Kapitel II
Es ist schwieriger, eine vorgefaßte Meinung zu zertrümmern als ein Atom.
(Albert Einstein)
Die Zigarettenschachtel ist leer.
Seit ich zurück in London bin, hatte ich nicht mehr geraucht.
Die Schachtel war mein Stolz gewesen. Ich hatte sie mir gekauft und vorgenommen sie nicht zu rauchen.
Sie sollte die letzte Schachtel sein, die ich mir kaufe und die erste, die ich nicht rauche.
Ich weiß, seltsam, aber manchmal bin ich das.
Das Nikotin habe ich heute gebraucht. Ich trinke nicht, zumindest nicht regelmäßig.
Auf Empfängen ein Glas Sekt, aber ich war noch nie richtig betrunken.
Das Gefühl, klar zu denken, während alle um dich herum anfangen, sich zu vergessen,
gibt einem ein gewisses Gefühl von Kontrolle. Ich liebe es, die Kontrolle zu haben.
Ich weiß immer, was ich tue und warum ich es tue. Nur durch Kontrolle konnte ich mich hocharbeiten.
Während manche meiner Freunde ihr Ziel vor Augen verloren, wusste ich immer, was ich wollte.
Während manche meiner Freunde wieder nach Hause zurückgekehrt sind, stehe ich hier.
Ziel um Ziel erreicht. Oft versagt. Niemals aufgegeben, um das zu bekommen, was ich wollte.
Und bis gestern habe ich mich noch gefragt, wie weit ich noch komme.
Wann es nicht mehr weiter geht.
Und jetzt gerade frage ich mich, ob ich nicht schon zu hoch bin.
Ob der Fall jetzt nicht zu tief sein kann.
Das Telefon klingelt und unterbricht meine philosophischen Gedanken.
Wahrscheinlich besser so.
"Burton."
Ein Deckname, mein Manager hatte darauf bestanden.
"Orlando, hier ist John."
Der Manager. Ich atme tief durch, bevor ich antworte.
"Oh, hey, John. Habe schon auf deinen Anruf gewartet."
"Dann hast du also schon die Zeitung gelesen."
"Ja. Habe ich."
"Was hast du dir dabei gedacht?"
Ich lache.
"John, du bist nicht mein Vater."
"Wenn nicht ich, wer dann?"
Ich seufze. Er hat Recht. John ist etwas wie ein Vater für mich.
Seit er mich unter Vertrag genommen hatte.
Er hatte sich um mich gekümmert, war für mich da gewesen.
Er war meine Familie geworden, hatte mich nicht einsam fühlen lassen.
"Es tut mir Leid."
"Nun, etwas spät…"
"Ich weiß, es hätte nicht passieren dürfen."
Schweigen.
"Orlando, du weißt, ich habe nichts gegen Leander,
ich meine, ich würde mich nie in dein Privatleben einmischen."
"Was tust du gerade?"
"Nun ja, nennst du es etwa privat, wenn man dein Liebesleben in der SUN nachlesen kann?"
John klingt gereizt.
"Entschuldige."
Wieder Schweigen.
"Okay, pass auf, was gedenkst du zu tun?"
Johns Stimme wird wieder milder.
"Ich weiß es nicht."
"Das habe ich mir schon gedacht."
"Was soll ich denn tun?"
"Hast du schon mit Leander gesprochen?"
"Nein…"
"Dann tu das. Am besten sofort."
"Ich wollte nicht, dass das passiert."
"Das ist mir schon klar. Hast du mit deiner Mutter geredet?"
"Verdammt, daran habe ich noch gar nicht gedacht."
"Sie weiß doch davon…"
Ich seufze. Nein, sie weiß nichts davon…
"Ich hatte noch keine Zeit, ihr Leander vorzustellen…" setze ich vorsichtig an.
"Wie? Aber sie weiß hoffentlich, dass du homosexuell bist…."
"Nein, tut sie nicht."
Ausweichen hilft hier nicht.
"Orlando, das ist jetzt nicht dein Ernst…"
Ich beginne, zu verstehen, was es bedeutet…ich beginne zu zweifeln. Und ich werde wütend.
"Wann hätte ich es denn tun sollen? Wann hätte ich ihr sagen sollen, dass ihr Sohn andere Phantasien hat als andere Jungs?"
"Orlando…"
Ich habe mich jetzt in Rage geredet, also fahre ich unbeirrt fort.
"Als ich mit 17 daheim weggegangen bin, von allen verpönt als weltferner Träumer…
oder als ich dann wieder zurückkam, als Star…der Stolz der Familie Bloom?!"
Ich schrie nicht, trotzdem weiß er, dass ich wütend bin.
"Orlando, das meinte ich nicht. Es tut mir Leid. Aber deine Mutter wird es nicht leicht haben…"
"Wie meinst du das?"
Ich bin wieder ruhiger.
