Kapitel IV

Stille umfing ihn und Keira.
Einzig das Knistern des Feuers war zu vernehmen.
Schließlich klackte das Diktiergerät und die Journalistin beugte sich seufzend vor, um das Band zu wechseln.
Jack nutzte die Gelegenheit und goss sich eine neue Tasse Kaffee ein.
"Möchten Sie auch?"
"Gerne."
Er goss auch ihre eine Tasse ein, lehnte sich dann wieder zurück in seinem Sessel und ließ den Blick schweifen.
Die Atmosphäre in dem Raum war, wie sie in einer Bibliothek sein musste.
Ruhig, fast schon ein wenig staubig, aber er mochte es.
Die Regale ragten bis kurz unter die Decke und jedes einzelne Regal trug genau 500 Bücher.
Was würde Keira wohl sagen, wenn sie wüsste, dass kein einziges ein Roman war, eine Biographie oder sonstiges, sondern jedes einzelne ein Zauberbuch, wenn man so wollte, darstellte,
angefüllt mit Flüchen, Geisterbeschwörungen und ähnlichem.
Ob sie wohl schreiend davon gelaufen wäre?
Ob sie wohl fliehen würde, wenn sie wüsste, dass er nur einmal die Hand heben müsste, um sie umzubringen?
Ob sie sich wohl fragte, ob er selber noch alle Tassen im Schrank hatte?
Er musste wie ein Spinner auf sie wirken, immerhin erzählte er ihr eine Geschichte, die 50 Jahre her war und er selber sah noch immer aus wie 23,
genau so, wie er aussah, als das Abenteuer begann, das sein Leben von Grund auf verändert hatte.

Keira hatte das Band gewechselt und schaute ihn erwartungsvoll an.

