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  Mundart des unteren Niederrhein

 

(aktualisiert am 02.12.04)

 

Nach und nach mehren sich die Fundstellen mit kleverländischem Platt. War es vor fünf Jahren noch unmöglich, überhaupt Informationen über die Mundart des Kleverlandes im Netz zu finden, so finden sich jetzt monatlich neue Seiten.

Bei den letzten Änderungen dieser Seite habe ich versucht, das Gebiet, in dem Kleverländisch gesprochen wird, anhand von Isoglossen (Sprachlinien) näher einzugrenzen. Eine solche Eingrenzung ist immer auch zu einem gewissen Grad willkürlich. Es hängt davon ab, wie man Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den von Ort zu Ort voneinander abweichenden Dialekten gewichtet. Natürlich wird ein Mundartsprecher aus dem Ostbergischen Raum nicht jedes kleverländische Wort vom unteren Niederrhein verstehen. Auch beiderseits der Deutsch-Niederländischen Grenze haben sich die Dialekte in Laufe der letzten Jahre z.T. sehr weit voneinander entfernt.

Dennoch wird auf dieser Seite das Augenmerk auf die teilweise überraschende Ähnlichkeit der kleverländischen Dialekte gerichtet. Es ist dabei meine erklärte Absicht, den wenigen verbliebenen Sprechern dieser Dialekte vor Augen zu führen, dass sie trotz aller Unterschiede Teil eines übergreifenden Sprachraums sind, dessen Zerstörung inzwischen weit fortgeschritten ist.

Die Erhaltung alter Lokalsprachen wie das Kleverländische ist für moderne europäische Regionalregierungen (wie in NRW oder der Provincie Gelderland) kein sonderlich interessantes Thema. Oberflächlich betrachtet, spielen Dialekte keine Rolle für die wirtschaftliche Entwicklung einer Region. Eher behindern sie die Integration von Neubürgern und den korrekten Erwerb der Hochsprache bei Kindern. Aber Dialekte sind auch der entscheidende Stützfaktor einer regionalen Kultur. Lokalsprachen machen in einer Zeit der Vereinheitlichung eine Region unterscheidbar und geben damit ihren Produkten und Dienstleistungen (Tourismus) einen "unique selling factor", und können auf diesem Weg durchaus einen Einfluss auf die ökonomische Entwicklung nehmen.

Lokalsprachen können aber noch viel mehr bewirken: Sie geben den Bewohnern einer Region das Gefühl einer Identität. In einer von wirtschaftlicher Effizienz und Gewinnmaximierung geprägten Gesellschaft, wird die Bedeutung eines subjektiven Identitätsgefühls oft unterschätzt. Wenn man aber erwartet, dass die Bewohner einer Region sich für ihre Städte und Gemeinden, für den Erhalt der Natur, für das Gemeinwesen oder allgemein für die Gesellschaft engagieren, muss man die regionale Kultur erhalten und fördern.

Regionale Identität ist kein "Produkt", das von einer Marketingagentur designed und dann vermarktet werden kann, sie entwickelt sich in der jahrhundertealten Verwurzelung der Menschen mit ihrer Region. Und leider kann man sie sehr viel leichter vernichten als wieder zurückgewinnen.

Es ist aber auch kein zwingendes Schicksal, dass die seit Jahrhunderten bestehende Kultur einer Region verloren gehen muss, wenn die moderne Zeit und Technik Einzug hält. Die Förderung der keltischen Sprachen (z.B. in Irland) und des Saterfriesischen (im Kreis Cloppenburg) sind positive Beispiele für den Erhalt (und die Neuverbreitung) alter Sprachen.

