Kapitel IV

Die Menschen bildeten einen Kreis, um eine junge Frau, ungefähr in ihrem Alter.
Sie lag merkwürdig verschränkt auf dem Boden, die Arme und Beine in unnatürlichem Winkel von sich gestreckt.
Auf den ersten Blick musste wohl jeder denken, dass sie nur schliefe,
sanft und friedlich...
Doch Alessa wusste es besser.
Sie spürte, dass aus dem Körper am Boden auch der letzte Funken Leben gewichen war.
Sie fragte sich, ob es ein Unfall oder ob gar Schlimmeres passiert war.
Der Gesichtsausdruck der Dorfbewohner zeigte ihr deutlich, dass es letzteres war.
Aber welcher Mensch war dazu fähig?
Und was konnte eine solch junge Frau getan haben, dass jemand der Meinung war sie habe einen solchen Tod verdient?
Konnte es nicht doch ein Unfall gewesen sein?

Alessa schaute sich um, doch weit und breit war kein Gebäude in Sicht, dass hoch genug gewesen wäre,
als dass ein solcher Tod möglich war.
Allein die Kirche, links von ihr, hatte eine, dazu ausreichende Höhe,
doch war sie zu weit entfernt.
Wie war so etwas dann möglich?

Als sie in das Gesicht der Dorfbewohner blickte, verfinsterte sich ihr eigener Ausdruck.
Sie sahen erleichtert aus...
Dieses Dorf hatte ein Geheimnis, dessen war sie sich sicher.
Blieb nur die Frage, ob sie es auch wissen wollte.
Denn die einzige Möglichkeit, die eine solche Tat ihrer Meinung nach erlaubte,
war nicht, konnte einfach nicht irdischer Herkunft sein...
Aber vielleicht würde sie dann endlich einen Hinweis bekommen, einen Hinweis,
der ihr bei ihrer eigenen Suche helfen würde.

Alessa war dermaßen in ihre Gedanken vertieft, dass sie erst jetzt merkte, dass alle Dorfbewohner sie ansahen. Anstarrten.
Wie eine Aussätzige.
Dieses Gefühl, als eine Aussätzige zu gelten, kannte sie zwar schon zur genüge,
aber es ärgerte sie dennoch jedes Mal und ließ ihre Gedanken von dem Biest in ihr lenken, dass ihren Geist vergiftete.
Vor allem Zigeuner schienen zu spüren, dass sie anders war,
dass sie tot war oder zumindest tot sein müsste.
Zwar wusste keiner von ihnen, was sie war, was sie in sich trug,
doch schienen sie alle eine Abneigung gegen sie zu haben, die sie selbst nicht erklären konnten.

Mit festem Blick erwiderte sie die der Dorfbewohner.
Die Spannung schien körperliche Gestalt annehmen zu wollen und tat es doch nicht.
Alessa konnte nicht sagen, wie lange die Prozedur dauerte.
Die Zeit schien still zu stehen, der ganze Moment schien nur aus Blicken zu bestehen.
Sie versuchte mit ihren Sinnen über die Blicke hinweg zu gehen, die Bewohner abzutasten,
auf der Suche nach etwas Ungewöhnlichem.
Noch immer glaubte sie nicht an Übersinnliches, auch wenn es dem widersprach, was sie war.
Wie erwartet fand sie nichts, nur die Lebenskraft der Bewohner,
doch etwas stimmte nicht.

Während sie noch immer die Blicke erwiderte, überflog sie die Anzahl der Menschen.
Es war nur ein kleines Dorf, 27 Menschen zählte sie.
Zwei zuviel...
Denn sie konnte nur die Kraft von 25 Bewohnern spüren.
Das konnte nicht sein, es war unmöglich!
Nicht einmal sie war in der Lage ihre Kraft zu unterdrücken, was auch der Grund dafür war,
dass alle Tiere vor ihr Reißaus nahmen oder zumindest unruhig wurden, sobald diese sie spürten.
Alle, außer dem Raben und der Katze.

Und plötzlich war das Starren vorbei.
Eine ältere Frau warf ihr noch einen alarmierten Blick zu, bevor sie zwei kleine Kinder
am Nacken griff und sie vor sich her wegschubste.
Alessa wunderte sich, dass sie so grob mit den Kindern umging,
doch dann waren sie auch schon hinter einer Ecke verschwunden.
Es waren Zwillinge gewesen, zwei kleine Jungen, vielleicht gerade mal 11 Jahre alt.

Wie sie selber hatten auch die übrigen Dorfbewohner den Dreien hinterhergeschaut,
doch lag in ihrem Blick Feindschaft, Hass und Misstrauen...
Abermals konnte sie sich nur wundern.
Die Verbindungen innerhalb des Dorfes gingen sie nichts an
und interessierten sie noch weniger,
aber merkwürdig war es schon...

Dieses Dorf hatte eindeutig ein Geheimnis und vielleicht hing es mit der Frau und den Kindern zusammen,
die jeweils das Spiegelbild des anderen zu sein schienen.
Langsam wurde sie müde, sie musste immer größere Kraft aufwenden,
um das Biest im Zaum zu halten, sie hatte keine Lust dem Geheimnis auf den Grund zu gehen,
aber nur so hatte sie die Chance Hinweise zu bekommen,
um dann endlich ihre lang ersehnte Rache ausüben zu können.


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