Kapitel I by Lina
Tick tack, tick tack…
Gedankenverloren betrachtete Jake die Uhr.
Er biss vorsichtig auf das Ende des blau lackierten Bleistiftes und wartete darauf,
dass der Gong der Schulglocke ertönte und er endlich hier raus konnte.
Tick tack, Sekunde für Sekunde schlich langsam an ihm vorbei, viel zu langsam.
Sie schien ihn provozieren zu wollen, schien absichtlich langsamer zu gehen.
Und da war es endlich, das langersehnte Läuten!
So schnell er konnte, packte Jake sein Philosophiebuch, den Block und die Stifte weg.
"Ihr bekommt heute keine Hausaufgaben auf, ihr werdet genug Zeit brauchen,
um euer Endprojekt vorzubereiten, viel Glück!"
Elendes Endprojekt! Genervt schüttete Jake den Kopf, schwang seinen Rucksack auf den Rücken
und wollte gerade zur Tür hinaus, als ihn Ms. Summer zurückhielt.
"Mr. Anderson?"
Augenrollend ging er einige Schritte zurück zu dem Lehrerpult.
Es war dunkelbraun und es lag kaum etwas darauf, außer einem weißen, blanken Blatt Papier
und einem ordentlich angespitzten Bleistift.
Widerwillig schaute er ihn in die Augen. Grüngrau, streng und ein wenig müde.
"Hören sie zu, Mr. Anderson, Sie wissen genau, was die Note des Endprojektes für Ihre Endnote bedeutet,
also gehen Sie nicht zu leichtfertig an die Sache!"
Jake nickte wortlos und verschwand dann so schnell er konnte.
Mike und Nick winkten; ohne weiter zu überlegen ging er auf sie zu.
"Hey Mann, was geht!"
Nick klopfte ihm freundschaftlich, aber dennoch hart auf den Rücken und zog ihn mit raus,
dicht gefolgt von Mike.
"Muss halt."
Kaum hatten sie das Schulgelände verlassen, hatten sie auch schon jeder eine Zigarette
im Mund und Feuerzeug in der Hand.
Sie gingen die Straße entlang und bogen dann wie jeden Tag
in eine schmale Seitenstraße in den Wald ein.
Dort warfen sie ihre Rucksäcke an das Seeufer und genossen die frische Waldluft.
"Was hat die Summer nachher noch mit dir besprochen?"
"Endprojekt!"
Mike verstand und sagte nichts weiter dazu, nur Nick, der elende Volltrottel,
schien wieder einmal nichts zu verstehen.
"Was soll denn damit sein?"
Nick war wirklich ein cooler Kerl, man konnte mit ihm ziemlich viel Spaß haben, doch in Momenten wie diesen,
ging er Jake ziemlich auf den Sack, er musste sich manchmal ziemlich beherrschen,
um ihm nicht einfach eine reinzuhauen.
"Wenn ich das nicht ordentlich auf die Reihe kriege, fliege ich von der Schule, du Vollidiot!"
Jake sog das letzte bisschen Tabak in seine Lunge und drückte die Zigarette
dann auf dem kühlen Waldboden aus.
"Sieh mal einer an, die Hexe vom Land!"
Mike nickte, grinsend an einen Baum gelehnt, mit dem Kopf zur gegenüberliegenden Uferseite rüber.
Dort saß Inessa. Sie war ziemlich oft dort, meistens las sie Bücher oder schrieb irgend etwas.
Sie war ein ziemlich… seltsames Mädchen, das Wort traf es wohl am Besten.
Er kannte sie schon ziemlich lange, länger als er Mike und Nick kannte.
Seit der dritten Klasse waren sie zusammen auf denselben Schulen gewesen,
er hatte aber nie großartig mit ihr geredet.
Sie war groß und schlank. Hatte langes schwarzes Haar, immer zu einem Zopf geflochten und grüne Augen.
Aber es war kein gewöhnliches grün, es war ein helles, ausdruckstarkes, fast schon einzigartiges smaragdgrün.
Nick und Mike hatten sie Hexe getauft, was nun wirklich bei ihrem Verhalten keine Beleidigung mehr war.
Sie war recht still, doch, wenn sie etwas sagte dann sprach sie immer in Rätseln,
sie duftete immer nach Kräutern
und ihr ganzes Verhalten war absolut seltsam.
Sie hatte keine Freunde und wirkte trotzdem immer glücklich.
Jake verschwendete keine weiteren Gedanken mehr an sie.
Er ließ sich ins Gras fallen und zündete eine weitere Zigarette an, während er die Wolken betrachtete,
wie sie langsam vorbeizogen.
"Mythen und Legenden, haben mystische Wesen einen wahren Kern? Ich sage euch, die Frau ist gestört,
wer auf so ein Thema kommt, kann nur verrückt sein.