Das Kleverländische kann in der Zukunft eine andere Rolle spielen als es heute tut. Auch auf dem Land wird es in wenigen Jahren nicht mehr als Umgangssprache verbreitet sein. Die alten Leute, die kleverländisches Platt noch tagtäglich sprechen, werden immer weniger. Doch damit muss die Sprache keineswegs aussterben: Es müssen neue Wege gefunden werden, damit die Bewohner der Region (auch Hinzugezogene oder andere Interessierte) die alte Sprache lernen können. Es wird bald keine "nativen" Sprecher mehr geben, daher müssen Räume geschaffen werden, in denen der Neulerner seine Sprachkenntnisse anwenden und ausbauen kann. Das Internet kann dabei helfen, eine solche Entwikcklung zu unterstützen.

 

 

Links zu Seiten mit kleverländischem  Platt

"Dä schönste Stadt in all Wältreviers..." Goch natürlich. Das Heimatlied von Willy Knipprath.
Aus der Serie "Schöne kleverländische Worte": Schnottverdomme!!! (In einem Gedicht von Alois Puyn aus Kleve).
Erstaunlich wie viele Beispiele für kleverländische Dialekte aus dem Ruhrgebiet kommen. Hier die Überruhrer Mundart (aus Essen-Überruhr). Da sage noch Einer, im Ruhrpott sei das Platt ausgestorben!
Beispielhaft! Mit einem umfangreichen Webauftritt informiert die Stadt Mülheim an der Ruhr über die örtliche Mundart "Mölmsch". Mit Gedichten, Schimpfwörtern, Spruchweisheiten, Vornamen und Liedern eine herausragende Webseite. Geplant ist noch ein Mundart-Wörterbuch mit Hinweisen zum Selbstlernen.
Ein Wikipedia-Eintrag informiert über Wuppertaler Dialekte (inkl. Textbeispiel aus Barmen)
Was ist ein "Bruuk"? "En Somp on Modder" erklärt uns ein Ausschnitt aus dem Oberhausener Heimatbuch von 1964. Weniger präzise erscheint mir die Erklärung, Plattdeutsch sei die "Sprache der Niederfranken". Zwar ist die Oberhausener Mundart sowohl Platt als auch niederfränkisch, aber eben nicht nieder- bzw. plattdeutsch. Darunter versteht man eher die (nieder-) sächsischen Dialekte (z.B. das westfälische Platt im benachbarten Bottrop).
Duisburger Mundart. Zwei Textbeispiele von Hans Weidenbruch.
Ein Döntje von unserem kleverländischen Lieblingsautor Franz Giesbers aus Goch-Kessel:
Förster Wekk än Jan, den Welddiev
Die wohl bisher umfangreichste Seite in Kleverländisch (genauer gesagt: Xantener Platt): Ein großes Lob an Ernst Heien für
"Det en dat op Santes Platt" (Link unten auf der Seite folgen.)
Der Heimatverein Nieukerk liefert einige interessante Beispiele der Mundart der Vogtei (unter "Mundartpflege").
Ein Ausschnitt aus dem neuen Testament auf Mölmsch (Müllheim)
Karnevalslieder aus Rheinberg (teilweise auf Platt)
Kleverländische Beschriftung einer alten Langenberger Postkarte (unten auf der Seite)
Sogar die Grünen in Kleve sprechen Kleverländisch: Zum Thema Momm Zevens.
Schneider Böck auf Kleverländisch von Theo Schreuder aus Goch
Die bekannteste Band Americas kommt aus Nord-Limburg und singt manchmal auf Platt:
Rowwen-Heze. Die Texte der Band findet man hier.
"Tösse sess an söwe" (Homepage der Mundartsendung von "Antenne Niederrhein") Inzwischen kann man die Sendung als Audio-Stream weltweit verfolgen.
Sascha Rogmann: Was ist eine Toffel?
Schlachte (Geldern)
  Das Kevelaer Heimatlied "Wor hör ek t'hüß"
Aus dem entferntesten Winkel des Kleverländischen: Wendsche Kärmetze
Ein "algemeen nederduitsch en friesch dialecticon" u.a. mit Textbeispielen aus Emmerich (44), Geldern (45), Moers (46), Venlo (54) und Cuijk (58).
Das rheinische Platt (Beschreibung der rheinischen Sprachlandschaft von 1877)

  Schloß Moyland (68469 Byte)

 

Aalde hönd bitten'ok! (Auch alte Hunde beißen!)

