Kapitel I
Blut lief ihre Wange hinab,
sie achtete nicht einmal darauf.
Eisig wandte sie den Blick und drängte den Piraten an die Wand.
"Versuch nicht mit austricksen zu wollen, du würdest es bereuen!", brachte sie wütend hervor.
In den Augen des Piraten flackerte kurz so etwas wie Angst auf.
Nur einen Moment, dann war die alte Kühnheit wieder da.
"Aber Lady, Lady, nicht so hastig."
"Nenn mich nicht Lady, denn das bin ich nicht und jetzt sag mir, wo ich ihn finde."
Ihr Schwert lag am Hals des Piraten.
"Das wäre Verrat.", wich er ihr aus.
"Stell meine Geduld nicht auf die Probe, du Bastard! Sag mir, wo er ist."
Sie drückte das Schwert fester an seinen Hals, eine rote Spur wurde sichtbar.
Jetzt schien er es doch mit der Angst zu tun bekommen,
seine abwehrenden Bewegungen wurden fahriger, die Kühnheit in seinen Augen erlosch.
Dennoch gab er ihr noch immer nicht die Information, die sie haben wollte.
"Aber... der Kodex verbietet...Ihr wisst nicht, was mich erwarten würde."
Ihre Geduld war ausgeschöpft.
"Nun hör' mir mal gut zu. Das interessiert mich nicht.
Das Einzige, was mich gleich interessieren wird ist, wie ich meine Klinge von deinem dreckigen Blut säubern kann.
Hast du das verstanden?"
Der Pirat nickte hastig.
"Die Black Pearl liegt unten am Hafen."
"Das weiß ich, du Idiot. Ich will wissen, wo ich Sparrow finden kann."
"Finden? Ihr meint umbringen, oder?"
"Das geht dich, verdammt nochmal, nichts an. Also, wo ist er?"
"Ich weiß es nicht."
Blut tropfte von seinem Hals und schmückte die dunklen Steine der Gasse.
"Bist du dir sicher?"
"Ich weiß es nicht, wirklich."
Entnervt schubste sie ihn gegen die Wand, an der er mit dem Kopf aufschlug
und regungslos auf den Steinen liegenblieb.
Nach einem letzten Blick auf die nutzlose Gestalt auf dem Boden,
wandte sie sich um und verließ die dunkle Gasse.
Die Straßen von Tortuga waren angehäuft mit Menschen;
verabscheuungswürdigen Piraten.
Viel zu viele Piraten, wie sollte sie unter ihnen Sparrow finden?
Zweifellos war er in einer der vielen Kneipen, aber davon gab es Hunderte auf Tortuga.
Es war verflucht.
Ihre Rache war verflucht.
Es hatte drei Tage gedauert,
ehe ein Schiff der Marine gekommen war und sie von der Insel,
die einmal ihre Heimat gewesen war, geholt hatte.
Weitere 10 Tage hatte sie gebraucht, um überhaupt nach Tortuga zu gelangen.
Kein Handelsschiff hatte sie mitnehmen wollen; egal, wieviel Geld sie geboten hatten.
Nicht einmal Piraten hatten sie mitgenommen, nicht freiwillig.
Sie hatten irgendwas von wegen "Eine Frau an Bord würde nur Unglück bringen" gemurmelt.
Schlußendlich hatte sie sich auf ein Schiff geschlichen und war dort als blinder Passagier mitgefahren.
Sie hatte nicht gewusst, ob Sparrow tatsächlich hier war,
aber anscheinend schien er seinen Raubzug hier zu feiern.
Die Black Pearl hatte sie sofort erkannt,
seit drei Tagen schon beobachtete sie das Schiff,
aber Sparrow hatte sich bisher nicht einmal sehen lassen.
Wie zum Teufel sollte sie ihn denn umbringen, wenn sie nicht wusste, wo er war?
Sie war sich sicher, dass er hier war, aber Tortuga war groß;
zu groß für ihren Geschmack.
Wütend machte sie sich auf den Weg zum Hafen,
das Kleid schlug um ihre Beine, behinderte sie beim Laufen.
Eine Strähne wehte ihr ins Gesicht,
Piraten warfen ihr aufreizende Blicke zu, die sie geflissentlich übersah.
Das Schwert in der einen Hand, wischte sie sich den Bluttropfen an der Wange ab.
Die Black Pearl lag fast schon friedlich im Mondlicht da.
Eine Weile hatte sie überlegt, ob sie ihm die Pearl stehlen sollte.
Sie hatte schon früher Schiffe gelenkt, konnte mit dem Schwert umgehen.
Ihr Vater hatte aus Scherz einmal gesagt sie sei eine geborene Piratin.
Sie hatte eine Woche lang nicht mehr mit ihm geredet.
Piratin... tzz, sie war eine stolze Amazone, das war sie.
Nicht mehr und nicht weniger.
Aber auf der anderen Seite... was würde es ihr bringen die Pearl zu stehlen?
Sparrow würde niedergeschlagen sein, aber er würde noch immer leben.
Vielleicht konnte sie ihn so aber auch in eine Falle locken?
Resignierend schüttelte sie den Kopf.
Wie sollte sie das alles anstellen, ohne eine Mannschaft?
Abgesehen davon hatte sie in Hinterhältigkeit keine Erfahrung, sie war nun mal keine Piratin.
Sie könnte sich eine Crew kaufen, aber dann würde sie ihren Grundsatz,
nie etwas mit Piraten zu tun haben, noch weiter vernachlässigen.
Auf Piraten konnte man sich einfach nicht verlassen.