"Die Lagebesprechung...
als es schließlich doch noch ruhig wurde, fing Lopez an.
Er begrüßte uns in förmlicher Manie, wies uns darauf hin, dass wir jetzt Agenten in Ausbildung gegen das Böse seien, dass wir viel trainieren müssten,
gleichzeitig studieren müssten, um den Schein zu wahren, dass wir niemanden von unserer ungewöhnlichen Ausbildung erzählen dürften etc.pp
Irgendwann kam er dann endlich auf das Elementare zu sprechen, unsere Kräfte.
Wir erfuhren, dass nicht alle Kräfte hatten, sondern manchen einfach nur fürs Denken zuständig waren, andere wiederum außergewöhnlich gut in Kampfsport waren und dass manche...über besondere Fähigkeiten verfügten.
Lopez hielt uns einen Vortrag darüber, dass wir lernen müssten unsere Kräfte zu akzeptieren, mit ihnen zu leben und sie anzuwenden.
Schließlich teilte er uns allen dünne Akten aus.
In jeder fand sich das gleiche. Das Profil der anderen, Trainingspläne, alles, was man wissen musste.
Ich habe nicht, wie die anderen, reingeschaut. Ich war vollauf damit beschäftigt meine Wut unter Kontrolle zu halten.
Hätten Blicke töten können, Lopez wäre auf der Stelle tot umgefallen.
Da hielt er uns einen Vortrag darüber, dass wir unsere Kräfte akzeptieren müssten... ich habe mich damals gefragt, ob er überhaupt wusste, wovon er da sprach.
Meine Kraft sah ich als Fluch, nicht als Segen an. Am liebsten hätte ich ihn erwürgt.
Wie konnte er es wagen uns einen Vortrag über etwas zu halten, von dem er nicht die geringste Ahnung hatte?
Ich bin sicher er wusste um meinen Hass und meine Wut, denn was ich damals noch nicht wusste war, dass er Gedanken lesen konnte."
"Und weiter?"
"Er entließ uns und ging. Ich blieb wie alle anderen sitzen, als wäre ich plötzlich von einer Schicht Eis überzogen worden, die es mir nicht erlaubte mich zu bewegen.
Ich fühlte mich wie in Eiswasser getaucht. Ich denke es lag daran, dass ich mir das alles ein wenig anders vorgestellt hatte.
Agent gegen das Böse... wenn man das hört, werden bestimmte Erwartungen wach, die jedoch nicht erfüllt wurden.
Es hört sich so geheimnisvoll, so mysteriös an, aber das, was mir da geboten worden war, grenzte ans lächerliche.
Es schien alles so offiziell. Eine Akte mit allen wichtigen Informationen, daran war nichts Geheimnisvolles.
Irgendwann rafften wir uns schließlich doch auf und wollten die Turnhalle verlassen. Doch dazu kam es erstmal nicht, ein Streit brach aus.
Einige meiner "Mitagenten" hatten sich mit einem jungen Mann angelegt, der nicht zu uns gehörte.
Er musste nach Lopez' Vortrag reingekommen sein. Sein Name war James Wood und wie wir später erfuhren hasste er alle Agenten.
Seine Freundin war ebenfalls eine gewesen, sie wurde auf eine Mission geschickt und war nie wieder gekehrt.
Auch wenn ich ihn damals noch nicht kannte, eines war offensichtlich:
Dieser Kerl würde noch viel Ärger machen und damit hatte ich nicht unrecht.
Ich weiß nicht, wer den Streit beendete, irgendwann jedenfalls war er vorbei und alle verließen die Halle.
Ich kann nicht sagen, was ich danach gemacht habe. Die Tage zogen sich endlos hin, immer das gleiche.
Vorlesungen, Training, erschöpft ins Bett fallen.
Am nächsten Morgen wieder das Gleiche und während dieser Zeit fing ich an meine Ausbildung zu hassen.
Es war nicht im Entferntesten das, was ich mir vorgestellt hatte. Was ich wollte, das waren Abenteuer, Aufträge, Monster, meine Rache. Was ich bekam war Training.
Hinzu kam, dass ich auch nach Wochen des Trainings meine Kraft noch immer nicht unter Kontrolle hatte.
Nicht einmal annähernd.
Es ärgerte mich. Ich konnte mir selbst nicht schaden, wenn meine Kraft aus Wut explodierte,
denn die Energie war und ist noch heute mein Element, dass mich in keinster Weise verletzen kann, aber erstens lief ich Gefahr die anderen zu verletzen oder gar zu töten, zweitens wollte ich diese Kraft beherrschen, aber es funktionierte einfach nicht.
Es kam mir vor, als hätte sich meine Fähigkeit gegen mich verschworen, wie ein nicht enden wollender Fluch.
Zusätzlich war da natürlich immer noch Shiri.
Ich war von dem Gedanken besessen sie zu rächen, dieses Monster zu finden und es leiden zu lassen, es umzubringen.
Dieser Gedanke ließ und ließ mich nicht los, selbst Nachts träumte ich davon den Kalaschen zu töten.
Ich malte mir die verschiedensten Varianten aus, am liebsten hatte ich aber die, dieses Monster mit meiner Kraft umzubringen.
Ich versuchte wirklich alles, um meine Kraft unter Kontrolle zu bringen, aber vielmehr hatte sie mich unter Kontrolle, wie auch einen Abend.
Soweit ich mich erinnern kann, saßen die neuen Agenten zusammen, zumindest ein Teil davon.
Wir aßen zusammen und ich konnte meine Augen mal wieder nicht von Joy nehmen. Irgendwas passierte. Ich wurde wütend, so wütend, dass ich spürte ich müsste sofort aus dem Zimmer, sonst würde ich alles in die Luft sprengen.
So wütend, wie an diesem Abend, war ich zuvor noch nie gewesen, dabei weiß ich nicht einmal mehr, was mich so aufgebracht hatte.
Hastig rannte ich aus dem Zimmer, aus dem Studentenwohnheim, hinaus in die Dunkelheit.
Ich rannte und rannte, wusste nicht wohin und wollte es auch nicht wissen.
Als ich wieder halbwegs klar denken konnte, fand ich mich auf einem Hinterhof wieder, um mich herum dampfte alles, meine Kraft war mal wieder explodiert.
Joy hielt mich in ihrem Arm und flüsterte mir beruhigende Worte zu."

Jack lachte verbittert auf.
"So eine Heuchlerin. Es ist schade, dass ich damals noch nicht erkannt habe, was für eine niederträchtige Person sie war. Fehler erkennt man meist erst, wenn es zu spät ist.
Und so ließ ich mich von ihr trösten. Ich kam mir so verloren vor.
Ich, ein Mann von 23 Jahren, mit einer Kraft, die ich nicht kontrollieren konnte, die mich einnahm und mein Leben bestimmte.
Hinzu kam Lopez, Shiri und meine nicht definierbaren Gefühle zu Joy.
Einerseits mochte ich sie sehr und hätte mich nur zu gern mit ihr eingelassen, aber in meinem Hinterkopf geisterte Shiri rum.
Sie brachte mich wieder zurück und bot mir an, dass ich mich bei ihr jederzeit ausweinen könne.
Die Tage schwanden dahin, ich schaffte es meine Kraft besser zu kontrollieren, aber noch immer nicht gut genug.
Wäre plötzlich eine Fee vor mich aufgetaucht und hätte mir einen freien Wunsch gestellt, ich hätte mir gewünscht meine Fähigkeit zu verlieren.
Aber natürlich, wie sollte es auch anders sein, tauchte diese Fee nicht auf und ließ sich auch den Rest meines Lebens nicht blicken.
Ich behielt meine Kraft.
Und dann... irgendwann, mir persönlich kam es wie eine Ewigkeit vor, in Wirklichkeit kann es aber nicht länger, als vielleicht 5 Wochen nach Antritt der Ausbildung sein, kam die erste Mission, wenn auch unfreiwillig.
Die erste Mission, bei der wir beweisen sollten, was wir konnten und ich versagte."


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