Kapitel III
Alessa saß am Rande eines kleinen Teiches, an dem sie sich vorhin noch,
unter den Blicken der Katze und des Raben, gewaschen hatte.
Gedankenverloren blickte sie auf die Oberfläche des Wassers,
die sich bei der kleinsten Bewegung zu Kräuseln begann.
Fasziniert betrachtet sie, wie die Umgebung auf dem Wasser gespiegelt wurde und
als sie sich über den kleinen Teich beugte,spiegelte er auch ihr Gesicht wieder.
Doch die Frau, die ihr da entgegenblickte, war nicht sie,
konnte gar nicht sie sein.
Die Frau, die sich ihr zeigte, war hübsch, hatte sanfte Gesichtszüge,
braune Augen, wenn auch kein Gefühl in ihnen war.
Doch sie war es nicht.
Sie selbst war ein Ungeheuer, eine tickende Zeitbombe.
Sie beherbergte, wenn auch unfreiwillig, ein Monster;
ein Monster, dass niemals schlief,
dass niemals satt wurde,
dessen Durst niemals gestillt wurde;
ein Monster, dass immer auf der Suche nach neuer Beute war.
So ungern sie es auch zugab... über kurz oder lang würde sie zu diesem Wesen werden,
über kurz oder lang würde sie den Kampf verlieren.
Sie wusste, dass sie das Wesen in sich schon viel zu oft entfesselt hatte,
dass es mit jedem Mal stärker und sie mit jedem Mal schwächer geworden war.
Jedes weitere Mal wäre ein Risiko...
Sie schreckte auf, als sich der Rabe mit raschelnden Flügeln neben ihr niederließ.
In seinem Schnabel hatte er einen Ast, an denen Beeren hingen.
Er ließ den Ast vor Alessa fallen und entfernte sich, um etwas Wasser zu trinken.
Alessa nahm den Ast und wiegte ihn in den Händen, zupfte schließlich eine einzelne Beere ab
und schaute sie genau an.
Sie fragte sich immer wieder, wieso sie eigentlich aß.
Vielleicht um kein Aufsehen zu erregen?
Um nicht aufzufallen?
Um sich zu verhalten, wie alle anderen auch?
Sie wusste es nicht, sie wusste nur, dass sie nicht essen musste,
dass sie nicht auf Nahrungsmittel angewiesen war;
wenn ihr diese Tatsache auch ein Mysterium war.
Schließlich erhob sie sich,
die Dämmerung hatte schon eingesetzt und sie wollte noch vor Anbruch
der Nacht das Dorf erreichen.
Drei Tage waren vergangen, seit sie das letzte Mal die Kontrolle verloren hatte
und ein Mädchen dabei ihr Leben hatte lassen müssen.
Tag und Nacht war sie durchgewandert, hatte nur selten gerastet, war Reisenden und Händlern
aus dem Weg gegangen, um nicht gesehen zu werden.
Aber diese Nacht würde sie endlich ankommen, in einem Bett, statt auf dem Boden schlafen.
Alessa musste weder nach den Tieren rufen, noch pfeifen.
Wie von Zauberhand standen sie plötzlich vor ihr, als hätten gespürt, dass sie aufbrechen wollte.
Sie hatte es schon längst aufgegeben sich über die beiden zu wundern.
Es war eine Tatsache, dass die Tiere immer wussten, wann sie aufbrechen wollte,
wann sie rasten wollte, wann sie alleine sein wollte, wann sie die beiden um sich haben wollte.
Nur eines fragte sie sich immer wieder.
War es Zufall, dass die beiden sie seit dem Tag begleiteten, an dem sie gestorben war?
Genau genommen wusste sie noch nicht einmal, ob sie wirklich gestorben war.
Der Fremde hatte ihr in den Hals gebissen, dann war sie Ohnmacht gefallen
und als sie wieder zu sich gekommen war,
waren die Wunden am Hals verschwunden gewesen.
Jeder andere würde sagen sie hätte Glück gehabt, es sein ein Wunder Gottes oder ähnliches.
Sie konnte sich nicht helfen, aber sie hatte einfach das Gefühl, dass sie gestorben war.
Gestorben war, um wieder zu leben,
wieder zu leben, um zu leiden, um mit einer Ausgeburt der Hölle in sich herumzulaufen,
um sich niemandem anvertrauen zu können,
um allein zu bleiben, um den Rachedurst zu befriedigen,
den Fremden finden und ihn zur Rede stellen.
Wenn es wirklich einen Gott gab, vielleicht hatte er gespürt,
dass die Liebe zu ihrem Bruder über den Tod hinaus ging,
aber wieso hatte er sie dann nicht zu ihm gelassen?
Hatte er gespürt, dass sie Alarith um alles auf der Welt hatte rächen wollen?
Alessa nickte ihren Begleitern zu,
es war fast wie ein Ritual.
Kurz vor einem Dorf nickte sie beiden zu,
die beiden verschwanden daraufhin in den Schatten der Nacht
und wenn sie ein Zimmer gefunden hatte und es betrat, waren beide schon da...
Auch jetzt waren sie in der Nacht verschwunden,
nicht einmal Alessa's scharfe Augen
vermochten die beiden zu erkennen.
Sie näherte sich langsam dem Dorf.
Als sie vor dessen bescheidenen Pforten stand, horchte sie, wie jedes Mal,
mit ihren übersinnlichen Kräften, ob etwas Unnatürliches dort war.
Sie glaubte nicht an Dämonen, Hexen oder ähnlichem, aber vielleicht gab es noch andere, wie sie,
die mit diesem Fluch leben mussten und sie war sicher sie erkennen zu können.
Bisher hatte sie noch keinen gefunden, aber das hieß nichts.
Sie war erst wenige Wochen unterwegs und hatte noch eine Ewigkeit vor sich.
Auch dieses Mal konnte sie keinen der Ihren ausmachen und wollte sich schon abwenden, als sie spürte,
wie eine dunkle Kraft zu explodieren schien.
Überrascht horchte sie weiter in sich hinein,
ob sie den Ursprung der Kraft feststellen konnte, aber da war der Ausbruch schon wieder verschwunden.
Es war keiner ihrer Art gewesen, aber die Kraft war mindestens genauso schwarz und gefährlich gewesen;
mit dem Unterschied, dass sie sofort wieder verschwunden war.
Schnellen Schrittes betrat sie das Dorf,
erst jetzt bemerkte sie, dass es in heller Aufruhr war.
Alle liefen in Richtung Mitte des Dorfes und sie schloß sich ihnen an.
Dieses Mal kam es nicht darauf an sich zu verstecken,
dieses Mal kam es darauf die Kraft zu finden.
Vielleicht hatte diese ja einen Hinweis für sie...
Wer auch immer sich hinter dieser Kraft versteckte...
Endlich in der Mitte des Dorfes angekommen, musste sie sich durch eine kleine Menge drängen,
um sehen zu können, warum alle hilflos durch die Gegend schrien.
Als sie es schließlich geschafft hatte, hielt sie erschrocken inne.
weiter