem Glauben der absoluten Überlegenheit erschüttern. Daß sie dieses Attentat vermutlich nicht überleben würde, kümmerte Kira nicht sonderlich. Der Tod war ein steter Begleiter der Rebellen, man sah ihn mit einer gewissen fanatischen Verzücktheit. Wie sagten die Vedeks, wer im Kampf gegen die Cardassianer umkam, stieg direkt zu den Propheten auf.
* * *
Zwei Energiesäulen materalisierten sich auf der behelfsmäßigen Tribüne. Kira spähte über die Brüstung des Flachdaches. Gul Dukat, in der grauen und schwarzen Kampfuniform der cardassianischen Armee, ließ sich mit überheblicher Miene feiern.
Der Jubel der Bajoraner wirkte künstlich, es war keine echte Begeisterung dabei und als Dukat die Hände hob, wurde es abrupt still.
Die Rede des Präfekten interessierte Kira kaum, es waren subtile Drohnungen gegenüber allen Symphatisanten der Terroristen, wie Dukat alle Widerstandskämpfer nannte. So wie die Versicherung, daß die Cardassianer ihre bajoranischen Freunde gegen alle Feinde schützen würden. Nur das die Bajoraner keine Feinde gehabt hatten, ehe die Cardassianer aufgetaucht waren.
Kiras Augenmerk war auf den Mann gerichtet, der neben Dukat stand. Er war kein Cardassianer, sein seltsam unfertig wirkendes Gesicht ließ sich keiner bekannten Rasse zuordnen. Kira biß die Zähne zusammen, mit dem Gestaltenwandler hatte sie nicht gerechnet ...
Dem Sicherheitsoffizier der Raumstation Terok Nor war sie vor einigen Monaten schon einmal begegnet. Im Grunde hatte sie die Schlinge der Cardassianer schon um den Hals hängen gehabt, als er sie überraschenderweise aus dieser prekären Situation gerettet hatte.
Constabler Odo war ein merkwürdiger Verbündeter der Cardassianer, er arbeitete für sie und in dieser Funktion hätte er eine bajoranische Widerstandskämpferin eigentlich an seinen Vorgesetzten Dukat ausliefern müßen. Doch der Gestaltenwandler hatte einen eigenen Sinn für Gerechtigkeit, an dem Verbrechen in dem er ermittelte, hielt er sie für unschuldig und ließ sie deshalb gehen.
Dukat hatte ihn anscheinend als Leibwache dabei, oder um ihn zu demütigen. Der starren Miene des Gestaltenwandlers konnte man nur wenig Gefühle ansehen, dennoch hatte Kira den Eindruck, daß er höchst ungern diese Aufgabe wahrnahm.
Kira lud das Gewehr durch, es war egal wer neben Dukat stand, sie brauchte nur einen einzigen Schuß ...
Sie stand auf, richtete das Gewehr aus und nahm Dukat ins Visier. Er trug zwar einen Kampfpanzer, doch die Sprengkraft des Geschoßes würde das nicht aufhalten ...
Sie zog den Stecher des Gewehrs bis zum Druckpunkt durch, nun trennte Dukat nur noch Sekunden und das Zucken eines Fingers, vor seinem Tod ...
Sie atmete ruhig ein und aus, ehe sie den Atem anhielt, um den Schuß nicht zu verwackeln ... Über den Marktplatz hinweg traf sich ihr Blick mit dem des Gestaltenwandlers.
Er trat ruhig vor Dukat, mitten in Kiras Schußlinie ...
Kiras Gedanken überschlugen sich, sie spielte in einem Sekundenbruchteil mit dem Gedanken zu schießen - sie konnte binnen einer Sekunde durchladen und Dukat mit der zweiten Kugel töten, noch ehe der die Chance hatte in Deckung zu gehen ...
Doch sie verwarf im nächsten Sekundenbruchteil diesen Gedanken wieder. Sie konnte den Gestaltenwandler nicht töten ...
Odos Aktion war nicht unbemerkt geblieben, die cardassianischen Wachen reagierten nun, sie folgten dem Blick des Sicherheitsoffiziers und entdeckten die Gestalt mit dem Gewehr auf dem Dach.
Ein Stück der Dachbrüstung explodierte vor Kira und überschüttete sie mit Steinsplittern. Sie rannte zu der, dem Marktplatz abgewandten Seite, des Daches und sprang hinunter. Sie landete hart auf der Straße, rollte sich auf der Schulter ab und sprang wieder auf. Ohne auf ihre schmerzenden Knochen zu achten, hastete sie in Richtung des Waldes, der sich dem Dorf anschloß. Im Unterholz hatte sie vielleicht eine Chance den Cardassianern zu entkommen.
Ein cardassianischer Soldat trat ihr in den Weg, Kira nahm sich nicht die Zeit, um zu zielen, trotzdem traf die Kugel, die für Dukat gedacht gewesen war, den Soldaten direkt. Er wurde gegen die nächste Hauswand geschleudert, an der er einen großen roten Fleck hinterließ.
Kira rannte weiter und sprang gerade noch rechtzeitig in den Schatten einer Haustüre, als ein Trupp Cardassianer sich an der Straßenkreuzung vor ihr sammelte.
