2003
Teil 1

Jamie ging wie jeden Tag zum Bus und stellte sich zu den anderen Fahrgästen. Dies war zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ein schöner Tag und auf Jamies Lippen lag ein Lächeln. Er betrachtete sich kurz in einem Schaufenster und stellte fest, dass der dunkel-blaue Anzug wie immer tadellos saß und die rote Krawatte auch noch hielt. Er wusste das ihm immer wieder Frauen nachsahen, was nicht zu letzt an seinen langen, aber doch gepflegten Haaren lag und seinen Augen, die zwar im Moment lächelten, doch genauso schnell eiskalt werden konnten. Zufrieden wand er seinen Blick wieder der Straße zu und wartete auf seinen Bus.

Lucien sah gehetzt auf die Uhr, der Bus würde bald kommen und er hasste diese Rennerei am Morgen, nur weil er verschlafen hatte und sein Motorrad mal wieder kaputt war, musste er sich das antun. Aufatmend kam er an der Bushaltestelle zum Stehen und hätte beinahe einen Mann im Anzug übersehen und über den Haufen gerannt. "Verzeihung..." sagte er mit seiner weichen Stimme, der man immer noch den französischen Akzent anhören konnte."Ich habe nicht aufgepasst." Verlegen strich er sich durch sein dunkelbraunes Haar, das er zu einem kleinen Zopf gebunden hatte. Er trug weißes Shirt, darüber ein weißes Hemd und seine schwarze Lederhose, dazu seine Bikerstiefel und kam sich dem Anzugtypen gegenüber schon fast ein bisschen unterlegen vor...aber nur fast. Lucien suchte seinen Blick, um zu sehen ob seine Entschuldigung angenommen worden war und hatte ein seltsam vertrautes Gefühl, als er in die Augen seines Gegenübers blickte.

Jamie sah überrascht auf, als er fast von einem jungen Mann in Freizeitkleidung überrannt wurde. Leise konnte er die Entschuldigung hören, die einen leichten französischen Akzent hatte. "Das macht nichts, ist ja nichts passiert." Mit diesen Worten drehte er sich weg und hoffte dass der Bus bald um die Ecke biegen würde. Er hasste es mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren zu müssen, aber er hatte sein Auto stehen lassen, da er die Woche über eh nur in der Stadt war. Seufzend schaute er wieder zu dem jungen Mann.

Lucien starrte den Mann immer noch an, als er merkte, dass dieser ihn auch ansah. Fast schon verschämt drehte er sich ein bisschen zur Seite, es war sonst nicht seine Art, irgendwelche Leute anzugaffen, aber er konnte sich das Gefühl nicht erklären, das er beim Anblick seines Gegenübers hatte. "ich hasse Busfahrten...sagte er leise und lächelte den anderen freundlich an.

Jamie schaute sich den anderen nun genauer an und musste feststellen, dass dieser so gar nicht in seinen Freundeskreis passte. seine freunde achteten im Allgemeinen mehr auf ihr Äußeres. "Hn." war deshalb Jamies einzige Reaktion auf den Kommentar und das Lächeln des anderen. Er wand sich wieder ab und hörte dann sein Handy klingeln. "James Cansington...ja ich habe mich bereits darum gekümmert...in einer halben Stunde...ein Interview? ... Nein, davon halte ich nichts...nun gut aber nur ein kurzes." dann legte er wieder auf und stieg in den angekommenen Bus ein.

Lucien rümpfte leicht die Nase. Das war ja mal ein Schnösel. Nur weil er nicht im Anzug rumlief, musste er noch lange nichts schlechteres sein. Leicht grummelte er vor sich hin und erklomm denselben Bus, um zu seiner Redaktion zu fahren. Heute morgen war Besprechung, die Aufgaben für die Woche wurde verteilt und er freute sich, er war gut in seinem Job und die anderen erkannten das alle an. Er stellte sich ein Stück weit weg von dem Anzugträger, um ihn beobachten zu können.

Jamie hatte seine gute Laune verloren, wie er es hasste, aber so war sein Job. Er hatte bemerkt, dass der junge Mann weiter hinter ihm stand und ihn beobachtete. Endlich konnte er aussteigen. Schnell verließ er den Bus und warf dem anderen einen letzten Blick zu. Süß, war er ja doch, das musste Jamie sich eingestehen. Schließlich wand er sich ab und betrat das Museum, in dem er für die Abteilung des 18. Jahrhunderts zuständig war. Er war auf seinem Gebiet eine Koriphähe und weltweit anerkannt. Er verdrängte jeden Gedanken an die Busfahrt und widmete sich seinen Aufgaben, immer das Interview im Hinterkopf.

