Kapitel II

Den Rest der Nacht hatte Alessa damit verbracht über die weite Ebene zu flüchten.
Das Mädchen beziehungsweise die Leiche des Mädchens war nicht mehr im Wald gewesen und sobald die ersten Sonnenstrahlen das Land überdecken würden,
würden sich auch die ersten Dorfbewohner auf die Suche nach dem Schuldigen machen.
Wenn sie dieses Tempo beibehielt, würde sie in wenigen Tagen das nächste Dorf erreichen.
Sie musste sich unbedingt irgendwie ein Pferd besorgen.
Die langen Märsche zerrten zwar keineswegs an ihrer Kraft, doch waren sie aufreibend und vor allem verdächtig.
Eine Frau allein zu Fuß war aufsehenererregender als eine Frau zu Pferd.
Wie so häufig saß der Rabe auf ihrer Schulter; sie wusste nicht, ob es ihm gefiel oder ob er einfach nur faul war;
die kleine, schwarze Katze lief einige Schritte voraus.
Alessa wusste weder woher die beiden kamen, noch warum sie ihr auf Schritt und Tritt folgten,
sie waren einfach da..., seit...
Seit jenem Tag, der ihr Leben verändert hatte.
Der Tag, an dem sie gestorben war...

Es war ein warmer Tag im Frühling, alles war wie immer.
Sie lebte allein mit ihrem Bruder in einem kleinen Haus, dass zur Hälfte eine Übernachtungsmöglichkeit für Reisende darstellte.
Für zwei junge Menschen eine harte Arbeit, doch sie schafften es und sie hatten davon abgesehen auch gar keine andere Wahl, als es zu schaffen.
Zwar lebten sie in einem Dorf, in dem jeder jedem half, doch die Zeiten waren hart und die Leute konnten sich kaum selbst helfen.
Dennoch hatten sie Alarith und sie nach Kräften unterstützt, als ihre Eltern bei einem Brand in einer alten Mühle umgekommen waren.

Sie saß draußen auf einem kleinen Holzstumpf, als der Fremde, wie aus dem Nichts vor ihr auftauchte.
Sie konnte sich nicht helfen, aber er faszinierte sie vom ersten Augenblick an. Er hatte etwas düsteres an sich, dass sie in seinen Bann zog.
Der Fremde sprach nicht mehr, als nötig war, aber er tat es mit einer tiefer, wohlklingenden Stimme.
Er brauchte eine Unterkunft für die Nacht und sie war mehr, als nur bereit ihm diese zu gewähren.
Gerade, als sie ihm seinen Raum zeigte, tauchte Alarith, ihr Bruder, auf.
Ihm war anzusehen, dass der Fremde ihm, im Gegensatz zu ihr nicht geheuer war und er begegnete ihm mit einem ausgesprochenen Misstrauen.
Der Fremde störte sich nicht daran, im Gegenteil... es schien ihn sogar zu amüsieren.
Der restliche Tag verlief wie immer, wenn Gäste anwesend waren.
Ihr Bruder ging Holz hacken, sie selbst bereitete das Essen vor, doch der eigentliche Abend verlief alles andere, als geplant.

Selbst sie spürte während des Essens die bedrohliche Atmosphäre, meinte sie nahezu berühren zu können,
aber nie hätte sie geahnt, was kurz darauf passieren würde...

Wieder saß sie auf dem Holzstumpf, ihr Bruder neben ihr.
Beide schauten hinauf in den Himmel, keiner sagte auch nur ein Wort,
doch die Stille war weder unangenehm, noch auf irgend eine Art und Weise gezwungen.
Vielmehr war es mittlerweile eine Art Ritual zwischen beiden geworden.
Der Fremde , dessen Namen sie nicht einmal wusste, war bereits zu Bett gegangen, zumindest dachte sie das;
doch plötzlich trat der Unbekannte aus den Schatten vor ihnen.
Sie hatte das Gefühl, als würde er eine Verschmelzung mit den Schatten lösen,
diese Dunkelheit, diese Schwärze um ihn schien so richtig...

Bevor sie oder ihr Bruder etwas sagen konnten, stand er schon direkt vor ihnen.
Wie in Zeitlupe griff der Fremde nach dem Hals ihres Bruders,
hob ihn daran hoch und schleuderte ihn, als wäre er nicht schwerer als ein kleiner Stein, gegen den nächsten Baum.
Mit, vor Schreck, geweiteten Augen sah sie, wie Alarith auf dem Boden aufschlug und liegenblieb,
wie sich um ihn herum eine Blutlache bildete...
Und in dem Moment, in dem die ersten Tropfen Blut den Körper ihres Bruder verließen, schien eine Wandlung mit dem Unbekannten vorzugehen.
Schien er vorher schon düster, so schien er nun die Personifizierung des Bösen, des abgrundtief Bösen zu sein...

