"I'll sing you one more song", Patrick hatte gerade die letzten Zeilen gesungen, als er auch schon wieder vom Klavier aufsprang und sich noch einmal verbeugte. Winkend warf er dem Publikum eine Kusshand zu, bevor er wieder zurück an seine Position ging und Johns Gitarre entgegen nahm. Für langes Timing war jetzt keine zeit mehr. Sofort legte er den Kapodaster an, den er für das nächste Lied benötigte und spielte den Song an.
Patricia ging nach vorne und fing an, voller Gefühl ihr neues Lied anzustimmen. All ihre Mühen waren zu sehen und die Ängste und Sorgen in ihr Gesicht geschrieben. Es schien, als würde sie jeden Augenblick in Tränen ausbrechen und all dem nicht mehr länger standhalten.
Sie hatte doch erst die letzten Konzerte gefehlt, da es ihr entsprechend schlecht ging. Doch anstatt sie bei dieser Tour respektvoll und voller Anstand willkommen zu heißen, waren alle wie aus dem Häuschen. Schön, sie freuten sich halt, dass es ihr anscheinend wieder so gut geht, um bei der Tour dabei zu sein, aber es war doch wohl nicht zu übersehen, dass sie sich immer noch mit Kopf- und Gliederschmerzen quälte. Warum mussten sie denn alle so schreien und das dröhnende und nicht aufhören wollende Geräusch in ihren Ohren noch unterstützen?
Florentine stand ganz oben auf den Rängen, hatte kaum einen Blick auf ihre Lieblinge erhaschen können, doch sie hörte es an Patricias Stimme. Etwas schmerzendes und deprimierendes lag darin, etwas, was mehr wie ein Hilfeschrei, als wie ein freudiges und gefühlvolles Lied klang. Doch niemand schien es wahrzunehmen.
Kopfschüttelnd wandte sich Florentine an ihre Freundin. "Patricia hört sich heute einfach schrecklich an." Das hätte sie lieber nicht sagen sollen, denn sofort drehte sich ein Mädchen nach ihr um und sah sie mit düsterem Blick an. "Du hast `se ja wohl nicht mehr alle."
Florentine traute ihren Ohren nicht. Was wollte die denn von ihr? Sie versuchte das Mädchen nicht weiter zu beachten und konzentrierte sich wieder auf das Lied.
"Wer ist denn dein Liebling? Hä? Paddy, oder was?!" Das Mädchen vor ihr starrte sie immer noch gebannt an. Was wollte sie bloß? Durch ihre zugegelten Haare, die ihr durch den Schweiß nur so im Gesicht rumhangen, sah Florentine einen Blick, der mehr Lächerlichkeit als alles andere enthielt. Sie musste mindestens ein halbes duzend Kilo Schminke aufgetragen haben.
Florentine sah sie erwartungslos an, um das Mädchen ja nicht noch zu provozieren.
"Ja, ich mag Paddy ganz gerne", gab sie als Antwort. Doch auch das hätte sie lieber nicht sagen sollen.
Es war schon eine Zeitlang her, dass Florentine zuletzt auf einem Konzert gewesen war. Und Paddy war doch mittlerweile vollkommen out geworden. Sie hatte nicht gewusst, dass sich die Fans mittlerweile nicht mehr die Hände reichten, sondern nur noch einen Schuldigen für die jetzige Situation suchten.
Doch wer war schuld, dass die Kellys keine Straßenkonzerte geben, vor ihren Fans davon laufen und sich mehr abschirmen als jeder Hollywood-Star? Natürlich, eine Hälfte der "Fans" sagte, es seien die ganzen Paddy-Fans. Sie allein würden so laut kreischen, dass man sich dafür schämen musste und angeblich war Joey ja sowieso der Beste.
Und genau an so eine Person war Florentine in diesem Moment geraten. Und eh sie sich versah, da stand auch schon eine Traube von wütend blickenden, aufgetakelten Weibern vor ihr, die sie beinahe zerreißen wollten. Florentines Freundin stellte sich demonstrativ vor sie und wies auf all die meckernden Familienväter, die sich beschwerten, weil ihre kleinen Töchter keinen Blick auf Angelo und Paddy werfen konnten.
