Korrespondenz
Dezember 2004
Betreff: Nachtrag zur Diskussion im Zirkel von Dezember, Mitglieder der Gruppe kritischer Studenten Köln/Bonn(GkS)
Liebe Leute vom Diskussionszirkel,
wir haben die Synthese der
Diskussion vom 18.12. gelesen. Natürlich ist es schwer, wie
von Euch auch vermerkt, eine längere, kontroverse und im
Ergebnis offene Diskussion zusammenzufassen. Deshalb haben wir
zur Verdeutlichung unserer Position mal einige Punkte
aufgeschrieben - als Ergänzung zur Zusammenfassung oder,
wenn sich’s machen lässt, als Thesen zu einer weiteren
Diskussion.
Vinz und Hannes von der Gruppe kritischer Studenten Köln/Bonn
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zum Thema:Ist es notwendig, aus der Geschichte zu lernen, um die Gegenwart zu verstehen und die zukünftige Gesellschaft zu gestalten?
Thesen gegen die vorgestellte Notwendigkeit
A. Es gibt historisch wie aktuell genügend Beispiele dafür, dass Leuten der Kapitalismus stinkt, dass sich aber hinter dieser formellen Gemeinsamkeit unterschiedliche bis gegensätzliche Begründungen und Vorhaben verbergen. Da meinen einige, es müssten ganz alternative wirtschaftspolitische Steuerungsmechanismen her, um die Marktkräfte zu zähmen, andere halten das Wirken der Privateigentumsordnung für eine prinzipielle Behinderung des Staates bei seinem Einsatz für soziale Gerechtigkeit. Hier sehen wir die Notwendigkeit der Klärung. Was meint Ihr, was meinen wir, wenn in einer Debatte die gemeinsame Position festgehalten wird, dass „die Systemfrage gestellt werden muss“?
B. Zur Klärung dieser Frage halten wir den Rückgriff auf die Geschichte für untauglich, und zwar aus folgenden Gründen:
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Der Blick auf die Geschichte der
Klassenkämpfe führt zu allerlei, speziell zu einem Verhau
von Niederlagen und Erfolgen, die jeweils eine Untersuchung dessen
nötig machen, wer da warum und wozu gegen wen gekämpft hat
und was dabei herausgekommen ist. Das heißt für das
genannte Klärungsbedürfnis als Erstes: Man hat den
Gegenstand gewechselt, man befasst sich (wenn man es ernst
meint) mit damaligen Zwecken, Mitteln und Bedingungen und nicht
damit, warum die heutige Arbeiterklasse Kämpfe führt bzw.
meistens nicht führt und wie dies zu beurteilen ist. Wenn z.B.
Bochumer Opel-Arbeiter für den Erhalt ihrer regionalen
Arbeitsplätze kämpfen, dann ist das - so unsere These in
der Diskussion - ein falscher und fruchtloser Kampf, denn er setzt
auf die Fortsetzung der Ausbeutung angesichts einer Konzernstrategie,
die gerade mit dem Überflüssigmachen angewandter
Arbeitskraft die Profitproduktion sanieren will.
Stimmt dieses Urteil oder stimmt
es nicht? Das muss man an der Sache entscheiden und nicht über
den Umweg, dass man sich die Kämpfe der alten
Arbeiterbewegung oder noch früherer Epochen vornimmt. Wenn man
aus der Geschichte lernen will, dann muss man wissen, was
heute Sache ist, und kann sich dann Vergleichsbeispiele aus der
Vergangenheit heraussuchen. Es bleibt aber ein Luxus, eben ein Umweg,
weil die gelungene Beurteilung der heutigen Lage vorausgesetzt ist,
damit man weiß, welches historische Beispiel man zur
Veranschaulichung heranziehen will. Wenn heute z.B. eine enttäuschte
sozialdemokratische Wählerinitiative mangelnde gesellschaftliche
Gleichheit beklagt, dann hilft es nichts, wenn die Taboriten vor 500
Jahren diesen Fehler auch schon gemacht oder erfunden haben. Dann
wäre vielmehr zu klären, ob und warum es ein Fehler ist -
und die Behandlung historischer Vorläufer wäre dann nur
eine Zutat. Unsere These: Der bürgerliche Staat praktiziert die
Gleichheit, indem er alle Gesellschaftsmitglieder gleichermaßen
dazu verdonnert, mit ihrer Erwerbsquelle (deren Besonderheit dem
Staat gleichgültig ist) zu Rande zu kommen. Man sollte
vielleicht die positive Leistung der staatlich gesetzten Gleichheit
hervorheben: Über diese Gleichheit kann sich der Widerspruch von
Kapital & Arbeit erst entfalten! Der Staat setzt ihn in Kraft.
Und dann lässt man lieber von der Gleichheitsforderung als
Kampfansage an das System die Finger.
Der Blick auf das Auf und Ab der
Arbeiterbewegung - wenn man nur mal das deutsche Beispiel des 20.