"Nun ja, sie wird jetzt viel über sich ergehen lassen müssen…"
"Was hat das mit ihr zu tun? Mit uns?"
"Orlando, stell dich nicht dumm. Homosexualität ist immer noch ein Tabuthema.
Ihr seid eine Minderheit und nicht überall beliebt."
"Du meinst…"
"Ja, Drohungen, Beleidigungen…die ganze Palette."
"Scheiße."
"Treffen wir uns zum Mittagessen?"
"Alles klar. Im "covey" ?"
"Ja, ich werde so gegen 13 Uhr kommen. Bring Leander mit, wenn er Zeit hat."
"Hältst du es für eine gute Idee, mich jetzt mit ihm zu zeigen?"
"Nun, ich will mit euch beiden reden, es geht ihn ja schließlich auch was an."
"Ich werde ihn fragen."
"Gut, aber sei vorsichtig."
"Ich werds versuchen."
"Auf Wiedersehn."
"Bye."
Langsam setze ich mich auf die Couch.
Ich kann mich jetzt nicht dazu aufraffen, Leander anzurufen.
Was soll ich ihm sagen? Ich bin mir sicher, dass er die Zeitung noch nicht gelesen hat.
Dann muss ich es ihm mitteilen.
Mein Handy piepst. Leander?
"Hey Kleiner! Hab grad Zeitung gelesen. Bin in 5min bei dir. Filou."
Das war ja eigentlich klar gewesen.
Ich hätte mich schon wundern müssen, wo ihre Reaktion bleibt.
Filou und ich haben uns in der Schauspielschule kennen gelernt.
Wir waren in der gleichen Klasse und haben im ersten Jahr ein Liebespaar spielen müssen.
Am Anfang ging sie mir ziemlich auf den Geist. Ich war es nicht gewohnt, mit Mädchen zu Arbeiten,
die es schaffen 5min am Stück zu reden, ohne Luft zu holen.
Ich muss wohl dazu sagen, dass Filou Ungarin ist und sie am Anfang einen schrecklichen Akzent hatte.
Ich verstand immer nur die Hälfte von dem, was sie sagte, aber sie schien das nicht zu stören.
Während der Proben zu diesem Stück verbrachten wir viel Zeit miteinander.
Sie bat mich, ihr bei der Aussprache zu helfen, was ich nicht ablehnen konnte.
So saß sie bald jeden Nachmittag bei mir,
weil sie ihre Wohnung mit 4 anderen Leuten teilte, die allesamt Musiker waren.
Wir haben es einmal probiert, bei ihr zu lernen, doch ich war am Schluss so entnervt,
dass ich einfach gegangen bin.
Ich meine, wer kann denn schon lernen,
wenn nebenan jemand in einer Endlosschleife "Yesterday" auf der Geige übt?
Ich frage mich, wie Filou das 3 Jahre lang ausgehalten hat.
Doch sie war dann auch immer öfter bei mir. Leider dauerte es aber noch, bis wir wirklich Freunde wurden.
Damals wurde ich 3 Tage vor der Premiere krank. Ich hatte starkes Fieber, konnte nicht reden,
mein Hals schmerzte und meine Augen brannten.
Trotzdem erschien ich jeden Tag zu den Proben. Es war meine erste richtige Hauptrolle,
die wollte ich auf keinen Fall der Zweitbesetzung überlassen.
So schleppte ich mich jeden Tag in die Schule und wieder heim.
Natürlich blieb meine Erschöpfung nicht verborgen und als ich während den Proben einschlief,
schien die Rolle für mich gestrichen.
Ich wurde gewaltsam von meinem Lehrer geweckt und aus der Produktion geworfen.
Es war wohl einer der schrecklichsten Augenblicke meines Lebens.
Als ich zuhause war erhielt ich einen Anruf von meinem Lehrer.
Er wüsste nun Bescheid, Filou hätte ihm alles erzählt.
Ich solle mich ausruhen, damit ich zur Premiere wieder fit bin und ich bräuchte mich nicht zu schämen,
das wäre sehr achtbar von mir gewesen.
Abends kam dann Filou vorbei, doch ich weiß bis heute nicht, was sie damals meinem Lehrer erzählt hat.
Sie meint nur immer, dass doch alles gut gegangen wäre, das sei das wichtigste.
An diesem Abend habe ich sie auch gefragt, warum sie das getan hat und ihre Antwort darauf schien wirklich simple:
"Nun ja, die Zweitbesetzung hat Pickel."
Doch dies war nie der wahre Grund.
Erst viel später erzählte sie mir, dass ich für sie damals eine neue Heimat bedeutet hatte.
Filou ist ein Mensch mit wohl 1000 Masken. Nie wäre jemand darauf gekommen,
dass dieses selbstbewusste, junge Mädchen sich in London nicht wohl fühlte,
viel lieber zurück in ihr ungarisches Dorf würde.
Ich bin einer der Einzigen, denen sie sich je geöffnet hatte.
Wenn auch immer nur für kurze Momente.
