Virgildom: dreischiffige, zehnjochige (?) Basilika mit lettnerartiger Querschranke; kleeblattförmige Mittelapsis. 761 oder 767 begonnen, 774 geweiht.
Umbauten: Außenkrypta, um 800; Kapellenanbau, um 851.
Hartwikdom: Erweiterung des Virgilbaus um Westwerk, Chorquadrat und gestelzte Apsis. Um 1000 bis vor 1020.
Dom Konrads I.: 1127 geweiht. Errichtung einer Doppelturmanlage.
Dom Konrads III.: fünfschiffige basilikale Anlage mit Querhaus, Vierungsturm, Chorquadrat und Apsis. An den Querhausarmen Chortürme und Apsiden. Hallenkrypta. Nach 1167 begonnen. Hauptbauzeit 1181 - um 1200. 1219 Weihe der Krypta.
Schon vor 700 könnte der hl. Rupert, der 695/696 wegen Streitigkeiten mit dem Frankenkönig Pippin II. seinen Bischofssitz in Worms verlassen mußte, im Bereich der späteren Dome von Salzburg die erste Klosterkirche von St. Peter (s. Kat. Nr. St. Peter) errichtet haben. Archäologisch und urkundlich faßbar wird hingegen erst der vom hl. Virgil errichtete Kirchenbau. Virgil, der als Ire "Fergil, der Geometer" überliefert wird, kam 745 nach Salzburg, wo er 747 Abt von St. Peter und 755 oder 767 Bischof von Salzburg wurde. Mit dem ersten Dombau wurde 761, zwölf Jahre vor der Weihe, oder 767 begonnen; gesichert ist lediglich die Translation der Gebeine des hl. Rupert aus Worms und die anschließende Domweihe am 24. September 774. Der Hauptaltar war den hll. Rupert und Petrus geweiht. Kopien und urkundliche Nachträge des 12. und 13. Jahrhunderts überliefern, daß der Virgildom von den Zeitgenossen als "ecclesia mirae magnitudinis" angesehen wurde. Vermutlich unter Erzbischof Arno (784 - 821) kam es zu einer ersten Erweiterung des Virgilbaus - unter anderem wird in seiner Grabinschrift die Errichtung einer Krypta "in fine monasterii" genannt. 845 zerstörte ein Brand den Virgildom, der durch Erzbischof Liupram (836 - 859) wieder instandgesetzt und durch einen Kapellenanbau an der Südseite erweitert wurde.
Wie weit der Dom durch die Ungarnstürme in der 1. Hälfte des 10. Jahrhunderts betroffen war, ist nicht bekannt, doch zog sich Erzbischof Odalbert zeitweise nach Zell am See zurück, wo er aus diesen Gründen 926 einen Kirchenbau (s. Kat. Nr. Zell a. S.) errichtete. Erst unter Erzbischof Hartwik (991 - 1023) kommt es zu einem Neubau "post ruinam" und zur Verlagerung von Reliquien. Für das Jahr 1020 ist die finanzielle Unterstützung durch Kaiser Heinrich II., die Schenkung von sechs Königshufen, überliefert, wobei der Bau bereits als erneuert bezeichnet wird.
Am 5. Mai 1127 brannte auch der Hartwikdom ab, doch wurde er schon am 24. September 1127 durch Erzbischof Konrad I. (1106 - 1157) wieder eingeweiht. Bei der relativ kurzen Zeitspanne dürfte es sich um eine erste Wiederherstellung gehandelt haben, denn Erzbischof Konrad I. ließ auch zwei Westtürme errichten, die "turres altissimae".
1167 wurde der Dom im Zuge der Auseinandersetzungen zwischen dem Papst und Kaiser Friedrich I. Barbarossa, der 1166 die Reichsacht über das Erzstift und den Erzbischof verhängt hatte, eingeäschert. Der Wiederaufbau scheint nur wenig vorangekommen zu sein; eine wesentliche Bautätigkeit kann erst unter Erzbischof Konrad III. (1177 - 1183) verzeichnet werden. Durch die Auffindung des Virgilgrabes kam ab 1181 zur eigentlichen Hauptbauphase des letzten mittelalterlichen Domes, bei welcher lediglich die konradinische Doppelturmanlage aus der Zeit um 1127 beibehalten wurde. Nach einem Brand von 1203 erfolgte 1219 die Weihe der Krypta, welche die weitgehende die Fertigstellung des Domes voraussetzen dürfte.
