5.3.3. Interpretation

Der Text auf dem Stein von Rosette hat, wie in Kapitel 1.5 bereits erläutert, lediglich für die Ägyptologie eine Bedeutung, und zwar eine kapitale. Nur als Text genommen lässt sich das Dekret schwer in eine Kategorie bedeutsamer Inschriftentafeln einordnen. In diesem Kapitel soll versucht werden, die Bedeutung des Textes als solchen zu ermitteln.
Der Stein von Rosette oder vielmehr das Dekret von Memphis ist, historisch betrachtet, wegen seines lapidaren Inhalts ein nebensächliches Zeugnis der Ptolemaierzeit. Unschwer zu erkennen ist die offensichtliche Unkenntnis der Schreiber in der griechischen Orthographie. Dies lässt auf die Weise schließen, in der das Dekret aufgezeichnet wurde. Vertauschung von langem und kurzen O-Laut (z.B. Zeile 2
epanorjosantow statt epanorjvsantow) sowie stimmlosem und stimmhaftem Konsonant (Zeile 9 eg statt ek), aber auch die Aspirationsfehler(Zeile 11 sitixaw statt sitikaw) lassen vermuten, dass der Text Zeile für Zeile diktiert wurde. Die weiteren Fehler (z.B. Zeile 9 fikopatrvn statt filopatrvn) können später bei der Abschrift entstanden sein.
Aus dem Inhalt geht hervor, dass Ptolemaios V. ein außerordentlich mildtätiger Herrscher war, der seine Feinde zwar rücksichtslos bestrafte, aber auch verzeihen konnte. Ohne Kenntnis des historischen Kontextes könnte man fest daran glauben, dass es so war. Aber Ptolemaios war zu jener Zeit, als das Dekret beschlossen wurde, erst vierzehn Jahre alt, und seit acht Jahren Regent von Ägypten unter wechselnder Vormundschaft. Möglich ist, dass die Priesterschaft den damaligen Vormund Aristomenes bestach, damit er den Pharao in ihrem Interesse beeinflusse und so die erwähnten Vergünstigungen erwirke. Damit ist der Stein ein Zeugnis der damaligen Cliquenbildung und des Marionettenregimes der Vormunde des Pharao.
Die historische Bedeutung des Textes ist demnach nicht im Inhalt zu suchen, auch nicht in seiner Form. Man muss in diesem Text buchstäblich zwischen den Zeilen lesen, um die für die Geschichte wichtigen Schlüsse zu ziehen: Nämlich nicht, dass Ptolemaios V. diverse Vergünstigungen für die Priesterschaft erlassen hat, sondern dass dies auf Betreiben der Priester selbst geschah.
Das Ptolemaierreich war zu Zeiten des Ptolemaios V. noch eine wichtige Macht im Mittelmeerraum, wenn auch von Antiochos III. gebrochen. Offiziell bestimmte Ptolemaios V. ab 196 v. Chr. die Politik Ägyptens. Die Vormundschaftsregierung, die auch nach seiner Volljährigkeit anhielt, ist ein deutliches Zeichen für den Niedergang der Herrschaft der Ptolemaier; doch auch die Macht der Seleukiden schwand zu dieser Zeit, und ein halbes Jahrhundert später war kein Diadochenstaat mehr übrig, der ein Gegengewicht zu Roms prosperierender Macht hätte bilden können.

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Autor: Jonathan Groß