Lucien sah mit Bedauern, das der junge Mann ausstieg, er musste noch eine Haltestelle weiter, um zu seiner Zeitung zu kommen. Er schrak etwas zusammen, als er dessen Blick bemerkte und senkte den Blick, um ihn gleich darauf wieder zu heben und ihm im Museum verschwinden zu sehen. Lucien seufzte leise, irgendwie war ihm komisch und versuchte, sich am Riemen zu reißen, als er endlich die Büroräume seiner Redaktion betrat.

Jamie ging zu seinem Kurator um mit ihm das Interview durchzugehen und seine Schwerpunkte festzulegen. Dann wartete er auf den Reporter. Jamie stöhnte leise, das würde was werden.

Lucien betrat das Büro seines Chefredakteurs und es wurde ihm mitgeteilt, das er ein Interview zu machen hatte, im Museum mit einem gewissen James Cansington...der Name kam Lucien bekannt vor, aber er wusste nicht, woher. Er nickte nur und machte sich wieder auf den Weg, zum Museum. Ganz kurz kam ihm der Unbekannte im Bus wieder in den Sinn, als er das Museum betrat und nach Mr. Cansington fragte.

Mrs. Cannings die Sekretärin betrat den Raum und brachte einen jungen Mann mit. "Sir, der Reporter ist da." Damit verließ sie den Raum. Jamie schaute auf und sah den jungen Mann aus dem Bus wieder. "Ich bin Mr. Bang, der Kurator und das ist Mr. Cansington, er wird ihnen weiterhelfen. James, am besten zeigen Sie ihm ihre Abteilung und gehen dann in ihr Büro." Jamie stöhnte innerlich auf und nickte seinem Chef zu. "Guten Tag." mit diesen Worten sah er den anderen Mann an.

Lucien war total überrascht, fing sich dann aber sofort wieder. Deshalb war ihm der Name so bekannt vorgekommen. "Guten Tag...mein Name ist Lucien Becàud...sehr erfreut." Er verbeugte sich leicht und sah Jamie in die Augen, lächelte freundlich.

Jamie sah seinem Gegenüber kurz in die Augen und drehte sich dann um. "Hier entlang bitte." Schnell ging er vor und erreichte seine Abteilung.
Lucien folgte ihm schweigend und sah sich aufmerksam um. Das 18. Jahrhundert schien eine faszinierende Zeit gewesen zu sein. In Gedanken plante er bereits seine ersten Fragen und blieb dann wie angewurzelt stehen. Ein Bild hatte seine Aufmerksamkeit gefangen genommen, es zeigte ein Burg, die ihm auf beängstigende Weise bekannt vorkam.

Jamie sah sich nach Lucien um und sah ihn vor einem Bild stehen bleiben. "Mr. Becàud? Was gibt es?" Jamie ging zurück und schaute sich ebenfalls das Bild an.

"Entschuldigen sie...." Lucien sah immer noch wie gebannt das Bild an. "Muss eine Art Deja vû sein...ich habe das Gefühl, dieses Gebäude zu kennen.....und ich kann ihnen genau beschreiben, wie die Küche aussieht und was dort für Gerätschaften sind." Er riss sich mühsam von dem Anblick los und sah Jamie an. "Aber das ist doch verrückt...ich habe mich nie besonders ausführlich mit dem 18. Jahrhundert beschäftigt, noch habe ich jemals in meinen Leben ein solches Gebäude besichtigt."

Jamie sah Lucien erstaunt an. "Aha..." Dann drehte er sich um und ging weiter den Flur entlang. "Kommen Sie." Jamie musste innerlich schmunzeln aber das Gesicht von Lucien sah einfach zu lustig aus. Dann fiel ihm seine erste Begegnung mit dem Bild ein und er wurde wieder ernst. Ihm war es genauso ergangen nur kannte er das ganze Schloss.
Lucien folgte ihm, er war verwirrt...das Bild hatte etwas merkwürdig vertrautes und auch Cansington hatte etwas merkwürdig vertrautes.

Schließlich kamen sie in Jamies Büro. "Bitte, setzen Sie sich. Möchten Sie etwas zutrinken?" Jamie sah Lucien an.
"Einen Tee bitte, wenn das nicht zuviele Umstände macht..." lächelte Lucien und setzte sich auf den angebotenen Stuhl.
Jamie nickte und stellte eine Tasse Tee vor seinen Besuch. Dann setzte auch er sich. "Dann fangen wir an, denke ich." Jamie ließ sich in seinen Stuhl sinken und auch wenn er entspannt schien so ging doch eine gewisse Wachsamkeit von ihm aus.