Eine Hand packte sie am Oberarm und riß sie so heftig in das Haus, das sie unsanft auf dem Boden landete. Der Mann, in der braunen Uniform bedachte sie mit einem zornigen Blick aus seinen grauen Augen.
Der Gestaltenwandler trat vor die Tür.
Kira hielt den Atem an, rief er jetzt die Truppen zur Hilfe? Sie richtete ihr Gewehr auf den Eingang, doch was würde eine Kugel gegen einen Trupp Soldaten nützen? Wenn sie Glück hatte, würde man sie gleich erschießen.
Doch der Gestaltenwandler überraschte sie, mit seiner tiefen Stimme wies er die Truppen an, in einer anderen Richtung weiter zu suchen.Dann schloß er die Türe und drehte sich zu Kira um. "Wenn Sie mich töten wollen, hätten Sie das vorhin viel einfacher gehabt," meinte er mit einem Blick auf das Gewehr, das nach wie vor auf ihn gerichtet war.
Kira senkte die Waffe und rappelte sich wieder auf. Sie musterte den Gestaltenwandler mit einem mißtrauischen Blick.
"Warum haben Sie mich nicht verraten?"
Er antwortete mit einer Gegenfrage: "Warum haben Sie nicht geschoßen?"
Kira war verwirrt, ein weiteres Mal hatte er ihr Leben gerettet.
"Auf welcher Seite stehen Sie? Sie helfen einem bajoranischen Rebellen, daß ist in den Augen der Cardassianer ein Verbrechen."
Odo schüttelte den Kopf. "Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich keine Seite kenne, nur die der Gerechtigkeit. In meinen Augen ist es kein Verbrechen einem Widerstandskämpfer die Flucht zu ermöglichen, immerhin haben Sie Dukat nicht getötet."
Kira funkelte den Gestaltenwandler an. "Nur weil Sie Ihr eigenes Leben eingesetzt haben, um ihn zu retten, warum? Er ist der Feind!"
Odo schüttelte den Kopf. "Nicht der meine, zudem war er unbewaffnet, ich konnte nicht zulassen, das er feige ermordet wird."
Kira knirschte mit den Zähnen, Wut fand seinen Niederschlag in ihren nachtschwarzen Augen. "Sie werden mich nie verstehen! Es war mein Traum Dukat zu töten, an seinen Händen klebt das Blut von Zigtausenden meines Volkes."
Odo blickte sie fest an. "Warum haben Sie dann nicht geschossen? Auf ihrer Flucht haben Sie nicht gezögert zu töten."
Kira starrte den Sicherheitsoffizier an. "Hätte dieses Geschoß Sie getötet?"
Er hob leicht die Schultern. "Ich weiß es nicht, doch ich bin froh, es nicht herausgefunden zu haben."
"Es gibt viele Cardassianer, wenn ich Dukat getötet hätte, würde ein anderer kommen, um seinen Platz einzunehmen. Sie sind einmalig, vielleicht lag es daran oder weil ich es Ihnen schuldete."
Odo formte seine schmale Oberlippe zu etwas, das beinahe ein Lächeln sein konnte.
"Ein Terrorist mit Gewissen?"
"Verspotten Sie mich nicht! Ich kann den Traum Dukat zu töten weiter träumen."
Odo nickte langsam, etwas wie Trauer lag in seinen Augen, als er durch die Türe trat und sie nochmals anblickte.
"Es muß bessere Träume als diesen geben," meinte er, um mit diesen Worten zu verschwinden.
* * *
Kira saß auf einem Felsen und sah in die aufziehende Dämmerung, die Schatten der Nacht lagen schon über dem Land. In dem Versteck der Shakaar, mitten in den unwegsamen Wäldern, würden sie nun Lagerfeuer entzünden und sich zusammensetzen, um von Rache zu träumen und einer Welt ohne Cardassianer.
Der kalte Nachtwind zerrte an ihren Haaren. Sie dachte über Träume nach, ihr Volk wurde sehr beeinflußt von spirituellen Träumen. Es gab viele, die in letzter Zeit von einem dunkelhäutigen Terraner träumten, mit dem ein neues Zeitalter kommen würde.
Der Abgesandte der Propheten ...
Kira hatte für diesen Traum nur ein zynisches Lächeln übrig. Es war typisch für ihr Volk lieber von einem mysteriösen Retter zu träumen, als selber für die Freiheit zu kämpfen.
Doch in den seltenen Momenten, zwischen Wachen und Schlafen, wo alles möglich zu sein schien, da glaubte sie auch an diesen Traum.
Doch jetzt war sie wach, sie legte den Kopf in den Nacken und betrachtete den bereits nächtlichen Sternenhimmel. Irgendwo da oben umkreiste die Raumstation Terok Nor Bajor.
Von dort aus herrschte Gul Dukat und dort gab es einen Sicherheitsoffizier, den sie eigentlich hassen sollte, weil er für die Cardassianer arbeitete ...
Doch sie konnte ihm nicht hassen, im Grunde fühlte sie sich ihm näher, als all ihren Kameraden in der Shakaar und das war ein beunruhigender Gedanke.
Sie berührte das Metall ihres Phasergewehrs, er hatte gesagt es müsse einen besseren Traum geben, als den Dukat töten zu wollen.
Damit hatte er sicherlich recht, doch solange die Cardassianer Bajor beherrschten, würde sie sich mit diesem Traum begnügen müssen.
Ende