Es ist gerade 10 Uhr, ich habe also noch Zeit bis ich mich mit John treffen werde.
Gut, dass Filou kommt, sie wird mich hoffentlich auf andere Gedanken bringen.
Natürlich klingelt Filou nicht (wie normale Menschen…), nein, sie ruft.
Sie fand es von Anfang an komisch, dass Menschen ihre Haustür abschließen
und dass man von außen nicht einfach hinein gehen konnte.
England wäre viel zu vorsichtig, hat sie mir schon oft erklärt,
Ungarn wäre da ein viel offeneres und freundlicheres Land.
Ich weiß es nicht, ich war noch nie dort.
Aber wenn alle Menschen dort so sind wie Filou, hat sie Recht.
Ich mache ihr auf und sofort fällt sie mir um den Hals.
"Oh, Kleiner, wie geht es dir denn?"
Sie nennt mich immer Kleiner, ich weiß nicht warum.
Ich bin über einen Kopf größer als sie und 2 Jahre älter.
Auch eine Frage, die sie mir wohl nie beantworten wird.
"Hey Filou!", meine ich und drücke sie fest an mich.
"Wie soll's mir schon gehen!?"
Ihr Lächeln ist echt, als sie mich loslässt und ansieht.
"Jetzt mach dir mal keinen Kopf, das kriegen wir schon hin. Ich hab dir was mitgebracht."
Ich folge ihr in mein Wohnzimmer und sie zieht eine Schachtel Zigaretten aus ihrer Manteltasche.
"Woher wusstest du…?", frage ich erstaunt.
Ich hatte mir doch vorgenommen, nicht mehr zu rauchen.
Wie konnte sie wissen, dass ich meinen Vorsatz gebrochen hatte?
"Ich kenn dich jetzt schon ziemlich lange und wie ich sehe, hatte ich Recht."
Ihr Blick fällt auf die leere Schachtel, die immer noch auf dem Wohnzimmertisch liegt.
Ich muss lachen. Und wie Recht sie hat! Zigaretten konnte ich jetzt sehr gut gebrauchen.
"Vielen Dank."
Ich falle neben ihr auf die Couch.
"Kein Problem.", meint sie nur und beobachtet mich, während ich mir eine Zigarette anzünde.
Ich werde innerlich ruhiger. Mein Kopf wird wieder klarer und ich fange an mich zu entspannen.
Filou sitzt neben mir und sagt nichts.
Ungewöhnlich, sollte was passiert sein? Ich blicke sie an.
"Alles klar, Filou?"
"Ja, mir geht's gut. Ich mach mir nur Sorgen um dich und Leander."
Noch ein Zug an meiner Zigarette, bevor ich antworte.
"Irgendwann mussten sie es erfahren."
Sie weiß genau, wenn ich mit "sie" meine.
Die Presse, die Öffentlichkeit, meine Fans. Größtenteils weibliche Fans.
Sie nickt.
"Da hätte es aber andere Wege gegeben…"
"Machst du mir einen Vorwurf?"
Ich grinse, will sie damit aufziehen. Doch sie nimmt es ernst.
"Nein, Orlando, ich will dir keinen Vorwurf machen. Sorry, wenn sich das so angehört hat."
Erst jetzt fällt mir auf, wie fertig sie ist.
Ich bemerke nichts von ihrer lebensfrohen, positiven Art,
die einen immer ansteckt.
"Aber, Filou…", meine ich und ziehe sie in meine Arme.
"Du brauchst dir doch deswegen keinen Kopf machen. Das kriegen wir schon wieder hin."
"Orlando, ich habe gehört, wie sich 2 ältere Damen über den Bericht in der U-Bahn unterhalten haben…",
sagt sie und schafft es nicht, mich anzusehen.
"Was haben sie gesagt?"
Meine Neugier behält Überhand.
"Ich möchte das nicht wiederholen."
Sie schluchzt und ich bin wieder hilflos. Ich habe Filou selten weinen gesehen.
Als ich für zwei Jahre nach Neuseeland gegangen bin, hatte sie Tränen in den Augen.
Das ist schon lange her…
"War es so schlimm?"
Sie nickt und drückt sich fest an mich.
"Orlando, ich…ich kann das nicht verstehen…
wie können Leute einfach über euch urteilen, ohne euch zu kennen?
Ich will das nicht hören, ihr seid meine Freunde…ich kann das nicht hören."
Jetzt fühle ich mich richtig schlecht. Ich weiß nicht, was ich tun soll.
Einen kurzen Augenblick wünsche ich mir, dass sie weniger sensibel reagieren würde.
"Filou…es…"
"Orlando, die Zeitung ist gerade mal vor ein paar Stunden veröffentlicht worden und schon seid ihr Gesprächsthema Nummer 1.
Wie wird das dann erst aussehen, wenn das Fernsehen darüber berichtet?"
Sie hat Recht und ich weiß es. Ich werde wütend.
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