"Oh Päääädddddiiiiiieeeee, ich liebe dich ja sooooooo...", äffte einer der Möchtegern-Schönlinge rum. Natürlich meinten sie damit Florentine, aber sie hatte doch nie etwas dergleichen gesagt. "Dir wäre es wohl lieber, wenn Patricia schon tot wäre und dein heißgeliebter Paddy alleine hier stehen würde und sich zum Affen macht."
Verblüfft sah Florentine die Mädchen an, wandte dann aber wieder ihren Blick ab. Denn sie war bestimmt nicht gekommen, um sich von solchen Leuten blöd anmachen zu lassen. Und mittlerweile sang John ein Lied, dass sie wunderschön fand und lieber genießen wollte, als sich mit pubertierenden Mädels rumzuplagen, die sich für etwas besseres hielten. "Patrick ist doch voll der Schwule, der hat ja gar nichts in der Hose. Sieh dir Joey an, der ist wenigstens ein richtiger Mann."
Doch das ging entschieden zu weit. Florentine wollte ausholen... wie konnten sie hm derart unter die Gürtellinie gehen und ihr etwas vorwerfen, was sie nie getan hatte? Diese Welt sollte man mal verstehen. Es waren doch nicht nur die Kellys, die sich in den letzten Jahren so sehr geändert hatten. Es waren doch vor allem die Fans selber, die sich einander hassten und verachteten.
Florentine hatte von einem Mädchen gehört, das sich mir Hilfe von Elektroschockern die besten Plätze zu ergattern versuchte und keine Scheu davor hatte auch sämtliche ohnmächtige Mädchen zu zertrampeln, damit ihr ja keiner zuvor kam und den Kellys noch näher sein konnte, als sie.
Natürlich war Florentine auch klar, dass gerade Patrick besonders viele Fans hatte, zumal er noch jung und wirklich süß war. Sie mochte ihn doch auch. Aber mittlerweile musste man sich ja schon dafür schämen, Patrick zu mögen...
So war es eben, wenn man alle über einen Kamm scherte und sich nicht die Mühe machte, nach wahren Hintergründen zu suchen und diese anzugehen.
War es denn mittlerweile verboten, Paddy zu mögen? Natürlich, wenn man alle Mädchen, die ihn besonders mochten, einfach erschießen würde, dann würden die Kellys wieder auf der Straße spielen können. Aber er war doch auch ein Teil der Band und trug seinen Part dazu bei. So war es immer gewesen und so würde es wahrscheinlich auch immer bleiben. Da konnten manche Leute noch so viel dagegen sagen.
Und Florentine konnte sich auch nicht vorstellen, dass irgendjemand nur wegen einer Person kam. Schließlich waren sie doch Kelly-Fans, und wollten eine Familie sehen, die zusammen dort stand und Musik machte. Das war es doch, was wirklich zählte, oder waren die Zeiten jetzt etwa auch schon vorbei? Sie beschloss jedenfalls nicht viel darauf zu geben und weiterhin das zu mögen, was ihr wirklich wichtig war.
Auf dem Nachhauseweg war sie noch völlig eingenommen von den kraftvollen Stimmen und den völlig unvoreingenommenen Lächeln der Familie.
Waren sie einst nicht alle eine große Familie gewesen? Waren sie nicht alle zusammen glücklich auf Konzerte gegangen und hatten die Musik genossen? Und da hatte doch jeder seinen Liebling.
Und wenn es nun einmal Paddy war? Was konnte sie dafür? Er war nun mal in ihrem Alter und ihr gefielen seine Songs besonders gut, was nicht heißen sollte, dass sie die Anderen alle weniger mochte. Nein, deswegen war sie doch gerade Fan von DIESER Band.
Traurig lag sie in ihrem Bett und hörte noch einmal die Lieder, um sich an das Konzert zu erinnern und den Flair zurück zu holen, bevor sie entgültig schlafen würde.
Sie jedenfalls würde sich nichts vorschreiben lassen, und schuld an der Situation war sie bestimmt nicht. Dann wohl eher die Fans, die sich für etwas besseres hielten und den großen Retter spielen wollten. Sicher gab es auch Ausnahmen, aber konnten Joey-Fans nicht genauso hysterisch sein?
Think about it - We aren't a big family any longer...
By Barby K. 1997