Spätere Veränderungen betrafen unter anderem die Westanlage mit dem Einbau einer spätgotischen Vorhalle durch Erzbischof Sigmund I. Volkersdorf (1452 - 1461) und flankierende Kapellenanbauten. 1587 veränderte Erzbischof Wolf Dietrich (1587 - 1612) durch den Einbau von Oratorien und Neuadaptierungen das Innere des Domes. 1598 beschädigte ein Brand den Dom Erzbischof Konrads III. so schwer, daß der Bau nach mißlungenen Wiederherstellungsversuchen abgebrochen und nach dem gescheiterten gigantischen Dombauprojekt Vicenco Scamozzis (Planung 1603), das nicht über die Fundamentierung hinaus gedieh, ab 1614 durch den barocken Dombau Santino Solaris im Auftrag Erzbischof Marcus Sitticus (1612 - 1619) überbaut wurde.
Durch die archäologischen Grabungen von H. Vetters (1956 - 1958 bzw. 1966 - 1967) und F. Moosleitner (1973 - 1974) konnten wichtige Aufschlüsse über die Grundrißentwicklung der Dombauten seit Virgil erarbeitet werden; die Außenerscheinung des letzten romanischen Domes wird vor allem durch zwei Veduten Paul van Vianens (1602) überliefert. Dennoch herrschen zur Zeit bezüglich der Interpretation der archäologischen, literalen und bildlichen Quellen kontroversielle Ansichten vor. Ohne Erschließung neuer Quellen muß daher auf den hypothetischen Charakter bei der Bewertung der Grabungsergebnisse - auch aus kunsthistorischer Sicht - hingewiesen werden.
Virgilbau:
Vom dem 774 geweihten und teilweise unter Verwendung spätantiker Mauerzüge errichteten Dom Virgils konnten die gerade abschließende Ostmauer, Teile der nördlichen Seitenschiffmauer bis zur nordwestlichen Langhausecke und partiell der Verlauf der Spannmauern, welche die Mittelschiffarkaden trugen, ergraben werden. Vom Mittelchor konnte annähernd die Form der südlichen Innenhälfte gesichert werden - sie läßt auf eine kleeblattförmige Apsis schließen, welche durch ein Steingitter gegen das Mittelschiff ausgesondert war. H. Vetters vermutet, daß der Kleeblattchor außen polygon geschlossen war.
Eine im "Goldenen Schnitt" das nördliche Seitenschiff teilende Quermauer wurde von H. Vetters als eine nachträglich eingebaute, über alle drei Schiffe ziehende Schranke rekonstruiert. Der Abstand von Abdrücken zweier Pfeilerbasen auf dieser Trennmauer, welche nach H. R. Sennhauser als eine Vorform des Lettners aufgefaßt werden könnte, nimmt H. Vetters als Maßgrundlage für eine Rekonstruktion der Pfeilerstellungen im Langhaus. Der basilikale Kirchenraum wäre demnach mit zehn Mittelschiffarkaden zu rekonstruieren.
Aus einem unter den Westanlagen der Nachfolgerbauten durchlaufenden Mauerzug hat H. Vetters auf ein leicht querrechteckiges Atrium des Virgildomes geschlossen, doch konnte F. Moosleitner aufgrund neuerer Grabungen nachweisen, daß dieser Mauerzug erst unter Erzbischof Arno oder Hartwik entstand. Der Virgildom besaß somit kein Atrium.
Umbauten: Außenkrypta, um 800; Kapellenanbau, um 851.
In der Südost-Ecke des Langhauses befand sich ein von Außen zugängliches Arcosolgrab, welches mit größter Wahrscheinlichkeit als die erste Grabstätte Virgils angesprochen werden muß. Das Arcosolgrab wurde unter Erzbischof Liupram (836 - 859) durch eine rechteckige Kapelle überbaut und erst 1181 beim Dombau Erzbischof Konrads III. wiederentdeckt. Die Datierung der Liupram-Kapelle stützt sich auf die epigraphische Analyse einer dort aufgedeckten Inschrift. Nach H. Vetters wäre es denkbar, daß die Kapelle nach dem Brand von 845 zur Aufbewahrung der von Liupram 851 aus Rom transferierten Reliquien des hl. Hermes errichtet wurde.
Divergierender sind die Hypothesen über die Veränderungen des Virgilbaus unter Erzbischof Arno, der seine Grablege "in fine monasterii" anlegen ließ. H. Vetters vermutet die Krypta im Bereich eines von Arno errichteten Westwerks, während H. R. Sennhauser aufgrund von Fundamentresten unter der Krypta aus der Zeit Erzbischof Konrads III. mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Außenkrypta im Anschluß an die Apsis des Virgildomes annimmt.
