Kapitel V

Die Sonne hatte die Nacht vertrieben, die Dunkelheit wich dem Licht, die Stille floh...
Alles ging, wurde durch etwas anderes ersetzt, doch sie blieb.
Sie, die sie so ungefährlich, so unschuldig schien; sie, die sie doch den Tod brachte.
Den Tod, nie gekannte Qualen...
Sie, die sie den Tod brachte und ihn sich selber so sehr wünschte, auf dass endlich alles vorbei wäre,
sie die Erlösung fand...

Diese Gedanken gingen Alessa durch den Kopf, während sie beobachtete,
wie sich die Ansammlung der Dorfbewohner langsam auflöste,
allerdings nicht ohne misstrauische Blicke, die ihr immer wieder zugeworfen wurden.

Fremde wurden nicht gerne gesehen, das wusste sie.
Sie wusste auch, dass es ein Risiko war in ein unbekanntes Dorf zu gehen,
denn man konnte nie wissen, ob sie einen willkommen hießen oder verjagten;
aber noch besser wusste sie, dass es ein Risiko für beide Seiten war, wenn sie auftauchte.
Im schlimmsten Fall würde sie, von der Bestie gelenkt, alle Bewohner umbringen,
aber somit auch ein weiteres, erheblich großes Maß an Selbstkontrolle verlieren
und damit dem Ungeheuer den Weg ebnen...

Alessa blickte auf, als sie spürte, das jemand vor ihr stand.
Sie schaute geradewegs in ein alterndes Gesicht, dass sie aus freundlichen Augen musterte.
Anhand der Kleidung des Mannes erkannte sie, dass es ein Geistlicher sein musste.
Erst jetzt bemerkte sie, dass der erste Eindruck getäuscht hatte.
Den Mann konnte man nicht als alternd bezeichnen; er war ein Greis.
Er stand mit krummen Rücken vor ihr, trug eine zerschlissene Mönchskutte und ein hölzernes Kreuz um den Hals.
Kaum sichtbar verkrampfte sie sich.
Wenn jemand herausfand, was sie war, war sie des Todes durch die Inquisition sicher.
Aber wieso eigentlich nicht?
War es nicht das, was sie wollte? Den Tod?
Ja, beantwortete sie sich selber die Frage, aber erst nachdem ich meine Rache bekommen habe.
Solange würde sie für ihr Leben kämpfen, wenn es sein musste. So lange, aber keine Sekunde länger.

"Seid willkommen mein Kind", eröffnete der Geistliche das Gespräch.
"Ich bin Vater Nestor und wer seid Ihr?"
"Alessa"
"Gut Alessa, was wollt Ihr hier?"
"Ich bin auf der Durchreise und benötige ein Nachtlager, sowie ein Pferd."
"Ein Pferd ist nicht billig."
"Ich werde dafür arbeiten."

Vater Nestor zog erstaunt eine Augenbraue hoch.
"Aber so ein junges Ding, wie Ihr es seid..."
"Darüber macht Euch mal keine Sorgen, Vater."
"Ihr seid doch keine Diebin?!"

Fast hätte sie laut aufgelacht. Ja, sie war eine Diebin, ganz recht.
Aber was sie stahl, das konnte der Vater sich nicht einmal in seinen kühnsten Träumen vorstellen,
dafür hatte nicht einmal sein Gott eine Erklärung. Wie hätte er auch?
Niemand konnte sich vorstellen, dass sie Blut stahl...

"Nein Vater. Ich bin keine Diebin.
Ich bin nur eine Reisende, die gerne schneller vorankommen möchte und daher ein Pferd braucht."

Der Geistliche nickte zustimmend, doch Alessa wurde das Gefühl nicht los, dass er ihr nicht ganz glaubte,
dass er nicht so alt war, wie er vorgab oder aber, dass er für sein Alter noch sehr viel aufmerksamer war,
als es den Anschein hatte.
"Dann folge mir mein Kind."

Sie kam der Aufforderung nach.
Vater Nestor führte sie durch das Dorf, bis sie vor einem Haus Halt machten.
"Hier werdet Ihr ein Nachtlager finden", erklärte er ihr gerade,
als aus dem Nebenhaus lautes Geschrei hörbar wurde.
Wieder griff sie mit ihren Sinnen hinüber und spürte, dass es die Frau war,
die vorhin noch von den Blicken der anderen gestraft worden war.
Der Geistliche schien von alledem nicht mitbekommen zu haben,
denn er war im Begriff an die Tür zu klopfen.
Sie hielt ihn davon ab, indem sie ihm eine Hand auf den Arm legte.
Ihr war klar, dass dies als unhöflich galt, aber wenn sie Rache üben wollte,
musste sie wissen, worin das Geheimnis des Dorfes bestand.