Sie schrie leise auf und sprang auf, um zu ihrem Bruder zu laufen,
doch bevor sie bei ihm ankam, auch nur in seine Nähe gelangte,
hatte der Fremde sie schon in seinem Griff gefangen.
Ihr Atem ging stoßweise, ihre Schultern hoben sich in raschen Abständen und ihre Augen waren schwarz vor Angst.
Wie in Trance spürte sie, wie er irgend etwas in ihr Ohr hauchte, verstand aber seine Worte nicht.
Wohl aber fühlte sie, wie sein Finger nahezu sanft ihren Hals entlang fuhr.
Ein eisiger Schauer durchfuhr sie und obgleich sie sich allein des Gedankens schämte, erregte es sie.
Doch davon war nichts mehr zu spüren, als sie nur wenige Augenblicke später ein stechender Schmerz durchfuhr.
Gepeinigt schrie sie auf und versuchte sich zu befreien, doch der Griff lockerte sich nicht.
Tränen rannen über ihr Gesicht, verminderten aber weder ihre Angst noch den Schmerz.
Nur, um sich abzulenken, brachte sie flüsternd heraus:
"Wer bist du?"
Seine Antwort war bis heute ihr einziger Anhaltspunkt,
denn er hielt tatsächlich für einen Moment inne, antwortete höhnisch:
"Ich bin der Vampyr!" und quälte sie dann weiter.
Einen Arm hatte er um ihren Körper gelegt,
mit der freien Hand hielt er ihren Hals fest und so merkwürdig es ihr in diesem Moment auch erschien...
Er hatte in ihren Hals gebissen!
Seine Zähne schienen unglaublich spitz und scharf,
sie gruben sich durch ihre Haut, als wäre sie nicht mehr als Wasser, auf der Suche nach ihrer Halsschlagader.
Sie wurde von Augenblick zu Augenblick schwächer und wünschte sich nichts sehnlicher,
als endlich die Augen schließen zu dürfen und zu schlafen, tief und fest, für immer...
Ein undurchsichtiger Schleier legte sich über ihre Augen.
Wie in Trance nahm sie wahr, dass der Fremde sie zu Boden hatte fallen lassen. Etwas Flüssiges legte sich auf ihre Lippen...
dann schlossen sich ihre Augen endlich und sie verlor das Bewusstsein.

Als sie wieder zu sich kam, stieg ihr der stechende Geruch von Verbranntem in die Nase.
Mit einem Schlag kamen alle Erinnerungen zurück und sie tastete hastig ihren Hals ab, doch da war nichts...
Der pelzige Geschmack von Eisen lag auf ihrer Zunge, doch sie wies dem keine Bedeutung zu,
statt dessen blickte sie sich hastig nach Alarith und dem Fremden um.
Ihr Blick fiel auf den Baum, die Blutlache war getrocknet, doch ihr Bruder war nicht zu sehen.
Das Haus war nicht mehr, als ein großer Haufen Asche,
der vom Wind in alle Richtungen fortgetragen wurde und dann sah sie etwas, was ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ...

Der Anhänger, den Alarith fortwährend um den Hals getragen hatte, lag inmitten der übrigen Asche...
Freiwillig hätte er ihn nie zurückgelassen oder gar weggegeben.
Er war tot, war verbrannt worden...von dem Fremden!
Anders konnte sie es sich nicht erklären.
Alarith... der Name bedeutete "über alles mächtig"...
Über die Flammen hatte er nicht genug Macht gehabt...
Schmerzlich wurde ihr bewusst, dass der Wind soeben ihr gesamtes Leben forttrug...


Alessa schreckte aus ihren Erinnerungen hoch.
Sie dachte nicht gerne zurück, aber es erinnerte sie daran, warum sie nun schon seit einigen Wochen durch die Gegend zog.
Seit jenem Tag war sie anders.
Ihre Sinne hatten sich ebenso, wie ihre Kraft um ein vielfaches verstärkt,
Wunden schlossen sich innerhalb von Sekunden, aber da war auch etwas in ihr.
Ein Wesen, dass nach Blut und Macht gierte, dass sie zu verschlingen versuchte,
ein Wesen, dass sie bekämpfte, dass darum kämpfte die Kontrolle zu übernehmen,
die Kontrolle über sie...

Sie wollte Antworten...
Sie würde den Mann finden und Antworten von ihm verlangen, aber ebenso sann sie auf Rache...
Denn als sie die übrigen Dorfbewohner zur Hilfe hatte holen wollen, hatte kein einziger von ihnen noch gelebt...
Ihr Bruder und das gesamte Dorf waren tot, ermordet von dem Unbekannten,
nur sie hatte überlebt, hatte aber einen hohen, zu hohen Preis dafür zahlen müssen.
Sie würde ihre Rache und ihre Antworten bekommen!
Auch wenn sie nur einen einzigen Hinweis hatte...
Vampyr!


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