Wildungsmauer (NÖ.)

Filialkirche hl. Nikolaus.

Chorquadratkirche, ehemals mit integrierter Westturmanlage; um 1200.


Die Kirche geht auf eine Gründung der hier ansässigen Herren von Wildungsmaure zurück, die in diesem Gebiet von 1182 bis 1391 urkundlich nachzuweisen sind. Kirchenrechtlich gehörte Wildungsmauer bis 1783 zur Pfarre Petronell, seither als Filiale zu der von Petronell ausgegliederten josephinischen Pfarre von Regelsbrunn. Besitzungen im Ort Wildungsmauer, angeblich eine Gründung der Vohburger um 1100, wurden zwischen 1108 und 1127 durch Markgraf Diepold II. an das Stift Göttweig übergeben. Ob bereits zu diesem Zeitpunkt eine Kirche in Wildungsmauer bestand, konnte bisher nicht geklärt werden, da Grabungen anläßlich von Restaurierungen keine Spuren eines Vorgängerbaus ergaben.

Der relativ kleine Bau, eine Chorquadratkirche, weicht bautechnisch durch seine nahezu 2 m mächtigen Mauern von den üblicherweise nur bis 1,2 m starken Mauern romanischer Kleinkirchen ab, wie ein Vergleich mit der größeren ehemaligen Mutterkirche in Petronell zeigt. Spuren von Dübellöchern in atypischer Lage und das verhältnismäßig große Quaderformat geben berechtigten Anlaß zur Vermutung, daß beim Bau Material der nahegelegenen römischen Ruinen verwendet wurde. Im Bereich über der Wölbung des Langhauses wurden die Mauern durch einen Brand, der zeitlich noch ins Mittelalter zu datieren wäre, zerstört und in Bruchsteinmauerwerk ohne Wiederherstellung des Abschlußgesimses erneuert. Um 1817 folgte eine weitere Erhöhung der Kirche, die Errichtung des westlichen Dachreiters und der Vorhalle. Dabei vermauerte man das romanische Nordportal und einen Hocheinstieg auf die Empore und verlegte den Zugang nach Westen.

Dieser Hocheinstieg führte ursprünglich auf die Empore und von hier aus durch ein weiteres Portal und eine steile Treppe in der Giebelwand auf den Dachboden. Der heutige Zugang zur Empore erfolgt über einen Erweiterungsbau (um 1970) der Vorhalle von 1817 durch dieses im Hochmittelalter nur zur Empore geöffnete Portal. Mauerreste am Ende der Treppe auf den Dachboden, auf denen seit 1817 der Dachreiter aufsitzt, belegen, daß schon die romanische Chorquadratkirche einen Dachreiter besessen hat. Die Kirche von Wildungsmauer gehört demnach zu jenem in Österreich seltenen Typus einer Herrschaftskirche mit integriertem Westturm, wie sie erstmalig im 1. Viertel des 12. Jahrhunderts an der Propsteikirche in Zwettl, einer Gründung Hadmars I. von Kuenring, und nochmals um 1200 bei der Pfarrkirche von Güssing (Burgenland), also im ehemaligen westpannonischen Einflußgebiet, nachzuweisen ist. Im Gegensatz zu diesen Beispielen ruht jedoch der Westturm in Wildungsmauer nicht auf der Westempore auf, sondern in voller Breite auf der mächtigen Westmauer. Dies wäre demnach als eine der Wurzeln für die enorme Mauerstärke zu werten.

Für die zeitliche Bestimmung der Kirche von Wildungsmauer sind der verkröpfte, attisch profilierte Sockel und der erhaltene Rundbogenfries am Chorquadrat wichtig. Sie entsprechen der Stilstufe um 1200, wobei formal der Aufbau des Rundbogenfrieses mit seinen tief herabgezogenen Bogenfüßen Ähnlichkeit mit jenem am Hochgaden der Pfarrkirche von Deutschaltenburg (gegründet 1213) zeigt. Stilistisch hingegen läßt das Profil von Wildungsmauer noch nicht jenes Einsinken der Kehle in den wandseitigen Wulst und die weich fließenden Übergänge in den Einzelformen erkennen, wie sie für das ausgehende erste Jahrhundertviertel charakteristisch werden.

Das stark verstümmelte Nordportal läßt sich dem Typus der kämpfer- und tympanonlosen Portale zuordnen, wobei als Besonderheit anzuführen ist, daß das Sockelprofil als Rahmung um die Portalöffnung herumgeführt wird, eine Eigenheit, die vor allem beim sogenannten sächsisch-hirsauischen Portaltypus entwickelt wurde. Dadurch wird die Portalzone stärker an die Sockelzone gebunden.

Der Raumeindruck im Inneren wird von schweren Bandrippengewölben über in ihrer Massigkeit hypertrophierten, undekorierten Konsolen und Hängelisenen bestimmt. Ein tief herabgezogener, zweifach gestufter Triumphbogen trennt Langhaus und Chor. Sieht man von der überaus schwer wirkenden Blockhaftigkeit der Gliederungselemente ab, so wird in der Ausgestaltung des Innenraumes auf das Formengut der zisterziensischen Baukunst aus der Mitte des 12. Jahrhunderts zurückgegriffen. Die Art, wie das Gewölbe über Hängelisenen mit flankierenden Konsolen abgefangen wird, hat seinen nächsten Verwandten in der Langhauswölbung von Heiligenkreuz aus der Zeit um 1150. Die spätestens gegen 1240 vollendete Pfarrkirche von Schöngrabern zeigt in ihrer Lösung der Langhauswölbung ebenfalls diesen Rückgriff auf die ältere zisterziensische Ordensbaukunst, allerdings ohne die Massigkeit des Baus von Wildungsmauer. Daraus wird ersichtlich, daß Wildungsmauer zwar in seinen retardierenden Stiltendenzen den allgemeinen Stilgepflogenheiten der Ministerialenbaukunst um die Gruppe von Deutschaltenburg folgt, allerdings als Sonderfall nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit dieser spätromanischen Bautengruppe gesehen werden kann.


Literatur: Donin, Portale, 1915, 35. - Schwarz, Spätzeit, 1976, 515.


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