Wieselburg (NÖ.)

Pfarrkirche hl. Ulrich.

Kirchberg: ehemalige Wehrkirche und Fluchtburg.

Zentralbau über griechischem Kreuz; oktogonale Kuppel, Ende 10. Jahrhundert.

Turmartiger Anbau


In einer zwischen 976 und 979 ausgestellten Urkunde Kaiser Ottos II. (973 - 983) verleiht dieser dem Bischof Wolfgang von Regensburg (972 - 994) das Recht, in dem seit den Ungarneinfällen (907 - 955) verödeten Gebiet am Zusammenfluß der Großen und Kleinen Erlauf zum Schutz von Steinakirchen ein castellum (Fliehburg) zu errichten, woraus sich der Ortsname (Z)wieselburg ableitet. Das einfache Wall-Grabensystem wurde durch einen Turm zusätzlich gesichert. Noch zu Lebzeiten Bischof Ulrichs wurde in einer zweiten Phase diese Befestigungsanlage erweitert und auf dem Innenplateau die dem hl. Ulrich geweihte Kirche errichtet. Da Ulrich 993 heiliggesprochen wurde kann diese Phase zwischen 993 und 994 präzisiert werden.

1107 schenkte Bischof Hartwik von Regensburg (1105 - 1126) die Filiale Wieselburg samt der Pfarre Steinakirchen an das Kloster Mondsee. Ab 1235 war dann Wieselburg selbständige Mondseer Pfarre. 1706 gelangte Wieselburg von Mondsee in passauischen Besitz und 1785 wurde sie landesfürstliche Pfarre. Untersuchungen anläßlich der Kirchenerweiterung von 1952 und Grabungen durch H. Ladenbauer-Orel und G. Melzer (1956 - 1961) führten zur Wiederentdeckung des ottonischen Zentralbaus und Klärung der Baugeschichte: der frühmittelalterliche Bau wurde zunächst durch einen U-förmigen Anbau im Westen, der vermutlich als Wohn- oder Wehrturm diente erweitert. Um 1500 wurde der Zentralbau nach Westen geöffnet und zum Chor einer zweischiffigen gotischen Hallenkirche umgebaut. Seit der Kirchenerweiterung von 1953 - 1956 bildet diese spätmittelalterliche Kirche die Eingangshalle des Neubaus.

Der ottonische Zentralbau ist in Form quadratischen Hauptraumes mit kurzen, tonnengewölbten Seitenarmen ausgebildet. Zwischen dem quadratischen Unterbau und dem oktogonalen Klostergewölbe der Kuppel vermitteln Trompen.

Einen wesentlichen Anteil an der Raumwirkung hat die flächendeckende Freskierung, welche - in Abwandlung eines byzantinischen Dekorationschema - den Pantokrator, darunter Engel und schließlich in den Trompen die vier Evangelistensymbole zeigt. Durch die streifenförmige Aufteilung der malerischen Ausstattung in fünf horizontale und durch breite Bänder unterteilte Zonen wird der architektonische Höhenzug der Kuppel gemildert. Außerdem sitzen die Medaillons der ersten Zone über den Fenstern nicht in der Achse der Gewölbekappen, sodaß der Schluß naheliegt, daß mit der Dekoration das klare Verhältnis stereometrischer Formen (Durchdringung des Hauptraumes durch die Kreuzarme und großflächige Konzeption der Gewölbeschale) gemildert werden sollte. Stilistische und epigraphische Erwägungen deuten darauf hin, daß die malerische Ausstattung erst in einer zweiten Phase um 1000 entstand. Der Außenbau mit seinen ungegliederten Wandflächen vermittelt einen wesentlich besseren Eindruck des älteren architektonischen Konzepts.

Der Typus des Zentralbaus läßt an oberitalienische Parallelen denken wie etwa im lombardischen Bereich (Piemont, Ponzo Canavese oder Settimo Vittone), worauf R. Wagner-Rieger hingewiesen hat.


Literatur: Ladenbauer-Orel, Wieselburg, 1962, 89 - 91. - Oswald/Schaeffer/Sennhauser, Kirchenbauten, 1966, 375f. - Ladenbauer-Orel, Wieselburg, 1971, 75f. - Ladenbauer-Orel, Wieselburg, 1972, 341 - 346. - Czerwenka, Architektur, 1992, 25 - 27. - Wagner-Rieger, Architektur, 1991, 34.


Register


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