Hartwikbau:
Die Rekonstruktion des "post ruinam" errichteten Hartwikdomes durch H. Vetters wird wegen neuer Befunde im Bereich der Westanlage vor allem von F. Moosleitner in Frage gestellt. Nach H. Vetters wurde der Virgilbau um einen mit tiefrechteckigen Chor und eine eingezogene, stark gestelzte Apsis nach Osten erweitert. Nach Westen setzte sich der Neubau bis über das Atrium hinaus zu einem dreiteiligem Westwerk fort. F. Moosleitner konnte jedoch nachweisen, daß die Mauer des Virgil-Atriums zu den Blockfundamenten der Erweiterung Arnos oder eines Westwerks des Hartwikbaus gehört, während die nach H. Vetters vermeintlich als Treppentürme des dreiteiligen Hartwik-Westwerks angesprochenen Mauerzüge de facto die Fundamente der "turres altissimae" des Neubaus unter Konrad I sind.
Aufgrund der kontroversiellen Interpretationen kann derzeit lediglich angenommen werden, daß spätestens vor 1020 der Virgildom um eine westwerkartige Anlage erweitert wurde. Wenn die Rekonstruktion von H. Vetters für den Ostteil verifiziert werden kann, so bestünde hier eine auffallende Parallele zu den ebenfalls ins frühe 11. Jahrhundert datierten ersten archäologisch faßbaren Bau von St. Peter. Auch hier wurde der Mittelchor durch ein allerdings gedrungenes Chorquadrat mit Krypta und Apsis über die Flucht der Seitenschiffe hinausgeschoben.
Dom Konrads I.:
Die erschließbare Bauzeit von nur fünf Monaten nach dem Brand von 1127 für den Dom betrifft sicherlich nicht jene "sehr hohen Türme, welche vorher nicht bestanden". Die Westanlage wurde von F. Moosleitner mit jenen quadratischen Fundamenten identifiziert, welche H. Vetters für die Treppentürme des Hartwikbaus hielt. Sie sind mit Ecklisenen gegliedert und flankierten eine breitrechteckige offene Vorhalle. Die Disposition der Turmstellung wird von den Blockfundamenten des Vorgängerbaus bestimmt, sodaß die Doppelturmanlage schmäler als die vom Virgilbau vorgegebene Langhausbreite ist. Auf der topographisch verläßlichen Vedute des Paulus van Vianen (1602) erscheinen sie fünfgeschossig mit der für oberitalienische und bayrische Türme charakteristischen stockwerkweisen Zunahme der gekuppelten Fensteröffnungen. Im 15. Jahrhundert wurde die offene Vorhalle durch einen Giebelbau geschlossen und die Turmschächte mit Treppenspindeln ausgefüllt. Niedrigere aber in ihrer Mauerstärke auffallend überdimensionierte Flankenbauten können ebenfalls eindeutig als spätgotische Umbauten identifiziert werden. H. Vetters hielt sie für die eigentliche Fundamente der "turres altissimae" Konrads I. Die Deutung dieser Anbauten als Grabbauten scheint jedoch weniger überzeugend.
Die Doppelturmanlage Konrads I. ist - wie zahlreiche kunsthistorische Untersuchungen an Salzburger Bauten und an Domkirchen im Einflußbereich der Erzdiözese in Kärnten und der Steiermark nahelegen - der Prototyp für die Zweiturmfront ab 1127. Die wesentlichen Merkmale der "konradinischen" Westanlagen ist die offene Vorhalle und das Verhältnis zwischen Vorhallen- und Turmbreite.
Dom Konrad III.:
Beim Neubau des letzten romanischen Domes unter Erzbischof Konrad III. um 1181 behielt man die Doppelturmfassade einschließlich der Westwand und eine unter Erzbischof Hartwik an das nördliche Seitenschiff des Virgildomes angebaute Kapelle bei. Die Breite dieser Kapelle und mit geringer Verschiebung die Fundamente der Vorgängerbauten waren für die Konzeption des Langhauses ausschlaggebend. Der Grundriß gliedert sich daher in eine fünfschiffige basilikale Anlage, deren äußere Seitenschiffe in Apsiden endeten. Das Mittelschiff und die inneren Seitenschiffe führten in eine mächtige Vierung an die im Sinne eines quadratischen Schematismus gleich große Querhausarme mit Apsiden in den Stirn- und Flankenseiten. Die Hauptapsis wurde durch ein Chorquadrat hinausgeschoben, darunter befand sich eine sechsjochige, dreischiffige Hallenkrypta. Das Langhaus zeigte einen einfachen Stützenwechsel von rechteckigen Pfeilern mit Halbrundvorlagen und Säulen bzw. Kreuzpfeilern.