Lucien nickte, bedankte sich und holte einen Block hervor, zückte seinen Kuli und fing an, Jamie Fragen zu seiner Arbeit und zum 18, Jahrhundert zu stellen. Er machte sich Notizen, legte dann kurz den Stift weg und trank einen Schluck Tee. "Hervorragend..." meinte er gedankenverloren "aber das konntest du ja schon immer, Jamie...dein Tee war immer viel besser als meiner." Lucien ließ vor Schreck beinahe die Tasse fallen, als ihm bewusst war, was er gesagt hatte. "Was hab ich da grade eben gesagt? Verzeihung...es ist mir einfach so durch den Kopf geschossen, ich weiß nicht..." stotterte er verlegen.

Jamie beantwortete die Fragen die Lucien ihm stellte und stellte fest, das dieser wirklich gut war. Langsam fing es an ihm Spaß zumachen. Er schreckte aus seinen Gedanken auf als Lucien ihn so vertraut ansprach. "Das ist schon in Ordnung." Jamie sah zu Lucien "Und könnt ihr gut kochen?" Jamie zwinkerte Lucien zu. "Ihr seid nicht der einzige dem diese Dinge durch den Kopf gehen..."

"Ich koche leidenschaftlich gern und ich denke auch gut...bisher hat sich keiner meiner Gäste beschwert...aber wie kommen sie darauf? Und was soll das bedeuten, dass ich nicht der einzige bin?" Lucien sah Jamie fragend an.

Jamie lächelte leicht. "Kommt mit ich werde euch etwas zeigen..." Mit diesem Wort stand er auf und ging aus seinem Büro. Vor einem kleinen Bild blieb er stehen und wartete auf Lucien. "Das könnten wir sein..." sagte er ganz leise.

Lucien betrachtete das Bild und seine Nackenhaare stellten sich. "Wir? Aber wieso...." Er verstummte, die Ähnlichkeit war ihm nicht entgangen.

Jamie strich sanft über das Bild. "Diese Bild wurde in Spanien gemalt und zeigt zwei junge Männer, die adelig sind. Namen sind unbekannt. Aber sie weisen eine große Ähnlichkeit mit uns auf." Jamie sagte dies leise.
"Das stimmt allerdings.....wissen sie mehr über die Geschichte der Männer?" Fragend wandte Lucien den Kopf und sah Jamie an.

Jamie schüttelte nur kurz den Kopf. "Nein, nicht wirklich...nur das was ich ihnen erzählt habe. War's das oder haben Sie noch mehr fragen?"

Lucien blickte nachdenklich auf das Bild. "Das ist doch merkwürdig...ich erinnere mich an Dinge, die ich nicht wissen kann...und sie anscheinend auch. Was sind ihre Erinnerungen?"
Jamie sah Lucien an. "Ich denke nicht dass das Erinnerungen sind und wenn das alles war, denke ich werde ich wieder an meine Arbeit gehen. Vielen Dank." Jamie drehte sich um und ging auf sein Büro zu.

Lucien sah ihm nach, setzte sich in Bewegung und überholte ihn, stellte sich vor ihn und sah ihn an. "Warum weichen Sie mir aus? Warum haben Sie mich gefragt, ob ich gut koche? Das kommt doch nicht von ungefähr...." Er sah ihn an, seine Augen blitzten.

Jamie sah Lucien in die Augen. "Dafür habe ich jetzt keine Zeit. Ich muss arbeiten." Jamie schob sich vorbei und ging in sein Büro.

"Gut...schön...Sie müssen arbeiten, aber ich bin hartnäckig. Ich komme morgen Vormittag wieder...und dann werden Sie Zeit für mich haben und sich mit mir über diese Dinge unterhalten.....ich will wissen, was das ist."
Jamie knallte die Tür zu und lehnte sich dagegen. Diese Gefühle machten ihm Angst. Er wollte das alles nicht. Er hatte seine Gefühle längst verdrängt.

Lucien ballte die Hand zur Faust und hieb gegen die Tür. "Ich komme wieder...." er drehte sich um und ging zurück zu seiner Redaktion, setzte das Interview um und tippte es in den PC. Er ging zu Mittag, am Nachmittag nach Hause, doch die ganze Zeit ließ ihn diese Geschichte nicht los.

Jamie konnte sich kaum auf seine Arbeit konzentrieren und so dauerte alles doppelt so lang. Kurz vor Mitternacht verließ er das Museum und ging langsam in Richtung seiner Wohnung. Seine Gedanken kreisten um Lucien.

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