Kapitel II
"Vor der Tür stand ein älterer Mann.
Zu der Zeit vielleicht 20 Jahre jünger, als ich es jetzt bin.
Er hatte ein markantes Gesicht, dem man ansah, dass es gewohnt war zu herrschen. Graue, gewellte Haare.
Ein ebenso grauer Bart. Er war groß, sein Gesicht etwas fülliger, aber insgesamt sah er noch recht fit aus.
Er stellte sich mit Namen Lopez vor und drängte sich an mir vorbei in meine Wohnung. Ich schaute ihm fassungslos hinterher und in dem Moment fiel mir alles wieder ein.
Dass ich Shiri umgebracht hatte, das Monster, aber das hatten wir ja schon.
Ich dachte Lopez wäre von der Polizei und war dementsprechend nervös.
Ich fragte mich sogar, ob ich solch eine Energiekugel noch einmal hinbekommen würde, um Lopez aus dem Weg zu räumen."
Jack machte eine kleine Pause, um Atem zu holen und sich eine Zigarette anzustecken.
"Wie ging es weiter?", drängte Keira ihn.
"Nun, er war nicht von der Polizei, aber ich habe mir damals oft gewünscht, er wäre es gewesen und hätte mich verhaftet. Denn was auf Lopez bzw. mit Lopez folgte,
konnte ich mir damals selbst in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen.
Doch damals erschien mir sein Angebot fair.
Ich war jung, ich hatte ein gutes Leben, ich wollte nicht ins Gefängnis. Lopez bot mir einen Handel an.
Er sagte mir, er wisse von dem gestrigen Geschehen, sagte mir aber auch, dass es nicht meine Schuld gewesen sei.
Stattdessen schlug er mir vor er würde seinerseits den Vorfall vergessen und im Gegenzug sollte ich seine Akademie besuchen und mich von ihm als Geheimagent gegen das Böse ausbilden lassen."
Jack sah, wie die Augenbraue der Journalistin in die Höhe schoß, als wolle sie geradewegs den Himmel erreichen, aber sie unterbrach ihn nicht, machte sich lediglich einige Notizen auf dem Block.
"Der Vorschlag erschien zwar fair, aber irgendwie auch absurd. Geheimagent gegen das Böse.
Mittlerweile war ich bereit alles zu glauben, solange es nur die Energie aus meiner Hand und das Monster erklärte.
Dennoch war es absurd. Ich sagte ihm, ich wolle kein Agent werden, er lächelte wissend, als hätte er genau das erwartet.
Dann bestätigte er mir er hätte genau das von mir erwartet,
er sagte mir aber auch, dass ich in einer Stunde im Gefängnis sitzen würde, wenn ich seinen Vorschlag nicht annahm.
Was sollte ich tun?
Für immer und ewig im Gefängnis hocken oder mich ausbilden lassen und versuchen etwas von meiner Schuld abzutragen?
Ich entschied mich verständlicherweise für letzteres.
Ich weiß, was Sie sich jetzt fragen.
Hat er seine Schuld abgearbeitet? In der Tat, das habe ich. Aber nach einer schwerwiegenden Veränderung kam so viel Schuld wieder hinzu, wie ich sie in 10 Leben nicht hätte abarbeiten können.
Jedenfalls... ich stimmte zu und Lopez gab mir den Ort, die Zeit, die Universität, kurz alle benötigten Daten, dann ließ er mich wieder alleine.
Und da saß ich dann.
Ich, der meine eigene Verlobte umgebracht hatte,
aus dessen Hand Energiekugeln entstanden und der als Agent gegen das Böse ausgebildet werden sollte.
Wenn ich heute daran zurückdenke, muss ich fast lachen.
Es ist unglaublich, wie naiv ein Mensch sein kann.
Aber gut, weiter im Text.
Ich erklärte meinen Eltern, dass ich die Universität wechseln würde, sagte allen Freunden Bescheid und erzählte, dass ich und Shiri uns getrennt hätten und sie nach England geflogen wäre.
Die Zeit, die Lopez mir gegeben hatte, war erst in einem Monat.
In dieser Zeit ging ich stillschweigend zu meinen Vorlesungen, las wie üblich viel, machte viel Sport und meldete mich an der neuen Universität an.
Kurz, ich benahm mich wie jeder andere Mann in meinem Alter es auch tat.
Die letzten Tage verbrachte ich mit meinen Freunden, einmal besuchte ich noch meine Eltern, die mir zum Abschied einen neuen Wagen schenkten.
Sie müssen wissen, dass sie immer der Meinung waren, man könne Liebe mit Geld kaufen und davon hatten sie wahrlich genug.
Dann kam er, der Tag...
Ich setzte mich ans Steuer meines neuen Wagens und fuhr los.
Ich fuhr stundenlang, übernachtete in einem schlechten Motel und fuhr am nächsten morgen weiter.
Vormittags kam ich schließlich an.
Ich parkte meinen Wagen direkt vor der Universität, fragen Sie mich aber bloß nicht, wie sie hieß.
Ich war nicht lange dort, müssen Sie wissen.
Das Gebäude ragte groß und breit vor mir auf,
es erinnerte mich fast ein wenig an das weiße Haus.
Die Akademie war eine Untereinheit der Universität, wenn man so wollte.
Die Leute, die Lopez sich ausgesucht hatte, bewohnten möglichst ein Zimmer. Die Agenten gingen wie jeder andere Student zu den Vorlesungen, der Unterschied aber ging dann erst los.
Nachmittags, während die anderen Studenten lernten, lachten oder sich trafen, hatten wir Training.
Gleichzeitig lag es aber auch an uns nicht durch die Kurse zu fallen, die wir besuchten.
Kurz, die Agenten hatten die doppelte Arbeit.
Niemand wusste etwas davon, außer die Ausbilder, Lopez und die Agenten selber natürlich.
Hinzu kamen die Aufträge, die wir bekamen,
hauptsächlich aber auch unsere Gefühle, die uns immer im Weg waren."
Die Zigarette war am Filter angelangt.
Jack drückte sie aus und zündete sich sogleich eine Neue an.
Dennoch fing er nicht gleich wieder an zu sprechen,
stattdessen trank er einen Schluck Kaffee.
"Mein Gott, nun spannen Sie mich doch nicht so auf die Folter."
Jack verstand sie nicht.
Natürlich musste sich das ganze bisher spannend anhören,
zumindest für jemanden, der noch nie etwas von solchen Kräften, Akademien und Monstern gehört hatte, aber das Beste kam doch erst noch.
"Gut, wo war ich? Ach ja, meine Ankunft an der Akademie."
weiter