"Sagt Vater. Was ist der Frau zugestoßen?"
"Welcher Frau?"
Er schien ehrlich überrascht; fast, als hätte er den Vorfall schon wieder aus dem Gedächtnis gestrichen.
Vielleicht hatte sie sich doch geirrt und er war nicht mehr, als ein alter Mann.
"Die Frau... in der Mitte des Dorfes, die..."

Sie wollte das Wort "Tote" nicht aussprechen, es klang so endgültig.
Nicht, dass sie den Tod fürchtete.
Im Gegenteil, sie selbst wünschte sich ihn herbei, würde ihn mit offenen Armen begrüßen,
wenn sie ihre Rache hatte.
Aber selbst dann war sie verdammt, verdammt bis in die Ewigkeit.
Sie wusste zwar nicht genau, was sie war, aber wie sollte sie denn sterben,
wenn sich ihre Wunden so schnell schlossen;
wenn sie so stark und mächtig war, dass sie selten überhaupt Verletzungen zugefügt bekam?
Sie würde in der Ewigkeit umherwandeln müssen;
würde mit ansehen müssen, wie sich alles ihr Bekannte verändern würde;
würde allein durch Tag und Nacht gehen müssen,
würde sich irgendwann selbst von der Katze und dem Raben verabschieden müssen,
bis sie endlich das Wissen erlangen würde,
wie auch sie den ewigen Schlaf finden konnte.
Vielleicht würde es nur einen Mond lang dauern, vielleicht 12 Monde,
vielleicht würde sie aber auch ewig suchen...

"Ach, das Mädchen. Ein tragischer Unfall, in der Tat. Lucrecia hieß sie, das arme Kind.
War schon immer etwas merkwürdig, aber jetzt hat Gott sie ja zu sich genommen."
Alessa spürte, dass sie nicht mehr aus dem Greis herausbekommen würde und fragte nicht weiter nach,
statt dessen nahmen die immer lauter werdenden Stimmen ihre ganze Konzentration ein.

Die Stimme der Frau wurde zunehmend lauter, die der Stimme blieb monoton tonlos.
Trotz ihrer scharfen Sinne verstand sie nicht, was gesprochen wurde. Langsam wurde es interessant.
Sie ging zu dem Haus, bis sie vor der Tür stand, aus den Augenwinkeln sah sie, dass der Geistliche ihr folgte.
Sie stand direkt vor der Tür und dennoch konnte sie den Sinn der Worte nicht entziffern,
obwohl es eindeutig die Sprache war, die auch sie sprach.
Der Geistliche warf ihr nervöse Blicke zu, als wüsste er, dass sie sich von ihm nicht hatte täuschen lassen,
als hätte er Angst sie würde die Worte aus dem Inneren des Hauses verstehen.

Und plötzlich schienen die Stimmen zu explodieren. Die Atmosphäre wurde erdrückend bedrohlich;
die ungeheure Kraft, die sie vorhin schon gespürt hatte, war wieder da.
Die Stimmen hatten sich verändert.
Die der Frau ängstlich, die der Kinder dunkel, kräftig, voller Macht...
Alessa fragte sich, ob es überhaupt die Kinder waren, sie hörten sich so anders an...
In dem Moment, in dem die fremde Kraft auftauchte,
rüttelte die Bestie in ihr mit nie dagewesener Sturheit an seinem Gefängnis.
Sie hatte alle Mühe sich vor dem Geistlichen nichts anmerken zu lassen,
doch der schien sie gar nicht mehr zu bemerken,
sie wurde schwächer und schwächer. Schwächer und schwächer...
Sie sah, wie die Lippen des Vaters Worte formten, hörte sie aber nicht.
Alles, um sie herum verlor seine Farben, verlor seine Konturen und dann...
gab sie auf und ließ sich fallen.

Es war anders als sonst.
Sie war noch sie selbst, aber jetzt war sie in das Gefängnis gesperrt.
Sie sah durch ihre Augen,
roch durch ihre Nase, hörte mit ihren Ohren,
war in ihrem Körper, aber sie hatte keine Kontrolle über ihn.
Als wäre sie nur ein Gast...

Sie spürte die Aufregung der Bestie, die nun die Tür öffnete.
Blitzschnell, als wollte das Ungeheuer nichts anderes, als zu der anderen Kraft gelangen.
Alessa konnte selbst mit ihren geschärften Augen nicht sehen, wie schnell. Zu schnell.

Doch als sie dann in dem Raum stand, waren da nur die Frau, die erstaunt blickte;
die Kinder, die sie neugierig und doch so feindselig anschauten.
Die Kraft, die machtvollen Stimmen... verschwunden, als hätte es sie nie gegeben.

Die Bestie zog sich zurück und gab ihr die Kontrolle über ihren Körper zurück.


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