Ich glaube, ich beantworte die Frage einfach nur mit einem klaren Nein und…"
"…fliegst von der Schule!"
Mike sah immer noch zu Inessa rüber, stieß sich dann vom Baum ab und drehte sich zu Jake.
Sein Blick war streng, aber doch zierten seine Augen eine Art Angst.
Jake richtete sich langsam auf und griff nach seiner Tasche.
"Ich bin dann weg."
Doch bevor er gehen konnte, griff Mike nach seinem Arm.
"Jake, mach keinen Scheiß!"
Jake blickte Mike noch einmal eine Weile in die Augen, zog seinen Arm dann weg und verschwand.
Seine Mutter war nicht da. Wie immer.
Sie war nie da, es kam Jake nahezu komisch vor, wenn er seiner Mutter über den Weg lief.
Ihm sollte es recht sein, so konnte er machen, was er wollte, denn sein Vater wohnte zu weit weg, um ihm irgendwas zu verbieten.
Er machte sich eine Pizza warm und warf sich erschöpft vor den Fernseher.
Gerade hatte er die Fernbedienung in die Hand genommen, als es an der Tür klopfte.
Genervt sprang er vom Sofa und ging zur Haustür.
Doch als er sah, wer da vor ihm stand, schien jemand ein Lächeln auf sein Gesicht zu malen.
"Hey Süße!"
Ein wunderschönes, dunkelblondes Mädchen stand vor ihm.
Die Haare offen über die Schultern, die Augen karamellbraun und zuckersüß lächelnd.
Vorsichtig zog er sie rein, schloss mit der einen Hand die Tür, ohne sie aus den Augen zu lassen
und strich ihr mit der anderen Hand vorsichtig durchs Haar.
"Wie geht's meinem Süßen heute?"
Sie legte ihre Arme vorsichtig um seinen Nacken und bekam als Antwort einen sanften Kuss.
Sie löste sich langsam und lächelte ein wenig geschmeichelt.
Jake konnte ihr stundenlang dabei zusehen, wie sie ihr Pfirsich-duftendes Haar zur Seite warf,
wie sich ein kleines Grübchen neben ihrem linken Auge bildete,
wenn sie lächelte, wie sich...
"Jake, hörst du mir zu?"
Er strich ihr ein wenig erschrocken, aber liebevoll übers Haar und zog sie mit sich auf die Couch.
"Aber sicher Süße, was hast du gesagt?"
"Also doch nicht!"
Sie tat empört, aber lächelte dann wieder,
während sie sich in seine Arme kuschelte und mit seinen Fingern spielte.
"Ich wollte wissen, was du heute Abend machst."
"Was du willst!", sie drehte sich zu ihm um, sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
"Was ich will? Ich will in irgend einen langweiligen Film, in die hinterste Reihe."
Sie lächelte verführerisch und beugte sich langsam nach vorne und küsste seine Nasenspitze,
dann küsste sie ihn vorsichtig auf die Lippen und sah ihn darauf wieder an.
Er liebte dieses erfüllte Lächeln, es war einfach nur wunderschön.
Er liebte es einfach, genauso wie er alles andere an ihr liebte.
Seit sieben Monaten waren sie nun zusammen und es gab keinen einzigen Tag, an dem er es bereut hatte.
Gut, seine Noten waren ziemlich den Bach runter gegangen, weil er jeder freie Sekunde nur mit ihr verbrachte,
doch das war es ihm wert; es war ihm wert von ihr in den Arm genommen zu werden,
wenn es ihm schlecht ging, es war ihm wert, dass er nicht mehr einsam war,
dass sie für ihn da war.
"Na ja, ich muss leider wieder los, ich wollte nur kurz Hallo sagen!"
Sie richtete sich langsam auf, ließ seine Hände aber nicht los.
"Ich komme einfach um Acht noch einmal vorbei, ist das okay?"
"Wieso musst du schon so früh gehen?"
Er wollte nicht, dass sie ging, er wollte sie noch etwas bei sich haben,
nur noch ein bisschen.
"Meine Oma hat heute Geburtstag, große Familienfeier, du weißt schon,
aber wenn ich brav den Tag über da bleibe, darf ich heute Abend weg."
Sie lächelte noch einmal und löste vorsichtig ihre Hände aus seinen.
Dann war sie auch schon, bevor Jake noch irgendwas machen konnte, zur Tür hinaus.
Er blieb noch eine Weile liegen und ließ die letzten paar Minuten an sich vorbeistreifen.
Dann stand er widerwillig auf, nahm Geldbeutel und Jacke und verschwand zur Tür hinaus.
Er würde sich auf die Suche machen und irgendetwas für dieses dämliche Endprojekt finden,
er würde eine gute Note bekommen,
koste es, was es wolle.
weiter
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