Kapitel III
"Ich kam mir merkwürdig klein vor. Das sollte der Ort sein, an dem ich die nächsten Jahre verbringen sollte.
Dass das nicht der Wahrheit entsprach, konnte ich damals noch nicht wissen.
Für mich war es der Ort, an dem sich mein Schicksal erfüllen sollte.
Zwar hatte ich mich noch lange nicht mit meiner Kraft abgefunden und hatte sie auch noch nicht akzeptiert, geschweige denn, dass ich sie kontrollieren konnte, aber ich arbeitete daran.
Ein großer Nachteil war allerdings, dass ich es in keinster Weise beherrschte.
Sobald ich wütend wurde, explodierte die Kraft in mir und ich konnte von Glück sagen,
wenn sich dann niemand in meiner Nähe aufhielt, den ich dabei umbrachte.
Aber aus irgendeinem Grund musste ich diese Kraft erhalten haben und so freute ich mich auch ein bisschen,
ein kleines bisschen. Ich hatte mir überlegt, dass ich nicht der Einzige sein konnte, der solche Kräfte besaß und wenn es wirklich andere gab, dann bestand schließlich Hoffnung.
Ich begab mich also zum Eingang, eine meiner Taschen in der Hand haltend und meldete mich beim Pförtner.
Er suchte seine Liste nach meinem Namen ab, bis er ihn fand und mir eine Karte gab, die mich als Student und als berechtigt dafür ausgab, dass ich das Gebäude betreten durfte.
Gleichzeitig nannte er mir den Stock und das Zimmer, in dem ich wohnen sollte.
So ausgerüstet betrat ich die Universität.
Ich weiß nicht, was ich erwartet habe.
Vielleicht Agenten, die in MIB-Manie umherschwirrten, um irgendwelche streng geheimen Aufträge zu erfüllen, aber die Universität enttäuschte mich in dieser Hinsicht.
Sie war, wie eine Universität zu sein hatte.
Groß, fast ein wenig klinisch, aber normal.
Erwartungsvoll suchte ich das dritte Stockwerk auf, in dem sich mein Zimmer befinden sollte.
Dort angekommen sah ich schon von weitem zwei junge Frauen auf dem Flur stehen.
Ich weiß noch genau, wie ich auf die beiden zuging.
Ich glaube es waren Lily und Fiona.
Sie grüßten mich und ich grüßte zurück und dann, ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, fragte ich: Seid ihr auch wegen ihr-wisst-schon-was hier?
Sie waren es.
Wir unterhielten uns noch eine Weile, dann suchte ich mein Zimmer auf.
Es war ein Zweierzimmer, verdiente diese Bezeichnung aber nicht.
Vielmehr war es eine kleine Wohnung, mit allem, was dazugehörte.
Küche, Bad, einem Schlafzimmer mit zwei Betten, zwei Schreibtischen, Fernseher, einfach alles, was man sich wünschen konnte.
Mein Mitbewohner war bereits da, ein ungemütlicher Bursche, wie ich heute zu sagen pflege.
Joshua, hieß er, wenn ich mich recht erinnere.
Ein kleiner Rebell, hatte hellbraune kurze Haare, erinnerte mich an einen Schauspieler, der zu unserer Zeit mit einer Alienserie groß rausgekommen war.
Ich wollte zumindest versuchen höflich zu sein und begann die Pflichtkonversation, wie man so schön sagt.
Wie erwartet stieg er nicht drauf ein, warnte mich stattdessen, dass ich ihn bloß nicht nerven solle, dann würden wir schon gut miteinander auskommen.
Ich musste damals wohl so ausgesehen haben, als könne man sich mit mir alles erlauben. Nun ja.
Ich zog es vor meine Sachen auszupacken, doch kaum hatte ich das erledigt, waren aus einem der Nebenzimmer laute Geräusche zu hören.
In jungem Alter ist man noch sehr neugierig, wie Sie selbst wahrscheinlich am besten wissen und so ging ich natürlich hin.
Das, was da im Zimmer ablief, bezeichnete ich damals noch als pures Chaos.