Die Erkenntnis, dass auch alte Hunde beißen, ist für die Abgrenzung des Kleverländischen von großer Bedeutung. Denn dieser Satz enthält drei Merkmale, die das Kleverländische von seinen Nachbarsprachen abgrenzt:

  • aald bzw. old statt oud trennt das Kleverländische von den übrigen niederländischen Mundarten;
  • ok statt ooch bzw. aach trennt das Kleverländische von der (mittel-)deutschen und der limburgisch/südniederfränkischen Sprache;
  • bitten statt bitt bzw. beit schließlich trennt das Kleverländische von den angrenzenden westfälisch-niederdeutschen Mundarten. (Ich verwende hier "beißen" statt dem üblicheren "machen", da es für machen (3. Pl.) keine Wenker-Karte gibt.)

Die Karte oben zeigt Ihnen, wo man überall "allde hönd (honden/hunde) bitten ok" sagt:

  • am unteren Niederrhein;
  • in Noord-Limburg (bis einschl. Venlo);
  • in de Liemers;
  • in Millingen und Groesbeek;
  • im Land um Cuijk;
  • im Ruhrgebiet in Oberhausen, Mülheim und Werden;
  • im Osten des bergischen Landes und sogar
  • im sauerländischen Wenden.

 

Aussprache des Kleverländischen

Möchten Sie Platt lernen? Ein erster Schritt wäre es vielleicht, sich mit der Aussprache vertraut zu machen. Hier finden Sie einige von mir zusammengefasste Regeln. Demnächst vielleicht ein kleiner Anfänger-Kurs (Kleefs för hoochdeutsh-proatas).

 

Kleverländisch und die niederländischen Mundarten

 
Die Regionalsprachen der Niederlande und (das flämischen) Belgiens lassen sich grob einteilen in:
  • die friesische Sprache (gesprochen u.a. in der Provinz Friesland)
  • die niedersächsisch/niederdeutsche Sprache (gesprochen im nord-östlichen Teil der Niederlande "gönnekant" der Ijssel)
  • die seeländische Sprache (gesprochen in Zeeland)
  • die niederländisch-fränkische Sprache (gesprochen in Brabant, Holland, Utrecht, Flandern, und dem Rijk von Nijmegen und natürlich Hauptgrundlage der niederländischen Hochsprache)
  • die limburgisch-südniederfränkische Sprache (gesprochen in den beiden Limburgs und in Eupen)

Mit Ausnahme des Seeländischen wurden diese Sprachen in den Niederlanden offiziell als Regionalsprachen anerkannt. Vier der fünf "niederen" Sprachen findet man auch in Deutschland:

  • Die friesische Sprache ist auch in Teilen Niedersachsens und Schleswig-Holsteins verbreitet.
  • Niedersächsische (=niederdeutsche) Mundarten werden in Niedersachsen (wie der Name schon sagt), in Schleswig-Holstein, in Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Berlin und Brandenburg gesprochen.
  • Der Dialekt des südlichen Niederrheins zählt zu den limburgisch-südniederfränkischen Mundarten. Zu dieser Mundartgruppe gehört auch der in Düsseldorf, Mettmann, Solingen und Remscheid geprochene niederbergische Dialekt.
  • Das Kleverländische schließlich ist Teil der niederländisch-niederfränkischen Mundarten. Innerhalb des Niederländischen steht das Kleverländische der brabantischen Mundartgruppe besonders nahe, ist aber über die ald/oud- bzw. halden/ houden-Isoglosse auch klar von diesen abgrenzbar.

