Kapitel VI
Verwirrt stolperte sie weiter in den Raum hinein.
Was zum Teufel war hier nur gerade geschehen?
Wo war diese geheimnisvolle Kraft, wo waren die Stimmen, die sie gehört hatte?
Wieso war das Monster in ihr auf einmal um so vieles stärker gewesen und
warum wollte es unbedingt zu der anderen Kraft?
Sie konnte die Blicke förmlich spüren, die auf ihr lagen und als sie aufblickte,
traf sie Neugierde, Verwirrtheit und Unverständnis.
"Ich... es... ich meine... es tut mir leid.", stotterte Alessa hilflos.
"Was ist nur in Euch gefahren?", fragte die Frau sie feindselig,
aber Alessa war sicher einen Hauch Unsicherheit und Angst aus ihrer Stimme heraushören zu können.
"Ich weiß es nicht, ich bitte untertänigst um Verzeihung.
Ich dachte, ich hätte etwas zerbrechen gehört und wollte nur helfen.", log sie.
Erstaunt stellte sie fest, dass die Frau, die Kinder und selbst der Pater sich mit dieser Erklärung zufrieden gaben.
Aber was hätten sie auch sonst tun sollen?
Woher sollten sie denn auch wissen, was wirklich mit ihr los gewesen war?
Sie wusste es ja nicht einmal selbst.
"Nun denn, kommt mein Kind. Vergessen wir den Vorfall einfach.
Ich werde Euch nun zu Eurer Unterkunft begleiten und ab morgen werdet ihr arbeiten. Ist Euch das Recht?"
Alessa vermochte lediglich zu nicken.
Wie ein begossener Pudel folgte sie dem Pater, der schnellen Schrittes aus dem Haus eilte
und sein Tempo erst verlangsamte,
als er vor der Tür des Nachbarhauses stand.
Dann erst drehte er sich zu ihr um.
"Ihr werdet bei dem jungen Herr Cain wohnen.
Er ist vor kurzem erst zu uns gestoßen
und wird sicherlich gerne bereit sein Euch für einige Zeit aufzunehmen."
Alessa war kaum in der Lage die Worte des Paters aufzunehmen, viel zu sehr hing sie ihren Gedanken nach.
Das eben Geschehene hatte sie aus der Bahn geworfen.
Zwar hatte sie schon eine Menge erlebt;
eine Menge,
die viele Menschen in ihrem gesamten Leben nicht erleben würde, aber dennoch...
Noch nie zuvor war etwas derartiges passiert.
Natürlich hatte es Zeiten gegeben, in denen das Biest kräftiger geworden war, als vorher,
aber immer wieder hatte sie die Kontrolle zurückbekommen.
Dieses Mal jedoch war es anders gewesen.
Nicht sie hatte die Kontrolle wiedererlangt, das Biest hatte sie ihr wiedergegeben.
Es hatte nicht an ihr gelegen,
sie war schwach gewesen, schwächer als sonst, zu schwach.
Wer wusste denn schon aus welchen Gründen sie die Macht über sich selbst wiedererlangt hatte...
Aber aus welchen Gründen auch immer...
hätte sich das Biest nicht genau dazu entschlossen... wäre sie verloren gewesen...
Verloren für immer...
Nicht nur, dass sie nie wieder mehr sie selbst gewesen wäre;
nein,
sie hätte auch ihren Bruder nicht rächen können.
Was sollte sie jetzt tun?
Was würde passieren, wenn diese fremde Kraft wieder auftauchen würde;
was würde passieren, wenn sie wieder die Kontrolle verlor?
Was dann?
Sollte ihre Rache enden, bevor sie überhaupt begonnen hatte?
"Junge Frau?"
Alessa schreckte aus ihren Gedanken hoch.
Sie hatte alles um sich herum vergessen und war dementsprechend erstaunt,
als auf einmal nicht nur der Pater vor ihr stand, sondern auch ein junger Mann, etwa in ihrem Alter.
Fast blieb ihr der Atem weg, so schön war er.
Nicht einfach nur gutaussehend, schön...wirklich schön!