Gelangweilt beobachtete sie die Pearl, aber nichts tat sich.
Dann, als sie fast schon aufgeben wollte, kam er plötzlich.
Er hatte eine junge Schönheit in seinem Arm, die allerdings nicht sehr begeistert aussah.
Kalt lächelnd nahm sie ihr Schwert und näherte sich langsam den Beiden.
Sie konnte einige Gesprächsfetzen aufschnappen und das, was sie hörte,
verbesserte das schlechte Bild von Sparrow, das sie eh schon hatte, nicht.
"Was glaubt Ihr denn, wer ich bin?
Ich bin keine von den billigen Huren, die ihr einfach so mitnehmen könnt."
"Aber Schätzchen, Schätzchen. Vertrau mir. Wir werden viel Spaß haben."
Die junge Frau wehrte sich nach Kräften.
"Lasst mich los, ihr gottloser Pirat. Was wollt Ihr denn überhaupt von mir?"
"Ihr habt etwas, was mir gehört."
"Aber was denn?"
In dem Ton der jungen Frau schwang Panik mit.
Sparrow lachte.
"Das wirst du noch früh genug sehen, klar soweit?"
Der Schwertgriff fügte sich in ihre Hand, als hätte er nie etwas anderes gemacht.
Es passte perfekt.
Sie war nur noch wenige Schritte von den Beiden entfernt.
Die Frau wehrte sich nach Kräften, aber Sparrow hielt sie fest in seinem Griff.
Gleich würde er sterben.
"Jack Sparrow?"
Sie blieb direkt vor ihm stehen.
Er schaute sie erstaunt an, selbst die Frau in seinem Griff erschlaffte und hörte auf, um sich zu schlagen.
"Captain Jack Sparrow, wenn ich bitten darf."
"Meinetwegen. Dann werdet Ihr halt als CAPTAIN Jack Sparrow sterben."
Ihre Augen waren eingenommen von Hass, langsam hielt sie ihm das Schwert entgegen.
"Das ist ja interessant. Darf ich fragen, was das werden soll?"
Sie lachte kurz auf.
"Was das werden soll?", fragte sie amüsiert, dann wurde ihre Stimme hart.
"Das wird meine Rache, Euer Untergang, Euer Tod, meine Befriedigung."
"Aber Süße, deine Befriedigung können wir dir doch sicher auch anders beschaffen."
Ihr Körper zitterte vor unterdrückter Wut, ihre Zähne knirschten, ihre Hand zitterte.
"Seid gefälligst still!", schrie sie ihn an und schwang das Schwert.
"Das ist in der Tat interessant", wiederholte Sparrow.
Die junge Frau hatte sich aus seinem Griff befreit und hockte ängstlich auf dem Boden.
Sparrow begutachtete seine Wunde an der Schulter, die sein weißes Hemd rot färbte.
Die Leichtigkeit, mit der er die Wunde hinnahm, ärgerte sie.
Er sollte büßen, sollte leiden!
Sie steigerte sich so in diesen Gedanken hinein, dass sie nicht aufpasste,
als Sparrow seinerseits das Schwert zog und nun sah sie sich plötzlich in die Enge getrieben.
Sein Schwert an ihrem Hals. Schachmatt.
So hatte sie sich das Ganze eigentlich vorgestellt.
"Und nun? Was wollt ihr jetzt tun? Sieht eher so aus, als würde ich Euch gleich umbringen, Verehrteste."
Sie versuchte sich aus seinem Griff zu winden, aber das brachte ihr nichts ein,
außer einem dünnen, blutigem Strich am Hals.
Sparrow stand hinter ihr, bedrohte sie mit dem Schwert,
hatte den anderen Arm um ihre Hüfte gelegt.
Seine schwarzen Haare wehten ihr ins Gesicht.
Sie ekelte sich vor ihm. Da war er.
Der Mörder ihres Dorfes, ihres ganzen Stammes und sie hatte die Chance vertan ihm das zu geben,
was er verdiente.
"Lasst mich los."
"Aber nicht doch und dann?"
"Dann bringe ich Euch um. Ich werde Euch zeigen, was Schmerzen sind."
Sparrow's höhnisches Lachen schallte in ihrem Kopf.
"Das hättet Ihr wohl gerne. Nein, ich denke... ich werde Euch mitnehmen.
Ihr seid amüsant; in der Tat, das seid Ihr."
Verzweifelt versuchte sie sich aus seinem Griff zu winden.
Mittlerweile war die Crew von der Pearl gekommen und beobachtete unter Gröhlen das Spektakel.
Ihr Blick fiel auf die junge Frau. Sie hatte anscheinend nicht entkommen können,
denn sie befand sich im Griff eines anderen Piraten.
"Also Verehrteste, darf man nach Eurem Namen fragen?"
Sie antwortete nicht.
"Liebes, findet Ihr es denn nicht unhöflich Euch nicht einmal Eurem Opfer vorzustellen?"
Die Ironie der Worte lachte förmlich in ihrem Kopf.
"Sheyla", knurrte sie.
"Und weiter?"
"Nichts weiter. Amazonenstämme brauchen keinen Nachnamen wie Ihr."
"Amazonenstämme? Oh, ich erinnere mich.
Wir haben Euch vor 2 Wochen einen kleinen Besuch abgestattet, nicht wahr?
Merkwürdig, ich dachte wir hätten alle umgebracht."
"Das habt Ihr. Alle, außer mir."
"Fein. Sheyla also."
Er zerrte sie an Bord der Black Pearl.
"Willkommen auf der Black Pearl, Sheyla."
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