Kapitel I

Als Alessa die Augen aufschlug, war es tiefe Nacht.
Von weit entfernt hörte sie das Krächzen eines Raben, irgendwo im Wald knackte das Geäst.
Sie musste ihre Augen nicht erst an die Dunkelheit gewöhnen, ihre Augen sahen im Finsteren sogar noch besser.
Stöhnend setzte sie sich auf, ihr Kopf fühlte sich schwer an, sie war kaum in der Lage sich zu bewegen,
alles tat ihr weh.
Verwirrt dachte sie nach.
Normalerweise wurde sie nicht krank, spürte kaum Schmerzen...
Hastig schaute sie sich um.
Eigentlich konnte das nur eines bedeuten...

Ein kleines Mädchen lag zu Füßen eines Baumstammes,
Alessa musste nicht hingehen, um zu wissen, dass es tot war;
dass es nicht ein einzigen Tropfen im Körper hatte.
Sie brauchte nicht einmal zu überlegen, was passiert war.
Es war, wie so oft gewesen.
Sie war einfach zu schwach und hatte nachgegeben;
hatte das Wesen in sich entfesselt, dass seit je her versuchte sich ihrer zu bemächtigen.

Es war nicht so, dass es ihr um das Mädchen leid tat;
vielmehr bereute sie es nicht stark genug gewesen zu sein.
Sie selbst hatte in ihrem kurzen Leben schon so viel Leid erfahren, dass es sie herzlos gemacht hatte.
Töten oder getötet werden!
Wer sich nicht daran hielt, hatte nicht lange genug zu leben, um es zu bereuen.
Vielmehr störte es sie, dass es auf diese Weise geschehen musste.

Alessa schloß für einen Moment die Augen und konzentrierte sich.
Einen Augenblick später war sie wieder so lebendig, wie sie nur sein konnte...

Was sollte sie jetzt machen?
Die Leute im Dorf würden das Mädchen sicherlich schon vermissen und hatten ausgeschickt sie zu suchen.
Sie nahm an, dass sie selbst als Vogel hierher gekommen,
sonst hätte sie ihre spärlichen Sachen dabei gehabt.
Es wäre riskant zur Gaststätte zurückzugehen, aber es ging nicht anders.
Würde sie es nicht tun, würde sie das Einzige, was ihr noch geblieben war, verlieren. Den Talisman ihres Bruders...

Lautlos schlich sie durch die Bäume, horchte nach außergewöhnlichen Geräuschen; fand aber nichts, was ihre Aufmerksamkeit bedurft, geschweige denn verdient hätte und ging so unbeirrt ihres Weges.

Als sie aus dem Wald trat, ertönte hinter ihr ein leises Rascheln und wenige Sekunden später saß ein kohlrabenschwarzer Rabe auf ihrer Schulter.
Weitere, kurze Momente später huschte eine kleine Katze aus der Dunkelheit der Bäume hervor und gesellte sich neben Alessa.
Sie warf beiden einen kurzen Blick zu, wobei sie sich des Gefühles nicht erwehren konnte die Katze blickte sie leicht vorwurfsvoll an, und ging weiter in Richtung des kleines Dorfes,
aus dem sie schon bis hier Licht sehen und aufgeregtes Geschrei hören konnte.

Alessa zog es vor für Erste nicht gesehen zu werden und wenn sie es nicht wollte, dann wurde sie es nicht.
Geschickt nutzte sie jeden Schatten aus und kam auf diese Weise unbehelligt in die Gaststätte,
in der sie vor zwei Stunden noch gesessen hatte.
Ihre Augen blitzten entschlossen auf, bevor sie die schwere Tür aufstieß und eintrat.
Die wenigen Gäste, die anscheinend nicht bei der Suche halfen;
es sei denn sie suchten in ihren Biergläsern nach dem kleinen Mädchen; wandten sich zu ihr um.
Die Zeit schien stehen zu bleiben, alles stand still,
Alessa kam es so vor, als würden sich selbst die Rauchschwaden langsamer bewegen;
doch Zeit war genau das, was sie nicht hatte.
Paradox... Zeit war das, was sie genug und zugleich zu wenig hatte.
Sie durchbrach die Stille, indem sie einen weiteren Schritt machte und ihre Blicke nach dem Tisch suchten,
an dem sie zuvor gesessen hatte.
Ihr entging nicht das zu deutliche Misstrauen in den Augen der Männern.
Es war ungewöhnlich für eine Frau alleine wegzugehen, selbst in einem Dorf;
aber noch ungewöhnlicher für eine so junge Frau.
Alessa ignorierte die Blicke, sowie die Männer und wandte sich an den Wirt.
"Mein Herr, ich fürchte ich habe meine Habseligkeiten bei Ihnen vergessen",
sie nickte mit dem Kopf zu der kleinen Satteltasche, die auf einem der leeren Tische lag.
Der Wirt schien tief in Gedanken versunken gewesen,zumindest ließ er nun vor Schreck
das Glas in seinen Händen fallen.
Fluchend machte er sich sogleich daran die Scherben aufzusammeln.