Er stand direkt vor ihr, nur wenige Zentimeter von ihr entfernt.
Seine Augen schienen sie durchdringen zu wollen,
schienen sie abzutasten, als suchten sie etwas, was aber nicht auffindbar schien.
Alessa konnte sich kaum rühren,
zu sehr hatte der junge Herr sie in den Bann gezogen.
Kurze, schwarze Haare; schwarz wie ihre Seele, umrahmten sein schmales, sehr markantes Gesicht.
Blaß war er, schien fast weiß zu sein,
doch bildete es einen interessanten Kontrast zu seinen Haaren.
Er war schlank und doch zeichneten sich einige Muskeln leicht unter seinem Hemd ab.
Überhaupt schien er guten Standes zu sein;
er war gepflegt, trug eine saubere Hose und ein sauberes Hemd, die Schuhe aus glänzendem Leder...
Vielleicht ein Adliger, aber wenn dies stimmte...
Was wollte denn ein Adliger in einem solch einfachen Dorf?
Dazu noch ein solch junger Mann,
sollte er nicht eher in einem riesigen Schloß sitzen
und von Bediensteten umgeben sein?
"Ah, der junge Cain. Verzeiht die Störung, mein Herr.
Würde es Euch etwas ausmachen das junge Kind hier für eine Weile bei Euch aufzunehmen?",
ließ sich der Pater vernehmen und lenkte Alessa so von dem Mann ab, der vor ihr stand.
Fast wollte sie aufbrausen und den Pater fragen, wie er es wagen konnte sie "junges Kind" zu nennen,
aber sie war viel zu sehr damit beschäftigt auf die Antwort von Cain zu warten.
Sie kannte ihn nicht einmal und schon gab er Rätsel auf.
Seine Herkunft, was er hier tat, wer er war, sein vollständiger Name,
einfach alles an ihm war rätselhaft, mysteriös,
aber eben dieses lockte Alessa an und machte es ihr unmöglich sich von ihm abzuwenden.
Ihr war als spüre sie eine besondere Verbindung zwischen ihr und Cain,
doch dieses Gefühl währte nur wenige Sekunden, dann war es verschwunden.
Er hatte eine sanfte und doch feste Stimme, die es gewohnt war zu Befehlen.
"Nichts für ungut Pater."
Doch seine Zustimmung gab er nicht, statt dessen musterte er Alessa nun genaustens.
Sie ließ es über sich ergehen, ohne auch nur eine einzige Gefühlsregung.
"Nun gut. Sie kann hier wohnen."
Er stellte keine Fragen,
wollte nicht ihren Namen wissen;
wollte nicht wissen, wo sie herkam;
wollte nicht wissen, was sie hier tat.
"Ich danke Euch vielmals junger Cain.
Ich werde Euch die junge Dame gleich hier lassen."
Mit diesen Worten drehte er sich um und verschwand zwischen den Häusern.
Alessa blickte ihm hinterher, bis er nicht mehr zu sehen war,
dann wanderte ihr Blick zu dem Nachbarhaus, dass auf irgendeine Art und Weise im Dunkeln zu liegen schien, obgleich es doch offensichtlich heller Tag war.
Ein wartendes Räuspern ließ sie umherfahren.
"Wie lange wollt Ihr noch auf Euch warten lassen?"
"Entschuldigt mein Herr."
Demutsvoll neigte sie den Kopf,
wohl war es nur gespielt, dennoch tat sie es.
Schließlich durfte sie sich nicht auffällig verhalten und dieser Cain war nun mal höher gestellt als sie.
"Nun ist aber gut. Kommt hinein, ich zeige Euch Euer Zimmer."
Wie befohlen folgte sie ihm in das Haus hinein und da war es wieder,
dieses Gefühl der Verbundenheit und wieder einmal war es genau so schnell wieder verschwunden.
Zurück blieb allein Alessa, verwirrt.
Doch in all ihrer Verwirrung wusste sie doch eines,
nicht nur dieses Dorf hatte ein Geheimnis,
dieser Cain hatte ebenfalls eines und sie war nicht sicher, ob ihr das zum Vorteil gereichte oder zum Nachteil.
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