
Zeitzeugenbericht über Dag Hammarskjöld
Der Journalist J. Robbins berichtet eine kleine Begebenheit, die sich abspielte, als infolge besonderer Umstände Gelegenheit hatte, den Generalsekretär der Vereinten Nationen Dag Hammarskjöld zu einem gemeinsamen Essen einzuladen.
Ich zermarterte mir das Hirn nach einem geeigneten Restaurant, das ich vorschlage konnte, und beschrieb ihm dann kurz ein kleines Lokal im oberen Manhattan, das ich gerade erst entdeckt hatte und wo es ausgezeichnete kreolische Spezialitäten gab.
"Ah, ä la cräole!" rief er. "Langusten und Reis. Da gehen wir hin. Ich habe meine Chauffeur schon weggeschickt, aber wir können ja Ihren roten Jeep nehmen."
"Ganz unmöglich", stotterte ich hastig. "Die Seitenplanen sind ab, und er bockt i ersten Gang und . . ." Hammarskjöld legte mir mit einem Zwinkern seiner blaßblaue Augen die Hand auf die Schulter. "Nur Mut!" sagte er.
Als wir uns in Etappen durch das Gewühl in der Hauptverkehrszeit hindurch quälten hupte mich jemand von hinten scharf an. Dann schoß ein Taxi links an mir vorbei und bog plötzlich nach rechts ein, mir direkt vor den Kühler. Ich hupte wie besessen, trat au die Bremsen, riß mein Lenkrad nach rechts - und fuhrwerkte auf den Bürgersteig Einen eisernen Abfalleimer beiseite fegend, daß er dröhnte wie Big Ben, kam der Jeep mit dem Generalsekretär der Vereinten Nationen - und mir - an einem Laternenmast zum Stehen.
Zum Glück war kein Schaden entstanden. Auch das Taxi hielt, und der Chauffeur kam auf mich zu.
Ehe er heran war, schrie ich ihn an: "Warum haben Sie kein Blinkzeichen gegeben
Haben Sie nicht gesehen, daß Sie mich blockierten? Was sind Sie für ein blöde
Benzinkutscher?"
Der Chauffeur blaffte: "Was soll denn Ihre verrückte Huperei? Was ist los mit Ihnen, sind Sie blind oder was? Haben Sie ein Brett vorm Kopf?"
Er wollte meinen Führerschein sehen. Ich zeigte ihn und verlangte, seinen zu sehen. Er
schnaubte: "Heutzutage kriegt ja jeder einen Führerschein. Sogar so eine Type wie Sie!"
Mir kam die Wut hoch. "Sie hätten uns alle drei umbringen können, Sie Idiot Sie!" brüllte ich.
Damit war der rote Strich erreicht. Ich sah, wie der Taxichauffeur die Fäuste hochnahm. Ich pflanzte mich breitbeinig aufs Pflaster. Immer mehr Leute blieben stehen. Der Taxichauffeur wandte mir plötzlich den Rücken zu und redete auf Hammarskjöld ein. "Ich an Ihrer Stelle würde mit diesem Kerl nicht fahren", sagte er verächtlich. "Der soll lieber auf dem Land bleiben in seinem Kaff, wo er hingehört, der mit seinem Jeep."
Ich wollte ihm gerade die passende Antwort geben, da sagte Hammarskjöld seelenruhig: "Muß schlimm sein, jeden Tag in dieser Stadt von früh bis spät ein Taxi zu fahren. Ich bin froh, daß ich das nicht muß, ich könnte das nicht aushalten. Ein Wunder, daß nicht mehr Unfälle passieren!"
Ich sah, wie verblüfft der Chauffeur war. Hier sprach jemand, der Verständnis für ihn zeigte. "Tja", antwortete er, "es ist schon schlimm. Wenn's nicht die andern Fahrersind, dann ist es der Schnee oder der Regen oder die Polizei oder die Lastwagen. Man ist immer der Dumme. In dieser Stadt fahren ist immer schlimm!" Ich war drauf und dran gewesen, den Streit weiter auszufechten, aber jetzt konnte ich vielleicht auch ein bißchen nachgeben. "Ist bestimmt schlimm", sagte ich. "Ich bin heilfroh, daß ich hier nur ein paarmal im Monat herumkutschieren muß." Hammarskjöld sagte halblaut zu mir: "Ihr Beruf hat bestimmt auch seine Tücken."
"Ich war wohl durcheinander, weil ich Sie in meinem Jeep hatte, Sir", antwortete ich. Vielleicht war ich ein bißchen unvorsichtig."
Hammarskjöld wandte sich wieder dem Taxichauffeur zu. "Mein Freund meint, er sei wohl etwas unvorsichtig gewesen."
"Na ja, vielleicht habe ich ihn geschnitten", gab der andere zu. "Hätte ja eigentlich sehen müssen, daß der nicht von hier ist. Wahrscheinlich versteht er die New Yorker Hupzeichen gar nicht."
Ich wollte ihm gerade erwidern, daß ich in New York geboren und aufgewachsen sei und dort schon seit fünfzehn Jahren einen Führerschein hätte. Aber mit einem mal dämmerte mir, daß Dag Hammarskjöld, um zwei zum Zuschlagen bereite Kampfhähne bei einem kleinen Verkehrszwischenfall zu besänftigen, das Vermittlungsrezept für internationale Auseinandersetzungen anwandte, das er mir kurz vorher erläutert hatte.
"Der Mittelsmann muß sich stets drei Leitsätze vor Augen halten", hatte er in seiner präzisen Art gesagt."
"Erstens: Nicht die Flinte ins Korn werfen, wenn eine Situation völlig verfahren zu sein scheint. Schließlich wäre ja, wenn sich nicht beide Seiten mit massiven Drohungen bombardierten, der Vermittler unnötig. Der ausschlaggebende erste Schritt ist, sich bei beiden Parteien Vertrauen zu erwerben und dann in Kontakt zu bleiben, während das Säbelrasseln noch munter weitergeht.
Zweitens: Versuchen, die wütenden Parteien dazu zu bringen, einen Großteil ihres Zornes an etwas Unpersönlichem, Abstraktem abzureagieren. Bedeutungsnuancen in den verschiedenen Sprachen, der unausweichliche Druck wirtschaftlicher Erfordernisse, ja sogar die psychologischen Auswirkungen klimatischer Verhältnisse können dazu dienen, einen hitzigen Streit zu temperieren'.
Drittens: Ein gemeinsames lnteressengebiet zu finden, das beide Seiten zu positiver Diskussion animiert. Das kann etwas sein, was für das eigentliche Streitobjekt völlig belanglos ist; doch hat man die Widersacher erst einmal dazu gekriegt, etwa zu sagen ,Da steckt ein Körnchen Wahrheit drin', so besteht begründete Aussicht, daß man schließlich zu einer für beide Teile befriedigenden Lösung gelangt.
"Es ist erstaunlich", hatte er zum Schluß gesagt, "aber die Geschichte zeigt, daß zwei Staaten, die man vom Rande des Krieges zurückgerissen hat, oft gute Freunde werden können, ja sogar einander helfen . . ."
Allmählich legte sich, in Erinnerung an diese Worte, meine Wut. Auch der Taxifahrer beruhigte sich. "ich glaube, wir sollten beide bißchen besser aufpassen", sagte er. Ich nickte. Er ging zu seinem Wagen zurück.
Ich entschuldigte mich ausgiebig bei Hammarskjöld, bugsierte meinen Jeep vom Bürgersteig herunter, und wir fuhren weiter.
Aus: Das Beste aus Reader's Digest 7, 1962, S. 130
gefunden und gescannt von spritzi
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