Heute weiß ich, dass Chaos etwas ganz anderes ist.
Jedenfalls... es waren fünf Leute, außer mir und Joshua, der mir gefolgt war, anwesend.
Sie stritten sich, worum wusste ich da noch nicht, aber es ging um die Zimmeraufteilung, um so etwas lächerliches, das muss man sich mal vorstellen.
Aber als wäre das noch nicht genug gewesen, verwandelte sich plötzlich eine kleine Fliege,
eine winzig kleine, stinknormale Fliege in einen Menschen und das mitten im Raum.
Die Fliege wurde zu einer jungen Frau, schwarze Haare, dunkle, große Augen, schlanke Figur, ein leicht irrer Blick.
Ja, das war Cecilia, wie sie leibt und lebte. Eine Hexe, müssen sie wissen.
War schon immer etwas durchgedreht, wurde später sogar aus Liebe zu einem Vampir, aber das kommt alles noch."
"Ein Vampir?"
"Ms.Stones. Mittlerweile müssten Sie wissen, dass ich es nicht sehr schätze unterbrochen zu werden, aber ja.
Ein Vampir, glauben Sie es ruhig. In jedem Mythos steckt ein Körnchen Wahrheit.
Jedenfalls... ja, stand sie dann plötzlich einfach im Raum.
Für einen Augenblick verstummte alles, dann betrat hinter mir und Joshua auf einmal Lopez den Raum.
Sein Anblick allein machte mich wütend.
Denn mittlerweile befand ich sein Angebot nicht mehr für fair, sondern für unverschämt. Es war pure Erpressung. Er bekam, was er wollte und ließ mir keine Wahl.
Lopez fragte, was los sei und daraufhin ging der Tumult wieder los. Ich sah, wie eine junge Frau den Raum verließ und ihre Koffer im Raum vergaß.
Ich selber wollte so schnell wie möglich raus, denn ich spürte, wie die Wut Überhand zu nehmen drohte und so nahm ich mir die Koffer, vielleicht war es auch nur einer, und folgte ihr.
Um ein wenig vorne wegzugreifen, sie hieß Joy und wurde später meine Freundin.
Irgendwann allerdings verliebte sie sich in einen anderen und ich war nicht mehr der, der ich einmal war.
Unpoetischer ausgedrückt... ich wechselte die Seiten.
Aber das kommt erst noch... ich folgte Joy also und brachte ihr ihre Sachen.
Wir kamen langsam ins Gespräch, wenn auch wirklich nur sehr langsam, denn ich war damals noch sehr zurückhaltend, fast ein wenig verbittert könnte man sagen und bevorzugte meine eigene Gesellschaft.
Plötzlich unterbrach uns eine Lautsprecherdurchsage.
Ja, jetzt erinnere ich mich wieder.
Joshua's Nachname war Johnson.
Die Durchsage...
Die Studenten Lilian Jacobs, Joshua Johnson, Majana Lang, Cecilia Adamo, Josh Roach, Joy McEllistor, Jack Finn, Fiona Smith und Lana Jackson finden sich bitte in der Sporthalle ein.
Ich wiederhole die Studenten etc.pp.
Genau das sagte sie.
Ich wurde aufgeregt, das würde garantiert die erste Lagebesprechung sein, dachte ich und so war es auch.
Als ich mit Joy in der Halle eintraf, waren die meisten schon da.
Dort sah ich sie alle zum ersten Mal beisammen, was aber auch das letzte Mal gewesen war, glaube ich.
Nein, ein Erlebnis gab es noch oder doch nicht?
Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern.
Kennen sie diese typischen Turnbanken, die sie in jeder Sporthalle finden, ja? Genau solche standen auch dort und wir setzten uns, Lopez stand vor uns, hatte unzählige Akten in der Hand und wartete darauf, dass es still wurde.
Es erinnerte mich an Schule,
der Lehrer, der darauf wartet, dass es ruhig wird,
die Schüler, die nicht einmal im Traum daran denken ruhig zu werden.
Schließlich wurde es aber doch ruhig und Lopez begann mit seiner Ansprache."
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