Manch alter Niederrheiner ist verwundert, wenn er zum ersten Mal nach Antwerpen oder Brüssel kommt und den dort gesprochenen Dialekt besser versteht als die holländische Hochsprache (ANB). Da sich die Verbreitung der brabantischen Dialekte über den unteren Niederrhein, Nord-Limburg, Nord-Brabant bis nach Belgien (Brabant und Ost-Flandern) zieht, ist hier aber kein Anlaß zum Erstaunen gegeben.

 

Die Mundarten des Niederrhein

Die kaum noch gesprochenen Dialekte am Niederrhein lassen sich grob in zwei sehr unterschiedliche Gruppen einteilen:
  • Das am unteren Niederrhein gesprochene "Kleverländisch" und
  • die südniederfränkischen Mundarten des mittleren und südlichen Niederrheins.

Diese beiden Mundartgebiete sind so unterschiedlich, daß zwei ausschließliche Mundartsprecher aus den beiden Regionen sich möglicherweise gar nicht verständigen könnten. Man kann daher durchaus berechtigt feststellen, daß es nicht eine sondern mindestens zwei (wenn auch verwandte) niederrheinische Mundarten gibt.

Diese Seite beschäftigt sich mit dem Kleverländischen (Cleefs), d.h. der Mundart des unteren Niederrhein, einer Region, die sich historisch betrachtet aus Teilen des ehemaligen Herzogtums Kleve, der Grafschaft Moers, des Oberquartiers des Herzogtums Geldern und drei weiteren kleinen Territorien zusammensetzt. Es wäre daher eigentlich gerechter (aber auch umständlicher) von einer "Kleverländisch - Gelderländisch - Grafschafter - Mundart" zu sprechen.

Das Kleverländische ist eine sogenannte niederfränkische Mundart. Sie ist mit der (ebenfalls niederfränkischen) niederländischen Hochsprache verwandt. Die große Distanz des Kleverländischen zum Niederländischen einerseits insbesondere aber von der Deutschen Hochsprache andererseits, würde es aber auch rechtfertigen, Kleverländisch als eigene Sprache anzusehen.

Die jahrhundertelange Zugehörigkeit der wichtigsten Länder des unteren Niederrhein zum (deutschsprachigen) Preußen, die Diskriminierung des Kleverländischen an den Schulen und die fatale Betrachtung der Mundart als Sprache der einfältigen Landbevölkerung und Habenichtse, hat inzwischen zu einem weitgehenden Verschwinden dieser Sprache geführt.

Trotz dieses Verlustes der eigenen Sprache entwickelt der Niederrhein etwa seit Anfang der 90er Jahre eine gewisse Dynamik bezüglich seines regionalen Selbstbildes. So hat sich das ehemals kleverländische Gebiet (die heutigen Kreise Kleve und Wesel sowie die Stadte Duisburg) inzwischen zumindest für seine touristische Vermarktung zu einer sogenannten "Region NiederRhein" zusammengeschlossen. Und auch am mittleren und südlichen Niederrhein, der unter dem zusätzlichen Problem leidet, teilweise (Kreis Heinsberg) zu einem anderen Regierungsbezirk zu gehören, scheint inzwischen eine ähnliche Entwicklung in Gang zu kommen.

Ob und inwieweit die alte Sprache des Niederrhein für das regionale Selbstverständnis der Region noch eine Rolle spielen muß, ob sie in den nächsten Jahren vollständig verschwindet, oder ob es gar irgendwann einmal ein Wiederaufleben der niederrheinischen Mundarten geben wird, muß heute reine Spekulation bleiben - oder wie der Niederrheiner in einem solchen Fall zu sagen pflegt:

"Et zal zech wäl wiize, zet den Aalden teggen den Griizen..."

 

Weitere Mundart-Seiten?

Gibt es noch irgendwo Seiten mit (über) Mundart des unteren Niederrhein, die ich übersehen habe?  Schicken Sie mir die Adresse bitte als Mail, damit ich die Liste vervollständigen kann. mueskens@yahoo.com.



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