Saalraum mit abgeschrägtem Chorquadrat, Holzpfostenbau mit Flechtwerkwänden; 9./10. Jahrhundert.
Chorquadratkirche; romanisch, 13. Jahrhundert.
Das passauische Stephanspatrozinium läßt auf eine Kirchengründung des 9. Jahrhunderts schließen, außerdem wird 874 ein Priester Gunther im Zusammenhang mit einer Güterverleihung in "Slehdorf" erwähnt. Im 12. Jahrhundert wird mehrmals ein Walthun von Schleedorf als Passauer Ministeriale bezeichnet. Der heutige Bau wurde im 19. Jahrhundert an den gotischen Chor angebaut.
Durch die Grabungen von A. Lippert (1974) wurde als Erstbau eine frühmittelalterliche Holzkirche erschlossen, der im 13. Jahrhundert eine spätromanische Chorquadratkirche folgte, wobei die Lage des Chorraums auch noch beim gotischen Neubau beibehalten wurde.
Von der frühmittelalterlichen Holzkirche fanden sich insbesondere im Chorraum eine größere Anzahl von runden und teilweise rechteckigen, eng gesetzten Pfostengruben, welche ein breitrechteckiges Chorquadrat mit abgerundeten Ecken ergab. Lehmbewurfbrocken mit Abdrücken von dünnen Zweigen stammen von den aufgehenden Flechtwerkwänden. Vor dem Triumphbogen wurde eine Pfostensetzung für den Altartisch gefunden. Zwei achsiale Pfostengruben im zugehörigen Langhaus, dessen Länge nicht bestimmt werden konnte, deuten auf einen Firstpfostenbau.
Durch Keramikfunde kann der Bau ins 9. - 10. Jahrhundert datiert werden. Der Typus der Holzkirche entspricht zunächst jenem einer (zweischiffigen) Chorquadratkirche im Steinbau. Bemerkenswert ist jedoch der beinahe bogenförmige Chorschluß. Ein noch weiter ausgeprägtes Beispiel für den bogenförmigen Abschluß eines Chorquadrates konnte bei Herschling (Oberbayern) ergraben werden. Im Aufgehenden bestanden die Wände dieser Kirche aus der Mitte des 7. Jahrhunderts - wie später in Schleedorf - ebenfalls aus lehmverschmierten Flechtwerk. Die Rückübersetzung steinerner Apsiden in den Holzkirchenbau war nur durch die sonst hauptsächlich im Profanbau üblichen Flechtwerkswände möglich und fand offensichtlich in Bayern schon im 7. Jahrhundert statt. Hier scheinen auch die Vorläufer für die Stephanskirche in Schleedorf zu suchen sein.
Literatur: Koller-Lippert, Schleedorf, 1974, 15 - 36. - Czerwenka, Architektur, 1992, 124 - 126.
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studiolo 19.06.99 21:39