"Einen Moment...", stammelte er verwirrt.
Sie nickte und sah sich um.
Die Männer hatten seit ihrer Anwesenheit noch kein Wort gesprochen, doch ihre Blicke waren nun noch unverhohlener.
Alessa kannte diese Blicke zur Genüge, Misstrauen gemischt mit einer abartigen Lust.
Sie wusste nicht, welches schlimmer war.
Das Verlangen sie besitzen zu wollen, hatte schon viele Männer das Leben gekostet und das Misstrauen war in den Zeiten der Inquisition viel schlimmer, denn es konnte ihr Leben kosten...

Doch plötzlich forderte etwas ganz anderes ihre Aufmerksamkeit.
Sie hoffte sich geirrt zu haben, doch der Geruch von Blut blieb in der Luft.
Sie spürte, wie sich die Bestie in ihr zu rühren begann, wie sie zu kämpfen begann,
wie sie um jeden Preis ihr Gefängnis in den Tiefen von Alessa's Seele zu verlassen versuchte,
doch noch war sie selbst stark genug dagegen anzukämpfen.

Der Wirt hockte noch immer vor ihr,
doch hatte er sich mit einer Scherbe versehentlich selbst verletzt
und ein einzelner Tropfen Blut rann seinen Finger entlang.
Ein einzelner, kleiner Tropfen und doch wurde die Bestie in ihr mit jeder Sekunde,
die sie die rote Flüssigkeit anstarrte; stärker, wilder...
Sie meinte eine leise, verführerische Stimme zu hören, die ihr einflüsterte,
sie solle sich gehen lassen,
sie könne es eh nicht verhindern, dass sie nunmal so sei,
dass sie nicht ewig dagegen ankämpfen könne und schlußendlich doch ganz zur Bestie werden würde.
Alessa wehrte sich nach Kräften, doch ihre übernatürlichen Kraftreserven und Fähigkeiten
bezog sich nun einmal von dem Wesen in sich.
Dennoch schien es für einen Moment, als könne sie siegen.
Sie mochte vielleicht kalt und gefühllos sein, aber so skrupellos wie diese Bestie
war sie noch lange nicht und sie wollte es auch nicht werden,
Rache und Antworten, das wollte sie, mehr nicht.

Doch dann wurde das Wesen langsam aber sicher stärker und übernahm die Oberhand,
war kurz davor sie selbst in das Gefängnis zu stecken, in dem es sonst festsaß.
Aber es kam nicht so weit...
Alessa bemerkte den fragenden und mindestens ebenso ängstlichen Blick des Wirtes, bis sie ahnte,
nein, spürte, dass sie kurz davor gewesen war zu verlieren, dass ihre Augen schon schwarz wie die Nacht, anstatt von einem sanften braun waren.
Abrupt drehte sie sich um und floh aus der Schenke.
Sie rannte und rannte, es kam nicht mehr darauf an, ob sie jemand sah,
es kam nur noch darauf an schnell von hier zu verschwinden, bevor der erste Inquisitor hier auftauchte und begann Fragen zu stellen.

Erst im Wald kam sie zum Stehen, sie war den ganzen Weg gerannt,
jeder andere wäre jetzt atemlos, würde keuchen und nach Luft schnappen, aber nicht sie... sie war nicht, wie jeder andere...

Traurig ließ sie sich an einem Baumstamm nieder.
Sie hatte die Kontrolle verloren und dafür den Preis bezahlen müssen, einen viel zu hohen,
sie hatte ihre Sachen mit dem Talisman ihres Bruders nicht zurückbekommen.
Eine einzelne Träne lief über ihr Gesicht, Alessa fing sie mit der Fingerkuppe auf und betrachtete sie.
Selbst diese Träne erinnerte sie an den Fluch, den sie zu tragen hatte.
Plötzlich landete der Rabe neben ihr, in seinem langen, gebogenen Schnabel die kleine Satteltasche.
Ihre Augen leuchteten auf, als sie die Tasche an sich nahm, öffnete und das kleine Amulett herausholte.
"Danke", flüsterte sie, der Rabe deutete ein Nicken an und stolzierte dann zu einem anderen Baumstamm,
vor dem auch die kleine Katze saß.

Alessa schloß kurz die Augen und daran, was sie jetzt tun sollte.
Sie musste weg, so schnell wie möglich.
Spätestens übermorgen würde der erste Inquisitor hier sein...
Ihr Blick fiel auf ihren Finger, auf dem noch ihre Träne glitzerte.

Sie war rot und bestand aus purem Blut...


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