Jahrhunderts vom Ersten Weltkrieg bis zur Restauration im
Adenauerstaat und zum Anschluss der DDR nimmt - offenbart viele
erschreckende Fehler, die man keinem Arbeiter heute nahe bringen
möchte. Die positive Bezugnahme entdeckt natürlich in all
dem auch viel Kämpferisches, Heroisches etc. und wird damit zum
Abweg. Denn sie hält es für unzulänglich, dem
heutigen Arbeiter damit nahe zu treten, dass er sich in Verhältnissen
einrichten will, die sein Interesse notwendiger Weise schädigen,
und verweist ihn statt dessen auf die glor- oder opferreichen Kämpfe
früherer Generationen. Die Arbeiterklasse soll ihre Situation
als Moment eines größeren Prozesses, in der Perspektive
einer historischen Mission, sehen. Das halten wir für falsch,
nämlich für eine moralische Argumentation: Das
geschädigte Interesse des Lohnarbeiters selber zählt nicht
(oder wird als nicht ausreichend befunden), es muss eine höhere
Instanz geben, die seine Schädigung zum Skandal macht. Da kennt
die bürgerliche Welt übrigens (fast so wie der historische
Materialismus) als höchste Instanz den „Mantel der
Geschichte“ (Helmut Kohl), der zur Legitimation der Haupt- und
Staatsaktionen bereit liegt.
Aus dieser Legitimation kann man
eine ganze Geschichtsphilosophie machen, wofür in der
Geschichte des Marxismus-Leninismus - angeregt wohl durch Marx und
Engels selber - der historische Materialismus stand. In der
Diskussion war nicht ganz klar, ob dieser Standpunkt eingenommen
werden soll, im Resümee macht er sich etwas stärker
bemerkbar. Wenn man ihn teilt, geht man vom aparten Wirken bestimmter
Geschichtsgesetze, speziell des Widerspruchs von Produktivkräften
und Produktionsverhältnissen, aus. Marx hat in seiner
wissenschaftlichen Leistung, dem „Kapital“, hinreichend
erklärt, was die Produktivkräfte im Kapitalismus sind: das
Eigentum und Mittel des Kapitals, um in der Konkurrenz gegen die
Mitbewerber und zum Schaden der angewandten Arbeit einen Extraprofit
zu erwirtschaften. Die Entwicklung der Produktivkräfte ist durch
eine Kostenkalkulation bestimmt, weder fungiert sie systemunabhängig
noch -sprengend. Unser Vorschlag: Man sollte sich über diese
Wirklichkeit der Produktivkräfte verständigen, statt diese
von der heute einzig gültigen Produktionsweise abzulösen,
um einem abstrakten und damit nichtssagenden Geschichtsprozess seit
grauer Vorzeit auf die Spur zu kommen.
Wenn man die
Produktivkraftgeschichte geschichtsphilosophisch (und nicht reell als
Wissenschafts- und Technikgeschichte) betreibt, ergibt sich
allerdings wieder ein besonderes Problem, das man sonst nicht hätte:
die Frage nach der historischen Einschätzung (siehe
Plechanow-Referat). Dann handelt es sich nicht mehr darum, die
angewandten Arbeitskräfte von der Schädlichkeit ihres
Mitmachens und ihrer Dienstbereitschaft zu überzeugen, sondern
zu fragen, ob und wann das geht. Statt die Gründe gegen die
angeblich natürliche und wohltätige Systemnotwendigkeit des
Kapitalismus zu verbreiten (bzw. sich vorher selber darüber klar
zu werden), soll man nach dem günstigen Zeitpunkt Ausschau
halten. Unsere These: Der kommt nie, man stellt ihn her, wenn man
genügend Anklang findet. „Möglich“ im strengen
Sinne ist dieses Unterfangen jederzeit, denn „alle Räder
stehen still, wenn dein starker Arm es will“, um es einmal in
der Tradition der Arbeiterbewegung zu formulieren. Ob was geht, hängt
natürlich von der Einschätzung der eigenen Ressourcen ab.
Und da ist heute in der großartigen deutschen Republik, wo sich
in ein paar Städten in ein paar Hinterzimmern ein paar Leute
treffen, die Lage einigermaßen klar. Jenseits dieser
praktisch-organisatorischen Überlegungen, gibt es keine
Möglichkeit, den objektiven Zustand und das subjektive Wollen in
Übereinstimmung zu bringen, also, wie Plechanow verlangt, die
Irrwege des Subjektivismus und Objektivismus zu vermeiden und statt
dessen den goldenen dialektischen Mittelweg zu finden. Gutwillig
betrachtet, ist diese alte bolschewistische Forderung nichts anderes
als die philosophische Überhöhung der banalen Praxisfragen
(Vor wie vielen Fabriktoren müssen Flugblätter verteilt
werden? Wer kann Plakate kleben?). Misstrauisch genommen, läuft
es vielleicht doch auf eine tiefere Einsicht oder höhere
Weisheit hinaus…