Die überlieferten Außenansichten ab dem 15. bis ins frühe 17. Jahrhundert geben ein basilikales Langhaus mit Strebepfeilern und großen Rundbogenfenstern im Obergaden und der doppelten (?) Anzahl von kleinen Rundbogenfenstern am Seitenschiff wieder. Die Vierung wird von einem meist polygonalem Vierungsturm, die Querhausarme an den Stirnseiten von hohen Rundtürmen bekrönt. Das Chorquadrat erscheint zweigeschossig und wird von einer Zwerggalerie unterteilt, welche sich an der Apsis unter dem Kranzgesimse fortsetzt. Auch der Vierungsturm wird durch eine Zwerggalerie unter dem Kranzgesims akzentuiert. In den meisten Darstellungen wird die Lage der Doppelturmanlage perspektivisch stark verzeichnet, sodaß sich der archäologische Befund nur schwer mit den Fassadenverhältnissen in Einklang bringen läßt.
Divergenzen zwischen diesen Außenansichten, der Interpretation der schriftlichen Quellen durch F. Pagitz und den Befunden aus den nur teilweise ergrabenen Fundamenten haben zu konträren Vorstellungen über den Typus des letzten Dombaus geführt. F. Pagitz und F. Moosleitner vertreten die Hypothese, daß der Dom dreischiffig mit einer nördlichen Kapellenreihe und einem südlichen Kreuzgangarm zu rekonstruieren sei, währen H. Vetters bei seiner Version eines fünfschiffigen Langhauses blieb. Letzteres konnte auch durch H. Fillitz und R. Koch aufgrund kunsthistorischer Argumente erhärtet werden. Diese fünfschiffige Anlage hatte jedoch nicht in allen Schiffen eine basilikale Lichtführung. Berücksichtigt man die nicht ganz korrekten Proportionierung auf den Vianen-Veduten, so dürften die inneren beiden Seitenschiffe und das Mittelschiff eine Staffelhalle gebildet haben, an welche die niedrigeren äußeren Seitenschiffe ansetzten. R. Wagner-Rieger hingegen hat auf die Möglichkeit hingewiesen, daß das Mittelschiff von zweischiffigen Hallen begleitet wurde - eine Lösung die im ausgehenden 12. Jahrhundert in Oberitalien oder Westfalen zur Anwendung gelangte.
Die Eigentümlichkeit der Chor- und Querhausbildung mit mehreren Apsiden läßt an einen latenten Trikonchos denken und hat zumindest im Grundriß Ähnlichkeit mit dem Dom von Parma. Neben dieser oberitalienischen Komponente sind außerdem westliche Vorbilder nicht außer acht zu lassen. Die Vieltürmigkeit (Westtürme, Vierungsturm, Querhaustürme und strebepfeilerartige Treppentürmchen am Chorquadrat) erinnert an deutsche Kaiserdome, vielleicht auch die Zwerggalerien, wenn sie nicht ebenfalls auf eine Herkunft aus Oberitalien hinweisen. Die Querhaustürme sind eigentlich Chortürme über Apsiden, wodurch sie sich wieder von den Chorflankentürmen an den deutschen Domen unterscheiden. Die Fünfschiffigkeit schließlich, hat ihre Wurzel sicher im frühchristlichen Bau von Alt-St. Peter in Rom.
Literatur: Vetters, Dom, 1958, 345 - 352. - Fuhrmann, Dome, 1959, 86 - 102. - Vetters, Dome, 1961, 216 - 229. - Vetters, Bericht, 1968, 1 - 21. - Pagitz, Quellenkundliches, 1968, 21 - 156. - Vetters, Dome, 1971, 413 - 435. - Vetters, Dome, 1974, 73 - 82. - Pagitz, Dome, 1974, 31 - 72. - Sedlmayr, Virgildom, 1975, 145 - 160. - Wagner, Bemerkungen, 1981, 289 - 304. - Moosleitner, Bemerkungen, 1983, 9 - 16. - Vetters, Dome, 1985, 286 - 316. - Moosleitner, Ergebnisse, 1985, 317 - 325. - Sennhauser, Dombauten, 1985, 326. - Czerwenka, Katalog, 1992, 107 - 112. - Fillitz, Dom 1990, 211f. - Koch, Mehrschiffigkeit, 1990, 212 - 223. - Vetters, Dom, 1990, 207 - 210.
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studiolo 19.06.99 21:39